Was warum schön ist

24. November 2008

Kürzlich wurde hier in den Kommentaren eine Schrift aus einem Fachbuch schön genannt. Ich war erstaunt, denn in meinen Augen ist dieselbe Schrift unschön. Bei Reklameschriften mag die Schönheit manchmal allein im Auge des Betrachters liegen, aber für die meisten Schriften kann man sagen, nach welchen Kriterien ihre Schönheit gemessen wird. Namentlich für die Schriften in Büchern, die gelesen werden sollen. Ein Alphabet, das dem lesenden Blick Barrieren aufbaut durch besondere Buchstabenformen, kann nicht in einer schönen Schrift geschrieben sein. Die einzige Funktion von Schrift in einem Lesebuch ist, gelesen zu werden. In den nebenstehenden Fotos (alle aus dem “Lehrbuch für Buchdrucker” von Arthur W. Unger, Wien 1922) finden wir gleich mehrere Buchstaben, die “Hallo, ich bin eine originelle Type!” rufen und das Lesen erschweren: G, M, K und vor allem das f mit seinem Knick im Hals. Das erste Kriterium für die Schönheit einer Schrift ist ihre Anpassung an die Lesegewohnheiten, die sich in Jahrhunderten herausgebildet haben. Ob wir Romane oder Sachbücher oder Zeitungen gelesen haben, wir sind mit der französischen Renaissance-Antiqua aufgewachsen. Wer heute 70 Jahre und älter ist oder die Bücher seiner Eltern und Großelten gelesen hat, dem ist auch die Fraktur vertraut. Würde man uns einen Roman von Thomas Mann aber in der Unziale vorlegen, würden wir nach einigen Sätzen das Buch unlesbar nennen. Es gab zu Zeiten der Unziale noch keine Romane und keine Leser im heutigen Sinne. Die Unziale kann eine schöne Schrift sein, aber eher im dekorativen Sinne. Für Lektüren spielt sie keine Rolle. Nur eine Schrift, die ihre Funktion erfüllt, also beim Gelesenwerden anscheinend unsichtbar wird und sich in Gedanken verwandelt, kann schön sein. Wenn sie schön tut, aber beim Lesen stört, ist sie bloß eitel. Ein Haus, über deren erste Stufe wir fallen, deren Tür wir nur mit großem Kraftaufwand öffnen können, an dessen Fenstersturz wir uns den Kopf stoßen, kann kein schönes Haus sein, außer für Masochisten.

Wir werden uns dieser Schrift in dem Ungerschen Lehrbuch als einer Schrift für Lektüre (also weder für Torten noch für Kranzschleifen) ein wenig nähern. Betrachten wir einige Buchstaben genauer. Der häufigste Buchstabe in der deutschen Sprache ist das e. Es hat seine Idealform seit der Renaissance zwar variiert, namentlich in seinen Maßverhältnissen zu den Ober- und Unterlängen der Schrift, (Oberlänge in b, Unterlänge in p), in seiner Linienführung und in seiner Rundung. Aber der kleine Querstrich des e läuft seit der französischen Renaissance nicht mehr schräg nach oben wie in den venezianischen Vorläufern. Diese Schräge im e hat die hier besprochene Schrift in dem Buchdruckerlehrbuch aufgegriffen, sicherlich nicht, um der Lesbarkeit zu dienen. Außerdem sitzt der Querstrich deutlich tiefer als in den venezianischen Vorbildern etwa von Nikolaus Jenson. (Solche Namen nenne ich hier nur gelegentlich für Leser, die über die Blog-Lektüre hinaus Anhalte für weitere eigene Forschungen verwenden möchten.) Vielleicht hat man die Schräge aus den e der gebrochenen Schriften übernommen: die “Romana”-Schriften, von denen die Schrift in dem Buch eine ist, enstanden Ende des 19. Jahrhunderts, als man in Deutschland noch vor überwiegend Fraktur entwarf, goß, setzte, druckte und las.

Zu den anderen Buchstaben und zu den Maßverhältnissen der Schrift in den nächsten Tagen mehr. Ich will versuchen, sie einmal gründlich zu untersuchen, sowohl um selbst etwas zu lernen als auch meinen Lesern Anhaltspunkte zu geben, Druckschriften zu bewerten. Die Lesbarkeit durch Anpassung an die Konvention ist nur eine Voraussetzung für eine schöne Schriftform und bildet noch nicht selbst Schönheit. Dazu später.

Widerspruch ist mir als Belehrung willkommen. Wer eine solche oder Anmerkungen und eigene Ausführungen mit Bildern ergänzen möchte, möge sie mir als E-Mail übersenden, ich würde sie dann für die Veröffentlichung als Gastbeitrag prüfen oder in meine Beiträge als längere Zitate einfügen.

Gestern im Blog Sehsucht gefunden: das Foto einer Plakat-“Korrektur” als Hinweis auf das Interesse an Schrift in der Öffentlichkeit: Link

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Vornehm

17. November 2008

Mein Hamburger Kollege, Schriftsetzer Helmut Bohlmann, schickt mir ein Foto von einem Schächtelchen aus seinem Fundus: Vornehme Visitkarten und merkt an: Überzugspapier bedruckt und mit Leinenprägung versehen. Er schätzt, daß es aus den 20er oder 30er Jahren stammt. Ich find’s sehr hübsch. Würde an meine Produkte aber nicht ranschreiben, daß sie vornehm sind.

Die Karten meiner Werkstatt werden, sofern das Format paßt, in einer angemessenen Verpackung ausgeliefert, einem hözernen Schiebedeckel-Etui, das ich nach gemeinsamer Konstruktion mit dem Hersteller in einer fränkischen Holzwarenfabrik fertigen lasse. Die erste Lieferung war aus Nußbaum-, die zweite aus leicht gebeiztem Kirschbaumholz, und die dritte, die demnächst ankommen soll, wird aus ungebeiztem Kirschbaumholz sein, das nachdunkeln kann. Fein lackiert natürlich.

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Klecksen

13. November 2008

Neben den typografischen und satztechnischen Aufgaben gibt es in einer Druckerei auch drucktechnische Herausforderungen, beispielsweise mit der Farbe. Auf dem nebenstehenden Bild ist das Wappen der Buchdrucker zu sehen, d.h. ein Teil davon: Die Bauersche Gießerei datiert die Entstehung des Druckerwappens in ihrem Titel „Aventur und Kunst“ von 1940 auf das Jahr 1466, als (…) Johann Mentelin in Straßburg die erste Bibel in deutscher Sprache (druckte). Im gleichen Jahr verlieh ihm Kaiser Friedrich III. ein Wappen: Hieran scheint die im übrigen unbegründete Sage von der Verleihung eines allgemeinen Buchdruckerwappens anzuknüpfen. 1640 wird in dem Drucker-Zäuner-Tanz, den Martin Rinckhardt für die Leipziger Buchdrucker gedichtet hatte, zum ersten Male der Greif als Druckerwappen erwähnt, während sich in einem von Thimothes Ritzsch verfaßten Festgedicht der früheste Hinweis auf die Sage von der Verleihung des Wappens durch Kaiser Friedrich III. findet. 1654 nahmen die Buchdrucker in Jena als Zeichen ihrer Gesellschaft ein Wappen an (…); dieses erste vollständige Buchdruckerwappen, von dem wir wissen, zeigt im Schilde und auf dem Helm einen Greifen mit den Druckerballen. 1668 verewigte der Dichter Siegmund von Birken im fünften Band seiner zu Nürnberg erschienen Ausgabe des Fuggerschen Spiegels der Ehren des Erzhauses Österreich die inzwischen entstandene Sage von den Ehrungen der Buchdrucker durch Kaiser Friedrich III.:

„Dannenhero wurde dieser Kunst Verwandte, anfangs von jedermann beehret und bereichert: wie denn K. Friedrich sie, Gold zu tragen, auch sonsten dem Adel und den Gelehrten gleich, befreyet, und in Sonderheit den Schrift-Setzern einen Adler, den Druckern aber einen Greif, mit dem Druckerballen in der einen Klaue, und beide Wappen mit offenem Helm, verliehen.“

Die Vergrößerungen zeigen das Problem: im ersten Bild steht zu viel Farbe, die außerdem noch über den Druckstock gewischt wird, weil die Walzen zu stramm über den Druckstock gehen. Um den sauberen Druck auf dem zweiten Bild zu erreichen, wurde Farbe reduziert und wurden die Walzen minimal weiter weggestellt.

Es gibt aber ein Satz-Element, das zwei unterschiedliche Höhen hat: das Numerierwerk. Auf der nebenstehenden Fotomontage ist oben die Nummer mit dem unsauber druckenden Nummernzeichen zu sehen, unten das verbesserte Druckbild. Unter dem Nummernzeichen verbirgt sich der Plunger. Wenn dieser niedergedrückt wird, springt das Numerierwerk eine Ziffer weiter. (Man kann manche Werke auch so einstellen, daß sie nur alle zwei, drei oder zehn Drucke springen — man verwendete diese Werke früher für Formulare wie Durchschreibesätze.) Das nächste Bild zeigt, wie das Nummernzeichen mit Farbe zugeschmiert wird. Die Walze rollt nicht auf dem Zeichen ab, sondern sie wischt darüber, die Farbe sammelt sich neben dem Bild, das eigentlich drucken soll. Läßt sich das verhindern? Wenn das Werk im rechten Winkel zu der Laufrichtung der Walzen steht, dann schon. Dafür habe ich eine Lösung erfunden. Eigentlich kann man das Problem nicht lösen und muß das Verschmieren als Markierung durch de Technik hinnehmen, aber wenn das Werk eben gedreht wird, gibt es eine Lösung: ich habe so lange Papier und Klebeband auf den Laufschienen der Walzen aufgeschichtet, bis sich diese über den Plunger heben. Das schont die Gummiwalzen und ergibt das bessere Druckbild. Ich hab mir sehr auf die Schulter geklopft für meine Erfindung. Leider weiß ich keine Lösung für den Fall, daß das Werk parallel zu den Walzen steht. Aber künftig werde ich zusehen, daß ich die Form entsprechend drehen kann.

So ein Numerierwerk ist eine tolle Erfindung. Von innen habe ich noch keines gesehen, aber es ist schon von außen ein respektheischender Anblick. Nach dem Drucken muß man es gewissenhaft mit Formwaschmittel, einem fettfreien Waschbenzin, reinigen. Restpartikel könnten es blockieren. Dann glitten die Nummern nicht mehr weiter, blieben auf halber Strecke stehen oder blockierten gänzlich. Mit Feinöl wird es nach der Reinigung versorgt und kommt zurück in sein vor Staub schützendes Behältnis. Es gibt verschieden große Numerierwerke, mit hohem und mit Niedrigplunger (letztere reagieren sensibler auf Druck, sind teurer und empfindlicher, schonen aber die Walzen). Und es gibt vorwärts- und rückwärtslaufende. Mein früherer Chef riet mir, als ich vor vielen Jahren mein erstes kaufte, ein rückwärtslaufendes Numerierwerk zu kaufen, wofür ich ihm bis heute dankbar bin. Denn beim Drucken legt man ja die fertigen Drucke mit dem Druckbild nach oben ab, so daß man, würde man ein vorwärtslaufendes Werk verwenden, die niedrigste Nummer als letztes Blatt im Stapel hätte und ggf. alles umsortieren müßte.

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