Typografisch niesen
In diesem Text wird das Bild eines Niesens mit entsetzlichen Folgen heraufbeschworen. Und es schien mir angebracht, dieses Niesen bildlich umzusetzen.
Auf diesem Bild ist das Loch in der Kolumne zu sehen, in welches das Niesen eingebaut werden soll.
Zuerst wurden die drei Zeilen gesetzt und in das Loch gehoben.
Dann wurden sie gespreizt. So etwas macht Drucker sehr nervös, denn der Schrägsatz muß fest im Schließrahmen sitzten, damit er nicht spießt, also Teile des Blindmaterials durch die Erschütterungen der Druckmaschine nach oben auf die Höhe der Schrift wandern und mitdrucken. Noch schlimmer wäre, wenn der Satz sich so lockert, daß er in die Maschine fällt. Aber das ist mir (natürlich, würde ich dreist behaupten wollen) nicht passiert. Die Form war fest, ich habe aber trotzdem etwas öfter das Druckbild geprüft.
Und dieses Foto zeigt die Explosion des Niesens während einer Mahlzeit. Daß die Unger-Fraktur zur Futura gestellt wurde, kann man politisch deuten, wenn man es auf den Text bezieht. Ich habe keine politische Deutung intendiert, mir erschienen die Ligaturen in dem unregelmäßig spationierten Satz gut geeignet zur Illustration von der beschriebenen Bröckchen. Die Fraktur hat viele Ligaturen, und man darf sie auch im gesperrten Satz nicht auflösen. Das kam mir entgegen, auch wenn die Satzregeln für diese bildliche Darstellung zu vernachlässigen sind.
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Haupttitel, zweiter Druckgang
Baustelle Märchenschloß: Nach dem gestern gezeigten ersten Gang mit schwarzer Farbe folgt hier ein Bild vom kompletten Haupttitel. Die Versalien sind nicht ausgeglichen, sondern stehen eng. Bis auf den Abstand zwischen E und M in EINEM, der war zu auffällig eng, da steckt ein halber Punkt drin (0,188 mm). Ich beziehe ich mich mit meiner Entscheidung gegen den sonst üblichen und notwendigen Versalausgleich auf den Kalligrafen Rudolf Larisch, der in seinem Schreiblehrbuch ausführt, daß engstehende Versalien zur Betonung einer eigentümlichen ornamentalen Wirkung zulässig sind. Von Larisch habe ich bislang nie etwas erzählt, sehe ich mit Blick ins Register. Muß ich bei Gelegenheit nachholen.
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Haupttitel, erster Druckgang
Liegenlassen lohnt sich. Eine Entwurfsidee beurteilt man nach ein paar Tagen kritischer. Ich hatte neulich schon erste Abzüge vom Haupttitel gemacht. Nun habe ich die Lichte Futura für den Namen des Autors durch die Lichte Largo ersetzt.
Der Entwurf soll gewissermaßen gegen den Text gebürstet sein. Jedenfalls innen. Keine riesigen Pinsel-Lettern für das Wort “Nackt” und keine Schnörkel für das “Märchenschloß”. Stattdessen Orange, die Farbe der Berliner Müllabfuhr, gestreifte Schranken, ungeordnet fließende, breiige Außenform, ein amorphes Gebilde mit spröden Balken. Der Hinweis auf den Typografen als Regisseur einer schrägen Inszenierung in Englisch. Ein Gegensatz zu dem sehr deutsch klingenden Wort Märchenschloß mit Umlaut ä und versalem Eszett. (Max Goldt bevorzugt, wie auch ich, die unreformierte Rechtschreibung.)
Aber ob sich die erwünschte Wirkung einstellt, wird man erst im zweifarbigen Druck sehen. Mit dem Wort Märchenschloß habe ich noch etwas vor …
tags: largo, max goldt, märchenschloß, versales ßKommentare [10]

