Rubrik Vermischtes
Das Original der Männlein von neulich zeige ich hier. Es wurde im Jahr 2000 auf offenbar holzhaltiges Papier gezeichnet und an die Wand eines Jugendzimmers geklebt, damit es ein wenig Patina erhält. Jetzt könnte es eigentlich ins Museum, zu meiner Verblüffung hat noch keines um den Ankauf nachgesucht. Vielleicht hat das Kunstwerk noch nicht genug Patina.
Regelrecht entzückt hat mich die kleine Letter z der kursiven Garamond von Herbert Thannhaeuser — ist das nicht ein schöner Schwung, eine elegante Linie?
Apropos Schrift. Diese Lettern sind aus der Schrift Titanic (entworfen von Ludwig Wagner, Leipzig, zuerst gegossen anno 1920, Schriftgießerei Wagner/Schmidt). Das linke h ist das gewöhnliche der Schrift, das mittlere hat eine extreme Oberlänge und das rechte gehört offenbar in einen kleineren Schriftgrad, den ich nicht habe.
Natürlich hat nicht nur das h diese Sonderform, es gibt noch mehr langohrige Buchstaben — wenn ich nicht irre, haben alle Lettern mit Oberlängen auch die Sonderformen mit Oberoberlängen.
Wozu man so etwas braucht? Wohl kaum für eine Visitenkarte. Demnächst beginnt die Produktion des neuen Buches von Max Goldt, das noch keinen Namen hat. Am Freitag trafen die ersten Papiermuster ein. Als letzter Band der Trilogie soll der dritte den ersten beiden in der Farbe des Umschlags angepaßt werden, und da die ersten beiden aus Grau und Grün und Rot gemacht wurden und Grau und Grün die Farben der ersten beiden Umschläge waren, wird der dritte aus rotem Metallic-Karton.
Die Rottöne des ersten Lieferanten sind also eingetroffen, und ich bin schon sehr angetan — nun mal sehen, ob die anderen Händler noch besser geeignete haben. Bis es mit der Arbeit wirklich losgeht, dauert es ein Weilchen. Mancher wird sich angesichts der Seltenheit des zweiten Bandes fragen, ob dieser wieder so schnell vergriffen sein wird. Nein. Diesmal drucke ich etwas mehr. Das Erscheinen ist für den Herbst vorgesehen, Bestellungen nehmen der Verlag und ich noch nicht entgegen. Ist wirklich noch zu früh.
Neue Berliner Märsche
Diese drei Herren habe ich anno 2001 verschenkt, mir die Zeichnung nun ausgeliehen und scannen lassen sowie die Handschrift der Zeichnung ersetzt mit der Erika-Mono-Fraktur
von Andreas Brietzke (2006), der in Potsdam als Design-Student zu jenen Bleisatzschülern gehörte, die als fortgeschrittene Typografen auf angenehmste Art gesprächsfähig waren. Diese Fraktur-Schreibmaschinenschrift ist in dem Buch Fraktur mon Amour von Judith Schalansky veröffentlicht worden. Hat es so etwas als Bleisatzschrift gegeben? Auch Judith Schalansky war übrigens im Potsdamer Bleisatz-Kurs und war mir mit ihren Kenntnissen schon damals bei der Identifikation einer verzierten Gotischen behilflich. Das war ein kompetenter Kursus, eine Wohltat für Lehrer, die gerne selber was lernen.
Auf der Rückseite sind die Unger-Fraktur und die Prillwitz in der excellenten Digitalisierung von Ingo Preuß zu sehen. Die Rückseite dieser DIN-lang-Karte ist als Postkarte mit Adreßfeld gestaltet. Gedruckt wurde auf 350g/m² Old Mill bianco von Fedrigoni (Italien).
Die drei Herren eignen sich auch sehr gut dazu, sie mit Buntstiften oder anderen Hilfsmitteln auszuformen. Ich mag ja die pure Form sehr gern, aber ausgemalt ist das auch nicht übel, oder?
Und man kann auch, wenn man eine Katze so ausgezeichnet abbilden kann wie ich (die Katze hat steife Vorderbeine, es ist nicht, daß ich keine sitzende Katze malen könnte, diese sieht wirklich so aus), eine Katze dazu malen. Preise: Eine (gedruckte, unausgemalte) Karte 3 Euro inklusive gesetzl. MWSt. Zehn Karten 25 Euro inklusive Mehrwertsteuer. Beide Preise zuzüglich Versandkosten.
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In eigener Sache
Liebe Leser, dieses Blog ist eingerichtet als Feuilleton eines Druckers, eines Handwerkers im überkommenen Sinne, der von seiner Arbeit erzählt. Es wird geschrieben von einem, der, bevor er sich ganz auf die Werkstatt konzentrierte, über zehn Jahre lang als Feuilletonist sein Brot verdient hat und die Tageszeitung kennt als eine Sammlung nicht nur der unterschiedlichsten Textformen, sondern auch der bunten Stimmungslage: der Essay neben dem Meinungsstück, die Rezension neben der Meldung, der Nachruf neben der Glosse, und dazu immer das Wetter von morgen. Und all das ist nur für den einen Tag gedacht. Ein nicht abreißender Strom von Stimmen und Stimmungen, die sich erheben und stumm wieder niedersinken und ins Archiv fließen. So ist es auch für dieses Blog gedacht. Aber das hat nur eine Stimme. Und es fällt mir in dieser Zeit schwer, als alleiniger Autor ohne Übergang zur Angelegenheit des nächsten Tages zu wechseln. Auch weiß ich um die regelmäßigen Leser, welche dieses Medium nicht als Komposition einer Redaktion wahrnehmen, sondern als Report eines Einzelnen. Mir scheint, es wirke auf sie vielleicht befremdlich kühl, wenn ich ohne Umstände zu den Werkstatt-Themen zurückkehre.
Der Drucker trauert um Katharina Rutschky und unterbricht, weil er sein Medium allein bedient, den Strom seiner Druckerey-Meldungen.
Katharina Rutschky hatte ein sehr großes Herz, aber sie war nicht für das Rührselige zu haben. Sie war praktisch veranlagt. Als ich, durch sie angeregt und angetrieben, Sozialarbeit studierte und wir uns über absurde Theorien von Methodik und Didaktik selbiger lustig machten, legte sie mir eine Sozialarbeiterin der Literatur ans Herz: Betsey Trotwood aus dem Roman „David Copperfield“ von Charles Dickens. Ein Kind ist hungrig, dreckig und verzweifelt. – Was tun? Ursachenforschung? Die gebeutelte Seele abhorchen? Nö. Erst einmal waschen und an den Küchentisch setzen, der Rest wird sich finden. Die pragmatische Betsey Trotwood, ein Mensch mit Herz und Verstand, wurde die Leitfigur meiner Sozialarbeit, als ich im Gefängnis und mit Haftentlassenen arbeitete.
Frau Rutschky würde mir für meine trübsinnigen Zeilen Vorhaltungen machen und wie Betsey Trotwood auf das Praktische sehen, deshalb eile ich nun, diesem Text im Sinne meiner Lehrerin eine Wendung zu geben. Als ich düster die E-Mail-Wechsel der letzten Jahre betrachtete, fand ich eine Nachricht von Frau Rutschky mit der Betreffzeile „Es wird Hartz“: „Lieber Herr Schröder, man liest Sie ja oft! Heute verspüre ich aber das Bedürfnis, Ihnen auch mitzuteilen, wie ich mich bzw. dass ich mich über Ihr Hartzstück furchtbar, bis zum lauten Lachen, amüsiert habe! Herzlich K.R.“ Ich habe das Stück hervorgekramt, weil ich mich nicht erinnern konnte, jemals über Hartz geschrieben zu haben. Am 30. August 2004 stand der Text in der Berliner Zeitung, der mir heute als Übergangsmittel in meinem Blog geeignet erscheint, weil er mit Milchsacks Hauptgesetz endet, welches vor hundert Jahren jeder Buchdrucker kannte.
In wenigen Tagen folgt der Bericht über eine neue Karte, die ich gezeichnet und gedruckt habe und die drei wesentliche Fortbewegungsarten des Städters zeigt.
Berliner Zeitung, 30. August 2004
Weg mit Dröge-Modelmog IV!
von Martin Z. Schröder
Unangenehm ist die Kenntnisnahme von Demonstrationsinformationen zur Zeit für Herrn Hartz, der kein Politiker ist und die nach ihm benannten Gesetze schließlich nicht zu verantworten hat, weil sie von anderen Leuten erlassen wurden, und dessen trotz des nicht ungewöhnlichen Klanges nicht allzu häufiger Name breitgetreten und hinterher sogar von allen Leuten in den Mund genommen wird.
Die Schlichtheit seines Namens wird ausgenutzt, erst als Kürzel für eine Anzahl von Gesetzen, dann stellvertretend für die gesamte Sozialpolitik eines Staates. Was wäre, wenn Herr Hartz einen ganz langen, einen sprechenden, einen komischen Namen hätte?
Wahrscheinlich würden Demonstranten nicht auf die Transparente schreiben: „Fettköther IV – nicht mit mir“, „100 Jahre Arbeitskampf – mit Trauernicht wird’s eingestampft“, „1989 standen viele Ostler vor einem Abgrund – 2005 mit Kalbfleisch-Kottsieper IV sind wir einen Schritt weiter” und würden Politiker nicht dagegenhalten mit: „Schertz IV ist nicht verhandelbar“, „Wir werden Würgdenschimmel IV nicht nachbessern“ und würden Zeitungen nicht titeln: „Kackschies IV trifft vor allem Ostdeutsche“ und schließlich Kommentatoren nicht zweifeln, ob „Dröge-Modelmog IV den Arbeitsmarkt beleben kann“. Würden wir so matte Witze und dürftige Reime auf den Chef einer beratenden Kommission lesen wie: „Hartz-Infarkt ist tödlich“ und „Har(t)z tut nur den Bäumen gut, spürt ihr nicht uns’re Wut”, wenn das Gesetz beispielsweise benannt wäre nach einem Herrn Schönzart? Gäbe es dann Reime mit „Wuschelbart“, „solcherart“ und „Mozart“?
Man sollte Gesetzen, die Wohlstand einschränken, überhaupt keine Namen geben, die das Ansehen von den namengebenden Einzelpersonen schmälern, sondern sollte ihnen die langen, korrekten Namen geben. Auch damit jeder weiß, worum es sich eigentlich handelt. Das hat ja bei den Durchführungsverordnungen zum Rentenversicherungsnachhaltigkeitsgesetz gut geklappt, deren Bezeichnung sich für Parolen nun mal weniger eignet. Transparente würden differenziertere Texte verlangen, was eine hilfreiche Nebenwirkung förderte: Da für Schmähungen solcher Gesetze längere Transparente benötigt würden, erführe die Binnennachfrage nach Transparentstoff einen unserer Textilindustrie förderlichen Schub, sofern von den hoffentlich patriotischen Demonstranten einheimische Laken gekauft würden.
Nur vornehme oder jedem nützliche Gesetze sollten nach Personen benannt werden. Beispiel für ein vornehmes Gesetz: Die Anwendbarkeit des nach dem deutschen Botschafter – übrigens in dem pommerschen Ort mit dem hübschen Namen Moitzelfitz geborenen – Harry Graf von Arnim benannten Armin-Paragraphen beschränkt sich auf diplomatische Vertreter Deutschlands. Der unbotmäßige Graf war 1873 dem Kanzler Bismarck durch Mißachtung von Weisungen derart heftig in die Parade gefahren, daß die Öffentlichkeit annehmen mußte, er wolle Bismarck im Amt folgen, was diesen verdroß. In Presse-Interviews gab von Arnim außerdem zu, Akten geklaut zu haben, worauf er in mehreren Prozessen zu Freiheitsentzug verurteilt wurde, dem er sich durch Flucht entzog. Noch 1876 glitt Paragraph 353a ins Strafgesetzbuch. Aber in der Bundesrepublik wurde noch nie jemand nach dem fortan Arnim-Paragraphen genannten Gesetz verurteilt. Das also ist ein durch seinen geringen Wirkungskreis und seine mangelnde Praxisrelevanz sehr vornehmes Gesetz (Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe).
Nützlich und dem Schönen förderlich hingegen, weil mit seinen Maßgaben berechnet werden kann, was man als wohlproportioniert empfindet, ist Milchsacks Hauptgesetz, benannt nach dem Oberbibliothekar der Herzoglichen Bibliothek in Wolfenbüttel, Prof. Dr. Gustav Milchsack. Der Professor veröffentlichte im Jahre 1901 Regeln, mit deren Anwendung die schönen mittelalterlichen Proportionen einer Buchseite erzeugt werden konnten, bis ein anderer Typograph die nach dem Baumeister Villard de Honnecourt benannte „Villardsche Figur“ – eine geometrische Konstruktion – entdeckte und bekanntmachte.
Gut geeignet sind Personennamen für Naturgesetze, sofern sie nicht so negativ klingen wie das von den armen Ratten, welche Schiffe verlassen, wenn diese sinken.
