Tod eines Buchkünstlers (Walter Schiller)

22. August 2008

Die Nachricht sprach sich nur langsam herum. Der Altenburger Typograf und Buchkünstler Walter Schiller ist am 7. August im Alter von 88 Jahren gestorben. Am Sonnabend vor einer Woche wurde er in Kirch Rosin bestattet. Mit Albert Kapr gemeinsam veröffentlichte er 1977 das Buch “Gestalt und Funktion der Typografie”, das über Jahrzehnte als Standardwerk galt. Es war mein erstes Typografie-Buch, das ich mir als 16jähriger Schriftsetzer-Lehrling kaufte. Schiller war Professor an der Leipziger Hochschule für Buchkunst und Gestaltung und galt als Mitbegründer der Leipziger Schule der Typografie. Er hat mitgeholfen, der Buchkunst der DDR eine Nische in der klassischen Anmutung zu bewahren, sowohl als Lehrer als auch als Buchkünstler.

Morgen, am Sonnabend, erscheint ein kurzer Nachruf im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung.

Foto: Bei der Schrift auf dem roten Etikett handelt es sich um die kursive und die gewöhnliche Garamond von Typoart. Schiller ist für seine vielfältigen Entwürfe immer mit sehr wenigen Schriften ausgekommen. Er bevorzugte Garamond, Walbaum, Bodoni, Baskerville, Super-Grotesk und einige gebrochene Schriften. Damit beherrschte er die Klaviatur sämtlicher typografischen Stile meisterlich.

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Drucken, Fliegenvermessen, Reisen

22. August 2008

Die Danksagungen (Foto) haben meine Werkstatt vorübergehend in größere Unordnung versetzt, weil ich sie für zwei Tage auslegen mußte, damit sie gut trocknen und die rote Farbe überdruckt werden konnte. Richtig steril aufgeräumt ist es in meiner Werkstatt nie, ich muß nur aufpassen, daß die Unordnung nicht ins Chaos umschlägt.

Beim Umlegen der Schutzumschläge um den Atlas van de nieuwe Nederlandse vleermuizen von Max Goldt habe ich innen in einem der metallgrünen Umschläge eine Fliege entdeckt, die sich in dem Umschlag bestattet hat. Die Gesamtspannbreite beider Flügel umfaßt etwa 14 Punkt (1p = 0,376 mm). Ich erwog erst, den Umschlag auszusortieren, dann überlegte ich, ihn zum Sonderpreis anzubieten, schließlich legte ich ihn um und registrierte die Nummer des Exemplars. An welcher man sieht, wie weit die Produktion fortgeschritten ist. Heute überreiche ich morgens dem Verleger die ersten Exemplare. Im Verlag wird man sich Gedanken um die Verpackung des Büchleins machen und die Auslieferung der ersten Exemplare vorbereiten. Abends dann erhält der Autor seine Beleg-Exemplare. Neulich hat ein Besucher ein Büchlein durchgeblättert und festgestellt: “Es gibt tatsächlich so was wie typographische Komik.” Und ich merkte: wenn jemand sich an dem Buch vor meinen Augen erfreut, schmilzt meine Selbstkritik. Der wohlwollende fremde Blick verschönt die Arbeit. Das ist angenehm, aber ich werde trotzdem beizeiten das Büchlein kritisch durchgehen. Man lernt ja nichts ohne Kritik.

Freunde gedruckter Worte, die heute an den Lektüre-Luxus von morgen denken, werden den Atlas van de nieuwe Nederlandse vleermuizen von Max Goldt einfach schon heute bestellen.

Presse: Vor einigen Wochen habe ich für das AD-Magazin den Tiefdrucker Niels Borch Jensen in Kopenhagen besucht. Er arbeitet als berühmter Meisterdrucker für Künstler aus aller Welt. Die Arbeiten werden in der Berliner Galerie Niels Borch Jensen in Ausstellungen gezeigt und verkauft. Es lohnt sich, mit der Galeristin Isabelle Gräfin Du Moulin einen Einkaufsbummel zu unternehmen durch die Grafikschränke, die eigentlich Schatzkammern sind und von denen uns die Augen übergingen. Wie die Arbeiten gemeinsam mit Künstlern wie Tacita Dean, Carsten Höller, Thomas Demand, Olafur Eliasson, Rodney Graham, Robin Rhode, Takehito Koganezawa, Anton Henning, Superflex und auch weniger bekannten entstehen (siehe Künstlerverzeichnis der Galerie), habe ich recht ausführlich in der September-Ausgabe von AD erzählt.

Mit mir im Kopenhagener Atelier war der Berliner Fotograf Wolfgang Stahr. Einen ganzen Tag verbrachten wir in Jensens Atelier, und ich war hin- und hergerissen: einerseits den berühmten Drucker und seine Mitarbeiter bei der Arbeit zu sehen, die mir größten Respekt machte, andererseits einem Fotografen von Rang über die Schulter schauen zu dürfen. AD liegt jetzt druckfrisch im Kiosk.

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Und das ist nun der Dank

15. August 2008

Vor einigen Jahren habe ich schon einmal so eine Karte gedruckt, große rote Lettern, in die klein und in schwarz die Namen der Dankenden eingefügt waren. Eine Kundin erfreute sich an dieser Karte so sehr, daß ich nun eine Variante davon drucke. Dafür muß die Farbe so fett aufgetragen werden, daß man die Drucke nicht stapeln kann. Und würde man so einen Stapel durchschießen, so klebte das eingeschossene Papier an der Farbe fest.

Durchschießen? Einschießen? Vor ein paar Jahren erreichte mich die Anfrage eines Übersetzers. Er war auf einen alten Begriff aus der Druckersprache gestoßen, konnte in modernen Lexika keine Erklärung finden und schrieb mir: Wenn ein Journalist 1937 von „durchschossenen Seiten“ schreibt, was genau meint er damit? Der Sinn ist der: Der Journalist soll eine öffentliche Umfrage beantworten. Er tut dies in einem Artikel, fügt aber hinzu: die Wahrheit „tippt Ihnen aber doch keiner auf die durchschossene Seite“. Was meint er? Wie hieße das auf Englisch?

Die Antwort aus der Druckerey lautete:

Mein Herr, zweierlei Erläuterungen darf ich Ihnen vorlegen: eine Kolumne wird durchschossen, indem man Zwischenräume zwischen die Zeilen legt. Der Zeilenzwischenraum ist der Durchschuß. Im Englischen bloß „space“. Vielleicht hat das, was der Journalist meinte, etwas mit „zwischen den Zeilen lesen“ zu tun? So ganz erschließt sich mir der Zusammenhang aber damit nicht. Eine weitere Bedeutung, die der Sache näher kommt, ist das Einschießen von unbedrucktem Papier zwischen frische Druckbogen, deren Entfernung folglich als Ausschießen bezeichnet wird. In manchen Bildbänden folgt auf einen Kunstdruck eine unbedruckte Seite, diese Art Bücher heißt durchschossene Bände. Auch wenn diese Seiten für Notizen gedacht sind. Geschäftsbücher wurden früher mit Löschpapier durchschossen. Aber ob das eine „durchschossene Seite“ ist? Kann sein. Es ist zwar eigentlich eine eingeschossene Seite in einem durchschossenen Buch, aber die Fachsprache geht manchmal auch verquer. Und nun aus dem Oxford Dictionary:
durchschießen
b (Buchbinderei) interleave
c (Druckw.) space out
einschießen
f (Druckw.) interleave; insert

Holzlettern sind von großem Reiz. In ihnen selbst und auch in ihrem Druckbild kann sich die Handarbeit nicht verstecken. Freilich richte ich die Buchstaben zu, klebe Seidenpapier hinter manche Lettern, um sie zu heben oder zu verkanten, damit sie gut ausdrucken. Aber ich treibe es nur soweit, daß man das Wort gut lesen kann. Das Nicht-Perfekte entspricht unserer Vorstellung von schöner Handarbeit.

In seinem Buch „Handwerk“ (2008) schreibt Richard Sennett: „Angesichts der rigorosen Perfektion der Maschine wurde der Handwerker zu einem Emblem menschlicher Individualität, das seine Grundlage in der positiven Bewertung von Abwandlungen, leichten Mängeln und Unregelmäßigkeiten der Handarbeit hatte.“ (Seite 117) „Erst wenn wir verstehen, wie etwas auf perfekte Weise getan werden kann, vermögen wir die Alternative zu erkennen: ein Objekt, das etwas Besonderes an sich hat und Charakter besitzt.“ (Seite 143)

Diese knallroten „Embleme menschlicher Individualität“ sind besonders eigen. Jeder Abzug weicht vom anderen ab, weil ich alle paar Abzüge neue Farbe auf die Walzen gegeben und verrieben habe, weil ich auch manchmal getrockene Farbpartikel nicht entfernte, wodurch sich noch mehr Unregelmäßigkeiten zeigen. Die Drucke werden nun ein paar Tage trocknen, dann bringe ich schwarze Schrift dazu, der Entwurf dafür steht noch nicht fest.

Meine Kundin wird in die Offizin kommen, und dann entwickeln wir gemeinsam einen Entwurf. Ein bißchen verspielt und Dada. Und weil ich von dem roten Vordruck etliche Exemplare zusätzlich gedruckt habe, ergibt sich auch ein Angebot, Karten einzeln zu kaufen. Dafür überlege ich mir noch einen zweiten Entwurf, den ich dann freilich hier zeigen werde.

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