Eine halbe Sonne aus Blei
Im März hat mein Kollege Georg Kraus in Ratingen eine neue Gußmaschine in Betrieb genommen und darüber in seinem Tagebuch zum Beispiel hier und auch dort geschrieben. Die genaue Geschichte der Maschine, die 1913 in der Zeitungsherstellung ihren Lauf nahm, stellt mein Kollege an dieser Stelle dar.
In der letzten Schriftlieferung fand ich zu meiner Überraschung ein paar Proben vor. Vielleicht denkt mein Lieferant, ich sei nicht zufrieden, weil ich mich nicht gleich meldete. Aber oft liegen solche Pakete wochenlang unausgepackt, weil mir die Zeit fehlt, die Erwerbungen unterzubringen. Manchmal muß ich aber doch auspacken, wenn der Paketstapel zu groß wird.
Und ich bin angenehm überrascht. Wie Kraus in seinem Blog schreibt, ist die Ludlow-Gießmaschine in Deutschland nicht verbreitet gewesen, mir war sie gänzlich unbekannt, in Ostdeutschland war sie wohl noch seltener. Sie gießt amerikanische Schrifthöhe, das heißt der Körper der Letter (nicht die Höhe der Buchstaben) ist etwas niedriger als die deutschen Typen im Setzkasten. Allerdings ist dieser Höhenunterschied sehr gering und läßt sich ganz leicht ausgleichen, davon habe ich mich überzeugt mit den Proben, die ich nur flüchtig andruckte, um mal zu sehen, worum es da geht.
Die druckenden Teile sind auf eine Blindzeile, eine Art Reglette, wie wir sie nennen, gegossen und werden durch weitere Regletten, die man unter den eigentlichen Druckstock schiebt, gestützt.
Nun wüßte ich ja gern, ob ich die Schmuckelemente auch einzeln bekommen kann.
Letzte Woche frug mich Dale, mein Druckschüler, nach einer Sonne für ein Sonnengedicht in seinem Buch. Ich habe zwar eine Menge Sterne, aber die Sonne nicht. Da kam die Lieferung aus Ratingen gerade recht, denn als Dale mich diese Woche an seine Sonnensuche erinnerte und ob ich nicht doch eine gefunden hätte, konnte ich ihm die Ludlow-Sonnen von Georg Kraus geben. Kann man die nicht trennen?, war Dales erste Frage. Mir fehlt das Werkzeug dafür, man sägt so etwas am besten elektrisch, weil das am saubersten geht. Nun bin ich gespannt auf Bescheid von meinem Lieferanten, ob ich die Schmuckzeichen auch einzeln bekommen kann. Gedruckt haben wir erst einmal alle drei halben Sonnen.
Übrigens ist Dale mit dem Satz bald fertig. Es fehlen noch ein Gedicht, der Haupttitel und das Impressum. Diese drei Druckgänge fehlen auch noch, alles andere liegt schon vor. Dann suchen wir einen schönen Umschlag aus, dann wird gebunden — na, ein Stück Arbeit wird es noch.
Aber wer von uns kann schon ein selbstgeschriebenes, selbstgesetztes, selbstgedrucktes, selbstgebundenes Buch sein eigen nennen? Ich nicht.
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Spielen
Kürzlich hatte ich Hochzeitseinladungen und eine dazu passende Danksagung zu drucken. Die Einladungen wurden aus einer Schreibschrift der 30er Jahre gesetzt und mit einer roten Holzletter als Initial geschmückt. Und die Danksagung sollte diese Letter aufnehmen. Wunsch meiner Kunden war, die Holzlettern in der Druckmaschine nicht für den guten Druck zuzurichten,
wie wir Drucker es nennen, wenn wir die Unregelmäßigkeiten einer Druckform im Druckbild ausgleichen. Dazu werden auf dem Aufzug, auf dem das Papier für den Druck liegt, und unter dem Lettern oder unter Bildmaterial feine Reliefs geschaffen aus Seidenpapier, die das Druckbild perfektionieren. Hier war dagegen gewünscht worden, die Natur der Holzlettern zu belassen, die Spuren der Zeit an ihnen, die Abnutzungserscheinungen, Kratzer und dergleichen im Druck abzubilden.
Als ich mit der Auflage fertig war, kam mir der Gedanke: Was passiert, wenn ich auf diese Kerbe in der Letter A was draufklebe?
Ich hätte es mir denken können, aber ich war doch erst etwas enttäuscht. Aber eben, weil ich vorher einer Täuschung aufgesessen war. Man kann solche Buchstaben kitten, aber nicht mit dem Aufbringen einer Art Pflaster.
Die Bilder zeigen die Folge von: Was passiert eigentlich, wenn …
Und das hat mich belustigt und in seiner Wirkung doch ziemlich entzückt. Ich habe immerzu etwas geändert an der Druckform, und es ist eine Art Druckgrafik entstanden, die Kunstgattung nennt man Montage- oder Materialdruck.
Da der Kunstbegriff schwer zu definieren ist, die Absicht ebenso sehr dazu gehört wie die Intuition, kann ich die Frage nicht beanworten, ob es Kunst ist. Druckgrafik ist es sicherlich, aber ich halte es nicht für ein Kunstwerk oder nur für ein ganz winziges. Das Schöne an dieser Art von Druckgrafik ist die Überraschung. Anders als beim
digitalen Arbeiten weiß man nicht, wie nach der Manipulation der Druckform das Druckbild sein wird. Als Lehrlinge haben wir gerne mit dem Farbstein gespielt. Wenn man auf die ausgewalzte Farbe Waschbenzin spritzt und dann rasch einen Bogen Papier drauflegt, ergeben sich hübsche Muster darauf.
Nach dem Drucken muß die fette Farbe trocknen, meistens zwei Tage, das hängt von der eingesetzten Farbe, dem Papier und der Luft ab. In der letzten Werkstatt-Ecke lege ich die Karten nebeneinander auf Pappen aus.
Preise: 1 Karte mit unbedrucktem Kuvert kostet 3,00 Euro inkl. 19% MWSt. zuzüglich Versand (4 Euro). Wir liefern gegen Vorausrechnung und Vorkasse, solange der Vorrat reicht. Eine Nachauflage ist einstweilen nicht vorgesehen. Und jede Karte sieht ein bißchen (oder mehr) anders aus als die andern!
Freilich sind die Karten auch direkt in der Druckerey erhältlich: mittwochs von 15 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung.
tags: danksagungen, druckgrafik, holzletternKommentare [1]
Na endlich!
Vor den Osterferien waren diese Karten von meinen jungen Schülern ja schon fertig, und ich hab es nicht geschafft, sie zu fotografieren für unser Angebot. Aber jetzt!
Die Druckerey ist stolz, die Arbeiten von Gustav, Freyja und Robert präsentieren zu dürfen, nämlich selbstgedichtete Gedichte selbstillustriert und selbstgedruckt in limitierter Auflage:
Feuerwehr Ein 11-Worte-Gedicht von Gustav mit einem Linolschnitt von Robert.
Wenn man beim Linolschnitt erst beim Andruck merkt, daß man eine Nachtaufnahme geschnitten hat, fügt man einfach Mond und Sterne hinzu.
Die Linien hat Gustav für handschriftliche Grüße vorgesehen.
Wiese Noch ein 11-Worte-Gedicht (Elfchen genannt) von Gustav
mit einem Linolschnitt des Autors.
mit einem Linolschnitt von der Dichterin eigener Hand.
Lieferung und Preis: 1,50 Euro brutto (also inkl. 19% MWSt.) per Stück inklusive gefüttertes Kuvert, 1,20 Euro ohne Kuvert. Keine Mindestabnahme. Verpackung und Versand: 4,00 Euro. Nur solange der Vorrat reicht, keine Nachdrucke, der Bleisatz ist abgelegt, es sind nur wenige Exemplare vorhanden, etwa 30 Stück.
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