Walbaum-Rätsel
Die Walbaum ist eine klassizistische Schrift, über ihre Herkunft habe ich bereits geschrieben. Auch über das Register am Fuß der Seite findet der Leser einige Einträge zur Walbaum.
An der Walbaum merke ich, wie geschult mein Auge langsam wird. Ich habe auf einem Bogen, den ich seit Jahren drucke, einen Fehler entdeckt. Auf dem Foto ist einer meiner Modell-Briefbogen zu sehen. Gesetzt aus Versalien der halbfetten Walbaum, darunter eine Englische Linie in rot, darunter die kursive Walbaum.
Ein Buchstabe auf diesem Briefbogen entstammt einem anderen Setzkasten. Ich mache es anfangs nicht leichter und gebe keine weiteren Anhaltspunkt, denn die letzten Rätsel wurden sehr schnell gelöst. Dafür zeige ich aber eine Vergrößerung. Im Original sind die Versalien aus 14p (Mittel heißt der Schriftgrad) gesetzt, die kursive Zeile aus 12p (Cicero). Auf Papier hatte ich den Spaß also nur halb so groß vor Augen. Und ich hatte gar nicht nach einem Fehler gesucht, ich war nur plötzlich irritiert, als ich den guten ersten Abzug aus der Presse zog und wußte nicht wovon. Begann aufmerksam zu schauen und dann …
Preis: Wer die Nuß auf Anhieb knackt (ich traue es meinen kundigen, adleräugigen Lesern zu), bekommt ein Postkarten-Set aus der Druckerey mit kurzen Texten von Gerhard Henschel zugesandt, handgesetzt und handgedruckt. Sobald ich Hinweise gebe, verfällt der Preis; dann geht’s nur noch um die Ehre.
Ein Hinweis für FeedReader-Verwender: Die Auflösung mit Foto erscheint nicht in einem neuen Beitrag, sondern in einer Auffrischung (Update) dieses Beitrages. Ich zeige dann das Foto des korrigierten Bogens dazu, er ist schon gedruckt.
Gestern habe ich die Druckbogen des Goldt-Buches in die Buchbinderei Ines Neumann in Berlin-Buchholz geschafft. Es ist ein seltsames Gefühl gewesen, die Kartons dort abzustellen und fortzugehen. Ein halbes Jahr lang habe ich gelesen, entworfen, skizziert, gesetzt und gedruckt. Nun war mir etwas wehmütig, die ganze Arbeit in fremde Hände zu geben. Aber bei der ausgesuchten Buchbinderei habe ich ein gutes Gefühl. Es ist eine mittelgroße und reine Handbuchbinderei, die auf kleine Aufträge spezialisiert ist. Sogar das Falzen der rund 5000 Druckbogen geschieht in Handarbeit. Jetzt suche ich noch einen braunen Faden für die Fadenknotenheftung. Werde morgen mal in der Änderungsschneiderei Kuglerstraße fragen …
Zuletzt verweise ich heute auf diesen Offenen Brief an Bundesministerin Schavan, den ich, zumal nach meinen jüngsten Erfahrungen mit Druckschülern, vernünftig finde und (ohne öffentliche Namensnennung) unterzeichnet habe.
Update 16. Juli 2008
Die Lösung: Es ist das Z. In der falschen Version, in beiden Bildern unten, steht das Z aus der mageren Walbaum in einer Zeile aus der halbfetten. An diesen Typen läßt sich sehen, wie geschickt der Schriftkünstler eine halbfette Variante geschaffen hat: nämlich nur teilweise durch einen stärkeren Strich, vor allem jedoch durch eine Verschmälerung der Buchstaben. Die Walbaum als klassizistische Schrift zeigt schon als magere den typischen Unterschied in den Strichstärken: fette senkrechte gegen zarte waagerechte Linien. Bei der halbfetten ging es darum, die Schrift dunkler und kräftiger, aber eben noch nicht fett erscheinen zu lassen. Dafür wurden die Proportionen verändert.
Die Buchstaben wurden zusammengedrängt, also die waagerechten Linien verkürzt, und erscheinen so dunkler und kräftiger. Ich sehe jetzt erst in der Vergrößerung, daß die obere Serife vom halbfetten Z in einem schrägeren Winkel angesetzt wurde als im Z aus der mageren. Warum GGL das so gemacht hat? Wahrscheinlich, um den oberen Raum auch bei einer Verschmälerung offen zu halten. Die detektivische Vergrößerung bringt uns auf die Spur der Arbeit eines Schriftkünstlers und seine Überlegungen.
Wie fein tariert eine gute Schrift doch sein muß, angesichts dieser Bilder verneige ich mich vor der Kunst des Schriftzeichnens und -schneidens. Die gezeichneten Vorlagen mußten für den Bleisatz ja noch aus Stahl herausgeschnitten werden. Ein großes Handwerk, das aus der Welt verschwunden ist. Die neuen Schriftkünstler stehen allerdings nicht nach, auch digital werden Meisterwerke geschaffen. Nur öffentlich im Detail diskutiert werden sie leider nicht. Oder kennt jemand eine Quelle?
Man wird mir nun nachsehen, daß ich mir auf die Schulter klopfte, die falsche Letter mit bloßem Auge in einer 14p großen Zeile entdeckt zu haben. Das war nicht ganz einfach. Ich hatte also den ersten guten Druck in den Händen und wollte daran gehen, die Auflage zu drucken, als mich etwas störte. Zuerst war es der zu große Abstand zwischen dem letzten Buchstabenpaar, der mir bislang nicht aufgefallen war. Aber auch nach dieser Korrektur war ich unbestimmt unbefriedigt. Nach einigem Betrachten der Zeile unter verschiedenen Lichtquellen und Lichteinfallswinkeln und nachdem ich mich selbst überredet hatte, daß mein Gefühl mich doch immer seltener trügt, zog ich das Z aus der Zeile und verglich die Bleiletter unter der Lupe mit einem anderen Z aus dem Setzkasten. Ich verglich die Breite der Type, weil ich schon länger weiß, daß die Halbfette schmaler geschnitten ist. Die Lettern waren identisch. Ich wechselte das Z trotzdem aus. Vielleicht ist es nur zu sehr abgenutzt, dachte ich, und ich druckte erneut. Der Eindruck eines Fehlers blieb. Nun nahm ich ein Z aus der mageren und stellte fest, daß es identisch ist mit dem Z aus dem Kasten der halbfetten. Jetzt war ich schon etwas entnervt. Aber bevor ich fluchte, griff ich ein weiteres Z aus dem Kasten der halbfetten. Und nun war die Sache eindeutig. Das erste Ersatz-Z war ebenfalls ein Zwiebelfisch.
Die beiden Walbaum-Setzregale habe ich vor Jahren aus dem Bestand einer Universität übernommen; in den ersten Jahren hatte ich ständig Fische und Zwiebelfische in den Fingern, inzwischen sind die Kästen durch Gebrauch sauberer geworden. Aber in diesem Fall, nun ja. Ich setzte das richtige Z ein und war sofort zufrieden mit dem Druckbild.
So kann eine Stunde vergehen, auch eine zweite, bevor man dazu kommt, eine Auflage zu drucken. Mal werden lange die Buchstabenabstände immer wieder korrigiert, mal spielt einem der Druckfehlerteufel solche gemeinen Zwiebelfische in den Winkelhaken.
tags: walbaumKommentare [37]
Umschlag komplett
An diesen drei Aufnahmen läßt sich sehen, wie der Karton mit den Farben umgeht, manchmal verschwinden sie fast, weil der Karton so hell wird unter bestimmtem Lichteinfall, manchmal tritt die hellste Farbe am stärksten hervor. Die letzte Farbe steht nun also auf dem Umschlag, er ist fertig, jedenfalls gedruckt. Es steht ja noch der Beschnitt aus, das Rillen und das
600fache Umlegen, wenn der Inhalt aus der Buchbinderei kommt. Und der muß vorher auch noch beschnitten werden. Auf dem letzten Foto ist die Skizze zu sehen, die ich aus einem schwarzen Abzug geschnitten und zusammengeklebt habe. Ich wollte einen Umschlag entwerfen, der so stark wie möglich vom klassizistischen Haupttitel innen abweicht, weil auch die Buchseiten einander nicht gleichen.
Der Haupttitel Atlas van de nieuwe Nederlandse vleermuizen bildet vielmehr einen Text für sich und behauptet, es gebe neue niederländische Fledermäuse, deren Zahl groß genug sei, einen Atlas zu füllen. Vor Augen hatte ich einen etwas gewagten naturwissenschaftlich-schulbuchartigen Umschlag der 1970er Jahre mit serifenloser Type, wie sie in dieser Zeit für am ehesten für tauglich gehalten wurden, wissenschaftliche Verlautbarungen typografisch auszuzeichnen. Der Umschlag sollte aber auch zeitgemäß wirken, deshalb das schimmernde Material, das in großer Auswahl erst
seit einigen Jahren von den Herstellern angeboten wird. Als ich 1998 das Vorgänger-Büchlein druckte, waren Metallic-Papiere noch neu und nur in wenigen Farben von wenigen Herstellern lieferbar. Zuletzt steht der Umschlag gegen die in meinen Augen falsche Überlegung, bibliophil mit Bleisatz gemachtes sei etwas betont krumm und unsauber auf gelbes Fusselpapier gedrucktes, also die Unvollkommenheit der Handarbeit geradezu demonstrierend; eine nostalgische, also irrig sehnsüchtelnde Vorstellung, die mit der Geschichte des handgemachten Buches nichts zu tun hat. Man bemühte sich immer um Perfektion. Im Bewußtsein, sich immer nur annähern zu können und sie niemals zu erreichen.
Freunde gedruckter Worte, die heute an den Lektüre-Luxus von morgen denken, werden den Atlas van de nieuwe Nederlandse vleermuizen von Max Goldt einfach schon heute bestellen.
tags: atlas van de nieuwe nederlandse vleermuizen, max goldtKommentare [4]
Rot zu rosa und grün
Der dritte Druckgang des Umschlages vom Goldt’schen Atlas der neuen niederländischen Fledermäuse rollte mit roter Farbe durch die Maschine. Wieder ergänzt mit Bologneser Kreide, damit die Farbe deckt. Weil der schimmernde Karton changiert und damit mal mehr und mal weniger hell wirkt, treten auch die Farben verschieden
hervor, mal eher rosa, mal mehr die dunkleren roten Zeilen. Jetzt fehlt nur noch eine Farbe, in welcher der Name des Autors gedruckt wird. Auf dem Foto mit dem Bleisatz ist wieder der Ausgleich der Lettern zu sehen: das kleine w hat mehr Fleisch als die anderen Typen, beim kleinen v nimmt das eng beschnittene l so viel Luft, daß auch dort spationiert werden mußte.
Freunde gedruckter Worte, die heute an den Leseluxus von morgen denken, werden den Atlas van de nieuwe Nederlandse vleermuizen von Max Goldt einfach schon heute bestellen.
