Schriftzeichen basteln
Nicht jedes Schriftzeichen findet der Schriftsetzer in den 125 Fächern des Setzkastens. Für die Visitenkarte eines Nautikers war eine Ortsbestimmung zu setzen, für die ein Gradzeichen benötigt wird. Für das Minutenzeichen läßt sich in der Futura auch das Apostroph einsetzen, aber woher ein Gradzeichen nehmen? Ich habe keinen Kasten für Formelsatz mit entsprechenden Sonderzeichen. Mal hier und mal da findet sich das ein oder andere, aber ein Gradzeichen suchte ich vergeblich. In größeren Schriftgraden könnte man sich mit einer Mediäval-Null oder einem Buchstaben o aus einer geeigneten Schrift behelfen, aber ich hatte die Position aus 8p magerer Futura zu setzen.
Ich fand einen Kreis, der auf ein Nonpareille-Geviert, also ein 6p-Geviert gegossen war. Der Kreis paßte, aber die Letter, auf der er saß, war zu groß. Also nahm ich erst das Schnitzmesser und dann die Feile.
Das dauerte eine ganze Weile. 6p sind 2,26 mm. Und von denen war ein Sechstel zu entfernen, das ist eine rechte Fummelei.
Aber am Ende konnte ich die passend gemachte Letter einsetzen. Man muß sich zu helfen wissen. Zwar hätte ich auch ein Klischee des gesamten Satzes anfertigen lassen können, aber mein Kunde wünschte sich den Satz komplett aus Blei, und diesen Wunsch habe ich gern erfüllt.
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Wer grafisch am Computer arbeitet, entwickelt oft ganz andere Entwürfe als ein Akzidenzsetzer wie ich, der Typografie gewissermaßen aus dem Setzkasten heraus denkt. Designer wie Patrick O. Wodtke erinnern mich aber trotzdem an früher. Als ich noch angestellter Schriftsetzer in einer Akzidenzsetzerei war, bekamen wir von Gebrauchsgrafikern Skizzen, die wir nachbauten. Axel Bertram war in der Buchdruckerei Rapputan in der Berliner Friedrichstraße dafür bekannt, besonders enge Wortzwischenräume im Satz zu bestellen, anders als wir es gewöhnlich handhabten.
POW wünschte sich Visitenkarten, die auf einer Seite mit einer Farbfläche im Beschnitt bedruckt waren, darin negativ eine Grafik, auf der Rückseite eine digital gesetzte Schrift. Beides war also nicht vom Bleisatz zu drucken, sondern vom Klischee. Die Karten sollten mit einem Farbschnitt ausgestattet werden. Als Farbangaben wurden mir Nummern aus dem HKS-Farbfächer genannt. Ich danke Herrn Wodtke für die freundliche Genehmigung, die von ihm entworfenene, gesetzte und gezeichnete und von mir ausgeführte Arbeit hier zeigen zu dürfen.
Das Klischee mußte also größer angelegt werden als das Format der Karte, um den Schnitt in die Farbfläche hineinsetzen zu können.
Das Papierformat brauchte einen Rand über die Druckfläche hinaus, damit es in der Maschine befestigt werden konnte. Gewöhnlich drucke ich auf das Endformat und setze den Farbschnitt vor dem Druck an.
Die dunkelbraune Farbe habe ich von Hand gemischt. Selbst wenn ich die entsprechende HKS-Farbdose im Regal hätte: Im Buchdruck ist der Farbauftrag höher als im Offset, mit dem der Farbfächer gedruckt ist. Das Papier mit der filzmarkierten Oberfläche und die Farbfläche des Druckbildes brauchen einen extra hohen Farbauftrag.
Eine Farbe aus der Dose würde dadurch dunkler scheinen als die Vorlage auf dem Farbfächer. Dem müßte also durch Aufhellen der Farbe entgegengewirkt werden. Dann mische ich lieber gleich. Hier also ein dunkles Braun, dazu ein Löffelchen kaltes Rot, eine Messerspitze Orange und ein Stritz Schwarz.
Nach dem Drucken und dem Beschnitt sowie dem Anschleifen der Schnittflächen wird die Farbe auf die Schnittflächen aufgetragen. Auch diese Farbe ist von Hand gemischt nach Angabe einer HKS-Farbe. Nach dem Auftragen wird die Farbe poliert und mit einem dünnen Lack überzogen.
Vor dem Schneiden wurden die Drucke mit dünnem Papier durchschossen. Der Preßbalken und das Messer in der Schneidemaschine üben einen so hohen Druck aus, daß die Farbe der Farbfläche unweigerlich auf der Rückseite der nächsten Karte abziehen würde. Außerdem wird der Papierstapel für den Farbschnitt sehr hohem Preßdruck ausgesetzt. Nach dem Schneiden habe ich die recht fest haftenden Zwischenlagen abgezogen, aber für das Verpacken zwischen den Karten gelassen, denn auch Abrieb in einem festen Päckchen wäre unschön.
Immer wenn sich ein Designer mit einer Anfrage meldet, bekomme ich es erst einmal ein wenig mit der Angst zu tun. “Designer” ist keine geschützte Berufsbezeichnung, und auch wenn es das wäre, gibt so ein Wort noch keine Garantie für typografisches Verständnis. Aber bislang hatte ich Glück mit meinem Designer-Kunden. Typografisch ist auch an diesem Entwurf von Patrick O. Wodtke nichts auszusetzen, der Schriftsatz in der PDF-Vorlage, die ich für die Klischeeherstellung benötige, war einwandfrei. Von Designern dieser Güteklasse kann ich lernen, und sie fordern mich technisch heraus: Die Kombination von Farbfläche im Beschnitt, zweiseitigem Druck und Farbschnitt erfordert genaue Planung.
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Drei Texte und fast keine Politik
Heute reiche ich zwei Texte nach, die kürzlich in der Süddeutschen Zeitung erschienen sind. Hier allerdings in den unredigierten Manuskriptfassungen. Nämlich erstens Anmerkungen zur Typografie im Internet und zur Frage, ob man auf Websites Schriften darstellen kann wie in Drucksachen. Geschrieben für den Leser des Feuilletons, speziellere Beiträge findet man leicht im Internet. Das PDF ist hier: Typografie im Internet SZ 7-2009.pdf
Und ich hab zweitens das große Buch über Adrian Frutigers Schriften besprochen, die Rezension im PDF ist hier verlinkt: Adrian Frutigers Gesamtwerk SZ 8-2009.pdf
In diesem Blog wird nur fast ausschließlich über Buchstaben geschrieben, die Lebenswelt des Druckers darf gelegentlich ein wenig durchscheinen. Dies tut sie heute so:
Ich schlenderte gestern durch die Berliner Schumannstraße in Ostberlins Mitte auf dem Wege zu einer Verabredung. Und als ich am Glaskasten eines Hotels vorbei war und den Glaskasten der Heinrich-Böll-Stiftung hinter mir hatte und gegenüber vom Deutschen Theater mit dem Haus der Kammerspiele stand, fragte ich mich, warum mich angesichts von Glas und Stahlbeton, aber auch von renovierten Fassaden der nun wieder schönen Gründerzeithäuser manchmal Nostalgie befällt und ein kleines Sehnen nach der Baufälligkeit der DDR-Zeit.
Genau in diesem Augenblick schlenderte ein junger Herr mit seiner Dame an mir vorbei und sprach zu seiner ziersamen Begleiterin: “Hier ist noch richtig Berlin, hier ist nicht alles so geleckt.”
Was zum Teufel meinte er? Den Baucontainer vor dem Deutschen Theater? Das Laub im Park, das die Stadtreinigung noch nicht aufgesaugt hatte? Wie gegensätzlich die Eindrücke sind!
Ich möchte das baufällige Ostberlin und meine Verzweiflung der achtziger Jahre nicht geschenkt haben. Aber wie fremd sind mir die vielen Bilder des Protzes, die Umwandlung ganzer Stadtviertel zu Sehenswürdigkeiten und die straßenweisen Ansammlungen von Geschäften für “Marken”-Schuhe und “Marken”-Handtaschen. Und die riesigen, bunten und lauten Bewirtungsplätze für Party-Touristen.
Als ich dann von Mitte zurück in den Prenzlauer Berg der Stadt radelte, wo mein Ururgroßvater sich vor über 150 Jahren niederließ (mein Urgroßvater betrieb um 1900 ein Fuhrunternehmen in Prenzlauer Berg, unweit meiner Druckerey), auf diesem Wege grinsten mir die Kandidaten der Bundestagswahl ins Gesicht, sich vergeblich der Mühe unterziehend, mit ihren Parolen meine Instinkte anzusprechen, als sei ich nicht auch noch ein denkendes Wesen.
Keine Sorge, im Druckerey-Blog gibt es keine Wahlempfehlungen (und entsprechende Kommentare würden nicht veröffentlicht). Aber unter all diesem blöden Werben um mein Kreuzchen fiel mir auf, daß eine Partei sich “Die Linke” nennt und damit den Eindruck zu erwecken sucht, alle politischen Auffassungen dieser Richtung aufnehmen zu wollen, also eine Art neuer “Nationaler Front” zu bilden, wie man die Parteien in der DDR anläßlich der “Wahlen” zusammenfaßte. Und mir fiel des weiteren auf, daß diese Partei, deren Vorgänger und auch heutige Mitglieder den baulichen Verfall, dessen ich mich gegen meinen Verstand nostalgisch-sehnsüchtelnd erinnere, bewirkt haben, nun auf ihren Plakaten erneut für “Sozialismus” agitieren, was für mich immer mit Verfall jeder Art verbunden sein wird.
Meine Heimat hat sich in einem rasenden Tempo verändert. Da kann man schon ein bißchen Wehmut haben nach der alten Welt. Auch wenn sie einem das Leben so schwer gemacht hat, daß man sie unter keinen Umständen zurücknähme — hier der dritte Text: Stasi-Akte.pdf
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