Semjon wirft Netze aus
Was ist denn das? Spinnweben in der Morgenröte?
Während ich mich freute, daß mir der Künstler H.N. Semjon ins Netz gegangen ist für die Serie der Karten im Prägedruck, hat er seinerseits ein Netz gezeichnet.
Die zweite Karte der Prägedruck-Serie ist fertig. Es handelt sich um die Reproduktion zweier eigens angefertigter Bleistift-Zeichungen von H.N. Semjon.
Zum Einsatz kam wieder das weiche, handschmeichlerische Baumwollpapier aus Amerika mit der Haptik eines textilen Stoffes, dessen Volumen die Prägung des in Metall geätzten Druckbildes tief aufnimmt.
Semjons Netze können in der Druckerey erworben werden, aber auch in Berlin-Mitte im Installationsgeschäft des Künstlers, dessen Besuch ich sehr empfehle. Steht man eine Weile in dem Laden, befällt einen das merkwürdige Gefühl, in der Vergangenheit, einem Traum oder einer Filmkulisse herumzuspazieren, weil alle Wirtschaftsgüter dieses Tante-Emma-Ladens (Zwieback bis Waschpulver) mit leuchtend weißem Wachs überzogen sind.
Xmas Shopping @ KSb
Samstag und Sonntag, 12. und 13. Dezember
(3. Adventswochenende)
von 14 bis 19 Uhr
und nach Vereinbarung
KioskShop berlin (KSb)
Installation auf Dauer
von H. N. Semjon
mit Multiple-Shop
Schröderstraße 1
10115 Berlin-Mitte
Kioskshop
Die Klappkarte ist geschlossen 105 × 148 mm groß, also DIN A6, damit sie in die Kuvertgröße DIN C6 paßt. Lieferbar ist das gute Stück im Online-Shop der Druckerey: LetterpressBerlin
Archimedes + Prägedruck = Feine Karte
Vor zwölf Jahren habe ich für Freunde die linke dieser beiden Karten gedruckt. Zweifarbig auf Bütten und anläßlich einer Hochzeit von Freunden meiner Freunde. Diese Karte gelangte mir zufällig wieder in die Hände, und mir gefiel die Idee ausnehmend gut. Nur mit dem Entwurf war ich nicht mehr so glücklich, in zwölf Jahren verändert sich eben die Sichtweise, und mir ist die Klarheit der Proportionen damals nicht so wichtig gewesen wie heute.
Nun habe ich den Text etwas verändert und eben auch den Entwurf und eine Klappkarte gedruckt, die Schrift vom Bleisatz (es ist die kursive Walbaum) im gewöhnlichen Buchdruck, die Weltkugel im Prägedruck, denn der Druckstock ist aus Messing. Und Messing hält viel Druck aus.
Der Karton kommt aus Amerika und besteht aus reiner Baumwolle. Er ist in der Papiermaschine nicht kalandriert worden, wurde also nicht durch Stahlwalzen geschickt und nicht geglättet. Dadurch hat dieser Karton ein
viel höheres Volumen, als es für ein Gewicht von 300g/m² üblich ist. Und in dieses Volumen sinkt der Druckstock sehr leicht tief ein, was den Prägeeffekt ermöglicht. Und er schlägt auf die Rückseite nicht allzu stark durch. (Neuerdings wird für das Hochdruckverfahren namens Buchdruck auch in Deutschland der englische Begriff Letterpress verwendet, gerade wenn keine Lettern zum Einsatz kommen, sondern von Platten/Klischees ein Prägedruck gefertigt wird.) Zugleich nimmt der Karton aber die Druckfarbe sehr gut an und ist auch recht gut beschreibbar.
Der Satz enthält eine kleine Raffinesse. Der Text wurde erst mittig gesetzt, dann wurde jedes Wort etwas nach rechts verschoben, und zwar um einen Punkt (0,376 mm) gegenüber der darüberstehenden Zeile. So bekommt der Text
einen leichten Drall und verliert die einem Satz auf Mittelachse eigene Strenge. Hier auf dem Bild vom Bleisatz kann man das recht gut sehen an den rechts und links unterschiedlich breiten Blindmaterial-Stückelungen. Mir war wichtig, daß der Winkel, der von Text und Linie gebildet wird, nicht zu streng wirkt durch eine echte Senkrechte, also der Text nicht lotrecht steht. Aber kippen wollte ich den Text auch nicht, die Zeilen sollten parallel zum horizontalen Papierrand stehen, damit sie nicht schief aussehen. Die Lösung fand ich also in der Verschiebung der Mittelachse.
Auf diesem Foto sieht man deutlich das kräftige Relief, das durch den Prägedruck entsteht. Ich werde in den nächsten Wochen eine Serie von Karten im Prägedruck oder auch Letterpress herstellen. Dies ist die erste, und für weitere haben vier Künstler und Designer schon zugesagt, Motive zu liefern. Sie werden in den nächsten Monaten erscheinen.
Hier zeige ich den Messingstempel. Er scheint schon etwas abgenutzt zu sein — schaut man genau hin, findet man eine feine Äquator-Linie, die zu flach gestochen ist, um im Druckbild erscheinen zu können.
Die Klappkarte ist geschlossen 105 × 148 mm groß, also DIN A6, damit sie in die Kuvertgröße DIN C6 paßt. Lieferbar ist das gute Stück im Online-Shop der Druckerey: LetterpressBerlin
Kommentare [3]
Krümelstechen
Bis der erste gute Druck aus der Maschine kommt, kann einige Zeit vergehen. Die Zurichtung der Druckform kostet Zeit, ebenso das Ausgleichen der Versalien und andere feintypografische Korrekturen.
Neu im Bestand der Druckerey ist die Kupferstich-Antiqua, zuerst gegossen in der Schriftgießerei Ludwig Wagner in Leipzig anno 1905, die ich in sieben Graden (Größen) via Preußisches Bleisatz-Magazin von der Eremiten-Presse übernommen habe. Gestern habe ich sie einmal für eine Briefkarte gesetzt, hier in 8 Punkt.
Und da sehe ich im A des Andrucks einen merkwürdigen Punkt. Nicht nur einen Fussel, sondern einen gedruckten Punkt. Da hat sich ein Krümel in der Letter festgesetzt. Die Schrift hatte ich vorher schon mit Waschbenzin gebürstet, also mußte hier scharfes Werkzeug ran, denn auswechseln wollte ich den Buchstaben nicht. Man darf nicht wegen eines Krümels einen schönen Buchstaben wegwerfen. Die Letter mußte ausgestochen werden.
Hier sieht man, worum es sich handelt. Ein festsitzender Krümel.
Die Schrift ist sehr klein, Schriftgrad Petit (8p), also muß unter der Lupe gearbeitet werden.
Ausgestochen wird nicht mit der Ahle, sie ist zu groß und ihre Spitze zu dick, sondern mit einer Nadel, deren Ende ich mit Papier umwickelt habe, um sie sicher halten zu können. Gleitet die Stahlnadel ab, ist der Buchstabe kaputt.
Und siehe, es ist gut gegangen, das A druckt sauber aus. Die Letter ist gerettet.

