Dem König wahrhaft untertan

28. November 2007

Kommt ein Herr in die Offizin. (Das Wort Offizin kommt von „opificina“, dem Ort, „wo die Werke gemacht“ werden. Erhalten hat sich der Begriff für Apotheken und Druckwerkstätten.)

„Guten Tag!“

„Guten Tag!“

„Bitte drucken Sie mir eine Visitenkarte. In die Mitte hätte ich gern meinen Namen. Ihre Schrift Walbaum, die ich im Internet entdeckte, gefällt mir ausnehmend gut.“

„Gern.“

„Darunter meine Adresse und so weiter. Die Ziffern dieser Schrift, die wie heißt …?

„Garamond.“

„… also der Garamond, die hier gerade meinem Auge schmeichelt, erscheinen mir so recht hübsch und zierlich und besonders geeignet, meine Handynummer sowohl schmuckvoll als auch gediegen und lesbar darzustellen, bitte verwenden Sie diese Schrift.“

„Mein Herr, gestatten Sie mir den Hinweis, daß diese Schriftmischung ungeeignet ist. Während die Garamond als eine Mediäval-Antiqua das geschriebene oder gemeißelte Vorbild nachzuahmen versucht, zeigt die Jahrhunderte später entstandene Walbaum die Zeichen der vollständig gravierten Type. Freilich ergeben sich gelegentlich Möglichkeiten für eine schöne Verbindung dieser beiden Stilprinzipien, beispielsweise indem ein großes Initial oder Monogramm aus der geschnittenen Form einem Text aus der geschriebenen beigesellt wird. Aber zwei Zeilen einer Visitenkarte können wir auf diese Art kaum vereinen.“

Diese Art von Gespräch führe ich gelegentlich. Der Drucker muß darauf achten, den Ruf seiner Werkstatt nicht durch Willfährigkeit zu schädigen. Das unterwürfige „Wir machen es so, weil der Kunde es so will.“ ist kein Zeichen von Dienstbarkeit gegenüber dem Auftraggeber, sondern von Gleichgültigkeit gegen die eigene Tätigkeit und weist auf kurzsichtige Gewinnsucht hin, den Nachteil des Kunden hinnehmend. Denn es würde die Drucksache weitergetragen und könnte in die Hände eines Menschen mit kundigem Auge gelangen. „Wo haben Sie DAS denn drucken lassen!“ riefe dieser aus, und der Name des Druckers würde mit Recht als beschmuddelt gelten, unser Kunde wäre als Ahnungsloser bloßgestellt und käme nie wieder zu solch einem Speichellecker von Drucker. (Das Foto zeigt eine Schriftmischung aus Figaro und Legende mit, und das “geht eigentlich nicht”, Englischer Linie. Die Dogmen für Schriftmischung sind streng, und sie werden hier doch eingehalten, weil die Gesamtwirkung stimmt. Die Kontraste sind deutlich und konkurrieren nicht diffus: Serifenbetonte große Type gegen kleinen Pinselstrich gegen Federzug einer Linie. Nicht zur Pinselschrift passen würde beispielsweise die zur Linie gehörende Englische Schreibschrift, die auch mit der Spitzfeder geschrieben wird.)

Den Kunden als König anzuerkennen heißt auch, sein Minister, sein Ratgeber, sein Butler und Kammerherr zu sein und ihn vor dem Sturz in die Stilfalle zu bewahren. Verläßt er unter diesen Umständen das Territorium, war es kein König, sondern ein Diktator.

Das Neinsagen dient nicht nur einem Kunden, sondern allen. Es stützt den Ruf einer typografischen Werkstatt: Hier kann jeder jeden Wunsch frei äußern – solange der Typograf ihm folgt, wird kein Stil gebrochen sein und darf sich der Auftraggeber in geschmacklicher Sicherheit wiegen.

Das Neinsagen ist manchmal nicht einfach. Ich übe mich in diplomatischen Wendungen und versuche, den pädagogischen Ton kontrolliert zu halten. Man hört sich in einer Welt, in der die Belehrung als Zumutung empfunden wird, rasch wie ein Oberlehrer an. Binsenweisheitsmäßig ist Unwissen kein Makel, aber die Art, wie wir das Halten von Schule gewohnt sind aus der Institution Trichterschule, die mehr für die eigene Prüfung unterrichtet als im Sinne von Bildung, verunglimpft das Lernen und Lehren; dabei ist Belehrung auch eine der unterhaltsamsten Formen von Konsum.

Das Neinsagen wird von Handwerkern, die auf sich halten, seit jeher geübt. Albrecht Dürer schrieb an den Nürnberger Ratsherrn Michel Behaim einen undatierten Brief auf die Rückseite eines für ein Wappen benutzten Holzstockes, nachträglich datiert auf vor 1511 (in diesem Jahr starb Behaim), folgenden Wortlauts: „Lieber Herr Michell Behaim. Ich schick Euch dies Wappen wieder. Bitte lassts also beleiben, es würd Euchs so Keiner verbesseren, denn ich habs mit Fleiss künstlich gemacht. Dorum die’s sehen und verstehn, die werden Euch wol Bescheid sagen. Soll man die Läuble auf dem Helm uber sich werfen, so verdecken sie die Binden. Euer unterthäniger Albrecht Dürer.“ (Text aus „Albrecht Dürers schriftlicher Nachlass“, Julius Bard, Berlin 1908; Bildquelle: Zenodot Verlagsgesellschaft mbH)

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Sechs Antworten auf sechs Fragen

26. November 2007

Vor wenigen Tagen hat Harr Raabe hier einige Fragen gestellt, denen ich heute nachgehe.

Erstens: Wie kann sich das alte Handwerk heute noch halten? Dazu knapp: Angebot und Nachfrage in Einklang bringend.

Zweitens: Worin besteht der Wert von traditionellem Handwerk in einer sich rasant verändernden Welt? Die Frage geht in der Wahrnehmung auf, die Welt ändere sich heute schneller als zu anderen Zeiten. Diesem Eindruck würde ich mich nicht hingeben. Mir scheint, daß sich eher die Wahrnehmung verändert hat. Wie wechselhaft und gefährlich war das Leben in unseren Gefilden vor wenigen Jahrhunderten! Wie schnell und kraftvoll haben Hungersnöte, Krankheiten und politische Auseinandersetzungen in das Leben argloser Menschen eingegriffen! Man bedenke nur, daß die Pest von 1348–54 in Süd- und Westeuropa je nach betroffener Gegend ein Achtel bis zwei Drittel der Bevölkerung dahinraffte. Um unsere Welt etwas gelassener anzuschauen, hilft Lektüre. Tip: „Verlorene Illusionen“ von Balzac, ein spannender Roman über den Buchdruck und das Verlagswesen, das Theater und das Feuilleton um 1830.

Traditionelles Handwerk produziert für Individualisten und Connaisseure, denen die kleinen Zeichen der Handarbeit kostbar sind. Es bildet außerdem einen Brunnen voller Wissen, aus dem für den Fortschritt in der Gegenwart geschöpft wird.

Drittens: Wie wird das Berufsleben in der Typographie aussehen? Ist traditionelles Handwerk nicht gemütlicher und sicherer? Der stärkste Eingriff in die typografische Welt war die Erfindung des Buchdruckes, welche das geschriebene Wort aus den Schreibstuben der Mönche hinter Klostermauern befreite, sich anfangs noch in den Dienst der Kirche stellte, dann aber die Reformation ermöglichte, in den Dienst von Philosophie und Naturwissenschaft trat und auch die Grundlage für Journalismus wie Propaganda bildete. Eine Reihe von Berufen änderte sich rasant, die der Schreiber, die weniger zu tun hatten, die der Papiermacher (damals noch vorzugsweise in Italien) und Pergament-Hersteller (Gerber), die mehr zu tun bekamen. Stempelschneider, Schriftsetzer und Drucker wurden neue Berufe. Rubrikatoren (rote Auszeichnungen in Büchern) und Illuminatoren (Buchmaler) suchten dringend Nachwuchs. Die Auftragsbücher der Buchbinder und ihrer Zulieferer (Schreiner, Schmiede) waren zum Bersten voll. Der Beruf des Verlegers entstand. Usw. usf. Umwälzungen gab es wie überall auch in der Technik der Vervielfältigung von Text.

Traditionelles Handwerk ist meist mit körperlicher Arbeit verbunden. Georg Kraus hat hier (Kommentar Nr. 3) erzählt, wie er es als Aufstieg empfand, den Arbeitsplatz am Setzkasten gegen den am Bildschirm zu tauschen. Berufskrankheiten der Schriftsetzer waren Plattfüße, Buckel (einseitige Belastung der linken Schulter durch das Halten des mit Bleilettern gefüllten Winkelhakens) und ein krummer Daumen. Als die Lettern noch ohne Absaugvorrichtungen gegossen und die giftigen Dämpfe eingeatmet wurden, litten die Handwerker oft unter der widerlichen Bleivergiftung.

Ich möchte nicht mehr als angestellter Schriftsetzer jeden Tag acht Stunden am Setzkasten stehen müssen. Ein paar Jahre lang habe ich das gemacht und dabei viel gelernt. Aber romantisch gewesen ist es nur im verschleierten Rückblick. Ich bin nachmittags meistens recht erschöpft zur U-Bahn geschlurft und hab zu Hause erst einmal die Füße hochgelagert. Ein wirklich erfüllendes Arbeiten ist nur im handwerklichen Kleinstbetrieb ohne viel Arbeitsteilung möglich, wo ein Mensch vom Gespräch mit dem Auftraggeber über den Entwurf, die Kalkulation, Papierbestellung, das Papierschneiden, den Satz, das Einrichten der Presse, den Druck bis zur Verpackung, Auslieferung und Buchhaltung viele Tätigkeiten ausüben kann.

Viertens: Welchen Wert haben Kenntnisse der Typografie, wenn Layout-Software mit einem Mausklick alles astrein aussehen läßt? Solche Software gibt es nicht. Man muß der Software sagen, was sie machen soll, es sind viele Klicks bis zum guten Entwurf. Typografie ist Sache des Menschen. Und ein gutes typografisches Gesamtwerk kann eines werden, in dem man vermieden hat, eine eigene Handschrift zu zeigen und es einem nicht gelungen ist. Das vermag keine Maschine.

Fünftens: Warum nicht gleich Klartext reden und statt dessen an alter Terminologie festhalten, wenn man doch jedes Wort erklären muß? Erklären muß man seinen Auftraggebern viel. Es belastet aber nicht, wenn sich Menschen interessieren für das, was man tut und das, was sie erwerben. Es ist eine Herausforderung, die eigenen Kenntnisse zu erweitern, zu fundieren und als Beweise von Qualität verständlich darzustellen. Und die Fachsprache ist nicht verzichtbar. Es gibt eben Dinge nur in der Typographie, und diese Dinge haben Namen, die man anderswo nicht braucht. Oder habe ich die Frage nicht verstanden?

Sechstens: Wie wird die Zukunft des Typografen aussehen? Die Technik wird sich entwickeln, aber es wird immer Typografen brauchen, die ihren Beruf verstehen. Am Mittwoch folgt hier ein Exkurs, wie die Verweigerung der Typographie dienen kann.

Und noch eine Anmerkung: Herr Raabe, Sie schreiben, man könne die gleiche Arbeit, die man im Handsatz mit Bleilettern setzt, in kürzerer Zeit, mit größerer Genauigkeit, weniger anfällig für Fehler und leichter zu korrigieren erledigen. Meinen Sie nicht, daß heutige Zeitungen und Bücher hinsichtlich des Gewimmels von Druckfehlern und typografischen Nachlässigkeiten etwas anderes zeigen?

Die zweite Anmerkung, zur Bleisatz-Praxis: Hatte die Pinzette, die Sie benutzt haben, zumindest hölzerne oder Kunststofflippen? Wenn ich Bleisatz unterrichte, räume ich die Metallpinzetten vorher aus dem Blickfeld der Schüler. Damit kann nur der geübte Setzer umgehen. Einmal abgerutscht – schon ist die Letter beschädigt. Typen wechselt man meistens von Hand aus (kurze Fingernägel!), eventuell hilft die Ahle. Im übrigen liest der Schriftsetzer schon im Winkelhaken die erste Korrektur und setzt kaum Fehler.

Und noch eine Empfehlung: Im Tagebuch meines Bleisatz-Lieferanten, der auch die beiden letzten europäischen Schriftgießereien für Handsatz vertritt, erzählen Georg Kraus und ein junger Typograf sehr lebendig von des letzteren ersten Schritten ins Bleisatzreich. Zur Zeit an erster Stelle der zweite Arbeitstag. Und wer etwas weiter nach unten scrollt auf der Seite, findet nach der Schilderung des ersten Tages auch einen Gastbeitrag über die Entstehung der Visitenkarte des Bleisetzers von mir.

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Preiskorrektur Einladungskarte

24. November 2007

Als ich heute Anstalten mache, die ersten Sendungen der gestern eingegangen Bestellungen der hier gestern angezeigten Einladungskarte “Heitere Ehrerbietung” zu Bündeln einzuhüllen, da entdecke ich, daß ich nicht 100 sondern 200 Karten gedruckt habe. Dadurch ändert sich der ursprünglich mit 3,40 Euro für eine Karte (mit Kuvert) kalkulierte Preis. Sie kostet 2,45 Euro inkl. MWSt. und zuzügl. Versand. Den Beitrag habe ich korrigiert, dies hier nur als Meldefutter für die Feed-Reader-Reader.

Ich hatte die Karte schon vor ein paar Wochen gedruckt und die Auflage im zur Zeit herrschenden Trubel vergessen. Ich bitte um Nachsicht. Wer die Karte bestellt hat, wurde bereits per E-Mail in Kenntnis gesetzt, daß die Rechnung kleiner ausfällt.

Wäre ja arg peinlich gewesen, wenn sich mehrere Besteller der Karte treffen und feststellen, daß sie zusammen mehr als die hier angegebene Auflage erworben haben. Limitierte Auflagen müssen korrekt angegebn werden. Also: 200 sind’s.

In der Preiskalkulation sind die Druckkosten der geringste Posten; der größte Aufwand wird vor und nach dem Druck geleistet: Entwurf, Satz, Einrichten der Maschine, Ablegen des Satzes. Für 100 Druck benötige ich nur 10 Minuten. Deswegen purzelt der Stückpreis bei der höheren Auflage.

Schönen Sonntag wünscht
der Drucker

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