Aus den Ecken gekramt

14. Mai 2010

Aus der kursiven Walbaum in Petit (8p) habe ich nun den Text gesetzt, um das gestern gezeigte “Schwimmbecken” mit Satz anzufüllen.

Auf der Suche nach eingekreisten Ziffern fand ich in einer der selten untersuchten Ecken mit Krempel eine Tüte Dingbats, also Zeug, das der Setzer nicht im Setzkasten findet und sich in einem gesonderten Fach beiseite legt. Ich hab das Tütchen geleert und die kleineren Lettern im Winkelhaken aufgestellt, um sie wegsortieren zu können. Hübsch, was sich da fand. Währungszeichen, natürlich ohne Euro. Aber den brauchen wir ja vielleicht eines Tages sowieso nicht mehr. Symbole für Geschlechter, Telefonsymbole, Pfeile.

Und ich fand auch die Ziffern in Kreisen.

Sogar kleine Bruchziffern. Oder so ähnlich. Oben römisch, unten arabisch. Sieht amtlich aus. Von dieser II/73 fand ich drei Stück.

Diesem Foto ist zu entnehmen, daß es sich um eine recht knifflige Arbeit handelt. Die 4-Punkt-Ziffern sind nur anderthalb Millimeter hoch. Der Schriftgrad 4 Punkt heißt übrigens Diamant.

Bei näherer Betrachtung sehe ich: Diese Teile sind nicht so hohl gegossen worden, man hat sie aufgebohrt. Und manchmal ist dann auch etwas gebrochen.

Trotzdem kann man das Teil noch drucken, auch mit halbem Fuß steht es noch auf Schrifthöhe.

Dieses Bild erinnert mich an Ansichten von unterirdischen Gängen, wie manche Tiere sie bewohnen.

Die Solemnis in Cicero (12p) paßt in einen Kreis auf Text-Kegel (20p). Vielleicht heute, vielleicht am Montag kann der Druck des ersten Bogen starten.

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Es weihnachtet am Schwimmbecken | Über Kreativgetöse

13. Mai 2010

Endlich beginnt die Satzarbeit am neuen Buch von Max Goldt. Ich kam einfach nicht eher dazu, und eigentlich wollte ich auch noch mehr Satz ablegen, bevor ich mit der großen Arbeit beginne. Sei’s drum, der Ablegesatz kann warten, es muß losgehen, sonst läuft mir die Zeit davon und nimmt die Lust womöglich mit. Hier zu sehen ist ein Bild vom Bau des ersten Druckbogens im Schließrahmen des Heidelberger Tiegel, bestehend aus Seite 5 und Seite 28, was sich aus der Heftung eines Buches von 32 Seiten erklärt, deren Druckbogen ineinandergesteckt werden und so der äußerste Bogen die erste und die letzte Seite trägt, was sich nach innen hinein fortsetzt, bis auf der einzigen echten Doppelseite (ein Fachbegriff) die inneren Seiten, also 16 und 17 nebeneinander gedruckt werden. Ob der Drucker die richtigen Seiten in die Druckform zueinandergestellt hat, ergibt sich aus dem Addieren der Seitenzahlen. Deren Summe muß immer eines mehr als die Seitenmenge des gesamten Buches ergeben. Also 5 und 28 sind ebenso 33 wie 16 und 17.

Links in der Druckform die Seite 28, die den Titel “Drei Weihnachtsbilder” trägt, gesetzt aus der Solemnis von Günter Gerhard Lange. Drum herum gibt es Tannenzweige, Sterne und Kerzen — und es ist merkwürdig, im Monat Mai mit Ornamenten zu arbeiten, die gewöhnlich nicht vor Oktober und nicht nach Dezember in Dienst genommen werden.

Rechts ein Text mit der Überschrift “Insgesamt so sieben Leute”. Hier werden zwei Futura-Schnitte mit der Sinkwitz-Gotisch vereint. Diese Buchseite wird übrigens nach dem Auflagendruck zusätzlich als werbender Handzettel gedruckt, was der erste Grund ist, diesen Bogen als ersten zu drucken. Er wird zweifarbig in grün und rot gemacht, es dauert also noch ein paar Tage, bis er fertig zu sehen sein wird.

Als ich am Mittwoch die Arbeit abends beendete und fotografierte, stellte sich mir dieses Bild dar, das mich an ein Schwimmbecken erinnert. Es ist eine Freude für den Schriftsetzer und Drucker, die Typografie, den späteren Druck, hinter den Kulissen als eine tiefe, dreidimensionale und mit den Händen nach Augenmaß zu formende Welt in wirklicher Größe wahrzunehmen, nicht als reine Oberfläche, in einen verfremdenden Maßstab gesetzt, wie es am Bildschirm meistens notwendig wird. Ich frage mich eben, inwiefern dieses Bild die Arbeit der mittelalterlichen Typografen beeinflußt hat. Vielleicht gar nicht, waren sie doch nicht der Kreativität, sondern der Schönheit des Überkommenen verpflichtet. Gebrauchsgrafische und typografische Kreativität, die nicht dient, sondern nur die grafische Idee an sich herausstellt, wird überschätzt, weil sie in den allermeisten Fällen nur modisch ist in einem Bemühen um Andersartigkeit. Es bedarf vielmehr der unsichtbaren Kreativität, der Lösung kleiner Probleme für ein schönes Gesamtbild, das keine Mühe im Schöpfertum zeigen soll.

Ich lese im Internet oft über die Mühen, die von Anfängern, also Studenten etwa, beispielsweise an Plakate gesetzt werden. Die wenigsten Gebrauchsgrafiker werden später Plakate machen, und man sollte diese Arbeit überhaupt wenigen Spezialisten überlassen, denen eine grafische und kalligrafische Ausbildung mehr dienen würde als eine typografische, von der man für große Flächenwirkung nur einige Grundlagen benötigt. Plakate sind wie Handzettel kurzlebig und verdienen so viel Aufmerksamkeit nicht. Die wenigsten können als Kunstwerke gelten, die meisten sollen bloß etwas verkaufen und biedern sich dem Betrachter an und schwatzen ihm etwas mit Laustärke und ohne Geschmack auf.

Bedeutsamere Arbeiten scheinen mir erstens das Buch zu sein, und zwar nicht das heute oben beschriebene, von mir begonnene typografische Liebhaberbuch, sondern das Lesebuch, weil wir es für unsere eigene Bildung benötigen, viel mehr als alle anderen Drucksachen. Und zweitens Akzidenzen wie Speisekarten und Einladungen, die schönen Erlebnissen einen gefälligen Rahmen geben sollen. Eine Speisekarte verspricht weniger Anerkennung als eine Reklame für ein Produkt, sie bringt keine Preise ein, sie ist aber in Wirklichkeit wichtiger als der ganze Ramsch von Design, der, umtanzt von Meinungsblasen, auf bunten Veranstaltungen von Designclubs gefeiert wird, deren gleichförmige Aufgeregtheit daraufhin deutet, daß sie selbst Produkte sind, die Hersteller und Verbraucher definieren — mit zweifelhaftem Gewinn.

Ein Beispiel für dieses Getöse findet gerade in Frankfurt statt, mit Internet-Stars und Box-Weltmeister und Top-Kreativen und Future-Congress und Kreativer Elite und einer 350köpfigen Jury — und die Sprache entlarvt die Absicht: “Vom 12. bis 16. Mai 2010 wird sich die Stadt Frankfurt in ein Kreativ-Mekka verwandeln: Der Art Directors Club für Deutschland e.V. veranstaltet in der Main-Metropole den ADC Gipfel 2010. Das Festival ist das größte Branchentreffen dieser Art im deutschsprachigen Raum. Den Auftakt des diesjährigen Gipfeltreffens bildet …”

Mekka ist ein islamischer Wallfahrtsort, zu dem man pilgert. “Gipfeltreffen in der Metropole” — Ein Kindergeburtstag ohnegleichen. Aber genagelt wird auch: “Die Gewinner des ADC Wettbewerbs werden am Abend des 15. Mai 2010 geehrt und mit einem bronzenen, silbernen oder goldenen Nagel ausgezeichnet. Auf der Gala trifft sich alljährlich die kreative Elite, um mit den Wettbewerbsgewinnern zu feiern.” Gibt es Galas nicht auch auf Kreuzschiffahrten? Was mir dazu einfällt, behalte ich für mich.

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Mit Erler-Versalien gratulieren

11. Mai 2010

Weil die erste Geburtstagskarte ausverkauft ist, habe ich eine neue gedruckt. Und weil ich lieber etwas neues mache als für eine Nachauflage die Druckform nachbauen, ist es nun eine Klappkarte im Hochformat, geschlossen DIN A6 (105 × 148 mm), zweifarbig gedruckt in dunkelrot und dunkelgrün.

Die Karte wurde mit einem ultramarinblauen Farbschnitt veredelt.

Die Erler-Versalien sind von der Schriftgießerei Typoart in Dresden im Jahr 1953 gegossen worden nach Entwürfen von Herbert Thannhaeuser, der auch die auf dieser Karte gedruckten Meister-Ornamente gezeichnet hat.

Für den Schmuck habe ich Stunde um Stunde gebraucht. Ich habe nicht viel Erfahrung mit dem Einsatz von Schmuck, und wie ein Anfänger tat ich anfangs von allem zu viel dazu. Der Rahmen war ungekonnt überladen durch zu viele verschiedene Ornamente und hatte oben und unten noch Aufbauten. Erst habe ich nach jedem Abzug noch Dinge hinzugefügt, statt wegzunehmen, bis mir der Gedanke kam, daß Schmuck ja wie Schrift behandelt werden kann: Wenige Schriften, wenige Größen, wenige Schnitte, wenig von allem. Das war ein interessanter Unterricht, denn anfänglich war die Reduzierung ergebnislos. Erst als ich entschlossen alle Blümchen bis auf eines entfernte und alle floralen Teile bis auf die Eckstücken und alle abweichenden Ornamente bis auf zwei Mittelstücke in den seitlichen Rahmenlinien, war der Rahmen gut. Auch unten wurde die Zahl der verschiedenen Ornamente reduziert, jetzt sind es nur noch drei. Nun weiß ich also auch ein bißchen mehr über das Ornament. Reichhaltigkeit richtig zu erzeugen, muß ich bei Gelegenheit noch lernen. In meiner Ausbildung war Schmuck übrigens gar kein Thema, abgesehen von einer Linie hier und da. Immerhin. Eine Berufsausbildung zum Schriftsetzer in nur 18 Monaten reicht an keinem Ende. Klassizistischer Schmuck ist ja eine ganz andere Welt als der renaissanceartige Schmuck auf dieser Karte. Und die Elementare Typografie der Moderne hatte wieder ganz andere ornamentale Bilder.

Lieferung und Preis: Im Online-Shop der Druckerey LetterpressBerlin erhältlich.

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