Manieren im Umgang mit Typen / Unästhetisches Schnarchen
Das Zwiebelfischfinden ging ja sehr schnell! Hier lesen Experten, wie? Binnen weniger Stunden waren die Zwiebelfische gefischt, deshalb gibt es jetzt auch hier das Foto mit den markierten Biestern, die mich einige Zeit gekostet haben. Es sind mindestens zwei Schriften, eine klassizistische und eine serifenlose, die in die Pracht-Antiqua gerührt worden waren. Man kann solche Buchstaben ja nicht einfach austauschen, weil sie geringfügig breiter oder schmaler sind als die korrekten. So mußte ich jede fehlerhafte Zeile neu ausschließen, also im Winkelhaken auf die korrekte Breite bringen, damit sie in der Druckform nicht durchfällt oder sperrt.
Die Texte von Max Goldt zu setzen, ist eine Freude. Ich will nicht darauf herumreiten, daß sie komisch sind und schon gar nicht von Satire sprechen, wie es so oft irrig getan wird, weil unser Begriff von Satire nicht auf die Essays von Max Goldt anwendbar ist. Auch wenn er etwas „aufs Korn nimmt“, so liegt doch die Einzigartigkeit seiner Texte nicht in diesen eher
nebenher wirkenden Spitzen, sondern in seinen Entdeckungen. Goldt äußert nicht Meinung, er erschafft neue Sichtachsen in dem Gelände, durch das wir uns bewegen und das wir für bekannt bis zur Langweile halten, bis Max Goldt uns auf einen bisher übersehenen Aspekt aufmerksam macht. Wenig Satire, dafür aber viel Witz durch Verbindungen abseitiger Gebiete, durch Änderung der Perspektive, durch Genauigkeit, Übertreibung, Fortführung eines Gedankens.
Als Schriftsetzer, der die Texte Buchstabe für Buchstabe erfaßt, staune ich immer wieder über die Präzision, die sich mit Eleganz verbindet. In den Sätzen von Max Goldt, und mögen sie noch so leicht hingesprochen scheinen, gibt es keine Nachlässigkeiten; jedes Wort steht wie in den Satz geschliffen. Manchmal ist man als Typograf versucht, für einen
Zeilenfall einen Satz umzustellen und probiert theoretisch Varianten aus. Oft erweisen sich Umstellungen dann als günstig, die meisten Texte werden nachlässig geschrieben. Die Luxus-Prosa von Max Goldt ist in dieser Hinsicht wie aus Diamant. Nähme man Umstellungen vor, würde man die ganze Arbeit zerschmettern. Einem Freund des Wortes macht das Bewundern dieser sprachlichen Schönheit enormes Vergnügen, zumeist stilles.
Ich muß aber einräumen, daß ich manchmal, nachdem ich einen Text für den Entwurf etliche Male studiert habe, nachdem ich ihn gesetzt habe und korrigiert und dabei wieder und wieder gelesen, daß ich dann beim Drucken vielleicht beim 400sten Bogen einen akustisch profanen Lachanfall über mich ergehen lasse, weil die Texte von einer
Komik, einem Geistesblitze sprühenden Witz illuminiert sind, daß mich mein Gelächter eben unvermittelt überfällt. Max Goldt erklärte in einem Interview, das er der Berliner Zeitung gab: „Das Lachen ist ja streng genommen gar kein besonders attraktives Geräusch, rein ästhetisch gesehen ist es so etwas wie Schnarchen oder Aufstoßen. Ich nehme das Lachen aber nicht ungerne hin, es ist ja ein Zeichen der Anteilnahme.“ (Berliner Zeitung, 20. Januar 2001)
Heute zeige ich hier technische Ansichten vom Satzbau. Bleisatz paßt gut zu den Texten von Max Goldt, weil man ihn so genau bauen muß. Digital läßt jeder Buchstabe mit sich anstellen, was dem Menschen vor dem Bildschirm damit einfällt. Das erfordert vom Anfänger in der Typografie viel Selbstdisziplin, die sogar manch älterem Hasen leider sichtlich abgeht, weil er sich für Buchstaben als Träger von Bedeutungen zu wenig
interessiert. Typografie wird oft zu wenig als Form des Benehmens betrachtet. Im Bleisatz setzt das starre Material Grenzen. Die Aufgabe des Typografen besteht darin, vorgegebene Formen (die einer Schrift) in ihrem Sinne zu vollenden, also Formvollendung zu schaffen, die dem Text zum Nutzen des Lesers dienen soll. Man bewegt sich mehr oder weniger geschickt
auf dem Felde der Manieren: je unauffälliger, desto näher an ihrer Vollendung. Wenn ein Typograf sich erarbeitet hat, was das Dienen bedeutet und von sich selbst abzusehen vermag, sich fern hält von Bedeutungserschleichung und nicht nach Aufmerksamkeit für seinen Anteil an einem gedruckten Werk heischt, hat er seine Aufgabe in ihrer Tragweite verstanden.
In dem Buch, das ich nun setze, gibt es auch Seiten, die sich weniger um Manieren bemühen. Das typografische Spiel nimmt auf stille Formvollendung gelegentlich keine Rücksicht und wird manchmal laut. Beispielsweise mit der schmalfetten Pracht-Antiqua, die ich hier auf Fotos zeige: schwer lesbar, dunkel, eng. Ich gebe zu, daß ich sie eingesetzt habe nur um der Abwechslung zu dienen (vielleicht auch, um mit ihrem Besitz zu prahlen) – es handelt sich eben um ein ausdrücklich typografisches Spielwerk, das eine gewissen Bandbreite typografischer Ausdrucksmöglichkeiten zeigen soll.
Auf den Fotos ist zu sehen: Die gesamte Druckform der beiden Seiten, die ich gestern druckte. Diesmal habe ich mehr Aufwand betrieben für typografische Blickfänge. Beide Seiten zeigen ein Initial sowie den Einsatz geometrischer Elemente. Drei aufeinanderfolgende Bilder zeigen erstens den Andruck an einer Stelle, wo die dreiviertelfette Futura in
eine Garamond-Kolumne gemischt wurde und zu schwach ausdruckt, zweitens den Streifen hauchdünnen Papiers, den ich hinter die Buchstaben geklebt habe, weil die Futura minimal niedriger gefräst wurde, also die Typen etwas niedriger stehen als die der Garamond, drittens die Wirkung dieser drucktechnischen Zurichtung. Die folgenden drei Bilder zeigen ein Initial W aus der mageren Pracht-Antiqua erstens im Bleisatz von oben, zweitens im Druckbild und drittens von unten. Beschaut man einen Satz von unten, wird die Vielzahl der verwendeten Bauteile (Lettern und nichtdruckendes Blindmaterial) deutlich. Dann folgen zwei Fotos, wieder vom Satz und vom Druckbild, die illustrieren, wie man geometrische Räume durch Andeutungen bilden kann.
Die drei Zwiebeln liegen in einem Rechteck, das durch Andeutungen gebildet wird. Darauf folgt das Q der kursiven Garamond von Herbert Thannhaeuser als Initial. Es war mir eine Freude, diese mit so feinem Schwung gearbeitete Type einmal in bedeutender Größe einsetzen zu können. Damit die Kolumne insgesamt recht still wirkt, habe ich auf alle anderen Versalien verzichtet. Ich bin kein Anhänger der Kleinschreibung, jeglicher Verzicht auf sprachliche Differenzierungen ist ein Verzicht auf sprachliche Vielfalt und auf Möglichkeiten der Nuancierung von Bedeutungen. Aber sehr ausnahmsweise kann man das mal machen. Zum Schluß noch zwei Fotos der Druckform von unten, das gelbe Seidenpapier ist Teil der Zurichtung, die den Satz an diesen Stellen etwas hebt.
Kommentare [10]
Finde die Zwiebelfische!
Als ich den ersten Abzug sah, schien es mir zuerst, die Schrift sei in einem noch übleren Zustande als zuvor angenommen. Doch als ich genauer hinschaute, entdeckte ich mit Grausen die vielen Zwiebelfische.
Ein Fisch ist ein innerhalb eines Setzkastens im falschen Fach liegender Buchstabe, zum Beispiel nin n im Fach vom e.
Als Zwiebelfisch wird ein im richtigen Fach liegender Buchstabe aus einem anderen Setzkasten bezeichnet, beispielsweise ein kursives ck im Kasten der gewöhnlichen Schrift. Es kann aber auch ein Buchstabe aus einer ganz anderen Schrift sein.
In die 8p magere Pracht-Antiqua (entworfen von Carl Pracht, zuerst gegossen 1941) hat jemand mehrere andere Schriften abgelegt. Der Schrank, in dem sich die Type befindet, wurde in den vier Jahren, die er jetzt bei mir steht, vielleicht zweimal benutzt. Einer der Vorbesitzer war offenbar nicht vom Fach. Der Kasten ist also nicht nur verfischt, sondern verzwiebelfischt (hab ich dieses Wort soeben erfunden?).
Elf Zwiebelfische sind auf dem ersten Foto zu sehen. Im zweiten Foto habe ich drei davon markiert. Wer die restlichen acht zuerst findet und im Kommentar nennt, kann sich seines guten Auges erfreuen. Und bekommt, so er möchte, ein Brieflein mit ein paar Druckerey-Spezialitäten von mir. Die Auflösung folgt gegen Ende der Woche, wenn ich weitere Details der neuen gedruckten Seiten der Goldtschen Vleermuizen vorstelle.
Ob jemand einen Zwifi findet, den ich nicht fand?
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12 vor 10
Dank Jahr der Mathematik habe ich in der F.A.S. vom letzten Wochenende gelesen, daß das Duodezimalsystem dem Dezimalsystem früher vorgezogen wurde, weil die 12 öfter in ganze Zahlen teilbar ist als die 10. Ja, natürlich! Mit dem Dezimalsystem würde ich ja in der Werkstatt verzweifeln.
Eine Cicero ist 12 Punkte stark, und 12 ist teilbar durch 1, 2, 3, 4 und 6. Wäre die Cicero nur 10 Punkte stark, könnte ich sie nur durch 1, 2 und 5 teilen.
Beispielsweise Regletten (nichtdruckendes Blindmaterial: Zeilenabstände) gibt es in der Stärke 1, 2, 3, 4, 6 und 12 Punkt.
Da rechne ich nun schon seit 24 Jahren im Duodezimalsystem und hab mir nie Gedanken gemacht, warum die 12 das System bestimmt. Dachte immer, das sei eben wegen des Alters und weil die Uhr ja auch 12 Stundenpositionen hat und 12 Monate das Jahr und 12 Jäger und 12 faule Knechte und 12 Brüder durch die Märchenwelt zwölfen.
Danke, Mathematiker!
Mir wurde Mathe ziemlich sympathisch, nachdem ich vor 7 Jahren hinter 7 Bergen ein Interview mit dem Leibniz-Preisträger Günther M. Ziegler, der inzwischen Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung ist, fürs Magazin der Berliner Zeitung geführt hatte, das mir heute noch ausnehmend gut gefällt. Es ist im Archiv der Zeitung hier zu finden. Mathematik als Angelegenheit der Schule kommt bei Mathematikern nie gut weg, in unserm Gespräch damals kritisierte Ziegler etwa:
Was zu wenig vermittelt wird, sind Fertigkeiten, die der intelligente Zeitungsleser können sollte.
Zum Beispiel?
Eine Statistik interpretieren, ein paar Dinge über die Börse wissen, etwas über Lotto. Ich habe den Eindruck, man hätte in der Schule ein bisschen mehr Wahrscheinlichkeitstheorie machen sollen und Dinge behandeln, die einen direkteren Bezug zum Leben haben. Mathematik ist so vielfältig, warum also machen wir immer noch wie vor hundert Jahren Geometrie, Algebra, Analysis und sonst fast nix?
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