Viele Schriften auf einer Seite
Es sind zwar nur zwei halbe Texte, das ist keine Doppelseite, sondern ein Druckbogen mit den Seiten 26 (links) und 7 (rechts), aber so große Textpassagen kann ich nicht scharf zeigen. Zum dunklen Rötlichblau kommt im nächsten Druckgang noch Orange. Aber über einige Details darf ich schon plaudern, zumal sie nichts mit dem Textinhalt zu tun haben, sondern mit seiner Form.
Apropos Form, dies hier ist die Druckform im Schließrahmen. Das Buch wird komplett vom Bleisatz gedruckt, Klischees kommen nicht zur Anwendung. Ausschließlich Handsatzqualität. Damit läßt sich einiges anrichten. Neulich las ich (Dank nach Hamburg für den Tip!) ein Interview mit Kurt Weidemann in den Heidelberg Nachrichten (Ausgabe 269, Seite 48ff., online hier)
Darin sagt er, es wäre ihm “am liebsten, wenn wieder der manuelle Bleisatz gemacht würde, weil ich jeden Buchstaben einzeln aus dem Setzkasten holen muss, also zur Gründlichkeit gezwungen bin. Ich habe das Produkt in die Hand genommen und in den Winkelhaken hineingestellt. Ich habe die Zeile spiegelbildlich über Kopf gesehen, die Zeile überflogen, ausgeglichen und mich dann an die nächste Zeile gemacht. In dem Moment, wo ich die Buchstaben spiegelbildlich über Kopf sehe, lerne ich, Formen zu unterscheiden und Qualitäten zu erkennen.” Übrigens erklärt das auch die Fotos vom Bleisatz in diesem Blog, die ich so zeige, wie ich den Satz sehe, also kopfgestellt, damit man von links nach rechts lesen kann.
Weidemann sagt, finde ich, vieles schön und richtig, aber manchmal übertreibt er. Auf die Frage nach typografischen Innovationen antwortet Weidemann: “Für die Typografie sehe ich nur einen geringen Innovationsspielraum, einen äußerst geringen. Da kann man nur etwas fortsetzen, was in 450 Jahren gewachsen ist. Wir brauchen kein einziges neues Alphabet mehr, und ich kenne gute Typografen, die ihr Leben lang mit drei Schriften ausgekommen sind. Heute gibt es 30 000 Schriften auf dem Markt. Davon sind 29 984 überflüssig. Die kann man im Stillen Ozean versenken, ohne einen kulturellen Flurschaden anzurichten. Da geht nichts Wertvolles kaputt.” Sechzehn Schriften will er uns noch gönnen, wobei der einzelne Typograf sich mit einer Handvoll bescheiden soll. Möglicherweise übertreibt er aus pädagogischen Gründen, aber mir ist die Wahrheit lieber als die Erziehung. Der Fundus an Meisterschriften ist seit Jahrhunderten größer als das, was Weidemann uns läßt; und ein Typograf, der mit drei Schriften auskommt, also nicht einmal zwischen zwei Schriften gleichen Stils wählen darf, welche Schriftart hat der denn über Bord geworfen? Renaissance-Antiqua, Übergangs-Antiqua, Klassizistische, Serifenlose, Gotische, Rundgotische, Schwabacher, Fraktur? Von Schreib- und Schmuckschriften nicht zu reden.
So, jetzt ein bißchen Schlamm und Schmutz, denn ich bin kein Bibeltypograf, der sein Lebtag mit drei Schriften auskommen kann. (Es ist ein Andruck auf dem Foto, deshalb so unsauber.) Im Bilde hier die halbfette Fundamental kursiv (Gießerei Ludwig Wagner, Leipzig, Erstguß 1939, Entwurf Arno Drescher), die Bigband (Entwurf Karlgeorg Hoefer, Gießerei Ludwig & Mayer, Frankfurt am Main, Erstguß 1974) und die halbfette Block-Signal (Entwurf Walter Wege für die H. Berthold AG, Erstguß Berlin 1932). Auf der Doppelseite im Buch tummeln sich dann außerdem noch die schmalhalbfette Futura und die kursive Garamond und als Grundschrift die magere Maxima (Gießerei Typoart, Entwurf von Gert Wunderlich, 1960er Jahre, Erstguß 1970?, stimmt das?).
Aber die Doppelseite wird trotzdem anständig aussehen, auch wenn sechs Schriften auf ihr beisammen sind. Hier zwei davon, die Futura unten und die Garamond oben. Zweitfarbe fehlt noch. Es handelt sich um ein Platten-Cover, also gewissermaßen um ein typografisches Zitat im Text.
Hier zeige ich die Satzform; die Garamond mußte um den Kreis, der auf einen eckigen Kegel gegossen ist, herumgebaut werden. War aber keine große Sache.
Die Garamond hat eine ft-Ligatur. Ich habe vergessen, sie zu fotografieren. In der Ligatur ist das t nach oben gezogen, um in den Kopf des f überzugehen. Jan Tschichold hat diese Vergewaltigung des t scharf kritisiert. Ich hatte es erst gesetzt, aber als ich dann die ersten Andrucke sah, habe ich diese Ligatur doch wieder aufgelöst. Wenn man es einmal mit Tschicholds Augen gesehen hat, kann man das ft kaum noch verwenden. Vielleicht in einer kleinen Schrift auf einer Akzidenz, aber für Buchkunst ist die Ligatur zu häßlich. Möglicherweise wollte Thannhaeuser sie gar nicht zeichnen (Erstguß 1955), und die Genossen von Typoart haben ihn überredet.
Die fi-Ligatur ist ja sehr schön.
Auch die ff-Ligatur kann sich sehen lassen.
In der Schriftgießerei hat man so einiges ausgeheckt. Zum Beispiel für die Maxima. Hier kam man auf die Idee, an Ruf- und Fragezeichen, ans Kolon und Semikolon das Spatium, das der Setzer von Hand vor das Zeichen setzt, gleich anzugießen, um dem Setzer einen Handgriff zu ersparen. Der arme Setzer hat aber nicht nur aus der Maxima zu setzen (außer er arbeitet für einen Typografen wie den Bekannten Weidemanns), und so muß er für einen gewohnten Handgriff (Punkt-Spatium vor !?;: und Guillemets in Brotschriftgraden) plötzlich darüber nachdenken, in welchem Kasten er die Finger hat.
Der Satz: an die Ausrufezeichen muß kein Spatium mehr gelegt werden.
Um den Freunden der Werke Max Goldts den Mund wässrig zu machen auf dieses Buch, verrate ich die Überschriften der beiden Texte. Der erste heißt Chcocklers Flops, der zweite Die Elfjährige, die in der Achterbahn ein Kind ohne Knochen gebar. Bestellen kann man das Buch noch nicht, es ist einfach zu früh, mitten in der Produktion.
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Der gotische Barsch
Die am sattesten leuchtende Farbe für unsere Augen. Fische und Kakteen mögen es anders sehen. Als ich die 2000 Druckbogen in Rot durch den Heidelberger laufen ließ, dazu 3000 Buchseiten einzeln für einen werbenden Handzettel, arbeitete der liebe Gehilfe so ruhig und gleichmäßig vor sich hin, daß ich auf dem Handtiegel Visitenkarten drucken konnte. Dazu schallten Bässe aus den Boxen — es war so ein herrlich betriebsamer Krach in zwei Rhythmen (der Handtiegel war mal im Takt des Heidelbergers, mal in dem der Musik), daß ich vor Glück fröstelte.
Das erste Ries Papier von achten ist aufgebraucht. By the way bekomme ich heute einen Brief von der Papier-Union, in dem die Firma, der ich für die köstliche Lieferung von dem Papier Pop’Set in perlgrau für das Büchlein sehr dankbar bin, schon wieder eine Preiserhöhung mitteilt. Ein beigefügtes Blatt stellt die Preisentwicklung für Zellstoff dar. Die Papier-Union schreibt: “Ende März war Zellstoff erstmals in der Geschichte der Papierindustrie teurer als das daraus gefertigte Papier.” Bis Herbst soll sich das Papier erneut (dann zum dritten Mal in diesem Jahr) verteuern. An der Zellstoffbörse, schreibt die Papierunion, werde spekuliert, was zu einer Verteuerung führe. (Und ich dachte bis heute, Spekulation sei eines der Kerngeschäfte von Börsen.) Der Preis für Zellstoff habe sich zwischen Mitte 2009 und Anfang 2010 deshalb fast verdoppelt, auch wegen der Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar. In Chile habe ein Erdbeben Zellstoffwerke mit einer Kapazität von 4 Millionen Tonnen zerstört oder beschädigt, womit 8% der Weltversorgung entfielen. In Finnland streikten im März wochenlang 3000 Hafenarbeiter, weshalb der Papierhandel darniederlag, mehrere Papierfabriken stellten die Produktion ein. Im April streikten 3000 (magische 3000) Arbeiter der Papier- und Zellstoffindustrie in Schweden. Die Nachfrage in Osteuropa und Übersee habe sich während der Verknappung erhöht. So kam eines zu andern.
Der Papierhändler Römerturm hat seine Preise dieses Jahr noch gar nicht erhöht. Letztes Jahr auch nicht. Vielleicht haben sie rechtzeitig angezogen. Ich vergleiche nicht, ich verarbeite zu geringe Mengen, die Papierpreise spielen für feine Kleindrucksachen eine untergeordnete Rolle. Ich kaufe auch künftig gern bei der Papier-Union, weil sie gutes Papier bietet.
So sieht der fertige Druckbogen aus, jedenfalls auf der Schöndruckseite. Die Rückseite kommt natürlich auch irgendwann noch dran. Und scharf lesbar sind die Texte nur im Buch.
Wenn das Buch fertig ist, werde ich wieder eine typografische Zusammenfassung geben. Hier ist eine Christbaumkugel zu sehen, und daß die dritte der drei Kugeln keine Ziffer enthält, hat mit dem Text zu tun. Entworfen ist die Seite für ein liebes Weihnachtsgedicht, aber der so getarnte Text entpuppt sich als Horror.
Diese Seite zeige ich vollständig. Abtippen des Textes vom Foto ist verboten, Urheberrechte liegen beim Autor. Sage ich nur der Vollständigkeit halber. Diese Seite bildet nicht nur die erste des Buches nach dem noch nicht bestimmten Haupttitel, sie wird auch als Handzettel verwendet. Wenn der Buchtitel feststeht, drucke ich diesen und warme Worte auf die Rückseite. Und dann verteile ich die Zettel. Aber wo? In der U-Bahn? Den zahlreichen Verkäufern der Obdachlosenzeitungen hinterher? Oder vor dem Hotel Adlon? Unter den Linden, vor der Humboldt-Uni? Im Porno-Kino? Oder in der Shopping-Mall auf der Schönhauser Allee? Muß ich noch grübeln.
Hier aber schon ein Wort zum Entwurf.
Wie schon bei den beiden Vorgänger-Büchlein (Plastikthermometer und Atlas) habe ich von Max Goldt die Manuskripte ohne Vorgaben zum Entwurf bekommen. Jeder Text bekommt seine Gestalt von mir, und ich darf die Texte typografisch deuten. Also auch der Text mit der Überschrift “Insgesamt so sieben Leute” war ursprünglich ein Manuskript, ohne weitere Hervorhebung. Für den Entwurf lerne ich so einen Text beinahe auswendig, weil ich ihn so oft lese, bis ich meine, seine Winkel und Geheimnisse entdeckt zu haben. Zumindest einige. Die Texte von Max Goldt sind komplexe Kunstwerke, gerade die kurzen.
Vor diesem hier stand ich anfangs etwas ratlos. Er gefiel mir sehr, er gehörte auf Anhieb zur engsten Auswahl (ich bekomme immer ein paar mehr, als dann gedruckt werden), aber ich wußte nicht, warum.
Was ist das eigentlich? Ein Gedicht? Ich hatte für den Entwurf sehr schnell eine Liste der Mitwirkenden eines Programmzettels vor Augen. Es kann sich aber auch um einen Dialogteil handeln. Wie, sieben Leute? fragt einer. Ja, insgesamt so sieben Leute, dann werden die Barsche aufgezählt, anschließend die Kakteen Nimmersatt, eine Sonderrolle nimmt aber ein vierter Barsch ein, weil er von den drei andern abgesondert am Schluß genannt wird und die fragliche Sieben komplettiert. Spielt der vierte Barsch eine Sonderrolle? Wodurch zeichnet er sich aus? Alle Barsche haben es nur zu unbestimmten Artikeln gebracht, während die drei Kakteen zwar nicht durch ihre Namen, aber eine Größenbestimmung (vielleicht doch als Namenszusatz) unterschieden und individualisiert sind. Der vierte Barsch, der nur ein vierter Barsch ist, bekommt die Hauptrolle in meinem Programmzettel. Ob das die Intention des Autors trifft, weiß ich nicht. Bislang waren ihm meine Deutungen recht, er hat sie mit Interesse und Erheiterung aufgenommen, und darauf verlasse ich mich auch bei diesem Buch.
Die Schriften: Programmzettel werden schon lange nicht mehr in Fraktur gedruckt. Dieser hier könnte einer aus den 30er Jahren sein. Die Futura gab es schon, die Sinkwitz-Gotisch erschien zwar erst 1942, aber gotische Schriften gab es freilich auch vorher. Die Sinkwitz-Gotisch von Paul Sinkwitz zeigt etwas von den harten Zügen der nationalistisch verkargten und der Zierde enthobenen Brachialtypen, aber ihr ist auch die Breitfeder noch deutlich anzusehen und sie ist nicht aller Zierlichkeit durch brutale Eckigkeit beraubt.
Die Futura wird hier in zwei Schnitten angewendet: Buch und dreiviertelfett.
In der Futura habe ich in Barsch das ch aus Einzellettern gesetzt, die ch-Ligatur ergibt in sch kein gutes Bild. Im Wort noch ist das ch ligiert, hier hat die Ligatur als Laut eine Funktion. Im Gotisch-Barsch wurde ebenfalls die ch-Ligatur gesetzt, weil ein unligiertes ch hier zu fremdartig wirken würde. Einige oder viele, ich weiß es nicht, gebrochene Schriften hatten auch eine sch-Ligatur, die Sinkwitz-Gotisch leider nicht.
Die Gotisch für den Barsch unterstreicht seine enorme Wichtigkeit, das Tragende und vielleicht Tragische seiner Rolle. Der Schriftwechsel von der Serifenlosen in die Gebrochene gibt dem Text zusätzlich eine historische Dimension, beispielsweise: ein vierter Barsch als mittelalterlicher Bischof. Der Entwurf selbst darf als originäre Stilmischung gelten. In der Dada-Typografie hat man viel mit gebrochenen Schriften gespielt, aber die Mittelachse war in dieser Strenge nicht zu sehen, grüner Druck ebensowenig. Die Farbgebung paßt eher wieder zur Gotik, zu farbenfrohen Innenräumen der Kathedralen und zur Buchmalerei, auch die Betonung der Vertikalen in der Proportion der Seite (Goldener Schnitt). Es sind Assoziationen, die sich durch die Schriftwahl und die Stimmung in Text und Schriftbild einstellen können, typografisch zitiert wurde nicht.
Dies einmal exemplarisch zur Erläuterung der Entwurfsarbeit. Zur ein oder anderen Buchseite werde ich nach Erscheinen des Werkes etwas ausführen, wenn interessierte Leser das Buch als Ergebnis der Praxis mit der Theorie abgleichen können. Mir ist schon klar, daß meine Intentionen nicht in jedem Fall sogleich erkannt werden. Daß der Barsch in der riesigen gotischen Schrift aber eine eigene Komik für den Betrachter entwickelt, auch wenn dieser meine Absicht nicht kennt, möchte ich annehmen. Es ist in der Typografie wie in anderen Kulturtechniken auch: je mehr man über die Form weiß, desto mehr kann man die Form lesen. Es besteht ein Unterschied darin, ob ich eine Fraktur oder eine “industrialisierte” Gotische einsetze. Aber den muß man nicht erkennen, um Freude an dem Text zu finden.
Und jetzt: Zähneputzen. (via PUBLIC SCHOOL)
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Der erste Druckbogen
Eine volle geschlossene Druckform mit Buchseiten — ein schöner Anblick für den Drucker. Am Wochenende habe ich den ersten Bogen des neuen Buches von Max Goldt gedruckt. Neulich hatte ich einen Titel für das Buch präsentiert, aber inzwischen wurde der wieder verworfen, so nenne ich das Buch für mich derzeit nach seiner Umschlagfarbe: das Rote.
Weil ich vorher im Heidelberger Tiegel vom Klischee auf einen dicken Karton geprägt hatte, habe ich den Druck vorsichtshalber stark zurückgenommen. So sieht dann der erste Abzug aus. Es genügt, um den Stand der Form einzurichten.
Mit mehr Druck und Farbe lassen sich dann weitere Korrekturen ausführen. So tastet man sich langsam vor zum guten Druck, also einem fehlerfreien in richtiger Position.
Nach den groben kommen die Feinkorrekturen, hier waren die Versalien besser auszugleichen.
Und weil hier die mittlere Frakturzeile nicht in Grün mitgedruckt wird, kann auch der Raum enger werden, als es die Lettern mit ihren Ober- und Unterlängen erlauben.
Die Solemnis soll nicht zu stark gesperrt (spationiert) werden, wie ihr Entwerfer Günter Gerhard Lange mir erklärt hatte. Ein wenig Harmonisierung braucht sie aber auch.
Schrift und Weihachtsornamente sind auf 12p-Kegel gegossen, also etwa 4,5 mm hoch.
Nach den Korrekturen im Satz und in der Presse zieht der Drucker sehr zufrieden den ersten guten Bogen aus der Ablage des Tiegels.
Und dann geht es los mit der Auflage. Ich lasse die Maschine nicht sehr schnell laufen, für 2000 Druck braucht sie dann doch deutlich mehr als eine Stunde, zumal mit Unterbrechungen, um neue Farbe aufzutragen.
Damit die Farbe nicht auf der Rückseite abzieht, bleiben die Bogenstapel niedrig. So wird der Druck auf die unteren Bogen nicht so stark. In den nächsten Tagen folgt die zweite Farbe. Die ersten Druckbogen fertig zu sehen, ist ein überaus erfreulicher Anblick. Der erste Druckgang von etwa 25, es liegt noch viel Arbeit vor mir. Der Bleisatz wird gleich wieder abgelegt, denn mir fehlt der Platz für 32 Buchseiten Satz.

