Typographie als Inszenierung am Beispiel eines Haupttitels
Nach einer Woche Familiengeschichte nun wieder zur typografischen Sache: Ist das nicht schön rot? Für den Haupttitel des Goldtschen Fledermaus-Atlas’ waren zwei Zeilen in Farbe zu drucken. Außerdem wurde auf demselben Druckbogen eine Textseite mit einem typographischen Ornament versehen. Das zweite Bild zeigt den Druckbogen, das darauffolgende die Druckform. Unspektakulär ist so eine Farbform, aber rot ist eine so stark hervortretende Farbe, daß man sie sparsam einsetzen muß, um ihr gerecht werden zu können.
Auch der Titel dieses Werkes von Max Goldt steht nicht für seinen Inhalt. Das war schon bei dem ersten gemeinsamen Büchlein so: „Ein gelbes Plastikthermometer in Form eines roten Plastikfisches“. Dieser Gebrauchsgegenstand für Wannenbäder für Kinder ist bekannt, kommt in der Literatur indes wohl kaum vor. Eine Zeit lang wurden Romane geschrieben,
die an alltägliche Erscheinungen der Warenwelt die Hauptrolle vergaben, aber dramatischen Charakter bekamen die Gegenstände allein dadurch nicht. Doch das isolierte Aussprechen eines solchen Namens für einen Gebrauchsgegenstand kann eine kleine sprachliche Feier sein: „Ein gelbes Plastikthermometer in Form eines roten Plastikfisches“. Ich habe vor zehn Jahren diesen Buchtitel mit einem reich geschmückten zweifarbigen Frontispiz (der dem Haupttitel rechts auf der linken Seite gegenüberstehenden Illustration) inszeniert. Max Goldt greift solche sprachlichen Schmakazien (so werden im Jargon der Bleisetzer Schmuckzeichen und Ornamente genannt) auf und verarbeitet sie nicht selten in sprachkritischen Essays; ein jüngeres Beispiel ist die „Rohlingsspindel“ in einem Text, der in Goldts Buch „QQ“ (2007) steht.
Auch der im Herbst erscheinende „Atlas van de nieuwe Nederlandse vleermuizen“ ist ein solcher Titel. Einen Atlas der niederländischen Fledermäuse gibt es bereits. Vor das unschöne Wagnis gestellt, ein völlig anderes Buch unter demselben Titel zu veröffentlichen und damit in den Niederlanden die die Fledermaus
erforschenden Naturwissenschaftler zu verärgern, hat Max Goldt dem Titel nicht weniger als eine Dimension hinzugefügt, behauptet er doch nun, daß es in den Niederlanden neue, also bis eben heute noch nicht entdeckte Fledermäuse gibt, und zwar nicht nur eine, sondern eine Vielfalt, die einen ganzen Atlas füllt. Das ist eine so hübsche Vorstellung, daß der neue Titel nun schon alles hergibt, was man von einem Text verlangt, denn was ich hier dazu schreibe, geschieht auch in der Vorstellung des Lesers. Der Titel paßt überdies in die Zeit, da wir immer wieder Nachricht von weltreisenden Insekten erlangen, sei es die spanische Schnecke in den Alpen oder der Asiatische Marienkäfer in der Mark Brandenburg. (Korrektur siehe Kommentare!)
Wie jeder Text in diesem Büchlein eine ihm eigene Form erhält, wie Sinn typographisch in Szene gesetzt wird, so hatte es also auch mit dem Haupttitel zu geschehen. Der Klang, der Sound dieses Titels
erinnert mich an die mit Kupferstichen ausgestatteten naturwissenschaftlichen Pracht-Atlanten des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, an die naturgeschichtlichen Schriften der Aufklärung. Zugleich war mir aber daran gelegen, keine Kopie des Titels einer Abhandlung abzubilden. Die rechte Seite, also den Haupttitel habe ich aus der klassizistischen Walbaum gesetzt; die Mischung der Schriftgrade (-größen) und -schnitte (gewöhnlich und kursiv) sowie die Anordnung der Schmucklinien und die Zweifarbigkeit schwarz/rot sind traditionell. Das Frontispiz ist zugleich historisch und modern. In der Anordnung, Rahmung (die Linien zeigen den Satzspiegeln an) und selbst in der Idee ist das Gesamtbild traditionell, denn die Lust an der reichhaltigen Darstellung von Absonderlichkeit ist in der Buchkunst bis zu ihren Anfängen zu finden. Aber das Motiv selbst, nämlich eine abstrakte Darstellung, spricht die Bildsprache unserer Zeit.
Auf diesem Bild ist der Bleisatz zu sehen und kann man erkennen, daß zwischen den Versalien verschieden dicke Spatien liegen, um die Zeile auszugleichen. Das Wort ATLAS zeigt besonders viele und eine weite Lücke, nämlich zwischen L und A. Ich glaube, das ist der weiteste Abstand, den Versalien haben können. Nach dieser Weite müssen sich alle anderen Abstände richten.
Seite 3, der Haupttitel, steht auf einem Druckbogen mit Seite 30. Für das Foto habe ich die Seiten 30 und 31 nebeneinander gelegt, wie sie nachher im Buch zusammenfinden werden. Links geht es um einen etwas seltsamen Dialog, in dem die Buchstaben G und K verwechselt werden. Der Text ließ sich sehr gut in diese Rahmenform setzen, als sei er dafür geschrieben worden.
Und in diesen Rahmen habe ich nun ein rotes Ornament plaziert. Der Rahmen ist gesetzt aus Garamond gewöhnlich mit Futura dreiviertelfett. Es ist ein Dialog, und der Wechsel der Schriften zeigt den Wechsel der Stimmen an. Im Ornament sind ebenfalls Garamond und Futura verarbeitet, allerdings neben der gewöhnlichen Garamond noch zwei verschiedene Minuskeln
k der kursiven und die schmalmagere Futura im Schriftgrad Perl. Das sind 5 Punkt. Die kleinste Schrift meiner Setzerei ist die schmalmagere Futura in Diamant (4p), dafür greife ich dann schon öfter zum Vergrößerungsglas. Es kommt aber selten vor, daß jemand etwas mit dieser Schrift gedruckt haben möchte. Bei der Zurichtung in der Presse (siehe erstes Bild) half
heute das Glück, auch die winzige Schrift druckte sehr gut aus. Nun fehlen nur noch ein weiterer Druckgang in rot und einer in schwarz, dann ist der Inhalt komplett gedruckt, und ich kann mich den beiden Umschlägen zuwenden. Da steckt noch Arbeit drin.
Kommentare [4]
Meine Berliner Familie (5 und Schluß) Wer ist hier Berliner?
Fortsetzung der Berliner Familiengeschichte
Wer darf sich echter Berliner heißen? Mein Vater ist aus Masuren hierher eingewandert. Die Vorfahren seiner Mutter stammen aus Elchniederung im Norden Ostpreußens, an der Grenze zu Litauen, die seines Vaters ebenfalls aus Masuren. Woher unser Namensgeber Schröder kommt, wissen wir nicht, gerüchteweise ist von den Salzburger Protestanten die Rede. Und eine ganze Generation ist durch die Vertreibung nach dem 2. Weltkrieg verschollen, im Stammbaum fehlen von vier Personen die Sterbedaten, zwei weitere starben auf der Flucht im Greisenalter in der Fremde.
Der Geburtsname meiner Mutter, Bewer, verrät einen Strang hin zu den Hugenotten, die in Ostpreußen angesiedelt wurden. Die Familien meiner Eltern lebten gar nicht so weit voneinander entfernt, vielleicht kannte man sich sogar. Ein anderer Strang endet bei Ludwig Gesing, 1839 in Potsdam geboren, und Anna Bockfleisch, 1840 in Salzwedel bei Stendal geboren. Diese beiden, Ludwig und Anna, sind meine ältesten Berliner Vorfahren, die Enkelin der beiden war meine Großmutter Frieda, die geduldig meine Detektivspiele mitmachte und von der ich lernte, wie man beim Mensch-ärgere-dich-nicht schummelt.
In meinem Freundes- und Bekanntenkreis bin ich mit meiner Seßhaftigkeit ein kleines Faktotum, schon die Ururgroßeltern wohnten unweit meiner Wohnung. Zieh doch endlich mal um, werde ich angemault. Ich bin durch dieselben Straßen gegangen wie drei Generationen vor mir. Das ist in Berlin seltener geworden. Eine Großstadt lebt vom Zuzug, von der Bewegung. Viele Berliner waren Vertriebene und Angesiedelte. Wenn ich sage, daß ich ein Deutscher bin, ist das nur ein Teil der Wahrheit. In mir stecken Franzosen, Österreicher und gewissermaßen Polen. Und das ist ja nur ein kleiner Teil der ganzen Geschichte, nur knapp 200 Jahre.
Heute sind Deutsche auch Italiener, Griechen, Türken, Libanesen, Russen und aus vielen anderen Ländern zugezogene Leute, meiner Familie ist sogar ein afrikanischer Wurzelstrang im Stammbaum zugewachsen. Seit ich diese Wurzeln sehe, fühle ich mich den Fremden, die rasch Berliner werden, näher.
Eben lese ich die Berliner Kindheitserinnerungen von Rudolf Borchardt aus den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, als auch seine Vorfahren nach Berlin einwanderten. Ich schreibe eine E-Mail nach Ithaca und erzähle von der Lektüre, weil Borchardt ostpreußische Wurzeln hat wie die amerikanische Cousine meiner Mutter, bei der ich vor einigen Wochen auf Fotos meinem Opa Artur vor meinem Kindheitskino in der Schönhauser Allee begegnet war. Einen Tag später die Antwort: In der großen und schönen Bibliothek der berühmten Cornell-University, die ich mir bei meinem Besuch angesehen und die ich rundum bewundert habe, findet sich die Ausgabe der Maximilian-Gesellschaft Hamburg von 1966. Wie mag dieser Privatdruck nach Ithaca im Staat New York gekommen sein? Alles fließt.
Schluß
tags: berlin, familie, geschichtenMeine Berliner Familie (4) Castorfs Kino
Fortsetzung der Berliner Familiengeschichte
Meine Mutter erzählt vom Berlin der dreißiger Jahre: Den Veteranenberg aufwärts über den Zionskirchplatz kommt man zur Kastanienallee, eine stille Straße mit dicken alten Bäumen. Die Häuser sind mit Stuck verziert und mit kleinen Figuren; die Balkons wölben verschlungene Eisengitter im Bogen nach vorn. Kleine Geschäfte und Kellerläden zeigen ihre Waren. Wäschereien und Gardinenspannereien lassen die gebleichten Stücke auf der Straße trocknen. Auf den Höfen Pferdeställe, Hufe klappern auf dem Pflaster, und meine Mutter läuft durch die Einfahrt und guckt, wie gefüttert und getränkt wird. Der Geruch ist unverwechselbar: Kastanien, Tiere, Wäschedunst. Die Straßenbahn klingelt, Kutscher rufen, Spatzen streiten sich bei den „Pferdeäppeln“.
Meine Mutter ist mit ihrer Mutter unterwegs. Über die Kreuzung Schönhauser Allee in die Pappelallee, und dann ist es nicht mehr weit bis zur Stargarder Straße. Bevor sie rechts einbiegen, muß meine Mutter, ein kleines Mädchen, noch an der Ecke stehenbleiben. Über der Tür zum Jalousienladen von Castorf – der Enkelsohn leitete später die Volksbühne – befindet sich ein kleiner Bildschirm, und da laufen Zeichentrickfilme: Mickimaus, Bären, Clowns. Nachmittags um drei Uhr stehen hier immer Kindergruppen und starren nach oben.
Meine Ururgroßmutter, die verwitwet nach Berlin gegangen war, arbeitete bei einer reichen jüdischen Familie als Dienstmädchen. 1898 holte sie die 16jährige Auguste nach Berlin. Meine Uroma erzählte meiner Mutter vom Prenzlauer Berg, wo Mühlen standen, von der ersten Straßenbahn, die von Pferden gezogen wurde, von ihrer Fremdheit zwischen den hohen Häusern. Sie lernte einen richtigen Beruf: Weißnäherin. Stundenlang täglich stichelte und stickte und häkelte sie Spitzen und Hohlsäume. Die reichen Kundinnen waren anspruchsvoll und wehe, wenn ein Stückchen Batist verdorben war. Das ging vom Lohn ab, der sowieso kaum zum Leben reichte. Lange Kleider waren Mode, niemand ging ohne Hut auf die Straße. Und nicht das kleinste Stückchen vom Bein durfte zu sehen sein. Welch eine Erleichterung, als die Kleider knöchellang getragen wurden und der Saum nicht mehr nach jedem Ausgang mühsam gesäubert werden mußte. Meine Uroma nähte auch für meine Mutter und ihre Puppen, und später konnte meine Mutter meinem Teddybären Emil einen Anzug schneidern.
Den Jalousien-Laden von Castorf gibt es übrigens heute noch, er ist ein Haus weiter gezogen, und auf der Ecke ist jetzt ein Café eingerichtet für die vielen durstigen Gäste im heutigen Prenzlauer Berg.
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