Manieren im Umgang mit Typen / Unästhetisches Schnarchen

14. Februar 2008

Das Zwiebelfischfinden ging ja sehr schnell! Hier lesen Experten, wie? Binnen weniger Stunden waren die Zwiebelfische gefischt, deshalb gibt es jetzt auch hier das Foto mit den markierten Biestern, die mich einige Zeit gekostet haben. Es sind mindestens zwei Schriften, eine klassizistische und eine serifenlose, die in die Pracht-Antiqua gerührt worden waren. Man kann solche Buchstaben ja nicht einfach austauschen, weil sie geringfügig breiter oder schmaler sind als die korrekten. So mußte ich jede fehlerhafte Zeile neu ausschließen, also im Winkelhaken auf die korrekte Breite bringen, damit sie in der Druckform nicht durchfällt oder sperrt.

Die Texte von Max Goldt zu setzen, ist eine Freude. Ich will nicht darauf herumreiten, daß sie komisch sind und schon gar nicht von Satire sprechen, wie es so oft irrig getan wird, weil unser Begriff von Satire nicht auf die Essays von Max Goldt anwendbar ist. Auch wenn er etwas „aufs Korn nimmt“, so liegt doch die Einzigartigkeit seiner Texte nicht in diesen eher nebenher wirkenden Spitzen, sondern in seinen Entdeckungen. Goldt äußert nicht Meinung, er erschafft neue Sichtachsen in dem Gelände, durch das wir uns bewegen und das wir für bekannt bis zur Langweile halten, bis Max Goldt uns auf einen bisher übersehenen Aspekt aufmerksam macht. Wenig Satire, dafür aber viel Witz durch Verbindungen abseitiger Gebiete, durch Änderung der Perspektive, durch Genauigkeit, Übertreibung, Fortführung eines Gedankens.

Als Schriftsetzer, der die Texte Buchstabe für Buchstabe erfaßt, staune ich immer wieder über die Präzision, die sich mit Eleganz verbindet. In den Sätzen von Max Goldt, und mögen sie noch so leicht hingesprochen scheinen, gibt es keine Nachlässigkeiten; jedes Wort steht wie in den Satz geschliffen. Manchmal ist man als Typograf versucht, für einen Zeilenfall einen Satz umzustellen und probiert theoretisch Varianten aus. Oft erweisen sich Umstellungen dann als günstig, die meisten Texte werden nachlässig geschrieben. Die Luxus-Prosa von Max Goldt ist in dieser Hinsicht wie aus Diamant. Nähme man Umstellungen vor, würde man die ganze Arbeit zerschmettern. Einem Freund des Wortes macht das Bewundern dieser sprachlichen Schönheit enormes Vergnügen, zumeist stilles.

Ich muß aber einräumen, daß ich manchmal, nachdem ich einen Text für den Entwurf etliche Male studiert habe, nachdem ich ihn gesetzt habe und korrigiert und dabei wieder und wieder gelesen, daß ich dann beim Drucken vielleicht beim 400sten Bogen einen akustisch profanen Lachanfall über mich ergehen lasse, weil die Texte von einer Komik, einem Geistesblitze sprühenden Witz illuminiert sind, daß mich mein Gelächter eben unvermittelt überfällt. Max Goldt erklärte in einem Interview, das er der Berliner Zeitung gab: „Das Lachen ist ja streng genommen gar kein besonders attraktives Geräusch, rein ästhetisch gesehen ist es so etwas wie Schnarchen oder Aufstoßen. Ich nehme das Lachen aber nicht ungerne hin, es ist ja ein Zeichen der Anteilnahme.“ (Berliner Zeitung, 20. Januar 2001)

Heute zeige ich hier technische Ansichten vom Satzbau. Bleisatz paßt gut zu den Texten von Max Goldt, weil man ihn so genau bauen muß. Digital läßt jeder Buchstabe mit sich anstellen, was dem Menschen vor dem Bildschirm damit einfällt. Das erfordert vom Anfänger in der Typografie viel Selbstdisziplin, die sogar manch älterem Hasen leider sichtlich abgeht, weil er sich für Buchstaben als Träger von Bedeutungen zu wenig interessiert. Typografie wird oft zu wenig als Form des Benehmens betrachtet. Im Bleisatz setzt das starre Material Grenzen. Die Aufgabe des Typografen besteht darin, vorgegebene Formen (die einer Schrift) in ihrem Sinne zu vollenden, also Formvollendung zu schaffen, die dem Text zum Nutzen des Lesers dienen soll. Man bewegt sich mehr oder weniger geschickt auf dem Felde der Manieren: je unauffälliger, desto näher an ihrer Vollendung. Wenn ein Typograf sich erarbeitet hat, was das Dienen bedeutet und von sich selbst abzusehen vermag, sich fern hält von Bedeutungserschleichung und nicht nach Aufmerksamkeit für seinen Anteil an einem gedruckten Werk heischt, hat er seine Aufgabe in ihrer Tragweite verstanden.

In dem Buch, das ich nun setze, gibt es auch Seiten, die sich weniger um Manieren bemühen. Das typografische Spiel nimmt auf stille Formvollendung gelegentlich keine Rücksicht und wird manchmal laut. Beispielsweise mit der schmalfetten Pracht-Antiqua, die ich hier auf Fotos zeige: schwer lesbar, dunkel, eng. Ich gebe zu, daß ich sie eingesetzt habe nur um der Abwechslung zu dienen (vielleicht auch, um mit ihrem Besitz zu prahlen) – es handelt sich eben um ein ausdrücklich typografisches Spielwerk, das eine gewissen Bandbreite typografischer Ausdrucksmöglichkeiten zeigen soll.

Auf den Fotos ist zu sehen: Die gesamte Druckform der beiden Seiten, die ich gestern druckte. Diesmal habe ich mehr Aufwand betrieben für typografische Blickfänge. Beide Seiten zeigen ein Initial sowie den Einsatz geometrischer Elemente. Drei aufeinanderfolgende Bilder zeigen erstens den Andruck an einer Stelle, wo die dreiviertelfette Futura in eine Garamond-Kolumne gemischt wurde und zu schwach ausdruckt, zweitens den Streifen hauchdünnen Papiers, den ich hinter die Buchstaben geklebt habe, weil die Futura minimal niedriger gefräst wurde, also die Typen etwas niedriger stehen als die der Garamond, drittens die Wirkung dieser drucktechnischen Zurichtung. Die folgenden drei Bilder zeigen ein Initial W aus der mageren Pracht-Antiqua erstens im Bleisatz von oben, zweitens im Druckbild und drittens von unten. Beschaut man einen Satz von unten, wird die Vielzahl der verwendeten Bauteile (Lettern und nichtdruckendes Blindmaterial) deutlich. Dann folgen zwei Fotos, wieder vom Satz und vom Druckbild, die illustrieren, wie man geometrische Räume durch Andeutungen bilden kann. Die drei Zwiebeln liegen in einem Rechteck, das durch Andeutungen gebildet wird. Darauf folgt das Q der kursiven Garamond von Herbert Thannhaeuser als Initial. Es war mir eine Freude, diese mit so feinem Schwung gearbeitete Type einmal in bedeutender Größe einsetzen zu können. Damit die Kolumne insgesamt recht still wirkt, habe ich auf alle anderen Versalien verzichtet. Ich bin kein Anhänger der Kleinschreibung, jeglicher Verzicht auf sprachliche Differenzierungen ist ein Verzicht auf sprachliche Vielfalt und auf Möglichkeiten der Nuancierung von Bedeutungen. Aber sehr ausnahmsweise kann man das mal machen. Zum Schluß noch zwei Fotos der Druckform von unten, das gelbe Seidenpapier ist Teil der Zurichtung, die den Satz an diesen Stellen etwas hebt.

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Kommentare

  1. kr51-2 am 14. Februar 2008 # :

    Das Komma nach “vorsetzen” erscheint so sauber ausgedruckt – ist das eine nur selten benutzte Type oder eine zwiebelfischige welche?
    Dann frage ich mich als absoluter Laie, der ich bin: steht das Ausrufezeichen mit Absicht so weit entfernt vom vorher gehenden Wort?

    weiter_den_interessanten_Blog_verfolgend
    kr51-2
    :)

  2. MZS am 14. Februar 2008 # :

    Ha! Das Komma werde ich prüfen. Die Seite ist ja schon gedruckt, aber der Satz noch nicht abgelegt. Übrigens steht am Ende des ersten Absatzes auch ein Komma, ein schlecht druckendes, das sich aber doch vom Punkt am Ende des zweiten Satzes unterscheidet. Das habe ich vor dem Auflagendruck ausgewechselt.

    Räume wie den vor dem Ausrufezeichen kann man anhand dieses Fotos nicht beurteilen. Grundsätzlich wird vor dem Ausrufezeichen (wie vor Kolon, Semikolon, Fragezeichen) ein ganz geringer Raum eingefügt, diese Zeichen dürfen nicht am vorhergehenden Buchstaben kleben. Hier auf dem Foto sehen wir eine etwa 28p große Schrift, die im Original 8p groß ist. Ich werde nachschauen, welches Spatium ich vor das Ausrufezeichen gelegt habe. Möglicherweise finde ich den Raum morgen auch zu groß, ich habe gerade kein Original zur Hand.

    Weitere Kritik ist mir sehr willkommen. Wenn man alleine druckt, wird man ja nicht von kritischen Kollegen begleitet. Meinem freien Mitarbeiter habe ich neulich eine andere Seite vorgelegt, meine Reitgerte demonstrativ beiseite gelegt und ihn zur Kritik ermuntert, aber er wollte nicht. Er hat gesagt, er habe nichts daran auszusetzen. Diese Jugend!

  3. stk am 15. Februar 2008 # :

    Nanu, ich bin verwundert — ff-Ligatur mit einzelnem i, aber keine ffi-Ligatur? ;)

  4. MZS am 15. Februar 2008 # :

    Irgend etwas war doch noch – also ich hab das Komma vergessen. Ich hab nur nach dem Spatium geschaut. Vor dem Ausrufezeichen liegt 1p, danach 2p. Satztechnisch erst mal richtig. Im Original wirkt der Raum nach dem Ausrufezeichen geringfügig größer, aber ich würde jetzt doch einen halben Punkt vor dem Ausrufezeichen rausnehmen. Morgen versuche ich, ans Komma zu denken.

    Zu den Ligaturen und die Rolle ihrer Bedeutung in ihrem Sein hier und jetzt schreibe ich gleich mal einen eigenen Beitrag, morgen vielleicht. Hier nur dies: Die Pracht-Antiqua hat keine ffi-Ligatur. Nur ff, fl und fi. Das Doppel-f ist ein Laut, deshalb ff und nicht fi.

  5. Connie am 15. Februar 2008 # :

    Jeder Dichter kann sich solch einen Setzer und Drucker nur von Herzen wünschen!

  6. Walter am 16. Februar 2008 # :

    Hallo,

    was macht man eigentlich mit den Zwiebelfischen wenn man sie herausgefischt hat? Bei Fischen kann ich mir das vorstellen, die werden vermutlich ins richtige Fach einsortiert. Macht man sich bei Zwiebelfischen die Mühe die Schrift zu bestimmen und sie richtig einzusortieren oder kommen die in einen großen Fischeimer :) fürs Sylvester-Bleigießen? :)

    Und wer macht sich die Mühe, der Meister oder “darf” der Stift ran?

  7. MZS am 16. Februar 2008 # :

    Einen Kratzfuß für Kommentar 5!

    Danke für die schöne Frage in Kommentar 6!

    Wenn man die Zwiebelfische gefunden hat, wird man feststellen, ob sie zum eigenen Setzerei-Bestand gehören. Das ist keine Mühe, denn jeder Setzer erkennt seine Schriften, er hat sie ja täglich in der Hand. Die Farbe des Metalls, die Anzahl, Beschaffenheit und Position der Signatur verraten neben dem Schriftbild, in welchem Kasten der Zwiebelfisch keiner mehr sein wird. Schrift ist viel zu kostbar, um sie wegzuwerfen. Aber die Typen in der Pracht-Antiqua, vielleicht aus einer Bodoni, werfe ich weg, weil die Schrift nicht in meinem Bestand ist. Es gibt ein paar Eimerchen und Dosen mit Altblei. Bleigießen ist allerdings nichts für mich. Vielleicht, wenn ich mal melancholisch werden will und mir nichts besseres einfällt –

  8. MZS am 16. Februar 2008 # :

    Ach so, Meister und Stift, wer darf Zwiebelfische sortieren? Also den Kasten neu aufzusetzen, das heißt jeden Buchstaben in den Winkelhaken zu nehmen und zu prüfen – diese Mühe würde man sich nur mit einem hoffnungslos verfischten und verzwiebelfischten Kasten machen. Wenn mal ein paar Zeilen falsche Schrift in den Kasten gelangt sind, kommen die mit den nächsten Arbeiten zum Vorschein, das macht Arbeit und ein bißchen Groll, und dann gibt man sich mehr Mühe.

    Ablegen darf ein Lehrling erst, wenn er schon auf dem Wege ist, ein ordentlicher Setzer zu werden und ihm die Verantwortung für das Ablegen vor Augen steht.Entweder hat ein lehrling seinen eigenen kasten zur Ausbildung oder ein ausgelernter Gehilfe erledigt das Ablegen. Die meisten Setzfehler werden durch flüchtiges Ablegen verursacht. Ein alter Buchdrucker-Spruch steht im Handbuch für Schriftsetzer:
    Wohl abgelegt und gut gelesen,
    Ist stets der beste Satz gewesen.

    Das heißt, um fehlerfrei zu setzen, muß man an einem ordentlichen Kasten arbeiten und jede Zeile noch im Winkelhaken scharf lesen. Ich habe aber gar keinen Lehrling. In meiner Werkstatt legt der Prinzipal selbst ab. Das kann schon problematisch sein, gestern fand ich 6p halbfette in der 6p kursiven Walbaum. Stecken im selben Schrank, die Kästen. Ich fand niemanden, den ich dafür kritisieren konnte.

  9. Walter am 16. Februar 2008 # :

    Danke für die ausführliche Antwort.

  10. MZS am 18. Februar 2008 # :

    Verflixt und zugenäht! Verdacht bestätigt: Kommentator kr51-2 (siehe 1. Kommentar) hat noch einen Zwiebelfisch entdeckt! Erhielte ich die Postanschrift per E-Mail, übersendete ich einen Druckerey-Dank.

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