Mit Hilfe eines Schlauches
Damals, als ich angestellter Schriftsetzer in der Druckerei Rapputan in der Friedrichstraße war, 1990 oder so: Wenn mein Kollege, der Drucker, und ich (der Setzer) gegen 11 Pause machten (der Arbeitstag reichte von 6 bis 15 Uhr), ließ er, mein Kollege, den Heidelberger (Drucktiegel, produziert 1926 bis 1985) manchmal weiterlaufen.
Wenn er zum Beispiel Kohlenzettel druckte, die in großer Auflage hergestellt und an Berliner Haushalte verteilt wurden. Plötzlich, und hatte er auch gerade von seiner Stulle abgebissen, sprang er auf und rannte zur Maschine. Wenn er nicht gerade abgebissen hatte und was sagen konnte, rief er: “Ein Geräusch!” Manchmal hörte ich es dann auch, etwa wenn ein Bogen in die Walzen geraten war. Meistens aber war es ein leises Klirren, Schleifen oder Quietschen, das nur er, der Drucker hörte. So ein Heidelberger macht schöne Geräusche durch das Ansaugen des Bogens, das Drehen des Propellers, der die Bogen an die Anlage und in die Auslage führt, das Rollen der Walzen und das Klappen des Tiegels. Kürzlich suchte ich etwas in meinem Druckerlehrbuch und las mich mal wieder fest (Foto). Die Vorstellung, daß ein Drucker mit einem Schlauch im Ohr um seine Maschine herumläuft, ist eine erheiternde. Es muß sich um große Schnellpressen gehandelt haben.
Bei meinen Maschinen brauche ich keinen Schlauch, und wenn ich drumherumliefe, stünden sie, denn sie werden durch Muskelkraft angetrieben.
Entweder durch den Arm, der den Hebel zieht, oder durch das Treten des Pedals. Aber auch ich weiß inzwischen, wie sich meine Maschinen anhören müssen, und wenn es ein fremdes Geräusch gibt, suche ich die Quelle der Störung. Eine Schraube kann sich gelockert haben. Wenn sie herausfällt, kann es böse enden, deshalb muß man dem Maschinenlauf lauschen. Nun ja, nicht lauschen, man merkt es ja sofort, ein neues Geräusch. Man hört auch, wie dick die Farbe über die Walzen zieht, ob sie mit ihr schmatzen oder leise zischen. Der Drucker ist zumindest immer halb Ohr.
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Artikel in der FAZ über Hermann Zapf
In “Bilder und Zeiten” in der FAZ steht heute ein schöner Text von Hannes Hintermeier über Hermann Zapf. Gelegentlich wird die erste Schrift von Zapf, die für den Bleisatz gegossen wurde, “Gilgenart” genannt. Nicht nur FAZ, auch der “Druckspiegel”, natürlich die Wikipedia und einmal im Web sogar die Linotype (für die Zapf seit 70 Jahren arbeitet) wollen der Schrift auch im Namen Kunst zugestehen. Google, schlauer, bietet bei der Suche nach dem falschen Namen auch auch an: “Meinten Sie Gilgengart”? Denn sie heißt Gilgengart, benannt nach einem von Hans Schönsperger 1520 in Augsburg erstmals gedruckten katholischen Gebets- und Erbauungsbuch: dem Liliengarten.
Online steht unter dem Artikel der Leserbrief eines Herrn Stefan Pohl aus Leipzig: “Warum gibt es in einer Zeitung, die sich Architektur-, Theater- und Filmkritik leistet, eigentlich keine regelmäßige Typographiekritik? Schriftbenutzer gibt es einige mehr als Theaterbesucher, da wäre das doch nicht unbillig. Auch erscheinen regelmäßig neue Schriften auf dem Markt, deren Qualitäten mindestens ebensoviele Ansätze zur Besprechung böten wie irgendwelche Theaterinszenierungen in der deutschen Provinz.”
tags: hermann zapfDem Delbanco-Knigge lieber nicht f-olgen
Gerda Delbanco bietet in ihrem Netzladen, der keine Netze verkauft, sondern ein deutscher Internet-Shop ist (wenn Sprachpflege mißverständlich wird, wirkt’s arg vaterländisch), Frakturschriften an. (Die Puristen der Goethe-Zeit wollten die dumme lateinische Nase in den feinen deutschen Gesichtserker umbenennen. Da fiele einem noch einiges ein …) Die Qualität der Digitalisierungen kann ich nicht beurteilen, mir erscheinen sie brauchbar. Die Schriften sind anständig mit den für guten Satz nötigen Ligaturen ausgestattet. Zu jeder Lieferung schickt die
Firma gratis auch einen “Fraktur-Knigge” mit, der wahrscheinlich die Satzregeln für gebrochene Schriften enthält. Ob man sich damit wirklich auskennt, scheint unsicher. Denn die Titelseite ist recht lustig gesetzt. Das Wort “Der” versteckt sich hinter dem Titel, dann kommt eine Weile ein schwarzes Nichts, und danach läuft der Satz weiter. Er hopst recht hurtig eine holperige Schräge hinab — und verschluckt sich dabei. (Bilder vergrößern mit einem Klick.)
“Schrei-bstuben” ist keine ideale Trennung, auch zu Zeiten der Fraktur als Verkehrsschrift hat man so keine Zeilen umbrochen. Und in “Sch-wabach bei München” ist man auch noch verunglückt. Ob diese Broschüre wirklich eine brauchbare Anleitung für den Satz einer Schrift bietet — Zw-eifel bleiben.
Hermann Zapf wird heute 90 Jahre alt. Mehr über den berühmten Schriftkünstler (Optima, Palatino, Zapf-Dingbats u.v.a.), Kalligrafen, Typografen und Techniker (hz-Programm) demnächst auf dieser Bühne.
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