Ein Zeichen für die FDP
Vor gut einer Woche bat die “Welt am Sonntag” eine Handvoll Designer um Vorschläge, wie die FDP ihr Logo “aufpeppen” könne, “entsprechend der neuen, jungen Führungsspitze”. Bild und Erklärung waren gewünscht, und weil mir gleich etwas einfiel, habe ich etwas beigesteuert. Wenn mir auch an aufpeppen so wenig gelegen ist wie an einer Partei, die den Freiheitsbegriff nur noch als Ballast mit sich herumzuschleppen scheint, so ist doch die Idee der “Welt” interessant genug, sich mit der Sache zu befassen, und ich hab mich über die Anfrage gefreut.
Meine in der Zeitung nur ganz knapp zitierte Anmerkung dazu lautet ungekürzt: Der FDP wünsche ich, daß sie sich löst vom Zwang zum Versprechen individuellen Glücks durch Sicherheit und materielles Vermögen, welches der Staat unserer Tage seinen Bürgern aufdrängt.
Die Schrift Walbaum aus der Goethezeit mit passenden Ornamenten und Klärchens Bangen um Egmont sollen die einzige liberale Partei an Risiken und Möglichkeiten der Freiheit erinnern, an die sie nur noch selten denkt. Die FDP darf ruhig etwas pathetischer sprechen und mutiger das Ansehen der Freiheit verteidigen, denn es droht unter die schweren Räder allgemeinen Wohlstandes zu geraten, wie ihn auch Diktatoren als das einzig wahre Glück aller in Aussicht stellen, während sie die Macht der eigenen Kaste meinen.
Die Welt hat online ihren Artikel bislang ohne Bilder veröffentlicht.
Mit der Schrift hat sich niemand weiter beschäftigt, und das war auch nicht der Wunsch der Zeitung. Mir fällt nur auf, wenn ich die anderen Entwürfe und überhaupt alle deutschen Parteizeichen sehe, daß die halbfette bis fette Serifenlose offenbar als zeitgemäß gilt.
Das ist auch sicherlich so, denn die sozialistische Idee (Überwachen und Versorgen) geistert kräftig wie nie zuvor durch alle Parteien, und wenn die Serifenlose einer Idee zuzuordnen ist, dann eben der Moderne und ihren Vorstellungen von Gleichheit, die als Ideologie des 20. Jahrhunderts immer Gleichförmigkeit und nicht Eröffnung gleicher Möglichkeiten bedeutet hat, was ohnehin in einer offenen Gesellschaft nur im Ansatz erreichbar ist. Die Serifenlose und die Pinselschriften sind die Werbemittel moderner Ideologen. Lautstärke siegt. Eine Partei, die sich den Liberalismus auf die Fahne zu schreiben vorgibt, sollte sich auch in ihrer Bild- und Zeichensprache der Aufklärung zuwenden. Einfach etwas intelligenter aussehen.
Lustig finde ich, daß die “Welt am Sonntag” meinen Vorschlag als Zuwendung zu Genscher und Hamm-Brücher interpretiert. Aus der Genscher-Zeit stammt ja dieses “verklemmt-korrekte” (Welt) Zeichen in Blaugelb. Hildegard Hamm-Brücher, die seit 2002 nicht mehr Mitglied der FDP ist, würde ich allerdings keine Visitenkarten in einer serifenlosen Type drucken, zu ihr paßt mein FDP-Zeichen recht gut, scheint mir.
Zwei Ideen der anderen gefallen mir: Erik Spiekermann schafft die drei Buchstaben in einem seiner beiden Vorschläge gleich ganz ab und setzt den Titel der Shakespeare-Komödie “Was ihr wollt” unter das Gelbfeld. Christoph Kunzendorf heftet das tumbe Facebook-Zeichen “Gefällt mir” unter die drei Buchstaben und kommentiert: “Der Facebook-Button verdeutlicht die völlig neue Richtung der FDP und ist Inbegriff für Jugend und Aktualität. Genau wie Dr. Philipp Rösler, der durch seine Kandidatur neue Dynamik in die Partei bringt.” Das Lachen bleibt mir im Halse stecken. So düster ist es um die einzige Partei bestellt, welche die Freiheit überhaupt noch für erwähnenswert ansieht. Wenn sie auch schon viel zu lange nicht mehr darüber redet, was damit gemeint sein könnte.
Kürzlich versuchte ich, Facebook-Mitglied zu werden. Ich habe es einen Tag lang ausgehalten. Als ich schon nach Sekunden der Mitgliedschaft die erste “Freundschaftsanfrage” von einer Freundschaft des echten Lebens erhielt, fiel mir ein Stasi-Verhör von vor 20 Jahren ein. Der Offizier hatte mein beschlagnahmtes Adreßbuch vor sich und verlangte: “Nun sagen Sie mir mal zu allen Personen etwas, die hier drinstehen. Vergessen Sie niemanden!”
tags: bleisatz, fdp, walbaumKommentare [1]
Typengreif
Meine Beiträge sind nicht nur rar geworden, weil so viel zu drucken ist. Ich beteilige mich auch daran, die Arbeit von Georg Kraus weiterzuführen, dem Bleisetzer aus Ratingen, dessen Tod eine große Lücke gerissen hat und die Versorgung mit Bleischriften aus dem von ihm geführten Preußischen Bleisatz-Magazin zum Versiegen brachte. Und diese Arbeit bedarf sehr viel Zeit, zumal uns die Fachliteratur fehlt, aus der Georg Kraus die von ihm in den Handel gebrachten Schriften identifizieren konnte.
Wir haben in der Nähe des alten Standortes ein neues Magazin aufgebaut: das Bleisatzmagazin Rheinland. Hier kommen nun wieder Schriften und Geräte zum Verkauf. Wir arbeiten derzeit zu dritt im Magazin, mir in Berlin obliegt es, die Güter zu bewerten und die Fotos mit Text zu versehen und die Schriften, Geräte und Werkzeuge für den Bleisatz im Online-Shop in den Handel zu bringen. Ein sehr spezieller Fund ist der Typengreif.
Dieser Industriestaubsauger für Druckereien dient dazu, Setzkästen von Staub zu befreien, ohne daß die Lettern ausgeräumt werden müssen.
Man senkt den schwarzen Rüssel in ein Fach mit Buchstaben, saugt alle Lettern ein, öffnet dann die Ventilklappe. Die Lettern fallen entstaubt wieder aus dem Auffangebehälter, an dessen Übergang zum Schlauch ein Sieb eingesetzt ist. Der Staub wird aufgesaugt, die Lettern purzeln zurück ins Fach. Man verwendet dieses Gerät auch zum Umsortieren von Schrift. Weil ich keine Vorstellung habe, was so ein Ding kosten soll, versteigern wir es wie die Blumengroßhändler. Der Preis setzt oben an und purzelt, bis jemand ihn einfängt.
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Das Hamburger Wunder
Es könnte die Luftaufnahme einer Stadt (in der Mitte landwirtschaftlich genutze Flächen) sein. Ist es aber nicht. Für Schriftsetzer ist es ein prachtvoller Anblick: eine komplizierte Druckform aus Bleisatz mit Schmuck und Messinglinien. Es gibt nicht mehr viele, die solche Formen bauen können. Der Setzer muß hier sein technisches Können einsetzen, denn die großen Formen kann man nicht nach Lehrbuch bauen. Auf die großen Breiten tragen die Satzformen auf, alle die kleinen Unregelmäßigkeiten im Material, jedes Staubkörnchen, rechnerisch geht eine solche Form nicht auf, aber sie muß im Schließrahmen passen. Es braucht einige Erfahrung, solch eine Form zu setzen.
Dieses Plakat “Typographisches von A bis Z” ist in der Grafischen Abteilung des Museums der Arbeit in Hamburg entstanden unter den Händen von Michael Krüger. (Bezugsquelle am Ende des Textes)
Zugrunde liegt dem Plakat das Setzkastenschema, und einmal außen herum wurden die Fächer ersetzt durch kurze Texte über typografische Dinge, auf diesem Foto sieht man die Erklärung der Begriffe Brotschriften und Cicero.
Es ist so eine Freude, dieses Ergebnis von satztechnischer Spielfreude zu sehen, daß ich es dem geneigten Leser zeigen möchte, der abgeneigte wird sich zu helfen wissen.
Der Text ist aus der Gill gesetzt worden, die der Kollege Erich Hirsch auf der Monotype gesetzt und gegossen hat. Auf den Vergrößerungen erkennt man die Linienanschlüsse der Rahmen. Die waagerechten Linien sind die durchgehenden, die senkrechten stoßen darauf.
Dieses Bild zeigt die Fügungen der Serifen-Darstellung. Es zeigt allerdings auch Schwächen in der Zurichtung der Schrift. In dem Wort Antiqua wird es deutlich: ti kleben zusammen, zwischen q und u ist mehr Luft als gut.
Gar nicht so kompliziert, diese Form herzustellen, die Idee aber, auf die muß man erst mal kommen, das ist hübsch gemacht.
Dem Impressum ist zu entnehmen, daß 1000 Plakate gedruckt wurden auf dem Heidelberger Cylinder.
Es gäbe noch einige andere Möglichkeiten, Initiale einzubauen. Eine sehr hübsche Fummelarbeit. Ich hätte gern mitgemacht.
Das Museum hat also einigen Bleisatzschmuck in seinen Kästen. Das Druckerwappen gehört allerdings nicht zu Gutenberg. Die früheste Erwähnung nennt das Jahr 1466, Gutenberg hatte ein eigenes Familienwappen.
Schön sind die praktischen Erklärungen. Nun wüßte ich noch gern: Gibt es wirklich 3 Punkt starke Linien? Aus Messing oder aus Blei? Oder ist sie gestückelt? Oder eine hochgestellte Dreipunkt-Reglette?
Von diesem Ausschnitt ist im nächsten Bild der Bleisatz zu sehen.
Nach präzisen Tabellensatzregeln ist so ein Kunststück nicht zu setzen. Daß Messinglinien auf Lettern stoßen, darf hier also nicht reklamiert werden.
Welch wildes Gestückel! So eine Form dürfte bei jedem Setzer anders aussehen, aber man erkennt deutlich, wie daran gedacht wurde, daß die Schließform am Ende hält, nämlich an den verschränkten Formen, also daß möglichst keine rechnerisch gleichgroßen Felder im Blindmaterial entstehen, sondern möglichst viel miteinander verzahnt wird. Großartig!
Von diesen 1000 Plakaten sind noch welche erhältlich. Sie kosten nur 20 Euro per Stück, und bestellen kann man sie direkt beim Setzer Michael Krüger, der Bestellungen per E-Mail selbst entgegennimmt.
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