Ein Blick in den Fundus
Gestern suchte ich für einen Kunden einen Druckstock im Fundus. Eine Bäckerbrezel. Hab auch eine gefunden. Eine hölzerne, also als Holzstich. Diese Stiche wurden vor hundert Jahren viel produziert. Sie wurden vorgeätzt und dann nachgestochen.
Das Bild ist nicht mehr ganz klar, aber vielleicht ist es für den Auftrag gerade geeignet.
Bei der Gelegenheit habe ich noch weiter im Fundus gestöbert. Wenn man Bestände eines Betriebes übernimmt, wandert manches unbesehen in den Schrank, damit erst einmal alles verstaut wird. Diese Rundsätze liegen bestimmt seit zehn Jahren bei mir, ich kann mich gar nicht erinnern, woher sie gekommen sind. Da entdecke ich heute
einige Rundformen mit kyrillischen Typen wieder. Die habe ich mir noch nie so genau angesehen. Bei diesem mußte ich ja lachen. Wer die Buchstaben zu lesen versteht, wird verstehen, warum: deutsche Sprache in russischer Schrift. “Schtammbetrib” ist doch hübsch, was?
Was Postawtschik heißt, weiß ich nicht. Rechts das heißt wohl “Zentrales Jugendobjekt”. Aber was bedeutet stroiltelnoi utschastok? Und gasoprowod?
Und das FDJ-Zeichen ist ein hölzernes. Ob das noch aus den dreißiger Jahren von den Exilgruppen der FDJ stammt? Oder hat man in der DDR noch Holz gestochen für Gebrauchsgrafik?
In dem Fundus befinden sich neben betrieblichen auch religiöse und politische Sätze.
Und diese Kombination zeigt, was eine Druckerei, erlebt sie einen Systemwechsel, für Aufträge bekommt.
Noch ein Fund: Der englische Schweizerdegen Justin Knopp hat eine ganz wunderbare Website gefunden, nämlich Woodtyper. Die Bilder! Mir zieht’s die Schuhe aus, während mich ein Elch knutscht, den eine Lok streift. Und da geht’s zur: Rob Roy Kelly American Wood Type Collection.
tags: kreissatz, rundsatzKommentare [6]
Eine neue Arbeit vom Kollegen Designer
Ich kann diese Verpackung für das neue Hörbuch von Max Goldt nicht fotografieren. Es ist ein schönes sattes Gelb, sonnig, das Gelb reifer, ungrünlicher Zitronen, worauf mit einem zarten violetten Grau die Schrift gedruckt wurde. Die Schrift ist dunkler als der Hintergrund, aber …
… wenn ich aus dem Foto die Farbe nehme, kehren sich die Lichtverhältnisse um.
Mein Kollege Frank Ortmann hat den gemeinsam mit Max Goldt entwickelten Entwurf umgesetzt, also die Schrift gezeichnet und angeordnet, ich habe hier und da auf Anfrage meinen Senf hinzugegeben.
Solche Schriftzüge werden nicht mit der Feder geschrieben, sondern gezeichnet. Man nennt das heute Lettering.
Das Design korrespondiert mit dem neulich besprochenen Buch “Ein Buch namens Zimbo”, das im Herbst erscheint. Das Hörbuch (mit anderem Inhalt) ist schon auf dem Markt. Und ich kann es empfehlen. Auch für Besucher der Lesungen gibt es hier unbekannte Töne, weil Texte in Dialogform mit interessanten akustischen Mitteln zu kleinen Hörspielen geformt wurden. Im übrigen kommen die teils ein wenig überarbeiteten Texte aus dem in der Druckerey vom Bleisatz gedruckten Büchlein Atlas van de nieuwe Nederlandse vleermuizen zu Gehör. Von welchem es übrigens noch zwei, drei Exemplare mit leichten Mängeln (buchbinderisch bedingte Knicke auf einer Seite) zu kaufen gibt, allerdings wegen Seltenheitswert des Buches zum Normalpreis von 38 Euro.
Spielwiese
Für einen Stammtisch, zu dem drei Herren aus dem Berliner Literaturleben (oder sollte man -wesen sagen?) alle sechs bis acht Wochen in ein Lokal am Prenzlauer Berg einladen (das sich, seit ich als 16jähriger Lehrling gelegentlich darin saß, kaum verändert hat), drucke ich die Einladungen. Die gedruckten und durch Namen handschriftlich ergänzten Einladungen erhöhten die Attraktivität ungemein, sagen die Gastgeber. Die Einladung sieht jedesmal anders aus, zum 5. Jubiläum kam nun eine von den Zierziffern der Schrift Saphir zum Einsatz.
Und die Rückseite gehört mir und meinen Launen. Ich drucke einen Hinweis auf meine Werkstatt und tobe mich mal mehr, mal weniger aus. Diesmal
hatte ich keine rechte Idee, aber Lust zum Spielen. Also fügte ich anfangs planlos ein Element zum andern, im Laufe der Druckgänge entsteht dann doch ein Bild. Es entspricht nicht recht meinen Vorstellungen von Typografie. Typografie muß man planen, auch das spielerische Bild. Dieses hier ist dem Zufall zu verdanken: erst sah ich die Katze, die ich “immer schon mal” drucken wollte, dann den Hund, der mir als Gegensatz geeignet erschien, dann fiel mir der Zusammenhang zum Zitat ein, und ich zog den Fisch hinzu (ein stark abgenutzter Holzstich): Hund, Karte, Fisch bilden eine gewisse “Entwurfsvielfalt” ab, wenn diese Geschöpfe wahrscheinlich auch nicht mit der GoldEdition erschaffen wurden. Ich würde diesem Bild den Reiz des Spielerischen zugestehen. Richtig wäre gewesen, erst auf die Idee zu kommen und dann den Entwurf zu planen. Aber das ziellose Spiel entspricht immerhin dem Stammtisch: Man trifft sich dort nicht mit dem Ziel, Geschäfte zu machen, sondern einen netten, eigentlich ziellosen Abend in interessanter Gesellschaft zu verbringen.
Dieses Katzengesicht steht schon seit langer Zeit in meinem Bild-Fundus. Dieser Abdruck ist ein wenig fleckig.
Es ist ein Kunststoff-Klischee, das man Nylo-Print nennt.
In der Vergrößerung sieht man die Rasterpunkte, aus denen sich die Halbtöne des Bildes ergeben. Wenn sich zwischen den Punkten zuviel Farbe festsetzt, muß man das Drucken unterbrechen und die Platten mit Waschbenzin ausbürsten. Im Buchdruckgewerbe wurden Lehrlinge in den ersten Tagen früher gern in andere Abteilungen geschickt: “Hol mal ne Tüte Rasterpunkte!”
Kommentare [11]

