Es ist angerichtet
(Vorausgehend ein Hinweis darauf, daß es unter dem vorhergehenden Eintrag einen ausnehmend schönen und ausführlichen Kommentar von Amateur über Grüßrituale unter Bauleuten gibt.)
Heute berichte ich, wie ich meine erste Stelle als Akzidensetzer bekam.
Weil mir mein sozialistischer Staat wegen meines unbotmäßigen Benehmens während meiner Militärzeit keine höhere Bildung zuteil werden lassen wollte, ich aber nicht mehr als Verlagshersteller in einem Büro sitzen, wurde ich noch in der DDR (Deutsche Demokratische Republik) freiberuflicher Korrektor für drei große Buchverlage. Die Aufnahmeprüfungen in allen drei Verlagen waren streng, und als eine Chefkorrektorin erwähnte, daß ehemalige Deutschlehrer diese Prüfung nie schafften, die ich gerade fast mühelos bewältigt hatte, fand ich den Job direkt großartig. Er war schlecht bezahlt, aber ich war frei vom 8-Stunden-Tag – und privilegiert in der Bücherbeschaffung. Bücher waren oft knapp in der DDR. Die erste Gorbatschow-Auflage beispielsweise wurde fast vollständig von der Nationalen Volksarmee aufgekauft. Auch die FDJ (Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend) und der FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) waren so frei und bunkerten, was unfreie Bürger nicht lesen sollten.
Ich arbeitete also zu Hause oder, um das Korrekturlesen zu beschleunigen, mehr zu schaffen und einer Freundin auch Arbeit zuteil werden zu lassen, haben wir in ihrer Küche kollationiert: ich las die Druckfahne vor, Satzzeichen wurden mit dem Stift auf den Tisch geklopft, und sie las im Manuskript mit und machte sich bemerkbar, wenn ich Fehler vorlas. (Das Kollationieren hatte ich gelernt, als ich für ein paar Monate vertretungshalber technischer Redakteur der „Weltbühne“ gewesen war. Übrigens eine hübsche Arbeit, weil ich den Umbruch des ganzen Magazins alleine machen durfte und auch mal heimlich einen Text um zwei Zeilen kürzte, wenn er nicht paßte.)
Nur eine staatliche Stempelschleuder mit onduliertem Haar und einer geschmacklosen Schnörkelbrille im Finanzamt erklärte mir alle ein bis zwei Monate, genau weiß ich’s nicht mehr, daß ich erstens mindestens für drei Verlage pro Monat arbeiten müsse, sie mir andernfalls die Erlaubnis zur Beschäftigung wieder entziehen könne und zweitens ich ja noch ein junger Mann sei und deshalb arbeiten gehen könne. Wer sich heute beklagt, daß der Staat sich zuviel einmischt, bekommt von mir uneingeschränkt recht, kann aber auch annehmen, daß der deutsche Sozialismus immer noch viele Zacken schärfer jeden Furz zu regulieren sich alle Mühe gibt.
Nachdem ich 1989 durch nächtliches Verteilen von Flugblättern und Bürgerberatung im Atelier von Bärbel Bohley die DDR beseitigt hatte und die ondulierte Amtsxanthippe entmachtet, wurde ich von den Verlagen verabschiedet, denen plötzlich die Subventionen entzogen wurden.
Ich ging ins Arbeitsamt. Das war neu. Ich saß stundenlang in einem Warteraum, bis eine Sachbearbeiterin eine Akte für mich bastelte und mich in die Leistungsabteilung schickte, wo nach weiteren Stunden eine andere Dame ausrechnen sollte, wieviel Geld mir mein Staat nun überlassen könnte. Weil mir das allmählich bekannt vorkam, nachdem ich eine halbe Stunde der zweiten Warte-Etappe bewältigt hatte, nahm ich, jung und wild, die von der ersten Dame gebaute Akte, platzte ins Büro der zweiten, patschte ihr die Akte vor die Nase und sprach, ihr Almosen bräuchte ich nicht.
Nun tappte ich los, entschlossen, das bißchen Lebensunterhalt selbst zusammenzubringen. Als ich drauf und dran war, mich bei der Post fürs Paketeausfahren zu bewerben – die militaristische DDR hatte mich immerhin mit einem LKW-mit-Anhänger-Führerschein ausgestattet, falls ich den Kapitalismus zu beseitigen herangezogen werden sollte –, da riet mein Vater mir: Sohn, gehe du zur Druckerei Rapputan in der Friedrichstraße, mein Kollege G. hat mir erzählt, der Meister suche einen Schriftsetzer.
Schnurstracks lief ich zur Druckerei Rapputan, öffnete die Tür und sprach zu dem blaubekittelten Graubart: „Guten Tag! Ich hörte, Sie suchen einen Schriftsetzer. Ich bin einer.“ Sagte der Buchdruckmeister Günter Rapputan, denn der stand vor mir: „Zeigen Sie, was Sie können. Hier ist ein Winkelhaken, hier der Setzkasten.“ Kurz darauf kamen gute Worte aus dem Vollbart: „Morgen fangen Sie an. Sechs Uhr.“
Als ich am nächsten Morgen begann, zeigte mir der Meister seine Werkstatt. Am wichtigsten für die Einweisung schien ihm die hintere Ecke zu sein. Denn einen Schriftsetzer muß man nicht groß einweisen, Setzereien sehen überall ähnlich aus. Aber hinten am Waschbecken war auch Geschirr und ein Regal, auf dem stand eine Flasche Kognak oder Weinbrand oder Korn. „Und wenn ich rufe, Herr Schröder: Richten Sie mal an!, dann jießen Sie uns allen einen ein und rufen, aber laut, wegen der Maschinen: Es is anjerichtet! Und denn kommwa.“
Ich glaube, es war noch nicht halb sieben, da wurde der erste Schnaps bestellt. „Es is anjerichtet!“ donnerte ich. Und sie kamen. Ein Plausch, ein Schluck. War eine ganze Stunde vergangen, bis ich wieder anrichten sollte? Am späten Vormittag war ich ziemlich betrunken und erklärte meinem Chef, daß ich so früh am Tage usw., woraufhin er mir am nächsten Tag eine Flasche Wein brachte und mich nötigte, gemeinsam mit seiner Frau Wein zu trinken, wenn der Drucker und er sich am Schnaps labten.
Auch das hielt ich nur wenige Stunden durch. Bis heute bin ich nicht trinkfest. Mein Chef hat mich aber dafür nicht verachtet. Er hat mich behalten, bis ich studieren konnte und den Beruf wechseln. Ich wurde Sozialarbeiter, Schwerpunkt Resozialisierung, Arbeit im Knast, mit denen ganz unten. Er prophezeite damals zwar: „Ich weiß, das ist nichts für Sie. Sie werden wieder zurück kommen.“ Und fuhr fort: „Aber machen Sie nur, Sie sind jung. Wenn Sie dreißig sind, müssen Sie wissen, was Sie wollen, bis dahin probieren Sie ruhig aus, wonach der Sinn Ihnen steht.“ Ich hab ganz gern im Gefängnis gearbeitet. Es ist sehr lehrreich. Aber als ich 2003 meine eigene Werkstatt vergrößerte und des Ahnungsvollen Worte sich erfüllten, hielt Buchdruckmeister Günter Rapputan selbst die Eröffnungsrede auf seinen früheren Schriftsetzer.
Er war der beste Chef, den ich jemals hatte. Weil ich damals immer öfter zu spät kam (6 Uhr Arbeitsbeginn ist für einen Mittzwanziger in Berlin eine Tortour, vor allem im Winter ist es scheußlich), bekam ich eines Morgens zu hören: „Jetzt reicht’s. Wir führen für Sie gleitende Arbeitszeit ein. Spätestens, allerspätestens um acht stehen Sie am Setzkasten. Und wir schreiben die Stunden auf und rechnen ab am Monatsende.“ Na, war ich froh! Wenn ich Geburtstag hatte (im dunklen Winter), stand morgens eine brennende Kerze auf meinem Arbeitsplatz, mittags war die Pause etwas länger, und ich durfte früher „Feierabend“ machen. Im Alltag sorgte Rapputan für gute Stimmung und machte gerne Witze, manchmal auf unsere Kosten, aber in einer Atmosphäre der Gutmütigkeit. Von ihm hab ich gelernt, daß eine Werkstatt auch eine Heimstatt ist.
Und später erzählte er mir auch von dem oben zitierten Einstellungsgespräch aus seiner Sicht: Vor mir hätten sich bereits ein knappes Dutzend Schriftsetzer vorgestellt, sie hätten angerufen, Termine vereinbart, Bewerbungsmappen geschickt, all das. All das, wovon ich keine Ahnung hatte als junger Ostmensch. Rapputan hatten meine Unbefangenheit und Arglosigkeit beeindruckt. Offene Worte, klare Ansagen. “Der paßt hierher”, hatte er damals gedacht und mich gegriffen. Oh, was hatte ich für ein Glück! Rapputan vermittelte mir später meine erste Druckmaschine.
Den Schnaps haben übrigens die Kunden mitgebracht.
In der DDR war es eine zweite Währung, ein Schmiermittel. Den Handwerkern wurde alles mögliche vorgeschrieben, auch der Anteil der Arbeit an Privatdrucksachen. Das nannte sich dann Bevölkerungsbedarf. Den staatlichen Auftraggebern, also alle staatlichen Betriebe und Institutionen, mußten die Handwerker Vorrang einräumen. Die Preise waren staatlich festgelegt, also hatte der Privatkunde nur eine Chance, wenn er etwas drauflegte, ein kleines flüssiges Geschenk. Wir haben übrigens auch
für den alten Schilkin gedruckt. Und als der nach der Erledigung der DDR seinen Schnapsbetrieb, den die Sozialisten ihm im Rahmen der Schaffung von sogenanntem Volkseigentum geklaut hatten, wiederbekommen hatte, gab Rapputan eine Korn-Edition in Auftrag, für das wir das Etikett druckten. (Fotos zum Vergrößern klickbar.) Eigentlich sollten unsere guten Kunden die Druckerschlücke kriegen, aber ziemlich viele Flaschen (waren ja klein) wurden in der Werkstatt druckgeschluckt.
Und wo ich gerade beim Erzählen aus der Gutenaltenzeit bin: In der DDR waren sie so verrückt ängstlich vor uns Jugend, daß die Schriftsetzerlehrlinge persönliche Druckgenehmigungsnummern hatten, die unter jede Übung zu setzen waren. Über die Druckgenehmigung sicherlich später einmal mehr …
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Wen grüßt Gott?
Betritt ein Schriftsetzer oder ein Buchdrucker oder ein Kenner eine Buchdruckerei
(mit „Buchdruck“ ist das Verfahren, die Technologie gemeint, nicht ausschließlich das Drucken von Büchern), so spricht er: „Gott grüß die Kunst!“ darauf schallt es zurück: „Gott grüße sie!“ Und das „sie“ wird kleingeschrieben, denn damit ist ebenfalls die „Kunst“ gemeint, genauer: die Handwerkskunst. Anschließend wünscht man sich als Personen gegenseitig einen guten Tag und dergleichen.
Inwiefern das Handwerk eine Kunst ist? Ein andermal. Es gibt ein Büchlein aus der Schriftgießerei Klingspor mit Texten vom großen Schriftkünstler und Typografen Walter Tiemann, das zur Zeit beispielsweise im PBM bei Georg Kraus erhältlich ist (Dieser Link linkt nur, solange das Büchlein angeboten wird) und worin Tiemann die Begriffe Kunst, Genie, Talent auseinandernimmt und in Zusammenhang mit Religion und mit dem deutschen Wort “Begabung” stellt, ohne die keine Kunst sein könne. Die Handwerkskunst der Schriftsetzerei ist aber noch etwas ganz anderes. Weder ist sie Seiltanzen noch Haarkräuseln, sie wird vielleicht beschrieben mit dem, was Tiemann von Goethe zitiert: “Die Abgründe der Ahnung, ein sichtbares Anschauen der Gegenwart, mathematische Tiefe, physische Genauigkeit, Höhe der Vernunft, Schärfe des Verstandes, bewegliche, sehnsuchtsvolle Phantasie, liebevolle Freude am Sinnlichen – nichts kann entbehrt werden zum fruchtbaren Ergreifen des Augenblicks, wodurch ganz allein ein Kunstwerk, von welchem Gehalt es auch sei, entstehen kann.” Der Typograph Jan Tschichold hat die Typographie eine Schwester der Architektur genannt und zur dienenden Kunst erklärt. Und wenn Tiemann den Goethe nur um einen Satz ausgedehnter wiedergegeben hätte, würden wir sehen, daß Goethe seine Definition von Kunst auf die Wissenschaften übertragen sehen wollte. Und mit Tschichold wiederum, der die Typographie zur Wissenschaft erklärte (und berechenbarer machte), würde sich ein Kreis schließen.
Und das Foto? Schon wieder so ein hölzerner Geselle? Er hört auf die Namen Pinocchio, Burattino und Zäpfel Kern (oder auch nicht), stammt aus meinen frühen Jahren und macht sich unentbehrlich, wenn meine Kunden manchmal so junge Menschen mit sich führen, die man nicht ohne Gefahr frei herumlaufen lassen kann in einer Werkstatt. Der hölzerne Knabe hilft dann ein bißchen, die Zeit auch für Kleinkinder angenehm werden zu lassen.
Zurück zum Gruß: Die oben erwähnte Grußformel aus Rede und Gegenrede wurde früher geübt in der Buchdruckerei im ganzen deutschen Sprachraum. Ich wüßte gern mehr über diese Grußformel, weil ich nicht sicher bin, ob das, was ich geschrieben habe über Sinn von Rede und Gegenrede, mir erzählt wurde von älteren Kollegen oder ob es meine Interpretation ist. Kann jemand helfen?
tags: buchdruck, druckergruß, goethe, handwerkskunst, jan tschichold, klingspor, kunst, technologie, walter tiemannKommentare [4]
Der Januskopf wackelt durch die Jahrhunderte
Jeder technische Fortschritt in der Vervielfältigungstechnik brachte zuerst einen Qualitätseinbruch mit sich. Die ersten gedruckten Bücher im 15. Jahrhundert konnten auch bei den größten Bemühungen nicht mit der Schönheit meisterlicher Manuskripte (manu scriptum – lat. das Handgeschriebene) der Zeit konkurrieren. Binnen weniger Jahrzehnte verbreitete sich die Satz- und Drucktechnik nach Gutenberg in Europa; über Jahrhunderte hinweg wurde einerseits typografische Qualität verbessert und gab es andererseits immer wieder technologische Entwicklungen, die sich anfangs nachteilig auf die Typografie auswirkten, bis sie beherrscht wurden. Manchmal blieben typografische Qualitäten auch über Jahrzehnte vergessen, beispielsweise der Randausgleich im glatten Satz (auch Blocksatz genannt). Im industriellen Maschinenbleisatz für Bücher und Zeitungen ist diese optische Begradigung der Satzkanten, also das geringe Hinausziehen der Bindestriche aus der Satzkante beispielsweise, nicht möglich. Gutenbergs Bibel zeigt den Randausgleich, er hat sich an die Vorlagen aus den klösterlichen Schreibstuben gehalten, für lange Zeit wurde diese Qualität nicht mehr erreicht. Erst seitdem mit Computern gesetzt wird, ist der Randausgleich wieder herzustellen – gute Typografen machen davon Gebrauch.
Auf den Schultern des Fortschritts wackelt der Januskopf. Auch der Satz mit dem Computer hat anfangs enorm viele Ungeheuerlichkeiten hervorgebracht – heute dient das Werkzeug in den richtigen Händen für ausgezeichnete typografische Arbeiten.
Mit neuen Technologien haben sich auch Berufsbilder verändert. In den letzten Jahrzehnten sind die Anforderungen an den Typografen gewachsen, weil er jetzt zugleich ein Schriftsetzer sein muß. Es gibt den Beruf des Setzers nicht mehr, der nach den typografischen Anweisungen eines Spezialisten Text setzt und dabei jenes Regelwerk für ein gepflegtes Satzbild anwendet, das der akademisch-künstlerische Typograf oft nur vom Hörensagen kannte. Die Bemühung um Details war nicht Sache der Typografen, die Entwürfe skizziert und „ausgezeichnet“, also mit technischen Satzangaben versehen haben.
Ich zeige ein Beispiel für die Detailarbeit, die der Setzer übernahm und mit der ein Typograf sich nicht befassen mußte (sofern er in einer anständigen Setzerei arbeiten lassen konnte). Auf den ersten beiden Fotos ist ein dreizeiliger Satz zu sehen, der Mängel aufweist. Verwendet wurde die Schrift Kristall (1937 als Hausschnitt der Norddeutschen Schriftgießerei in Berlin erstmals gegossen) in einem halbfetten
Schnitt und einem großen Schriftgrad (4 Cicero = 48 Punkt). Die Fehler: In der ersten Zeile steht das Divis (Bindestrich) eng am vorhergehenden Buchstaben, läßt aber zum folgenden einen weiten Raum. In der zweiten Zeile steht das Divis sehr tief. Die dritte (fehlerfreie) Zeile zeigt nur, daß der lange Streckenstrich, der für Streckenangaben eingesetzt wird, innerhalb der Zeile höher steht als das Divis. (Die gesetzten Lettern ergeben keinen Sinn und wurden nur für
die Schrift-Interessierten ausgesucht, die der Schrift keine große ästhetische Qualität zugestehen werden, sich an ihrer Eigenwilligkeit aber vielleicht doch erfreuen können.) Auf dem dritten Bild ist zu sehen, was der gute Setzer während des Setzens sofort gegen die Unregelmäßigkeit in der ersten Zeile unternimmt: Er fügt einen Abstand vor
das Divis ein, um das Schriftbild zu harmonisieren. In der zweiten Zeile versucht er, das Divis nach oben zu bringen, indem er es auf den Kopf stellt: Das vierte Foto zeigt die aus der Druckform gehobene Zeile. An der Rille, die durch alle Lettern der Zeile läuft, Signatur genannt, erkennt der Setzer, wie die Type steht. Das Divis dreht er nun um, mit der Signatur in die entgegengesetzte Richtung.
Die letzte Abbildung stellt dar, wie die Neutralisierung der Räume in der ersten Zeile gelungen ist. Das Divis aber neben dem E in der zweiten Zeile steht nun zu hoch.
Stünde anstelle des E mit dem kräftigen Querstrich in der Mitte ein O oder ein M, würde es nicht auffallen. So aber wird der Setzer sich der Mühe unterziehen müssen, die Bleiletter des Divis abzufeilen und genau einzupassen. Sofern es sich beispielsweise um einen Buchtitel oder ein Plakat handelt. Für unwichtige Drucksachen hätte man sich im Bleisatz nicht die Mühe gemacht.
Einerseits gehen solche Operationen im Computersatz leichter vonstatten. Andererseits aber stellen sich dem Bleisetzer solche Aufgaben während des Setzens. In kleinen Graden einer Schrift wird er das Divis und den auf Mitte stehenden Punkt im Versalsatz (Satz aus Großbuchstaben) und zwischen Versalziffern (Ziffern, die so hoch wie Großbuchstaben sind) automatisch umdrehen und die Abstände harmonisieren, ohne darüber lange nachzudenken oder das Problem überhaupt erst suchen zu müssen. Er erledigt das automatisch, er ist durch sein Wissen entsprechend programmiert. In der unwichtigsten Drucksache wird er seine Handgriffe wie gewohnt anwenden und erreicht immer ein gepflegtes Bild auch im Detail.
Wer Text durch ein paar Handgriffe aus einem Textprogramm in ein Grafikprogramm zur Bearbeitung übernimmt, für den stellt sich erst die Frage, ob er den Text derart genau durcharbeitet. Es gibt Grafiker und Designer, die wissen nichts von solchen Details. Es gibt welche, die arbeiten aus Überzeugung jedes Detail besser aus, als es im Bleisatz möglich ist, das sind noch sehr wenige. Und es gibt Typografen mit Sachverstand aber ohne Berufung, die gehen nach dem Preis: Wird Detailarbeit beauftragt und bezahlt oder ist es dem Kunden egal.
In meiner Druckerei wird nur erste Güte gesetzt. Eine Arbeit macht schließlich erst dann richtig Freude, wenn man alle Möglichkeiten aus ihr herauskitzelt, wenn man ihre Herausforderungen sucht, sie findet und sich ihnen stellt. Es ist nicht verkehrt, sich auch immer ein wenig als Anfänger zu begreifen und zu fragen, was sich auch nach langer Berufsausübung heute und morgen besser ausführen ließe. In der Typografie fällt das sogar leicht, weil es in der Geschichte so phänomenal großartige Meisterwerke gibt, die das eigene Können in den Schatten stellen und aus denen sich schier endlos lernen läßt.
tags: bleisatz, computersatz, detailtypografie, divis, dtp, gutenberg, harmonisieren, letter, maschinensatz, mikrotypografie, neutralisieren, qualität, randausgleich, schriftsetzer, signatur, type, typograf