Junge Setzer und Drucker, Teil 1
Kürzlich erzählte ich hier von dem Beginn meiner Zuneigung zum Bleisatz, entstanden in der Arbeitsgemeinschaft “Junge Schriftsetzer” im Berliner “Pionierpalast”, einem phänomenalen,
in der DDR einmaligen Freizeithaus für Kinder und Jugendliche im “Pionierpark” mit “Pioniereisenbahn” in der Berliner Wuhlheide, und von meiner Lehrzeit. Ich habe nicht viel aufbewahrt aus dieser Zeit meiner frühen Jugend, wir haben Postkarten, Plakate, Briefpapier, Visitenkarten gedruckt. Nicht nur meine Familie, die halbe Schulklasse habe ich mit Visitenkarten ausgestattet. Aber zwei Büchlein sind doch noch da. Ich zeige sie hier auf einigen Fotos.
Die typografische und satztechnische Beschaffenheit dieser Büchlein ist von solider Güte. Ich war damals stolz auf dieses Gemeinschaftswerk mehrerer Jugendlicher und Kinder (der Jüngste war zehn Jahre alt), und ich bin es heute noch. Und zwar nicht, weil ich an irgendeiner Drucksache gearbeitet habe, sondern weil dieses Buch den Anforderungen
genügt, die gebildete Menschen an ein Buch stellen, egal wie alt sie sind. Unser Meister Wolfgang Holtz war einerseits ein großer Pädagoge, indem er uns lehrte, wie die Dinge gemacht werden und man dem Machen Freude abgewinnt; er war andererseits ein Antipädagoge, weil er unter einem kindgerechten Buch nichts Niedliches verstand, sondern beispielsweise ein
angemessenes Format für kleinere Hände, kleine Schriften für gute Augen, gut geschriebene, verständliche Texte für einen kindlichen Sinn. Er hat diese Bücher nicht aus falsch verstandener kindlicher Perspektive entwickelt, die oftmals nur dümmlich wirkt, sondern in unserem Sinne für unsere Bildung. Wir haben gelernt, wie man ein Buch macht, also auch, was ein Buch ist. Wir
hatten es nicht mit einem Lehrer zu tun, der unserer Phantasie freien Lauf ließ. Phantasie ist in der Typographie zwar gefragt, aber sie muß gelenkt werden, sie entfaltet sich in starken kulturellen Grenzen, sonst kommt Quatsch heraus. Vernünftige Kinder sind dieser Art der aus der fiktiven Höhe aufs vermeintlich naive Gemüt herabgeneigten Quatschvermittlung (“auf Augenhöhe” – begibt man sich mit geschrumpften Senioren auch auf eine solche?) kaum zugeneigt.
Ich habe in der Schule nie die Zufriedenheit über einen Bildungszuwachs erlebt, wie ich sie in der Arbeitsgemeinschaft gewann. In der Schule wurde mir mein interessegeleitetes Lernen als Fehlverhalten vorgeworfen; in der Arbeitsgemeinschaft „Junge Schriftsetzer“ wurde nur gelernt, was interessierte, und das reichte immerhin dafür, daß ich im ersten
halben Jahr meiner Lehre kaum neues erfuhr. Aus der Befriedigung von Interesse erwächst Lernbegierde. Erfolgreich lernt nur, wer sich für etwas interessiert. Ich war kein guter Schüler, aber ich hatte Interessen, und aus Interessen erwächst Antrieb und Erfolg. In der Beurteilung meiner Schule hätte gestanden, daß sie nicht in der Lage war, mein Interesse an Themen zu
erwecken, die höchst interessant sind. Wolfgang Holtz konnte das – und ich würde ihm unterstellen, daß er keine erzieherischen Ambitionen hatte, sondern seine Freude an der Arbeit mit uns teilen wollte. Er hatte es freilich auch leicht in einer Umgebung, in der die Sache, die Technik, Aufmerksamkeit fordert und die Menschen nicht zum Erscheinen gezwungen werden. Ich fühlte mich dort so wohl, daß ich nicht nur einmal pro Woche, wie es vorgesehen war, meine Zeit dort verbrachte, sondern viele Nachmittage. Manchmal kam man auch nur, um den andern zuzugucken, am Tisch zu sitzen und zu plaudern. Eine Setzerei ist gemütlich.
Auf den ersten Fotos ist ein ABC-Buch aus der Druckerei abgebildet. Wir haben das Buch selbst in Leinen gebunden. Erläuterungen: Eine Hochzeit ist ein doppelt gesetztes Wort oder ein doppelt gesetzter Satzteil. Eine Leiche ist das Gegenteil davon: fehlende Wörter. Ein Fliegenkopf ist das Abbild einer auf dem Kopf stehenden Type, also im Satzbild ein Fleck
anstelle eines Buchstaben. Ein Satzschiff ist ein schweres Blech, auf dem man Bleisatz-Kolumnen transportiert und aufbewahrt, es dient auch als Arbeitsunterlage. Versalien sind Großbuchstaben, Gemeine sind Kleinbuchstaben, und Flattersatz ist eine Satzform ohne Worttrennungen, in der die Zeilenlänge dem Zufall, dem Sinn oder dem typografischen Entwurf
untergeordnet wird. Im glatten Satz (heute Blocksatz genannt) werden nach dem Setzen einer Zeile die Wortabstände geändert, um eine bestimmte Länge der Zeile zu erreichen. Quadraten, Stege, Ausschluß (sind / im Satz gewöhnlich blind; der Reim schwirrt mit heute noch durch den Kopf) werden nicht-druckende Teile genannt, ohne welche die Lettern keinen Halt hätten.
Spieße werden Teile genannt, die während des Druckes durch die Erschütterungen der Druckmaschine aufsteigen auf Schrifthöhe und dann mitdrucken. Garamond, Didot und Super sind Namen von Schriften: Garamond-Antiqua, Didot-Antiqua, Super-Grotesk. „Unsre alte Boston“ ist die Bostonpresse, auch Bostontiegel. Eine in Boston, der Hauptstadt Massachusetts,
von der Maschinenfabrik William H. Golding (1845 – 1916) um 1870 entwickelte Klapptiegeldruckpresse. In meiner Werkstatt steht ein Original aus Boston (Golding presses have the name Golding & Co. cast into the body of the press), ich drucke allerdings nicht damit, weil sie nicht so leicht justierbar ist wie die nach 1900 gebauten. Ich müßte mit Leder- und Papierstreifen die Walzenhöhe einstellen. Man hat später die Laufleisten für die Walzen durch Schrauben verstellbar gemacht.
Das Foto mit der X-Seite aus dem ABC-Büchlein zeigt einen Abzug des Rahmens. Ich wüßte sonst nicht mehr, daß ich diesen Rahmen 1981 gesetzt habe. Im Z-Spruch ist das Lang-s verwendet worden. Unser Meister hatte keine Angst davor, uns auch mit alten Bräuchen vertraut zu machen. Im Bleisatz dieser kursiven Garamond von Typoart war das lang s enthalten.
Schließlich das Impressum, wo unsere Namen erstmals in einem echten, richtigen, gedruckten Buch erschienen. Wir waren sehr zufrieden.
Das „Fachwörterbüchlein“ kommt mit einem recht prächtigen Haupttitel in zweifarbigem Druck daher. Die Entwürfe für diese Arbeiten wird der Meister Wolfgang Holtz wohl beeinflußt, wenn nicht selbst gemacht haben. Daran ist auch für einen Typografen nicht viel zu verbessern. Vielleicht ein wenig Randausgleich und Versalienharmonisierung, aber das ist auch Ansichtssache.
Auf Seite 25 wird erklärt, was Leichen, Fliegenköpfe und Spieße sind, mit einem Grammatikfehler am Ende des Satzes. Es gibt übrigens auch das Verb zum Spieß: eine Druckform spießt, sagt man, wenn Blindmaterial mitdruckt. Auf Seite 28 ist mein erster Linolschnitt zu sehen, ich habe mir zur Illustration die Bleilaus ausgesucht. Es gibt übrigens ein etwas
böses Spiel in der Druckerei: Jemandem „Bleiläuse zeigen“. Wolfgang Holtz hat mir Bleiläuse gezeigt, ein netter älterer Herr mit Bart und Brille und dann doch ein Kindskopf. Ich war hinterher zwar etwas naß, aber ihm nicht böse. Wir haben ihn alle sehr gemocht. Heute glaube ich, weil er nie an uns herumnörgelte und uns nicht erziehen wollte. In einer durchpädagogisierten Welt wie der DDR hatten es Erwachsene ohne den Willen zur Menschenformung nach einem (sozialistischen) Bilde mit Kindern schon viel leichter durch den entspannten Umgang.
Und auf der letzten Seite das Impressum mit der in der DDR unvermeidlichen Druckgenehmigungsnummer. Du liebe Güte!
Gelegentlich unterrichte ich Bleisatz. An der Potsdamer Fachhochschule erfüllte ich einige Semester lang einen Lehrauftrag im Fachbereich Design, bis ich keine Zeit mehr hatte, eine unterbezahlte Tätigkeit auszuüben. Vielleicht biete ich später mal wieder etwas an. Es hat Spaß gemacht, und ich habe immerhin einen Mitarbeiter für meine Werkstatt gewonnen, der kalligrafische und typografische Aufträge übernimmt. Kinder habe ich öfter unterrichtet, oft auch gratis, weil das eine vergnügliche Abwechslung ist.
Pädagogik ist keine Wissenschaft. Wissenschaftlich wäre, wenn ich eine Maßnahme A auf ein Kind B anwenden kann und ein Ergebnis C erhalte. Methodik und Didaktik funktionieren so aber nicht. Man sagt, daß es gute und schlechte Pädagogen gibt. Richtig ist: es gibt keine Pädagogen, sondern Menschen, die methodisches und didaktisches Vorgehen mehr oder minder in
Übereinstimmung mit Bedürfnissen anderer Menschen bringen. Wenn Grundschullehrer, die in der Regel typografisch unbeleckt sind, jungen Menschen eines Jahrganges ohne ausreichende Rücksicht auf individuelle Entwicklung Lesen und Schreiben „beibringen“, ist das Glückssache. Und grundsätzlich eher ein Problem des Systems als des einzelnen Lehrers. Wenn’s nicht klappt, stehen geschäftstüchtige
Psychologen in einem Unterstützungssystem mit Diagnosen phantastischer Mißlichkeiten bereit: Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom mit Hyperaktivität oder Legasthenie. Treppenwitze der Schwarzen Pädagogik. Ein Typograph muß sich nur die überdimensionierten Fibeln anschauen und die serifenlosen und zu großen Druckschriften darin, um das programmierte Scheitern zu erkennen. Viele
Kinder lernen lesen trotz Schule. Ich habe übrigens an Ladenschildern lesen gelernt. Ich wollte wissen, was sie bedeuten, und meine Mutter hat es mir verraten. Meine ersten Wörter waren FLEISCHEREI, MILCH, HUTMODEN und so weiter. Das Gestammel „Mama am Haus“, „Oma im Garten“, das in meiner Schulfibel stand, hat die Schule in meinen Augen erniedrigt.
In der Druckerei hatte ich meistens mit Kindern zu tun, denen Buchstaben bereits vertraut waren. Aber auch ein 4jähriger ist in meiner Druckerei in Juchzen ausgebrochen, als er, auf einem Podest an der Presse stehend, den ersten Abzug seines Namens fertigte, dessen Züge er schon kannte. Lesen und Schreiben lehrt sich am besten in
Verbindung mit Sinngebung, so wie es auch benutzt wird. Niemand liest um des Lesens willen, sondern weil er etwas erfahren möchte. Die Frage „Was steht da?“ markiert den Punkt, an dem das Lernen beginnt. Nicht: Zwei diagonal und spitz nach oben einander zugeneigte Stöckchen, eine “umgedrehte Schultüte” oder “ein Dach”, mit einem verbindenden Querknüppel in der Mitte bedeuten: A. Speak after me: Aaaa! Aber ja. A wie Abrichtung?
Im vergangenen Sommer waren Malte und Luca eine Woche lang meine Gäste. Vormittags arbeiteten wir in der Werkstatt (abgesehen von den Eichelschlachten auf dem Hof und der Konstruktion einer Papierflugzeugflotte mit Testflügen auf der Straße), die Nachmittage verbrachten wir mit Amusement: Kino, Tierpark, Naturkundemuseum,
Technikmuseum, Aquarium, Fernsehturm, Spielplatz, Buchhandlungen – eine Woche intensive Expeditionen. Und übermorgen zeige ich, was die beiden Praktikanten und ich gedruckt haben. Und welche Gesichter wir dabei machten. Für heute soll es genug sein. Die Druckerey hat dieser Tage viel zu tun, es weihnachtet nach Kräften, weshalb auch die Arbeit am Max-Goldt-Büchlein ruht.
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Hängen an Wänden
An den Wänden meiner Offizin hängt Kunst. Und zwar Originale. Warum sollte sich einer, der auf den originalen Druck in kleiner Auflage Wert legt, Werke in Massenauflagen an die Wand pinnen? Künstler und Rahmenbauer haben hier gewirkt. Ist das seltsam oder nicht: Meine liebsten Bilder sind die, für die
ich das meiste Geld ausgegeben habe. (Abgesehen von der Franz-Marc-Imitation in Kreide aus dem Kunstunterricht, die mir ein geliebter Mensch einst schenkte und die ich in Gold rahmen ließ.) Vielleicht ähnelt das einem Rezept der Psychoanalyse: das Honorar soll den Leidensdruck erhöhen, damit der Patient schnell zum Kern vordringt. Übertragen auf meine Kunst: Der Preis für die beiden Werke erhöht die Befriedigung, eine Kostbarkeit zu besitzen, ich hab dafür auf andere Dinge verzichtet. Vielleicht auch ist der Kauf von Kunst eine Form von Eitelkeit: Man ist, was man hängt.
Ich bin schon seit fast zehn Jahren Wrede-Sammler. Jüngst durfte ich als solcher eine Rede halten aus Anlaß eines Atelier-Rundganges. Daraus ein Auszug:
Barbara Wredes sehr verehrte Gäste! Daß Frau B. uns zum Auspacken eingeladen hat, erweist sich als Herausforderung. Wir stehen hier vor einem Überfluß, wie er auch in der Eremitage in Sankt Petersburg ausgestellt wird – die Bilder dicht an
dicht bis unter die Decke – weshalb man die Methode auch Petersburger Hängung nennt. In Petersburg soll die schiere Menge den Betrachter beeindrucken, ähnlich kennen wir das aus dem Schloß Sanssouci in Potsdam. Ob man privat als Sammler solche Mengen hängt, ist eine Frage der persönlichen Vorliebe. In meinen privaten Räumen pflege ich Petersburger Hängung, weil es sich so ergeben hat. Da hängen meine Berliner Urgroßeltern neben Wredeschen kolorierten Linolschnitten und der Großvater neben einem Wredeschen Tusche-Tier, das mit aufgerissener Schnauze für einen Papageien zum Problembären wird, unweit einiger Kaltnadelradierungen von Rembrandt.
Was ich aber jüngst von Barbara Wrede erworben habe, hängt einzeln in meiner Werkstatt, und die Verwandlung, die das Werk nimmt, wenn es aus der Menge herausgehoben wird, hat mich erstaunt. Es
tritt deutlich hervor, entfaltet ein Eigenleben und bebildert für mich nun einen Roman von Patricia Highsmith, die ich so verehre wie die Künstlerin Wrede. Ich habe zwei der Werke aus der Serie „Männer die sich ausziehen“ gekauft und umgetauft, es sind nun der talentierte Mr. Ripley einerseits und sein erstes Opfer, Dickie Greenleaf, auf dem Wege zum Strand in Italien. Mr. Ripley hat in allen fünf Romanen mehr als 15 Männer zum Tode befördert.
Der Zugang zu Wredes Bildern ist manchmal schwer zu finden. Aber das ist ein Merkmal von Luxus, sie brauchen eben etwas von unserer Zeit. Daß Bilder Geschichten erzählen, ist sicherlich eine Binsenweisheit, aber die Wredeschen Geschichten muß man sich selbst mit einigem Aufwand an Phantasie ausdenken, und so wachsen einem ihre Werke ans Herz, wenn man es nur einmal geöffnet hat. Den Blick, den Barbara Wrede über ihre Umgebung schweifen läßt, kann ich nur liebevoll zugeneigt nennen. Sie sieht Dinge, die uns gräßlich und grauenhaft sind. Sie sieht Einsamkeit, Raufereien, Schmerz, allerlei Elend, aber sie verwandelt unseren Blick. Ich habe selbst als Sozialarbeiter im Gefängnis in Moabit düstere Gestalten und Leid gesehen und bilde mir ein, daß Barbara Wrede wie ich damals diese Bilder nicht nur hinnimmt und als Anklage ans Schweinesystem wiedergibt, sondern Barbara Wrede mikroskopiert, und zwar so lange, bis sie auch im Finstern eine schöne Linie gefunden hat, die vielleicht wehtun kann, aber das alles erträglich machen und oft sogar anziehend, denn das Dunkle kann auch locken; es murmelt seine Geschichten, manchmal schreit es sie, es braucht ruhige Zuhörer, Entdecker, Menschenfreunde. Wredes Bilder sind, schaut man nur genauer hin, melancholisch und verträumt, und deswegen sind sie so schön, daß ich sie mir aufhänge.
Zu meinen beiden Ripley-Bildern bin ich über ein Foto gekommen, auf dem beide nebeneinander so abgebildet waren, wie sie heute bei mir hängen, also vereinzelt, nicht umgeben von anderen. Ich wußte nicht warum, aber sie haben mich nicht ruhen lassen, bis ich sie im Original gesehen habe und sie sofort einen so starken Wunsch nach Besitz weckten, wie ich ihn zuletzt in Kindertagen erlebte, als es um einen großen Sattelschlepper ging, den man mit in die Badewanne nehmen und als Arche verwenden konnte. Inzwischen weiß ich ich ja, welche Geschichte die beiden Bilder mir erzählen, endlich kann ich Mr. Ripley sehen, diesen ewigen Gewinner und Genießer und übrigens auch Kunstsammler. Meine Ansprüche sind heute also andere, meine Freude am Besitz währt aber auch deutlich länger und wächst sogar mit der Zeit. Immer wieder kommt es vor, daß ich vor den Bildern stehenbleibe, sie bewundere und mich freue, sie zu haben. Ende des Reden-Auszugs
Und dazu habe ich noch einen (in diesem Blog ohnehin stark repräsentierten weil zu den Hausgöttern zählenden) Goethe. Aus den “Wahlverwandtschaften”: Die Kunst an und für sich selbst ist edel; deshalb fürchtet sich der Künstler nicht vor dem Gemeinen. Ja, indem er es aufnimmt, ist es schon geadelt, und so sehen wir die größten Künstler mit Kühnheit ihr Majestätsrecht ausüben.
Was Kunst mit Bleisatz zu tun hat? Der Schriftsetzer wäre ohne Kunstgeschichte ein armer Wicht. Er hat ja sie täglich zwischen den Fingern; die Begriffe aus der Schriftklassifikation sagen es, wenn auch etwas steril: Renaissance, Klassizismus, für die neuen serifenlosen Schriften vom Ende des 19. Jahrhunderts könnte man auch Jugendstil und die Klassische Moderne als Begriffe ins Feld führen. All diese Schriften sind freilich einem kulturellen Kontext erwachsen, ihre Schöpfer waren Schriftkünstler, die in ihrer kulturellen Umwelt aufgingen, sie haben ihre Welt zeitgenössisch in der Letter gespiegelt. Ein Typograf wird eine Schrift nicht durchdacht zur Geltung bringen können, wenn er das kulturelle Gewebe ihrer Herkunft nicht zwischen den Fingern zu spüren vermag. Dazu gehört nicht nur die bildende Kunst, auch die Literatur. Aus heutiger Sicht steht ein Goethe der Antiqua, und zwar der klassizistischen, damals modernen Type viel näher als der Fraktur, in welcher seine Bücher auch gesetzt wurden. Das muß auch einer wissen, der vorwiegend Akzidenzen setzt. Denn wer nun auf einer Visitenkarte eine Englische Schreibschrift mit einer Garamond kombiniert und dieses giftige Gemisch auch noch in ein Format mit falschen Proportionen stellt, der wird spätestens an einem Kunden mit ein wenig Kunstverstand scheitern müssen. Um noch einmal mit Grand Old JWG zu sprechen: Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man verknüpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst.
Gesetzmäßigkeiten der Bildaufteilung, der Proportionen und der Farbgebung sind ebenfalls Lehren, die aus der Bildenden Kunst zu ziehen sind. Bevor ich einst eine Serie konstruktivistischer Briefbogen entwarf, bin ich ins Berliner Bauhaus-Archiv gestapft und hab mich an den Farben Kandinskys gelabt.
Die bedeutendste Lehre ist aber die Freude am Entwurf, an der Bildgebung. Der sollte man auch nachspüren, wenn man ins Museum geht, egal ob alter Meister oder jüngere Kunst aufgesucht wird. Und wenn ein Typograf und Schriftsetzer selbst ein wenig kritzelt und dilettiert (letzte Abbildung) und dies als Erholung zur strengen Kunst der Schrift begreift, dann wird er Ermüdung im Schauen nicht so bald gewahren müssen.
Ab und zu zeichne ich also selbst. Manchmal sind es farbige Bilder (Buntstift oder Kreide), meistens aber zeichne ich mit dem, was mir gerade in die Finger kommt. Selten abstrakt, meistens
figürlich. Ein Pferd zu zeichnen, eine maulende Katze, ein Schwein in Uniform, eine Eisenbahn, eine mehrsprachige Ratte, einen müden Hund, das entspannt. Ich verwende die Rückseite dann oft als Briefpapier, denn wenn ein Bild fertig ist, brauche ich es nicht mehr. Manchmal zeichne ich auch und verschenke ein Werk, einige haben es bis zu einem Rahmenbauer nach Oslo gebracht und hängen nun in einer Osloer Wohnung. Früher habe ich gelegentlich meine Texte illustriert, Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung und einige Magazine haben’s gern gedruckt. Heute geht’s mir um die Übung, der ich Spaß abgewinne, ich bin kein Künstler.
Barbara Wrede übrigens hat nicht nur eine Internetseite, sie hat auch noch eine weitere mit einem, soviel ich weiß, einmaligen Angebot: Vision By Call. Von diesen Visionen ließ ich schon drei “verwirklichen”.
tags: barbara wrede, goethe, kunstTypengreif, muh!
Vor einigen Tagen erreichten mich zwei schwere Pakete aus dem Bleisatzmagazin. Ich mußte sie erst einmal stehen lassen, weil so viel zu drucken war. Das hat Selbstbeherrschung gekostet, denn wenn ein Schriftsetzer eine neue Schrift bekommt, möchte er sie in seine Kästen legen, die Bleisatzgasse füllen, er möchte die Schrift im Winkelhaken sehen, zwischen den Fingern spüren, drucken und sie kennenlernen.
Gestern und heute habe ich die Pakete geöffnet. Sie enthielten volle Setzkästen. Schriftsetzer Kraus und ich haben eine Weile überlegt, wie man die Schrift aus einem Schrank in seinem Magazin in meine Setzerei und meine Kästen bekommen kann. Letztlich erwies sich nur als praktikabel, die kompletten Kästen als Leihverpackung zu senden.
Das Auspacken erwies sich als so aufwendig, daß ich froh war, nicht am Einpacken teilgenommen zu haben. Luftpolsterfolie, Pappen, Stretchfolie, Karton, Klebeband. Und das mußte mein Lieferant fest um einen Packen von hölzernen Setzkästen legen, die schon leer nicht leicht sind. Die Buchstaben sollten beim Transport möglichst in ihren Fächern bleiben. Aber halbwegs verfischt waren die Kästen dann doch, ganz vermeiden ließ es sich nicht. Aber ein geübtes Auge erkennt die Fische schnell.
Flossentiere in der Setzerei? Ein Fisch ist eine innerhalb des Setzkastens verrirte Type, beispielsweise ein M im Fach vom z. Einen Zwiebelfisch heißt man einen Buchstaben aus einem anderen Setzkasten, also etwa ein Q der kursiven Bodoni im Fach des Q oder auch eines anderen Buchstaben im Kasten der dreiviertelfetten Futura.
Einen vollen Kasten habe ich in der Gasse (eine Bleisatzgasse besteht aus mehreren nebeneinander- und einander gegenüberstehenden Schriftregalen)
aufgestellt, daneben einen leeren Kasten aus einem meiner Regale. Dann habe ich am Schlauch des Industriesaugers den Typengreif befestigt, auch scherzhaft als Kuh bezeichnet, weil der schwarze Auffangbehälter für die Typen an ein Euter erinnert. Ich danke Georg Kraus für die Bezeichnungen, die ich hier wiedergebe. Denn ich habe so einen Typengreif zwar früher benutzt, konnte mich aber nicht mehr erinnern, wie er genannt wurde. Möglicherweise gibt es regional noch andere Bezeichnungen.
Man saugt alle Buchstaben
aus einem Buchstabenfach, schwenkt dann zum leeren Kasten und öffnet das Ventil. Die Luft wird jetzt durch eine Öffnung angesaugt, die hinter dem Gitter liegt, welches die Bleilettern aufgefangen hat. Dadurch entfaltet die Schwerkraft wieder ihre Wirkung und die Typen purzeln heraus. Der Typengreif dient nicht vornehmlich dem Transport von Buchstaben. In so einem Setzkasten sammelt sich mit der Zeit eine Menge Staub an.
Nicht nur hat der Setzer dann immer öfter Staub zwischen den Fingern, die Staubkörner können sich auch an den Typen festsetzen. Ein Staubkorn zwischen zwei Lettern wird im Schriftbild als Unruhe sichtbar. Klebt es sogar unter der Type an ihrem Fuß, dann steht die Type in der Druckform geringfügig höher als andere und druckt stärker aus, wird entweder fetter oder blockiert den Kontakt der Farbwalze oder den Druck der nebenstehenden Buchstaben. Der Typengreif dient in der Regel als Staubsauger, der die Buchstaben eben nicht sondern nur den Staub schluckt.
Nimmt man das Euter von der Kuh ab, wird das Sieb sichtbar. Es ist ein hartes Metallsieb. Der Staubsauger darf also bei kleinen Buchstaben nicht zuviel Saugkraft haben, sonst können Kratzer entstehen oder sogar Serifen (die Füßchen an den Buchstaben, also am A beispielsweise die beiden kurzen Querstriche an den beiden unteren Enden) abbrechen.
Es gibt verschiedene Modelle des Typengreif. Hier seien zwei davon gezeigt. Das erste, mit dem ich vorwiegend arbeite, hat ein Ventil, das man mit einem Knopf nach innen drückt. Das zweite funktioniert mit einer Klappe, die durch einen Hebel angehoben wird und ist deutlich weniger komfortabel. Bald wird die Hand lahm, weil der Hebel zu kurz ist. Diese beiden Geräte hüte ich. Der schwarze Gummibehälter des einen wirkt nämlich schon ein wenig ermüdet.
Bei der neuen Schrift in meiner Setzerei handelt es sich um die Delphin. Wer sie gezeichnet hat, ist auf dem ersten Foto zu sehen. Ich habe im Bleisatz-Magazin auch ein Heftchen erwerben können, in welchem die Schriftgießerei die neue Type vorstellt. Verschiedene Anwendungsmöglichkeiten werden da gezeigt. Ich bringe demnächst ein paar Fotos und stelle auch aus anderen Büchern Bilder dazu, die Aufschluß über die historischen Vorbilder geben.
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