Neue Berliner Märsche · 27. Januar 2010

Diese drei Herren habe ich anno 2001 verschenkt, mir die Zeichnung nun ausgeliehen und scannen lassen sowie die Handschrift der Zeichnung ersetzt mit der Erika-Mono-Fraktur von Andreas Brietzke (2006), der in Potsdam als Design-Student zu jenen Bleisatzschülern gehörte, die als fortgeschrittene Typografen auf angenehmste Art gesprächsfähig waren. Diese Fraktur-Schreibmaschinenschrift ist in dem Buch Fraktur mon Amour von Judith Schalansky veröffentlicht worden. Hat es so etwas als Bleisatzschrift gegeben? Auch Judith Schalansky war übrigens im Potsdamer Bleisatz-Kurs und war mir mit ihren Kenntnissen schon damals bei der Identifikation einer verzierten Gotischen behilflich. Das war ein kompetenter Kursus, eine Wohltat für Lehrer, die gerne selber was lernen.

Auf der Rückseite sind die Unger-Fraktur und die Prillwitz in der excellenten Digitalisierung von Ingo Preuß zu sehen. Die Rückseite dieser DIN-lang-Karte ist als Postkarte mit Adreßfeld gestaltet. Gedruckt wurde auf 350g/m² Old Mill bianco von Fedrigoni (Italien).

Die drei Herren eignen sich auch sehr gut dazu, sie mit Buntstiften oder anderen Hilfsmitteln auszuformen. Ich mag ja die pure Form sehr gern, aber ausgemalt ist das auch nicht übel, oder?

Und man kann auch, wenn man eine Katze so ausgezeichnet abbilden kann wie ich (die Katze hat steife Vorderbeine, es ist nicht, daß ich keine sitzende Katze malen könnte, diese sieht wirklich so aus), eine Katze dazu malen. Preise: Eine (gedruckte, unausgemalte) Karte 3 Euro inklusive gesetzl. MWSt. Zehn Karten 25 Euro inklusive Mehrwertsteuer. Beide Preise zuzüglich Versandkosten.

— Martin Z. Schröder

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Lego in Fraktur · 6. November 2008

In den Berliner Schulferien wurde der Drucker zum Onkel: Nichten und Neffen kamen zu Besuch. Malwina zum Beispiel, die auf dem Foto mit der Presse auf einem Podest steht, weil einem mit 8 Jahren noch ein paar Zentimeter fehlen, hat sich Briefkarten gedruckt mit der Unger-Fraktur, die sie mühelos liest und als schön verschnörkelte Schrift wahrnimmt, nicht als eine absonderliche alte Type. Sie hat mit Redis-, Spitz- und Breitfeder geschrieben, den Cutter ausprobiert (und, von diesem Instrument begeistert, einen Wunsch zum Geburtstag ausgesprochen), Papier geschnitten und am zweiten Tag auch noch Einladungen zum Geburtstag gesetzt, gedruckt und genutet. Eine Druckerei ist eine Schule, Kopfrechnen macht Malwina geradezu Vergnügen.

Was eine „coole“ Visitenkarte ist, habe ich von ihrer 13jährigen Schwester Marlene gelernt: ein Totenkopf gehört drauf, ein Stern, eine zeigende Hand, und auf das Aldusblatt, das auf der Karte keinen guten Platz mehr fand, kam sie zurück bei der Produktion von „Denkzetteln“. Mitten im Wort gibt es einen Großbuchstaben, und aus der 6 wird ein b. Erwachsene Design-Studenten brauchen ein paar Stunden länger, um sich von Konventionen freizumachen. Mir selbst ist es ziemlich fremd, und ich habe einiges gelernt. Ob der Totenschädel nun aus der Mode kommt, wo er derzeit ein beliebtes Motiv ist, oder ob ihm natürlicherweise etwas Cooles anhaftet, weiß ich nicht recht. (Die Daten auf den Drucksachen habe ich, wie immer, in der Bildbearbeitung unkenntlich gemacht, eben bis auf die Vornamen.)

Julian druckte sich ebenfalls aus Fraktur eine Karte als „Lego-Experte für alle Fälle“, was sicherlich ein schöner Beruf ist. Er verglich die Setzerei mit einer Lego-Anlage, wie so alles zu einer Form gefügt werden kann – und die Anzahl der Teile ist keine geringe. Die Unger-Fraktur ist eine besonders nah an der Antiqua gebildete und gut lesbare Schrift, aber es hat mich trotzdem gefreut, daß sich gleich zwei Kinder diese Schrift ausgesucht haben. Ihr kalligrafischer Reiz ist eben schwer zu überbieten. Die Englische Schreibschrift hatte ich nicht angeboten, sie ist zu empfindlich und zu schwer zu setzen für Anfänger. Auf die Schreib- und Zierschriften habe ich nicht besonders hingewiesen. Angeboten hatte ich Garamond in gerade und kursiv, Futura und eben die Unger-Fraktur.

Großen Reiz strahlt der Fundus von Druckstöcken aus. Julian hat sich den schlangenhaften Aal für seine Karte ausgesucht, einen mit Kupfer galvanisierten Metalldruckstock auf einem Holzfuß.

— Martin Z. Schröder

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Bär,8 · 1. Februar 2008

Der zweite Bogen des Büchleins von Max Goldt ist fertig, d.h. auf beiden Seiten mit jeweils zwei Buchseiten bedruckt. Insgesamt werden es ja acht Bogen mit 32 Seiten, also es liegt noch eine lange Strecke vor mir.

Auf der linken Seite kam die Schrift Bigband zum Einsatz, über die ich neulich schon geschrieben hatte. Da es in diesem vierzeiligen Gedicht um Verwesung geht, die der Autor mit einer Wortschöpfung umschreibt, habe ich ein typografisches Grab mit einem windschiefen Holzkreuz geformt, zum Einsatz kamen neben dem Text eine Linie und ein Viertelkreis.

Auf der rechten Seite steht ein Text mit der zauberhaften Überschrift „Einer der wirklich großen Honig-Dialoge seit dem 8. Mai 1945“. Entsprechend bedeutungsschwer gesetzt aus der halbfetten Walbaum. Unter dieser Überschrift geht ein den Blick rückwärts wendender Braunbär (der Bogen ist mit dunkelbrauner Farbe gedruckt, was sowohl zum Holzkreuz als auch zum Honig paßt) seines Weges. Dieser Bär ist von einem uralten Druckstock gedruckt, ein sogenanntes Galvano. Dazu wird auf eine geprägte Matrize ein galvanischer Niederschlag aus Kupfer gebracht (näheres im Lexikon unter Galvanotechnik). Die harte Kupferhaut wird mit Blei hintergossen und die dabei entstandene Platte durch Aufnageln auf einen Holzklotz auf Schrifthöhe gebracht. Diese Technik für den Buchdruck wird heute nicht mehr eingesetzt. Kupfer-Galvanos konnten bis zu Auflagen von 150 000 Exemplaren verwendet werden, für noch höhere Auflagen wurden Nickel-Galvanos verwendet oder wurde das Kupfer-Galvano im Nickel-, Chrom- oder Stahlelektrolyten gehärtet. Mehr weiß ich darüber nicht, ich habe die Herstellung eines Galvanos leider nie anschauen können. In meiner Lehrzeit Mitte der 1980er Jahre wurde Bildmaterial in der Abteilung Chemigrafie geätzt oder elektromechanisch graviert; wir haben Bilder auf Zinkplatten verwendet. Heute gibt es nur noch Magnesium- und Kunststoffätzungen.

Dem Holzstock dieses Bären wurde an einer Stirnseite eine Nummer eingeprägt. Entweder war das Holz der Größe nach katalogisiert oder der Bär selbst gehörte zum Standard-Angebot einer Schriftgießerei, die nicht nur ornamentalen, sondern auch figürlichen Schmuck verkauft hat und diesem eine Artikel-Nummer zuordnete. Das vermute ich. Anders kann ich mir diese vierstellige Numerierung nicht erklären.

Der Text zu dieser Überschrift ist eben ein Dialog, den aus meiner Sicht zwei sehr verschieden sprechende Menschen führen. Einer redet sorgfältig, der andere abgehackt mit Ausrufezeichen. So gegensätzlich sind auch die Schriften, die ich dafür ausgewählt habe: die Unger-Fraktur und die Schreibschrift Konzept. Die Konzept wurde von Martin Wilke (1903 bis 1993) im Jahre 1968 von der Schriftgießerei Stempel erstmals gegossen und liegt auch digital vor. Ariston, Diskus, Caprice sind bekannte Schreibschriften dieses Berliner Gebrauchsgraphikers.

Die Unger-Fraktur wurde von Johann Friedrich Unger (1753 bis 1804), dem fünften Sohn eines Berliner Buchdruckers und Holzschneiders geschaffen und 1794 von ihm selbst erstmals angewandt. Als Buchdrucker kam er durch eine Arbeit mit den Lettern von Firmin Didot 1789 zu Ruhm, nämlich Goethes Schrift „Das Römische Carneval“; Axel Bertram schreibt darüber in seinem Wohltemperierten Alphabet: „Goethe selbst war allerdings nicht zu Unrecht verdrossen über neun Druckfehler und empfahl Unger, doch lieber den Eulenspiegel auf Löschpapier zu drucken, statt schöne Lettern zu mißbrauchen.“

Ich hoffe, eine solchartige Empfehlung wird mein Autor mir nicht aussprechen, da ich nun einen Fehler gemacht habe: Als ich den Bogen zur Hälfte gedruckt hatte und immer wieder draufstarrte, um die Farbgebung zu kontrollieren und gelegentlich neue Farbe auf die Walzen zu geben, fiel mir auf, daß meine Schreibweise der Ordnungszahl im Datum zwar für 2, 4, 5, 6, 7, 9, 11, 12 richtig wäre, nicht aber für die bereits mit einem t endende 8. Kreuzspinne und Kreuzschnabel! (Wenn jemand einen Druckerfluch kennt, möge er ihn mir bitte mitteilen!) Ich habe gehandelt, wie ein Buchdrucker vor 200 Jahren gehandelt hätte: den Fehler tilgen und weiterdrucken. Auf der Impressumseite werde ich einen Vermerk dazu unterbringen. Unger wurde übrigens 1788 von der Berliner Akademie der Künste zum akademischen Buchdrucker ernannt, 1790 Mitglied der Akademie und 1800 der erste „Professor für Formschneidekunst“.

Einschub: Herr Goldt findet 8EN auch seltsam, sagt er. Achen könnte man da auch lesen. Wir sind uns aber einig, daß es freilich für die deutsche Sprache in beiden Varianten eine ungewöhnliche Schreibweise ist. Falls jemand erhellend auf uns einwirken und erklären kann, wie das t in die acht gekommen ist, wäre ich sehr dankbar, vielleicht könnte man den Berichtigungsvermerk dann entsprechend ausbauen.

Der obere Teil der Buchseite mit dem Bären wirkt altertümlich, klassizistisch. Unten habe ich beiden gegensätzlichen Schriften beinahe ineinander geschoben, damit die Seite geschlossen bleibt und der Kontrast den Blick nicht auf sich zieht. Man merkt ihn erst beim Lesen, wo zwischen zwei Schriften ihrer jeweiligen Zeit zu wechseln ist: Unger-Fraktur von 1793 und Konzept von 1968. Eine aus drei Versalien bestehende Abkürzung habe ich aus der mageren Walbaum eingefügt.

— Martin Z. Schröder

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Unger-Fraktur analog und digital · 27. Oktober 2007


Der obere Schriftzug im Foto kommt aus dem Tintenstrahldrucker, der untere aus dem Tiegel. Unten Bleischrift, oben die digitale Version von Delbanco. Es handelt sich um eine 8p-Schrift (Petit), die hier also sehr stark vergrößert gezeigt wird. Deswegen auch die Fransen am Tintenausdruck.

Die Unterschiede gehen nicht auf eine Abnutzung der Blei-Type zurück, die kleinen Grade der Unger-Fraktur waren tatsächlich ein eigener Schnitt, also weiter in den Punzen (Binnenräumen), auch weniger kantig, im g wurden Brüche getilgt.

Das zweite Bild zeigt drei Bleilettern. Ab Korpus (10p) ist die Fraktur im g wieder zu sehen, die aus dem Petit-Grad für Lesbarkeit rausgebügelt wurde. Aber auch einige andere Dinge wurden in der digitalen Version verändert, ein paar sind im oberen Foto rot markiert. Die Schrift läuft in Petit digital deutlich enger, ist aber auch weniger gut zugerichtet als die in Blei: “digi” steht enger als “ital”. (Alle Fotos lassen sich durch Klick vergrößern.)

(Den Schmitz an der Unterlänge vom g habe ich erst später beseitigt, das ist ein Foto vom Andruck.)

— Martin Z. Schröder

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