Sapere aude! | Retrodesignbuch V und Schluß
Habe den Mut, deinen Verstand zu nutzen; das ist das Motto der Aufklärung — ist man seiner Sprache sehr zugeneigt und hat schöne Literatur regelmäßig über
Jahrzehnte gelesen, eignet man sich wohl ein Gespür an für die Sprache der Jahrhunderte. Die feinen Gerichte, die Goethe, Stifter, Gotthelf der Menschheit aufgetischt haben, habe ich mir lange und immer wieder neu auf der Zunge zergehen lassen. Zu sehr, um einen faden Wortbrei für eine Gourmetleistung zu halten, wie sie die Autoren von “Retrodesign” mir als Kant-Zitat unterschieben wollen. Ich habe Kant nicht gelesen, aber 1784 wird ein bedeutender Philosoph nicht so plump gebrabbelt haben, wenn er seinem Gedanken Strahlkraft geben wollte, also auch Erhabenheit.
Sapere aude! Dieses Zitat habe ich mal auf ein Briefpapier gedruckt und weiß seither, daß es von Horaz ist. Kant hat es in der Einleitung seines Aufsatzes “Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?” so übersetzt: “Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!” und fügt an: “ist also der Wahlspruch der Aufklärung.”
Sich etwas zu bedienen, das man bei sich hat, das jederzeit für jeden verfügbar ist, ist etwas anderes als etwas nur zu “nutzen”. Klingt gar Luxus darin mit? Vielleicht Geschicklichkeit? Man nutzt seinen Löffel und einen Nürnberger Trichter, dafür braucht man weder Mut noch Verstand.
Erstens denkt man sich Zitate nicht aus, zweitens werden Zitate im Lektorat geprüft. In diesem Buch ist es anders.
Wird man auf eine derart breite Spur gesetzt, findet man meistens weiteren Unfug. Die Walbaum von Erich Justus Walbaum wurde 1850 gemacht? Soso, elf Jahre nach Walbaums Tod, is ja doll. Die “Didot” aus Tschicholds Meisterbuch der Schrift ist von Didot? Für die Abbildung einer Didot hätte man ein sicheres Original nehmen sollen, nicht Tschicholds Buch. Die Schriftgießerei Deberny & Peignot, von der die Schriftprobe im Meisterbuch stammt, hatte mindestens drei Zuflüsse klassizistischer Typen, nachzulesen bei Bertheau (1995). Eckehart SchumacherGebler hat mir gesagt, er habe die Schriften verglichen, die im Tschichold sei keine von Didot, sondern von Molé. Auch Tschichold irrte gelegentlich.
Falsches Zitat, falsche Jahreszahl, fehlende Recherche eines seit 1995 veröffentlichten Problems. Man kann sich nicht um Details kümmern, wenn man ein solches Buch macht, wird die Antwort sein. Ich vermute, es sind in dem Buch diverse solcher Fehler zu finden. Ich bin kein Kunsthistoriker, aber wenn schon mir solche Dinge auffallen, dann scheint nicht sehr viel Sorgfalt aufgewendet worden zu sein.
In diesem Buch geht es um Masse. Im Textteil rauscht man nur so durch die Kunst- und Designgeschichte. Kurze Texte, und die haben es in sich. Da liest man beispielsweise zur mittelalterlichen Buchkunst: “Die Illustrationen waren zunächst in einem eher simplen Stil gehalten, mit der Zeit wurden sie jedoch immer komplexer und detailreicher. (…) Gutenbergs Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern kam einer Revolution gleich. Die Schrift wurde kreativ gesetzt. Formsatz war beliebt, vor allem Spitzkolumnen.” Und zur Farbe: “Zur Zeit der Renaissance wurden sowohl in der Buchmalerei als auch in der Keramik meist die Grundfarben Rot, Blau und Gelb in Kombination mit Weiß bzw. hellen Tönen genutzt. So machten die Gestaltungen einen lichten, freundlichen Eindruck, auch wenn viele Objekte vollständig mit Mustern verziert waren.”
Im besprochenen Buch gibt es keine Abbildung der mittelalterlichen Buchmalerei, ich zeige mal eine recht zufällig gegriffene aus einem Band mit Abbildungen eines Stundenbuches von Philippe de Mazerolles, dem Hofmaler von Karl dem Kühnen, der um 1470 als solcher wirkte. In dem kostbaren Erbauungsbuche finden wir den Kindermord zu Bethlehem. Welch prachtvoll orangerotes Kleid die Mutter trägt, die sich gegen
den Soldaten nicht wehren kann, der gerade ihr Kind durchbohrt mit seinem Schwert. Rot ist auch das Blut der Leichen. Links davon thront Herodes im blauen Gewand, der die Ermordung aller bethlehemitischen Kinder angeordnet hat. Um das Bild herum ein reich verzierter Rahmen, allerdings kommt die grüne Farbe nicht gerade spärlich vor. Hell und freundlich ist das alles, aber ja, die Menschen ziehen auch keine sonderlichen Grimassen bei dem Gemetzel.
Da sieht man, wohin die Verkürzung führt. “Lichter und freundlicher Ausdruck” der mittelalterlichen Kunst, abgeleitet von drei Farben. So viel Naivität ist ärgerlich.
Hier wird Halbwissen verbreitet, und zwar mit einem Anschein der Wissenschaftlichkeit, der mich besonders zornig macht, nämlich didaktisch aufbereiteten Zeitstrahlen. Diese Dinger habe ich schon als Kind in der Schule verabscheut. Sie erzählen keine Geschichte, sie hacken sie in auswendig zu lernende Schnipsel. Und so ist auch das Designbuch zusammengeklaubt: man erfährt nicht, wie im Mittelalter Bilder aufgebaut und Buchseiten konstruiert wurden, statt dessen wird einem erzählt, man habe mit Rot, Blau und Gelb freundliche “Gestaltungen”
geschaffen. Man erfährt nicht, wie es zur Elementaren Typografie kam, der Name Tschicholds wird gerade mal erwähnt, seine Bedeutung und seine Argumentation für die Neue Typografie werden mit keinem Wort erfaßt. Und natürlich liest man hier auch nichts über den Meinungswandel des bedeutendsten Typografen des 20. Jahrhunderts. Für Details ist in diesem Buch kein Platz. Es ist dem Gedanken der pädagogischen Geschichtsschreibung verfallen, die uns unsere Vergangenheit in Epochen zergliedert, deren Sprache wir angeblich nicht verstehen können. So hält man die Menschen vom Vergnügen der Bildung fern. Man sagt ihnen, daß es überschaubar und leicht verständlich sei. Ein paar Begriffe, ein paar Zahlen, schon ist man Historiker. Und steht dann arglos vor mittelalterlicher Malerei — und jede Aussage auf dem Bild wird von blindem Blick erfaßt: Blau und Gelb, wie nett.
Dieses Buch ist niemandem zu empfehlen. Irgendwo las ich, daß es für Studenten geeignet sei. Schlimm. Ich würde Studenten sagen, daß Wissenslücken und Unkenntnis niemals aufhören. Und daß man diese Lücken nicht mit Halbwissen zudecken sollte, sie reißen dann nämlich wieder auf, wenn es darauf ankommt. So wie bei den Autoren dieses Buches, die sich vollkommen übernommen haben. Will man sich einem Gegenstand nähern, sollte man sich Zeit nehmen. Will man das Mittelalter verstehen, sollte man Arno Borst lesen. Will man die deutsche Sprache in ihrer umfassenden Schönheit erfassen, soll man erstens den Nachsommer von Stifter lesen, denn schönere deutsche Prosa gibt es nicht, und zweitens Gedichte. Will man mittelalterliche Buchkunst verstehen, lese man Monographien mit Bildbeschreibungen, ein Lexikon zur Hand, um die biblischen Namen nachzuschlagen, die dort genannt werden. Will man wissen, was Typografie soll und kann, dient einem Tschichold. Man erfaßt einen Gegegenstand erst, wenn man sich um Genauigkeit bemüht, und dann wird man mit Verständnis belohnt. Das macht glücklich. Das Retrodesignbuch wird niemandem helfen, gutes Design zu produzieren, es ist überflüssig.
tags: buchkritik retrodesignKommentare [3]
Produktdesign
Neulich war es sehr heiß, als ich meine Schüler von ihrer Schule abholte, und meinem Vorschlag, ihnen als erste Unterrichtsmaßnahme des Nachmittages ein Eis zu spendieren, wurde mit Wohlwollen entgegengetreten. In der Werkstatt dann war es zwar etwas kühler, aber ich hielt es für angebracht, zur Schonung unserer Nerven keinerlei Arbeitserwartung auszusprechen. G. wollte das erste Kapitel hören aus dem wunderbaren Buch von Franz Fühmann “Die Hälse der Pferde im Turm von Babel”, also las ich vor. Nachdem man sich bei dem Sprachspielkapitel um Wörter mit nur einem Vokal etwas erholt hatte, fing F. an eine Mappe für ihr bereits gedrucktes Briefpapier zu konstruieren, die wir binnen zwei Stunden sogar fertig hatten. Mit eingeklebter Lasche für die Briefbogen, gedrucktem Titel und rotem Band zum Schließen, das Mädchen hat Talent. G. freute es zu hören, daß seine DÜL-Karten Anklang gefunden haben. Und J. entwickelte erstaunlichen Einfallsreichtum im Produktdesign.
Keineswegs möchte ich hier eine Debatte über Kriegsspielzeug lostreten und merke nur dies an: Wer andern verbieten will, solches zu verwenden oder selbst zu bauen, unterrichtet in erster Linie nicht den Pazifismus, sondern, durch das Verbot, die Diktatur. Ich spreche in der Werkstatt auch Verbote und Gebote aus: man darf hier nicht rennen, beispielsweise, und man muß sich, wenn man Blei angefaßt hat, vor dem Keksverzehr die Hände waschen. Anweisungen, die mit Gefahrenabwehr begründet werden und für jeden einsichtig sind, also keine ideologischen oder Meinungsdiktate.
Als diese Maschinenpistole skizziert und gebaut wurde, aus Wellpappe und mit einem Cutter,
hätte ein Moralpädagoge vielleicht gute Gründe für Einsprüche. Aber Moral ist in deutlich gezogenen allgemeingültigen Grenzen vor allem: Privatsache. Kinder sind vollwertige Menschen, und es steht mir nicht zu, die moralischen Grenzen für sie nach eigenem Ermessen enger zu ziehen als allgemein üblich. Einst hab ich wie fast alle Buben sehr viel mit Plastikpistolen, Holzgewehren und Gummimessern hantiert — und mir ist echte körperliche Aggression heute so recht zuwider.
Ich war also moralisch unbeeindruckt, zumal Kinder in diesem Alter Wirklichkeit und Wirklichkeitskonstruktion (also Spiel) unterscheiden können, und dafür aber sehr angetan von der Geschicklichkeit, mit der hier gezeichnet und geschnitten wurde. Und als das Gewehr aus Wellpappe sich als zu flexibel erwies, griff sich mein humorvoller und geschickter Gast die Schablone und erfand derart ein Ding, das zugleich Waffe und Schild mit Sehschlitz ist. Was mich sehr amüsierte. Ausstellungen über Produktdesign an Hochschulen zeigen auch nichts anderes als solche Dummies.
tags: kinderNetzfund | Retrodesignbuch IV
Etwas verspätet habe ich noch eine lange Besprechung von HD Schellnack gefunden. Mit großer Anstrengung, niemandem wehzutun im Design-Betrieb, liefert der Autor einen lesenswerten Verriß, der nur einen Blinden dazu bringen kann, dieses Buch zu kaufen. Ausführlich wird am Anfang und am Ende der Rezension der günstige Preis des Buches und der Fleiß der Autoren gewürdigt, aber in der Mitte liest man deutliche Worte:
“Und was will man mehr von einem Buch — auch wenn die Autoren es vielleicht gar nicht primär beabsichtigen — als die Sinnlosigkeit und den Stillstand von Design über Jahrhunderte und Dekaden hinweg eben Seite um Seite gezeigt zu bekommen: Beispiele für ein Designverständnis, das nichts anderes tut als alten Wein in neue Schläuche zu füllen? Retrodesign ist es allein schon wert, gelesen zu werden, um mit eben Retrodesign als gestalterischer Strategie bitte ein für alle Mal aufzuhören.”
Muß man dafür das Buch wirklich lesen? Ein Phänomen der Buchbesprechung im Internet scheint die Furcht vor Liebesentzug zu sein, wenn man es mit wirklich oder vermeintlich mächtigen Größen zu tun hat. Man merkt es auch an Einschüben, die die eigene Auffassung als kleine Privatmeinung, was an einem Blog eines einzigen Menschen überflüssig ist, zu relativieren scheinen:
“Insofern ist der jugendliche Optimismus, den die Autoren mit Retrodesign verbinden — aber dies ist natürlich nur meine persönliche Meinung — nicht in dieser Form angebracht und reduziert Design auf das Zitat, den Remix, das Mash-Up kultureller Fragmente. Tatsächlich lese ich Retrodesign eher als Warnung, nicht andere kunsthistorische Epochen zu klonen, sondern selbst eine eigene klare, frische und zeitsymptomatische Semantik in Kunst, Architektur, Objekt- und Mediendesign hervorzubringen.”
Eigentlich meint der Autor wohl, das Buch ziele in die falsche Richtung. Aber daß eine andere Meinung als die vom Verlag erhoffte in Komplimente verpackt wird, zeugt vom Druck, dem sich ein Rezensent ausgesetzt fühlt: Wie begegne ich den Verlegern beim nächsten Kongreß, wenn ich ihr Buch öffentlich schlecht gefunden habe? Diesen Druck gibt es überall, auch im Literaturbetrieb. Auch ich habe anfangs vorsorglich darauf hingewiesen, daß aus dem Verlag auch Bücher kommen, die ich ohne Einschränkung für ausgezeichnet halte. Wir haben wohl ein beklemmendes Kritik-Verständnis. Es ist aber auch ein netter ziviler Zug, niemandem wehtun zu wollen. Ich bin zwiegespalten.
Zurück zum besprochenen Buch: HD Schnellnack weist in seinem wirklich erhellenden Text präzise auf die emotionalen Fallen des Retrodesigns hin, auf die naive Kuscheligkeit, die sich in Nostalgie äußert. Für dieses Unbehagen fehlten mir die Worte. Mir fehlt aber auch noch ein Lektüre-Teil, vielleicht schaffe ich es morgen, mir den Textteil anzusehen.
tags: buchkritik retrodesignKommentare [7]
