Frohe Weihnachten
Manchmal freut man sich über eine Sache so sehr, daß man tagelang davon ergriffen wird. Von einem Gegenstand, der in den eigenen Besitz geraten ist. Man freut sich über Blumen anders als über eine schöne Tasche. Seiner Mitmenschen erfreut man sich nicht als Eigentümer, sondern als Gesellschaftsteilhaber. Über Technik, die es zu erobern gilt, freut man sich mit innigster, mit kindlicher, bewundernder Ergriffenheit. Aber auch das will geübt sein.
Die ersten Maschinen, die man besitzt, machen einem vielleicht etwas Angst. Wenn man aber einige Male Maschinen kennengelernt hat, wenn man sie verstehen gelernt hat, wenn man ihre Sprache gelernt hat, ihnen zuhören kann, ihre Bewegungen nachvollziehen kann, ihre Eigenwilligkeiten, ihre Bedürfnisse, dann ruft eine neue Maschine Lust hervor. Sie verspricht eine abenteuerliche Beziehung: Sie wird einem Probleme machen, aber eine mechanische Maschine kann keine unlösbaren Aufgaben stellen. Sie möchte respektiert werden, sonst tut sie einem weh. Man darf ihr nicht zu nahe kommen, wenn sie tätig ist, sonst schlägt sie zu. Man muß sie füttern, wenn sie ruht. Sie trinkt hellbraunes Öl (nur das beste) und nascht weißes Fett. Man muß sie putzen, damit sie sich nicht verschluckt. Und wenn sie arbeitet, kann man sie vorsichtig abtasten, um ihren Vibrationen zu folgen, ihren Lauf zu prüfen. Hat man sie richtig behandelt, arbeitet sie gern. Eine motorisierte Druckmaschine schnauft und rollt. Sie reibt, bläst und saugt, schnauft, röhrt, klappert, zieht und drückt — und druckt.
In der Druckerey steht nun neben den Fabrikaten Hogenforst und Emil Kahle eine Heidelberger Tiegelpresse. Drucker kennen sie als OHT: Original Heidelberger Tiegel.
Der Heidelberger Tiegel ist eine weltbekannte Maschine. Er wurde zuerst 1914 in Leipzig dem Publikum vorgestellt und ab 1926 in Serie gebaut, die erste deutsche Maschine in Fließproduktion. 100 Stück verließen jeden Monat das Werk. Erst 1985 wurde die Produktion eingestellt.
Den Tiegel aus dem obigen Film gibt es seit 1952, er ist also die jüngste Presse meiner Werkstatt, und er arbeitet nun seit zwei Wochen in Berlin.
Es ist lange her, daß ich zuvor einmal für kurze Zeit an solch einer Maschine stand. Später habe ich ein paar Jahre das Arbeitsfutter für einen Heidelberger und zwei Grafopress produziert, also als Schriftsetzer den Drucker versorgt. Dieser Drucker, mit dem ich vor über 15 Jahren zusammengearbeitet habe, wird mich in nächster Zeit in die Geheimnisse des Heidelberger Tiegels einweihen. Denn die Maschine arbeitet zwar schon recht brav bei mir und hat schon eine Reihe von größeren Briefbogen-Auflagen gedruckt, und ich lerne sie jeden Tag ein wenig besser kennen (auch an Tagen, an denen ich nicht darauf drucke, denn die anderen Pressen bleiben für die Kleinauflagen im Einsatz), aber es gibt noch viele Details, die mir fremd sind. Dieser Tiegel hat ja schier unendlich viele Schrauben und Stellmöglichkeiten.
In welchem Winkel müssen beispielsweise die Sauger auf das Papier stoßen, welches Geräusch sollen sie bei einem Papier machen und wie sollen sie klingen, wenn sie, ergänzt durch Gummiringe, schweren Karton ansaugen? Allein das richtige Geräusch des Papieransaugens hören zu lernen, ist eine Lektion. Man kann das nicht nachlesen, man braucht den erfahrenen Kenner des Heidelberger Tiegels dafür. Wie gut, daß mein alter Kollege mir hilft!
tags: heidelberger tiegel
Helmut Bohlmann am 24. Dezember 2009 # :
Gratulation! Ich habe das typische Zischen und Klackern des OHT zum ersten Mal 1965(!) genossen, es geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf.
small caps am 24. Dezember 2009 # :
ein sehr schönes Weihnachtsgeschenk! Das Schnaufen interpretieren zu lernen klingt schwierig und liebevoll zugleich, eine tolle Aufgabe.
EHST am 25. Dezember 2009 # :
Wow. Der Tiegel ist ja wirklich gut gepflegt. Glänzt ja wie neu.