Farbe abmeißeln

1. Januar 2010

Die neue Druckmaschine, also der neulich im Film gezeigte Heidelberger Tiegel, hat zwar sofort nach seiner Ankunft die Arbeit aufgenommen, aber als ich die Maschine das erste Mal gewaschen habe, störte mich der Dreck in der Waschanlage. (Eine Druckmaschine zu waschen, bedeutet, die Druckfarbe von den Walzen zu entfernen.)

Diese Waschanlage besteht aus einem Kasten mit einem Gummirakel, der hinter dem großen Zylinder liegt. Das Rakel wird zum Waschen an den großen Zylinder gedrückt, während von oben Waschmittel (Waschbenzin) ins Walzenwerk einläuft. Man sollte den Kasten danach nicht nur leeren, sondern auch auswischen. Weil das an meiner neuen Maschine über Jahrzehnte nicht gemacht worden war, verkrustete der Kasten mit Farbresten, war damit schwerer geworden als nötig, stank vor sich hin, und das Gummirakel war hart. Und zwar war die Farbkruste so dick und so hart, daß ich ihr mit Hammer und Meißel zu Leibe rücken mußte.

Die Muttern der Schrauben, mit denen der Rakelhalter im Kasten befestigt ist, konnte man unter den Erhebungen der Farbkruste nur ahnen.

Hier ist eine der freigelegten Muttern zu sehen.

Und nachdem alle freigehämmert und gelöst waren, ließen sich die Teile trennen.

Es hat tatsächlich ganze drei Stunden gedauert, die Waschanlage in diesen glänzenden Zustand zu versetzen. Danach war sogar das Rakel (gereinigt und geschliffen) wieder weich genug.

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Frohe Weihnachten

24. Dezember 2009

Manchmal freut man sich über eine Sache so sehr, daß man tagelang davon ergriffen wird. Von einem Gegenstand, der in den eigenen Besitz geraten ist. Man freut sich über Blumen anders als über eine schöne Tasche. Seiner Mitmenschen erfreut man sich nicht als Eigentümer, sondern als Gesellschaftsteilhaber. Über Technik, die es zu erobern gilt, freut man sich mit innigster, mit kindlicher, bewundernder Ergriffenheit. Aber auch das will geübt sein.

Die ersten Maschinen, die man besitzt, machen einem vielleicht etwas Angst. Wenn man aber einige Male Maschinen kennengelernt hat, wenn man sie verstehen gelernt hat, wenn man ihre Sprache gelernt hat, ihnen zuhören kann, ihre Bewegungen nachvollziehen kann, ihre Eigenwilligkeiten, ihre Bedürfnisse, dann ruft eine neue Maschine Lust hervor. Sie verspricht eine abenteuerliche Beziehung: Sie wird einem Probleme machen, aber eine mechanische Maschine kann keine unlösbaren Aufgaben stellen. Sie möchte respektiert werden, sonst tut sie einem weh. Man darf ihr nicht zu nahe kommen, wenn sie tätig ist, sonst schlägt sie zu. Man muß sie füttern, wenn sie ruht. Sie trinkt hellbraunes Öl (nur das beste) und nascht weißes Fett. Man muß sie putzen, damit sie sich nicht verschluckt. Und wenn sie arbeitet, kann man sie vorsichtig abtasten, um ihren Vibrationen zu folgen, ihren Lauf zu prüfen. Hat man sie richtig behandelt, arbeitet sie gern. Eine motorisierte Druckmaschine schnauft und rollt. Sie reibt, bläst und saugt, schnauft, röhrt, klappert, zieht und drückt — und druckt.

In der Druckerey steht nun neben den Fabrikaten Hogenforst und Emil Kahle eine Heidelberger Tiegelpresse. Drucker kennen sie als OHT: Original Heidelberger Tiegel.

Der Heidelberger Tiegel ist eine weltbekannte Maschine. Er wurde zuerst 1914 in Leipzig dem Publikum vorgestellt und ab 1926 in Serie gebaut, die erste deutsche Maschine in Fließproduktion. 100 Stück verließen jeden Monat das Werk. Erst 1985 wurde die Produktion eingestellt.

Den Tiegel aus dem obigen Film gibt es seit 1952, er ist also die jüngste Presse meiner Werkstatt, und er arbeitet nun seit zwei Wochen in Berlin.

Es ist lange her, daß ich zuvor einmal für kurze Zeit an solch einer Maschine stand. Später habe ich ein paar Jahre das Arbeitsfutter für einen Heidelberger und zwei Grafopress produziert, also als Schriftsetzer den Drucker versorgt. Dieser Drucker, mit dem ich vor über 15 Jahren zusammengearbeitet habe, wird mich in nächster Zeit in die Geheimnisse des Heidelberger Tiegels einweihen. Denn die Maschine arbeitet zwar schon recht brav bei mir und hat schon eine Reihe von größeren Briefbogen-Auflagen gedruckt, und ich lerne sie jeden Tag ein wenig besser kennen (auch an Tagen, an denen ich nicht darauf drucke, denn die anderen Pressen bleiben für die Kleinauflagen im Einsatz), aber es gibt noch viele Details, die mir fremd sind. Dieser Tiegel hat ja schier unendlich viele Schrauben und Stellmöglichkeiten.

In welchem Winkel müssen beispielsweise die Sauger auf das Papier stoßen, welches Geräusch sollen sie bei einem Papier machen und wie sollen sie klingen, wenn sie, ergänzt durch Gummiringe, schweren Karton ansaugen? Allein das richtige Geräusch des Papieransaugens hören zu lernen, ist eine Lektion. Man kann das nicht nachlesen, man braucht den erfahrenen Kenner des Heidelberger Tiegels dafür. Wie gut, daß mein alter Kollege mir hilft!

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Noch mehr Details aus der Bleisatzzeile

11. Dezember 2009

Ich wurde überrascht von der Anteilnahme an Detailfragen im Bleisatz. Einige E-Mails kamen an. Nun möchte ich auch darauf hinweisen, daß man das Detail in der Zeile nicht überschätzen sollte. Es ist gut, wenn ein Schriftsetzer seine Arbeit verständig macht und einen Blick für die Details hat. Aber ob eine Drucksache gelingt, wird durch den typografischen Entwurf bestimmt.

In den feinsten Werken des Mittelalters finden wir eine Unachtsamkeit gegen das Detail. Die Drucktechnik wurde oft ohne Gutenbergschen Sachverstand bedient, es gab unsaubere Drucke, und doch sind viele davon schön, weil die Proportionen der Formate stimmen und die rhythmischen Wechsel zwischen Hell und Dunkel auf der Buchseite und vor allem weil die Schrift und die Buchmalerei gut gemacht sind. Der Satz an einem Buch wurde oft oder sogar meistens von mehreren Schriftsetzern ausgeführt, für die es keine verbindlichen Regeln gab, etwa was Worttrennungen anging. Experten erkennen heute, wieviele Schriftsetzer an einem Buch gearbeitet haben.

Also das Detail in der Zeile ist eine Detailfrage. Sobald die Lesbarkeit gegeben ist und der Sinn vor die Form tritt, der Leser also bequem lesen kann und ein angenehmes Bild vor sich hat, kann der Entwurf als gelungen gelten.

Aber gelegentlich werde ich natürlich auch weiterhin Details der Satzarbeit zeigen. Auf nebenstehendem Foto ist die kursive Garamond in Petit (8 Punkt) zu sehen. Die Zeile sieht recht anständig aus. Ich habe ein Lineal danebengelegt, damit man sich die Originalgröße vorstellen kann. Also die Großbuchstaben sind ungefähr 2 mm hoch. Aber so kommen die Ziffern nicht aus dem Setzkasten, jedenfalls eine nicht.

Die Ziffer 8 steht zu weit links auf dem Kegel. Dieses Foto zeigt die Veränderungen: Oben: Schrift aus dem Setzkasten. Zweiter Abzug: Ein Viertelpunkt mehr Raum liegt vor der 8. (Ein Spatium aus Neusilber, weil man Messing nicht so fein gießen kann: 0,094 mm stark, von Blei zu schweigen). Dritter Abzug: Nun liegt ein halber Punkt Raum vor der 8, der Lauf der Schrift ist deutlich verbessert. Ich kann mich nicht erinnern, daß man früher so genau hingeschaut hätte. Die neuen Techniken, die Bildschärfe, der wir überall begegnen, hat unsere Sehgewohnheiten notwendig beeinflußt.

Um so erstaunlicher, wie wenig gut diese digitale Garamond (Garamond der Gießerei Stempel) zugerichtet ist. Die 5 fällt deutlich ab, auch die 1 könnte rechts etwas weniger Raum vertragen. Und als Marginalie: Digital ist die Typort-Bleisatz-Garamond, die ich verwende, leider nur als Ruine verfügbar. Zwar hat eine Schriftenvertriebsfirma (namens Elsner und Flake, in Hamburg sitzend) die Rechte der Typoart-Schriften gewinnen können, aber die Garamond bietet sie seit etlichen Jahren ohne Ligaturen, abgesehen von zwei (insgesamt dürfte die kursive Garamond zwei Handvoll Ligaturen haben), ohne etliche Sonderzeichen, vor allem des kursiven Schnitts (Alternativbuchstaben zu h, k und z), und ohne Minuskelziffern an. Zu einem für diese mangelhafte Qualität erstaunlich hohen Preis. Ärgerlich ist es, daß Elsner und Flake offenbar auf den Rechten an wohl allen Typoart-Schriften hocken, womöglich wäre die schöne Garamond von Herbert Thannhaeuser sonst von einem Schriftkünstler, der sein Handwerk versteht, einmal vernünftig und vollständig digitalisiert worden.

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