Attraktive Unordnung

29. Mai 2015

Gelegentlich bringen Besucher ihre Kinder in meine Werkstatt mit. Die ganz kleinen liegen in warmen Tüchern und äußern keine Meinung. Manche der älteren finden die Werkstatt wenig interessant und wollen rasch wieder fort. Und manchmal gibt es Kinder, denen steht nach wenigen Augenblicken ins Gesicht geschrieben, wie enorm interessant sie dieses Ambiente finden.

Was genau finden sie eigentlich so interessant? Es sind auch die kleinen Buchstaben, aber dabei handelt es sich um eine schwierig aussehende Materie. Winzige Buchstaben haufenweise in Kästen, na schön. Das ist durchaus auch mal ganz interessant, reißt einen aber nicht vom Hocker.

Alle Dienstleistungsgespräche laufen aus Sicht des Dienstleisters mit einer gewissen Routine ab. Ob das Ärzte, Schlosser oder Drucker sind. Überraschende Fragen haben sie kaum zu gewärtigen. Diese Gesprächsroutine gibt dem Dienstleister ausreichend Möglichkeiten zur Parallelbeobachtung. Er kann auch noch an etwas anderes denken, wenn er über etwas spricht, das er auswendig kennt, über das er schon unzählige Male gesprochen hat.

Während der Drucker also über Papier, Schrift, Prägung, Farbe berichtet, hat er Gelegenheit, seine Besucher zu beobachten. Das ist für Beratungsgespräche auch wichtig, weil Kommunikation nicht nur über Sprache stattfindet, sondern auch über Mimik und Gestik, weil der Berater auch aus dem Gesamtbild seines Gesprächspartners Informationen filtert, die in die Beratung einfließen.

Aber auch das ist schon eine Routine, die nicht die komplette Aufmerksamkeit des Beraters bindet. Man kann auch nebenher noch den stillen Besuchern zuschauen und ihren Blicken folgen. Und manche Kinder schauen die Werkstatt auf eine Weise an, daß ich mir einbilde, auch ihren Gedankengängen ein wenig folgen zu können. Mir ist aufgefallen, daß ihr Interesse Schauplätzen gilt, die für mich Nebenbilder abgeben. Sie begutachten Orte, die ich gar nicht mehr wahrnehme.

Das sind die unübersichtlichen Plätze. Materialhaufen. Werkzeugansammlungen. Die größte Attraktivität ist die Unordnung. Sie verspricht Forschungsgebiete und Unterhaltung. So etwas gibt es in ordentlichen Haushalten nicht. Und offenbar sagt hier niemand diesem Drucker, daß er seine Zimmer mal aufräumen soll. Das sieht nach einem durchaus angenehmen Dasein aus.

In den nebenstehenden Fotos habe ich aufgezeichnet, wo die Blicke dieser Kinder hängenbleiben. Manchmal gehen sie vorsichtig herum und schauen, manchmal bleiben sie auf einem Stuhl sitzen und lassen die Bilder auf sich wirken.

Solche Plätze gibt es heute nur noch wenige. Früher bot das Arbeitsleben der Erwachsenen viel mehr Unterhaltung. Es gab viel mehr Werkstätten und sogar Fabriken mitten in der Stadt. Noch vor 40 Jahren, als ich Kind war, wurde die Kneipe vis-à-vis unserer Wohnung von Pferdefuhrwerken mit Bierfässern beliefert, die von lederbeschürzten kräftigen Herren auf einer kleinen Rampe vom Wagen in eine Kellerluke gerollt wurden, während die Pferde einen Hafersack vor die Mäuler gehängt bekamen und ihre Äppel fallen ließen.

Der Gemüsehändler neben der Kneipe hatte einen dreirädrigen Lieferwagen, auf dem er Kartoffeln und Kohl und was es sonst so gab damals, transportierte. Auf sogenannten »Ameisen«, Miniatur-LKW, wurden Briketts ausgefahren und von Männern in Schürzen und schwarzgefleckten Gesichtern in die Häuser getragen. Koks wurde einfach auf die Straße gekippt und von Heizern mit riesigen Gabeln in Kellerluken oder auf Schubkarren befördert.

Im Keller zündete man Kerzen an, schummeriges Licht gab es nur in den feuchten Gängen. Matt grünlich schimmerte der fluoreszierende Leuchtanstrich aus Kriegszeiten, als die Keller auch Luftschutzräume waren. Jugendliche schraubten auf der Straße an Mopeds, Kinder spielten auf Höfen und Straßen. Sonnabends wurden von Männern auf der Straße Autos gewaschen. Polizisten regelten den Verkehr. Schornsteinfeger waren so schwarz und sahen mit ihren Kugelbesen und Leitern exakt so aus wie in den Kinderbüchern.

Wenn Straßenbahnen über Weichen fuhren, mußte der Fahrer aussteigen und sie mit einem riesigen Hebel umlegen. Die einzige Tätigkeit, bei der man Erwachsenen heute auf der Straße zuschauen kann, ist das Starren und Tippen auf ihren Taschentelefonen. Wenn man mal einen Geldtransporter und einen Mann mit einer großen Kassette dazu sieht, ist das schon ein Ereignis.

Wenn ich diese Bilder aus meiner Werkstatt so anschaue, dann finde ich, daß sich meine Mutter ihre Versuche, mich zu einem ordentlichen Menschen zu erziehen, etwas sparsamer hätte unternehmen können. Mein Ordnungssystem hat sich nie geändert. Ich finde, was ich brauche. Die Arbeit wird heute genauso ordentlich gemacht, wie ich früher meine Spielzeugstädte auf dem Teppich errichtete. Mein System funktioniert.

Und das Wunderbare ist: Wenn ich mich in meiner Werkstatt umschaue und versuche, sie mit den Augen des Kindes zu sehen, das ich einmal war, so ist es mein ganz wunderbarer Spielplatz mit seiner eigenen Ordnung. Die Versalien werden so eifrig und mit Sorgfalt ausgeglichen wie früher die Spielzeugautos auf dem Teppich säuberlich parkten. Wo es nötig ist, herrscht gar penible Ordnung. Die Setzkästen sind in Schuß und wohlsortiert, die Stehsatzmenge hält sich in Grenzen, die Regale mit Blindmaterial könnten nicht ordentlicher sein, die Maschinen sind geölt, die Druckfarben übersichtlich gestapelt. Dazwischen gibt es die fotografierten Haufen. Schlachtfelder nennt man sie in Kinderzimmern. Natürlich müssen diese Haufen immer mal wieder aufgeräumt werden, aber nur, wenn es für die Arbeit nötig ist, nicht allwöchentlich aus Prinzip.

Diese Überlegungen führen mich weiter. Was habe ich mir damals, vielleicht als Acht- oder Zehnjähriger, eigentlich vorgestellt, wie ich als Erwachsener einmal sein würde? Ich hatte Ideen, Kinderideen. Ich sah meinen Vater, einen leitenden Journalisten, und mir gefiel seine Arbeit. Mir gefiel auch, was die Grafiker in seiner Redaktion taten oder die Kollegen in dem Verlag, wo meine Mutter arbeitete. Aber das Erwachsensein war etwas unvorstellbar Fernes. Ein fremdes Leben. Ich meinte, ich würde nicht mehr ich selbst sein. Ich würde mich nicht nur äußerlich in einen ganz anderen Menschen verwandeln, der Dinge tut, die Erwachsene tun. Ich würde auch erwachsen denken. Ich würde vernünftig werden, was immer das war, das wüßte ich dann. Ich würde gewiß auch sehr ordentlich werden, wie sich die Erwachsenen das vorstellten. Wie diese Metamorphose vor sich gehen sollte, konnte ich mir nicht denken. Es kamen auch immer noch Laufbahnen als erfolgreicher Detektiv oder als berühmter Schriftsteller in Frage. Vor allem dachte ich, würde das Leben sehr leicht werden, weil man sich alles aussuchen kann, wenn man erwachsen ist. Man muß nicht morgens in die Schule gehen, die man nicht mag, sondern geht einer ausgesuchten Beschäftigung nach, für die man sehr viel Geld bekommt. Also viel mehr als das wöchentliche Taschengeld. Und man kann Schokolade essen, wann und in welchen Mengen man es für richtig hält. Und abends so lange lesen und fernsehen, wie man möchte.

Auch daran schließt sich eine Frage an: Bin ich ein Erwachsener geworden, mit dem ich als Kind zufrieden gewesen wäre? Einerseits: Nein. Die kindlichen Forderungen an das Erwachsensein sind kaum erfüllbar. Es hat keine wunderbare Verzauberung gegeben, sondern ein manchmal zähes, auch schwieriges, manchmal auch lustiges und flottes Erwachsenwerden. Der Vorsprung besteht nur in Erfahrung, und keine einzige wird einem hübsch verpackt geschenkt. Man wird kein ganz anderer, man schleppt sich immer mit herum. Andererseits: Ja. Auch wenn ich kein Detektiv geworden bin, es nicht einmal versucht habe, so sehe ich heute an den eingangs geschilderten Kinderbeobachtungen, daß ich ein bedeutendes Vermögen um mich angehäuft habe. Es gibt in meiner Werkstatt, meinem täglichen Lebensraum, diese attraktiven interessanten Haufen. Den Papiersack neben der Schneidemaschine mit den weichen Schnipseln, die zerbeulte Benzinkanne, die durcheinanderliegenden Werkzeuge, diese Räume, in denen Berge von Dingen liegen, mit denen ich etwas machen kann. Schade, daß ich mir nicht durch die Jahrzehnte rückwärts auf den Rücken klopfen kann und sagen: Knirps, mach dir keine Sorgen, du wirst in vierzig Jahren immer noch so hübsch spielen, nur sind es dann keine kleinen Autos mehr auf dem Teppich, sondern Buchstaben und große Maschinen, und dazu kannst du nach Belieben Schokolade essen, bis dir übel davon wird. Eine sehr erfolgreiche Karriere. Ich kann nur heutigen Knirpsen, falls sie danach fragen sollten, einige Hoffnung machen: Solange du einen Willen hast, folge halbwegs unbeirrt deinen Interessen, dann stehen die Aussichten günstig, daß es recht hübsch wird als Erwachsener. Trotz Krampfadern, Rheuma, Gicht, Haarausfall, Schlaflosigkeit, Impotenz, Hämorrhoiden und was man als Erwachsener sonst an Schicksal zu tragen hat. Dafür mit Schokolade in rauhen Mengen – oder sauren Gurken, ganz nach Belieben.

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Raritäten und andere Neuigkeiten

23. Mai 2015

Der Online-Shop der Druckerey bedurfte einiger Nachdrucke, und auch neue Angebote sind hinzugekommen.

Die Berliner Künstlerin Astrid Lange habe ich um ein klassisches Trauermotiv für eine Kondolenzkarte gebeten.

Die Karten sind hier erhältlich.

Wer seine Vermählung so ankündigt, scheint unerschütterlich zu sein. (Shop-Link)

Es ist nun schon über ein Jahr her, daß ich umgezogen bin, aber immer noch kommt Material zutage, daß ich fast vergessen hatte. In den 1990er Jahren habe ich noch zu jedem Jahreswechsel Jahresgaben gedruckt, von zweien gibt es noch ganz kleine Reste. Zu schade fürs Archiv. Ich habe sie im Raritätenkabinett ins Regal gestellt.

Beide Balzac-Karten sind in einer Auflage von nur 100 Stück gedruckt worden.

Gerahmt machen sie sich sicherlich gut.

Das ist das Titelmotiv für die SuKuLTuR-Broschüre »Wenn ein stattlicher Mann Studenten unterrichtet«, die ebenfalls (und für nur einen Euro) im Raritätenkabinett angeboten wird.

Weil die Abbildung nur als Druckvorlage für das Heft gedruckt wurde, war die Auflage sehr klein. Zehn Stück habe ich gedruckt.

Diese Karte war längere Zeit nicht im Angebot. Ich wollte sie schon lange nachdrucken, und da fiel mir nun ein Stapel vergessener Exemplare in die Hände. Nun also wieder zu haben.

Der Verlag zu Klampen hat das Buch, dessen Manuskript ich gerade überarbeite, angekündigt, und in der Vorschau auch eine Simulation abgebildet. Ach, wenn es doch nur erst fertig ist.

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Kinder machen Bücher (und ich auch eines)

1. Mai 2015

Im April hatte ich sechs Zehnjährige aus einer benachbarten Grundschule zu Gast. Diese Schule veranstaltet einmal jährlich eine Woche ein Fest schöpferischer Arbeit. Da wird gefilzt, getanzt, gemalt, geschnitzt, und dieses Jahr wurde auch geschrieben, gesetzt, gedruckt, gebunden. Am Ende des vierten Tages saßen wir vor den fertigen Druckbogen.

Bis dahin hatten meine Gäste sich Texte ausgedacht, sie Buchstabe für Buchstabe aus dem Setzkasten gesetzt, Abzüge gemacht, Korrektur gelesen. Linolschnitte wurden angefertigt, Papier zugeschnitten, Umschläge gerillt, Texte und Linolschnitte gedruckt. Zwischendurch waren wir auch mal auf dem Spielplatz, und während der Arbeit gab es genug Pausen, um die Schaukel im Garten neben der Druckerei vor dem Einrosten zu bewahren.

Die Titelfindung war nicht ganz leicht, denn das Buch enthält Texte über einen netten Wolf in der Wildnis, einen Tassenkuchen (Cupcake), einen jungen Feuerwehrmann, Basketball und Yu-Gi-Oh, ein mir bislang unbekanntes Kartenspiel.

An den ersten beiden Tagen war es für mich fast zu anstrengend. Ich hatte eine ganze Weile nicht mit Kindern gearbeitet und war überrascht von der Kraft der Spontaneität, die Zehnjährigen innewohnt und die mit dem Perfektionsdrang eines Druckers nicht ganz leicht unter einen Hut zu bringen ist. Aber am dritten Arbeitstag hatte ich mich schon daran gewöhnt, zumal die Kinder einen starken Willen zur guten Stimmung ausstrahlen, dem ich mich nicht entziehen konnte. Es hat dann nach der Eingewöhnung auch mir richtig Spaß gemacht, und ein paar Druckfehler habe ich eben übersehen. Auch meine Gäste zeigten sich am Ende höchst zufrieden und bedauerten, daß es nach fünf Tagen vorbei war.

Dieses Bild zeigt den Grund dafür, warum die Blogeinträge in den letzten Monaten spärlich geworden sind. An diesem Buch arbeite ich schon seit bald fünf Jahren immer mal wieder, aber nachdem ich den Verlag gebeten habe, mich unter Termindruck zu setzen, ist es nun geschrieben und wird zur Zeit überarbeitet. Manche Fragen erwiesen sich als harte Nuß. Woran, beispielsweise, erkennt ein Typograf, ob eine Druckschrift gut ist. Was bedeutet Schönheit in Bezug auf Schrift? In jedem Beruf gibt es Kenntnisse, die in Lehrbüchern nur gestreift werden, die sich durch Erfahrung mitteilen. »Implizites Wissen« nennen das Soziologen. Von diesem Detailwissen, diesen kleinen Berufsgeheimnissen habe ich einige genauer untersucht. Meine Handgriffe protokolliert und danach für dieses Buch allgemeinverständlich erklärt. Das war viel Arbeit, und damit waren die Abende und Wochenenden des letzten Jahres ausgefüllt. Jetzt wird also lektoriert und verbessert, und im Herbst soll dann ein schönes Buch fertig sein. HIER kann man einen Blick auf die erste Ankündigung des Verlages werfen.

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