Sommergeschichte

11. August 2008

Wer dieses Blog regelmäßig liest, der kennt schon die Eigenheit des Blogeigners, gelegentlich Geschichtenzeit auszurufen und olle Kamellen herumzuwerfen. Aber diesmal ist die Kamelle nicht oll, denn den Text hat es in dieser Form bislang nur einmal als Lesung gegeben. In der Süddeutschen Zeitung ist nur eine kürzere Fassung erschienen, anno 2006, hier und heute aber breitet ein gewisser Peter Schottenloër seine Darlegungen über sein Leben als Lehrbeauftragter vollständig aus.

Peter Schottenloër ist eine Persönlichkeit des deutschen Geisteslebens, erscheint gelegentlich als Privatier in meiner Werkstatt und fotografiert und überläßt mir sein Pseudonym, wenn ich mal ein neues Visitenkartenmodell (ist zur Zeit nicht online) entwerfen möchte (Schriften auf nebenstehendem Bild: Elegance und Unger-Fraktur) oder eine Hauptfigur für eine Geschichte zu benamsen habe. Es ist also nicht sein echter Name; Herr Schottenloër meint, er lebe lieber jetzt schon parallel als Geist auf einem Visitenkartenmuster und in einer Geschichte fort, weil er nicht wisse, was später von seiner gegenwärtigen Bekanntheit übrigbleiben werde.

Nun also Peter Schottenloër als Hauptperson meiner Sommergeschichte. Wer an meinem Unterricht teilgenommen hat wird bezeugen, daß diese Figur nicht das geringste mit mir gemein hat. Nicht ein Gran!

Hier ein Auszug:

Diesmal dabei eine Estin, die rechnen konnte. Ich hatte eine Frage gestellt, weil ein Student ein kleines Mauersegment beliebig proportioniert aufbauen wollte. Beliebigkeit ist eine Untugend.

Die Frage also lautete: Wieviel mißt die lange Seite eines Formates in den Proportionen des Goldenen Schnittes, wenn die kurze Seite 45 Zentimeter lang ist? Sobald meine kleine Frage den Raum erreicht hatte, schien sie darin anzuschwellen, aufzuschweben und dann wie eine riesige Eisblase gegen den Granitfußboden zu sinken, wo sie zerschellte, worauf sich klirrende Kälte im Raum ausbreitete. Es war so still, daß man das sich eilig entfernende Keuchen einer Fruchtfliege vor dem Fenster hörte. Denn es ging darum, die Zahl 45 mit dem Faktor 1,618, gerundet auf 1,6, zu multiplizieren.

Der junge Mann, der mich ohne sein Wollen auf diese Frage gebracht hatte, senkte schuldbewußt gegen die mit meiner ungeheuerlichen Entgleisung konfrontierten Kommilitonen den Kopf so tief, als wolle er damit zuerst im Boden versinken.

Nicht aus einem einzelnen Munde, sondern wie das in Worte übertragene Klopfen fast aller jungen Herzen im Raum drang murmelnd ein Wort gegen meine Ohren: „Taschenrechner“.

„Ich habe keinen Taschenrechner“, hörte man mich schneidend versetzen.

„Nimm doch das Handy“, empfahl eine mitleidige Kommilitonin meinem Schüler. Er hub sofort das Fummeln mit seinem Telefon an, murmelte jedoch nach kurzer Zeit, daß er das Komma nicht fände. Wozu brauchte er das Komma beim Rechnen?

„Kann hier niemand schriftlich malnehmen?“ fragte ich. Ich wagte nicht, an das große Einmaleins zu erinnern, das zu lernen ich selbst einst verweigert hatte. Offenbar hat die Didaktik bis heute nichts erbracht. Oder hat man das Einmaleins ganz aufgegeben?

„Ich hatte Leistungskurs Deutsch“, sagte ein Student trotzig.

„Waren Sie dafür nicht in der vierten Klasse?“ warf ich ihm an den Kopf.

Wieder war es still, bis auf das Schluchzen des Studenten, den ich gekränkt hatte.

Plötzlich eine leise, aber sichere Mädchenstimme: …

Die ganze Geschichte habe ich für das luxuriöse Lesen auf Papier zum Ausdrucken in PDF-Form gebracht und ist hier zu laden:
Martin Z. Schröder – Der Lehrauftrag.pdf Ich wünsche viel Vergnügen – und jedem Studenten vernünftige Lehrer!

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Dreiseitenschneider 1947

9. August 2008

Neulich schrieb ich vom Beschneiden des Goldt-Büchleins. Via Sehsucht bin ich auf diesen interessanten alten Film gestoßen, der einen Schriftsteller (so sahen die also damals aus!), die industrielle Buchherstellung anno 1947 mit Maschinensatz, galvanisierten Druckplatten und Buchbindung zeigt. Um die Minute 9 herum sieht man einen Dreiseitenschneider in Aktion, wie er mit drei Messern in zwei Arbeitsgängen gefalzte Druckbogen in Form bringt.

Ob diese in kleine Schritte zerfetzte Arbeit den Beteiligten Vergnügen bereitet hat? Romantisch sieht anders aus.

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Mit der Spitzfeder geschwungen

8. August 2008

Mein Mitarbeiter, der Grafikdesigner Frank Ortmann, hat wieder einmal ein Monogramm aus zwei Buchstaben mit der Spitzfeder geschrieben. Solch ein Buchstabenbild muß erst sorgfältig konstruiert werden. Der Kalligraf überlegt sich, welche Verschlingungen möglich und sinnvoll sind und wie zwei Buchstaben harmonisch in ein schönes Bild gebracht werden können.

Gedruckt habe ich das Monogramm auf die Klappe eines Kuverts im Diplomatenformat (120 × 180 mm). Dazu gibt es eine einfache Karte mit dem vollen Namen des Karteneigners aus der Bleisatzschrift “Englische Schreibschrift halbfett” der Bauerschen Schriftgießerei. Die ich natürlich aus Diskretion nicht zeige. Das Papier ist cremefarben getönt.

In der Vergrößerung werden auch die kleinen Verdickungen deutlich, die Frank Ortmann durch den Druck der Spitzfeder erzeugt. Ich habe für dieses Monogramm ein Klischee aus Magnesium anfertigen lassen, weil sich von hartem Material besser drucken läßt als von Kunststoff. Ein Quetschen der Druckform ist kaum möglich. Das harte Metall druckt auch sehr feine Linien und Kontraste deutlich aus.

Das Klischee glänzt hier so golden, weil ich es mit Öl überzogen habe. Magnesium hat die unangenehme Eigenschaft, sehr schnell zu oxidieren. Es sieht aus, als würde das Zeug schimmeln. Feine weiße Kristalle bilden sich und werden zu einem Pelz auf dem Magnesium, bis es zerfällt. Die Klischees sind nicht teuer, aber ich würde doch gern versuchen, ihren Verfall aufzuhalten.

Bislang kann ich nach Versuchen mit anderen Klischees immerhin schon sagen, mit dieser öligen Maßnahme die Haltbarkeit zu verlängern. Wie lange das reicht, werde ich noch merken.

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