Der Drucker, die Liebe – und der Tod

10. November 2007

Fröhliche Leute sind es, die Einladungen zu ihrer Hochzeit in Auftrag geben. Das ist ein nettes Geschäft für die Brautleute, die Vorbereitungen bereiten den meisten Leuten Vergnügen. Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Oft sieht man das Paar einige Wochen nach der Hochzeit wieder für die Danksagungen, die nun passend gedruckt werden sollen, und auch dann ist die Stimmung bestens. Noch besser wird sie, wenn Kinder auf die Welt gekommen sind und einem ausgesuchten Teil der Welt davon kundzutun ist.

Die Geburtsanzeige ist eine der schönsten Arbeiten für den Drucker. Manchmal wird die Druckfarbe auf das erste Foto des Kindes abgestimmt, dann liegt so ein Säuglings-Porträt in der Werkstatt, und der Drucker muß lächeln, wenn er an den Pausbacken vorbeigeht und sich sehr, sehr alt vorkommt. Gelegentlich wird dem Drucker auch ein digitales Foto überlassen, das vielleicht ein paar winzige kosmetische Korrekturen vertragen kann – auch eine wirklich schöne Arbeit.

Aber schließlich gehört es auch zum Beruf des Akzidenzsetzers und Druckers, den Tod bekanntgeben zu helfen. Dazu dient die Todesanzeige. Auch dafür werden Herzen für eine Zeit in die Druckerei getragen. Wenn der Mensch alt war, sind seine Lieben traurig. Konventionelle Anzeigen, wie sie dafür meistens in Auftrag geben werden, sind schnell besprochen. Wenn sich das Sterben lange hinzog oder wenig angenehm vonstatten ging und der Mensch endlich sein Ziel erreicht hat, ist die Stimmung sogar gelöst.

Aber auch junge Menschen sterben. Und es kommt vor, daß einem andern jungen Menschen der Tod des geliebten den Boden unter den Füßen ins Wanken bringt. Einer Drucksache für einen solchen Tod wird dann oft eine große Bedeutung zugemessen. Es ist nicht nur eine Benachrichtigung, sondern die Karte wird zum Manifest. Sie wird eher für den Toten in Auftrag gegeben als für die Hinterbliebenen. Für den Drucker ist das eine strenge Arbeit. Ein fremder Mensch in untröstlicher Trauer kommt herein und bittet um Dienst und Hilfe. Die Mittel der Typografie sollen dem Blei aus dem Setzkasten Flügel verleihen und die Botschaft einer gequälten Seele überbringen.

Manchmal ist das nicht zu schwer, weil der trauernde Mensch sich lenken läßt. Aber manche Menschen neigen auch dazu, ihrer Trauer allzuviele Worte mitgeben zu wollen. Der Drucker muß dann wissen: Ein Mensch in Trauer ist nicht ohne Verstand. Wonach er jetzt sucht, das kann ihm der Drucker nicht geben, die Antworten, warum ihm diese Erschütterung zuteil werden mußte, und den Trost. Aber je klarer die Worte des Dienstleisters zu ihm dringen und er seinem Kunden verdeutlicht, daß er ihn in dessen Sinne berät, desto besser wird die Drucksache zu einer guten Erfahrung.

Braucht eine Todesanzeige viele Worte? Bedarf die Mitteilung der Trauer mehr als die Anzeige ihres Grundes?

Ein Drucker darf keine Angst davor haben, daß sein trauernder Kunde starke Gefühle zeigt. Die meisten Menschen sind darauf trainiert, keine schmerzhaften Gefühle zu offenbaren. Niemand soll die Tränen sehen, niemand soll mit Leid belastet werden. Und wenn es dann doch passiert, sind die Menschen oft hilflos. In der Druckerei muß nun der Name des Toten genannt werden, der jetzt vor allem ein Seufzer ist. Daten werden aufgeschrieben, die Anzahl der Benachrichtigungen wird oft erst hier erwogen.

In dem abgeschlossenen, warmen Raum einer gemütlichen Werkstatt brechen die Gefühle dann oft auch aus der Beherrschung aus. Der Besuch weint. Wenn der Drucker sich in Erinnerung ruft, was Trauer bedeutet, wenn er selbst die Fassung behält, sich zurücknimmt und zugleich freundlich und aufmerksam das Gespräch angemessen führt, wird er seinen Kunden auf eine gute Weise durch den Prozeß führen, der sich nun eben für eine kleine Stunde in seiner Offizin abspielt.

So finden alle bedeutenden Geschehen im Leben auch in der klassischen Akzidenz-Druckerei ein Echo. Warum das eine der vielen guten Seiten dieses Berufs sein sollte? Der Schriftsetzer und Akzidenzdrucker ist zwar kein Zaungast der Wissenschaft mehr wie seine Vorfahren im Beruf, die noch Bücher setzten, aber seine Arbeit macht ihn zu einem Zaungast anderer Leben.

Gestern war mein Fotograf, Herr Schottenloer, wieder zu Besuch. Er hatte nicht viel Mühe, mir Todesanzeigen-Fotos auszureden. Obwohl ich ihm eine schöne zeigte: kursive Renaissance-Antiqua in bläulichem Grau auf schmales Echt Bütten. Veröffentlichen können wir so etwas ohnehin nicht. Da entdeckte der Herr Schottenloer einen Bären, der seit Jahrzehnten immer mal wieder auftaucht in meiner Umgebung, und gab diesem ein Buch über Druckerwappen in die Tatzen. Und knipste drauflos. Damit hier auch mal „etwas Süßes“ zu sehen sei, wie er meinte, gerade wenn ein Eintrag düster klinge. Nun ja. Jedem Tierchen sein Pläsierchen – oder umgekehrt.

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Die gute alte Globalisierung

9. November 2007

Ein kleiner Handwerksbetrieb läßt den Prinzipal öfter innehalten. Um so ein Unternehmen aufzubauen und zu betreiben, braucht es Muße. Immer wieder muß er sich aus dem Zeitstrom heraushieven auf ein Inselchen und ausschauen, wohin die eigene kleine Schaluppe schlüpfen soll und ob sie den Kurs hält, den er ihr einst vorgezeichnet.

Allein diese Globalisierung! Das Internet! Noch vor einigen Jahrzehnten druckte man für die Leute im Viertel (berlinisch: Kiez), heute liefern wir unsere vom Bleisatz gedruckten Arbeiten nach München wie nach Lübeck ganz ohne die Verständigungsprobleme der Familie Buddenbrook, zu denen der Herr Grünlich aus dem Süden kam und man im Norden seine Sprache fremd fand. Heute stammen die Kunden gar aus den Ländern hinter den Alpen, ja sogar aus Übersee, weil das Buchdrucker-Handwerk selten geworden ist und mancher froh, es überhaupt noch zu finden.

Freilich war es damals gemütlich, als man für die Leute druckte, die um die Ecke wohnten. Es gab keine Copy-Shops, für fast jede Art von Vervielfältigung führte der Weg in die Druckerei. Die Alternative war Durchschlagpapier (auch je nach Farbe Blau- und Kohlepapier genannt).

Aber die alte Zeit hatte auch ihre Tücken – sie muß nur alt genug sein. Warum war denn der gute Gutenberg nicht mehr aus den roten Zahlen gekommen? Wahrscheinlich hatte er seine Bibeln ja schon verkauft, als sein Gläubiger ihn vor dem Kadi über die Klinge springen ließ, aber die Gloablisierung des Spätmittelalters war eben auf ihre Weise tückisch: Man traf sich einmal im Jahr auf dem Markt, machte den Handel ab, der Drucker investierte weiter in seine Bibeln, schoß den benötigten Betrag vor, nahm dafür Kredit auf, denn erst im Jahr darauf traf man sich wieder auf dem Markt, und unter Umständen dauerte es dann nach der Warenübergabe/-übernahme noch ein Jahr bis zum nächsten Treffen, bis auch der Geldsack überreicht wurde. Denn den bargeldlosen Zahlungsverkehr, geschweige die Online-Überweisung hatten Gutenbergs Zeitgenossen und die Leute noch ein halbes Jahrtausend darüber hinaus einfach zu stark vernachlässigt. Zwar wurde im Mittelalter schon heftig gereist, verdanken wir dem Mittelalter immerhin die ersten befestigten Straßen, auf denen sich auch Gutenberg seit seiner Jugend bewegte, aber konnte er schlecht alle Handelspartner auf einmal aufsuchen, war das Reisen nicht ungefährlich und hatte er ja anderes zu tun: zu drucken.

Und bitte, die Moral: Es ist immer vorteilhaft, nicht nur auf eine winzige Spanne einiger vermeintlich glücklicher Jahrzehnte zu schauen, die man vielleicht einmal kurzsichtig als die gute alte Zeit wahrgenommen hat, sondern ein wenig tiefer in die Geschichte. Dann findet man schon den Anschluß an die eigene Existenz. Wie zu Gutenbergs Zeiten kommen nun auch meine Kunden wieder aus anderen Gefilden, und sie müssen dazu nicht anreisen: das Telefon, die Briefbeförderung, vor allem Internet macht die Handelsbeziehungen leicht. Und wenn sie doch anreisen, ist das recht erfreulich, dafür schließt der Prizipal auch gerne mal am Sonntag seine Offizin auf. Die Globalisierung ist für einen Drucker der Bleisatz-Ära keine neuartige Angelegenheit; nur statt ein, zwei Jahre auf die Bezahlung zu warten wie anno 1450, bittet er, vorsichtig geworden nach Gutenbergs reichlich gezahltem Lehrgeld (das Foto zeigt kürzlich vom Bleisatz gedrucktes Geld), heutzutage um Anzahlung (freilich nicht die Stammkunden).

Ergänzend wäre noch nachzutragen, daß gute alte Zeiten skeptisch beäugt zu werden verdienen, wenn sie vergegangen sind, ohne mehr als nette und womöglich noch zurechtgebogene Erinnerungen für ihre Teilnehmer zu hinterlassen.

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Bitte um Begleitung

8. November 2007

Willkommen, verehrte Leser!

Am 7. Oktober habe ich hier das Bloggen angefangen. Das kostenlose Fertigprodukt von Blogspot ist nicht übel, aber wenn man es etwas hübscher haben möchte, läßt man sich lieber ein eigenes Bloghaus bauen. Dies tat nun der von mir frech so genannte Neukoellnstyler, mit dessen Arbeit für meine Offizin-Seite www.druckerey.de ich schon lange sehr zufrieden bin. Ich wurde geschult im Umgang mit der neuen Software und kam schnell damit zurecht, und warum ich die Arbeit meines Webmasters auch nach auswärts empfehlen kann: er schulte telefonisch! Und zwar so, daß sogar ich, ein mit Computerdingen leicht zu erschreckender Dinosaurier mit Bleistaub auf dem Panzer, es verstanden habe.

In meinem Hause, der echten Druckerey, ging es mitunter weniger harmonisch zu. Die gesamte Geschäftsführung, in führender Rolle die beiden Direktoren für Satz und Druck, hat in den letzten Tagen und Wochen heftig diskutiert, hat beinahe erbittert um Inhalt und Form gerungen, hob Zeigefinger wie Dolche und ließ sich dann doch wechselseitig guten Rat gefallen. (Wie Sie in einem Szenenfoto auf dem letzten Bild des alten Blogs sehen können.)

Und nun erblicken Sie hier (Vergrößerung durch Klick), wie sich der Direktor der Abteilung Satz (rechts) vom Direktor der Abteilung Druck (links) gleich einen feinen Bio-Sherry in die Teetasse schütten lassen wird. Ist das nicht ein schönes Bild der kollegialen Eintracht, ja der liebevollen Zuwendung? Man lächelt wieder, nicht über- sondern miteinander: Inhalt und Form des neuen Blogs haben zur Einheit gefunden wie die beiden Direktoren der Druckerey. Es herrscht Frieden; in allen Abteilungen. Wir gehen neuen, herrlichen Zielen und Zeiten entgegen. Auf dem Weg zu erfreulichen Drucksachen. Begleiten Sie uns?

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