Seltene Typen
Heute besprach ich mit einer Kundin einen Auftrag für ein Etikett, auf das neben der Anschrift ein Initial gedruckt werden soll. Wenn man viel Freiheit erhält und auch zu ahnen meint, was dem Auftraggeber Freude bereiten könnte, in welche Richtung man den Entwurf treiben sollte, dann läßt es sich ausgezeichnet skizzieren. Das
kann ich freilich hier nicht zeigen, denn der Text auf dem Etikett besteht ja aus Name und Adresse, also den sensiblen Daten. Für das Initial wurde “mal etwas ganz anderes” gewünscht als wir bislang hatten. Bislang setzten wir eine große Minuskel (Kleinbuchstabe), die in den Schriften Garamond und Walbaum kursiv ausnehmend nette Schleifen auf zwei Etagen bietet. Diesmal etwas ganz anderes also, und da erstaunlich viele Schriften nicht digital vorliegen, muß ich dann doch von Hand skizzieren, was ich in meinen Regalen aufgestöbert habe, und mir die Buchstaben erst einmal näher anschauen. Hier die seltenen Typen in Blei.
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Vorbeigänger
Als ich vor vier Jahren mit meiner Werkstatt in die Räume zog, in denen ich jetzt arbeite, hatte ich erstmals ständigen Sichtkontakt zur Straße. Anfangs fühlte ich mich beobachtet, zumal viele Leute in die Fenster schauten. Ich
kam gar nicht auf die Idee, daß sie etwas anderes sehen könnten als mich, bis ich entdeckte, daß man bei Tageslicht gar nicht hineinschauen kann, weil die Fenster spiegeln. Da beobachtete ich die Passanten genauer und merkte, daß sie sich selbst betrachten: Manche Bewohner meiner Straße blicken routiniert in den Spiegel, bevor sie aus der Schonenschen Straße auf die belebte Schönhauser Allee treten: Frisuren werden geordnet, ein junger Vater schaut gern, wie ihm sein Säugling steht, den er vor die Brust gebunden trägt. Kleine Mädchen zupfen an ihrer Kleidung und große nesteln an der Sonnebrille. Halbwüchsige werfen unsichere Seitenblicke.
Wenn ich in der Jahreszeit, da es früh dunkelt, bei Licht arbeite, kann man mir allerdings auf die Finger schauen. Anfangs wurde ich etwas nervös, wenn ich merkte, daß Leute dicht ans Fenster traten und mir zuschauten. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt.
Es ist interessant, wie man die Menschen kennenlernt nur durch Schauen. Mir sind viele Gesichter aus der Nachbarschaft inzwischen so vertraut, daß ich sie, begegne ich ihnen draußen auf der Straße, beinahe grüße. Aber sie kennen mich nicht so gut, und in der Großstadt ist das Grüßen Fremder unüblich. Es gibt Passanten, die kommen so pünktlich zur immergleichen Stunde, daß ich die Zeit daran ablesen kann. Und wenn mal ein regelmäßiger Vorbeigänger fehlt, fällt es mir auf.
Im Sommer, wenn die Tür weit offensteht, um die Wärme hineinzulassen, tönt manchmal das Rumpeln und Klappern meiner großen Maschine auf die Straße, dann bleiben gelegentlich Leute stehen und treten näher und schauen herein, so entwickeln sich doch Grüßbekanntschaften.
Seit vier Jahren arbeite ich dort, und so sehe ich auch werdende Mütter, glückliche Eltern und kleine Kinder die ersten Schritte machen – an ihnen merke ich, wie Jahre vergehen.
Das Foto zeigt neben der großen Haustür die kleine Tür ins Souterrain (man steigt ein paar Stufen hinab in die Offizin) und drei Fenster zur Straße. Zum Haus gehört ein Hofgarten, auf dem eine riesige Eiche, ein Walnußbaum und um eine Bank Sträucher stehen. Wenn mich der Autolärm vorne stört, sperre ich die Tür nach hinten auf. Vor dem Haus steht eine Beton-Straßenlaterne aus der DDR. Als mein großer Pedal-Tiegel (gebaut um 1900 von der Firma Emil Kahle, Leipzig-Paunsdorf) über die Stufen hinab sollte, schlangen wir das Seil für den Seilzug um diese ideal genau vor der Tür stehende Laterne.
Der Kontakt zur Außenwelt aus meiner Offizin beschränkt sich auf drei Ausgänge: zwei Türen und ein Telefon im alten Stil: mit Wählscheibe. Es gibt dort keinen Computer, die Offizin ist nicht online. Wer sie betritt, verläßt heute und kommt nach gestern. Manchmal versagt hinter den dicken Mauern sogar das Handy meiner Besucher.
tags: berlin, emil kahle, pedal-tiegel, schonensche straße, schönhauser alleePerlgrau in Flamingo und Gardeners Green
Die Entscheidung für die Papiere des neuen Goldt-Büchleins ist schnell gefallen.
Nachdem ich auch von farbigen Papieren für den Umschlag innen Muster bekommen habe und die Papiere zwei Tage lang unter allen möglichen Lichtverhältnissen sehen konnte, habe ich mich entschieden. Der neue Goldt aus der Druckerey kommt auf Perlgrau in Flamingo und Gardeners Green. Die Auswahl der Rottöne ging jetzt zügig durch Ausscheiden, weil zwei Farben schon bestimmt waren. Die Ablehnungen anderer Farbtöne: zu dicht am Vorgänger, zu grell zum Grün, zu blaß zum Perlgrau, beißend, unharmonisch, zu lieblich, langweilig.
Auf dem Foto wirken die Farben etwas blaß, aber das sieht sowieso von Bildschirm zu Bildschirm anders aus.
tags: max goldtKommentare [3]
