Symphonie oder Stradivari?

8. März 2008

Dieser Tage spüre ich etwas zu deutlich, daß ich ein Anfänger bleibe. Zwar heißt es, daß man seine Arbeit nur unter dieser Bedingung gut machen kann, nämlich sich als Dilettant zu fühlen und sich ständig neuen Fragen zu stellen und ihnen auf den Grund zu gehen, aber daß ich Verwirrung liebe, würde ich nicht sagen. Durch Zufall fiel mir noch einmal eine Schrift auf, die ich hier schon einmal zeigte. Ich habe sie als „Sinfonie“ übernommen, war aber bislang nicht dazu gekommen, ihr nachzuspüren. Jetzt weiß ich, wer diese phantastische Type entworfen hat: Imre Reiner, der 1920 aus Ungarn auswanderte, in Stuttgart bei Ernst Schneidler studierte, 1923 nach Amerika ging, nach Europa zurückkehrte, zuerst nach Paris, und der sich später in der Schweiz niederließ (gelesen im hier schon mehrfach erwähnten Wohltemperierten Alphabet von Axel Bertram).

Nur wie heißt diese Schrift wirklich? Sie wurde 1945 erstmals gegossen von der Bauerschen Gießerei, auf einem im Internet gefundenen Foto eines Buches mit englischem Text wird sie als Stradivarius bezeichnet, Axel Bertram nennt sie Stradivari, irgendwo im Internet (Quelle zu schnell wieder weggeklickt) wird sie Symphonie geheißen und das Jahr 1938 als Erscheinungsjahr genannt und bemerkt, sie sei 1945 in Stradivarius umbenannt worden.

Unter diesem Namen, also Stradivarius, ist hier eine digitale Schrift zu finden, die angeblich Imre Reiner im Jahr 1993 gemacht hat, die aber erhebliche Änderungen zur Bleisatztype zeigt. Die auffälligen Punkte in den Versalien, ich zeige es hier am &-Zeichen, fehlen in der digitalen Schrift. Das &-Zeichen wirkt ohne sein Kullerauge blind. Imre Reiner starb 1987, was hat er zu dieser Digitalisierung seiner Schrift einer nicht näher beschriebenen „grouptype“ beigetragen? Geht das Entfernen der Punkte auf seine Entscheidung zurück? In den Unterlängen der Minuskeln g und y beispielsweise werden die Tropfen, die mit den Punkten der Versalien korrespondieren, beibehalten.

Weiter verwirrt mich der bei Axel Bertram gezeigte Schriftzug wegen des Versal T. Bertram bildet den Schriftzug ab (siehe Foto) und erklärt, die Zeile befinde sich auf dem Umschlag von Paul Renners „Die Kunst der Typographie“, Ausgabe 1948, also der zweiten Auflage. (Zuerst erschien das Buch 1940.) Wirklich? Oder hat Axel Bertram die digitale Variante verwendet? Oder hatte die Schrift T-Varianten? In meiner Bibliothek steht die dritte Auflage von 1953 mit einem Schutzumschlag von Georg Schautz, von dem ich einen Ausschnitt zeige. Abgebildet ist hier nicht das Wort „Typographie“, aber aus der Symphonie/Stradivari ein großes T. Und das sieht nun nicht so aus wie das aus der digitalisierten Schrift, aber auch nicht wie das bei Bertram gezeigte, während das Versal T in meinem Bleisatz dem auf dem Schautz-Umschlag gleicht. Ich habe innen die Schrift noch einmal gefunden, hier in einer Anzeige für eine Papierfabrik. Auf dem folgenden Foto zeige ich beide Schriftzüge zusammen, bin mir aber nicht sicher, ob sie identischer Herkunft sind. Ich meine, das Häkchen am r sieht anders aus, aber vielleicht auch nur wegen des Größenunterschiedes oder wegen der verschiedenen Druckverfahren. Axel Bertram hat einen Großteil seiner Abbildungen retuschiert, um die Quetschränder des Buchdrucks zu reduzieren und die wirklich geschnittene Type zeigen zu können.

Tja. Und da soll man nun nicht verwirrt sein? Wie heißt die Schrift? Wie sieht sie eigentlich aus? Welche Variante ist von Imre Reiner? Kann einer der Experten, die hier mitlesen, einen Blick in eine Hauptprobe der Bauerschen Gießerei tun und mir helfen? Und hat jemand die Erstausgabe von Paul Renners (übrigens empfehlenswerten) Buch mit dem originalen Schutzumschlag? Hilfe!

Symphonie ist übrigens ein passender Name für diese Schrift, deren Versalien breit und geschlungen (gewissermaßen langsam) zu den schmalen, steilen und serifenlosen Minuskeln (schnell) einen Kontrast bilden, wie ihn die traditionelle Satzfolge der klassischen Symphonie spielt: Allegro – Andante – Allegro.

Auffrischung 9. März: Mich erreichte von einem auf seine namentliche Erwähnung zu verzichten bittenden Kollegen ein Zitat aus dem Buch “Buchdruckschriften im 20. Jahrhundert” von Philipp Bertheau, erschienen in der Technischen Hochschule Darmstadt, 1995, leider vergriffen: »Die Gemeinen dieser Zierschrift Imre Reiners wirken wie eine Kursiv zu seiner Corvinus. Sie bilden den unerläßlichen Kontrast zu den an Schreibmeister des 17. Jahrhunderts erinnernden Versalien. Nach Angaben der Bauerschen Gießerei in Frankfurt am Main erfolgte der Erstguß dort 1938. In der zeitgenössischen Fachliteratur wird die von Reiner gezeichnete Schrift nicht erwähnt. Von der Bauerschen Gießerei wird sie anscheinend erst nach 1945 als Stradivarius angezeigt, in ihrer Filiale Fundicion Tipografica Neufville in Barcelona aber als Sinfonia herausgegeben. In Frankfurt erscheint sie erst 1948 als Symphonie.« Nun haben wir also mehr Klarheit, für die ich dem Wissensspender herzlich danke. Jetzt müßte ich mich noch entscheiden, wie ich die Schrift nennen soll. Auch Fotos aus dem hilfreichen Buch wurden mir übersandt, so daß ich mich überzeugen konnte, daß die Schrift einige Versalien in zwei Varianten enthielt. In den zwei Graden, in denen sie in meiner Setzerei steht, sind diese Spielarten von M, N und T leider, leider nicht enthalten.

Immerhin: wie es der Tag heute mit mir meint, nämlich gut, so erreicht mich ein Brief der Münchner Schriftkünstlers Peter Gericke, der sich mit Günter Gerhard Lange über meinen Brief und meine Probe gebeugt hat und mich nun darauf hinweist, daß die Solemnis in der von GGL gestalteten Hauptprobe der Gießerei Berthold mit der Walbaum-Antiqua gezeigt wird, „Sie ersehen daraus, wie richtig Ihre Intuition diesbezüglich ist“, schreibt mir Herr Gericke. Das freute mich heute ganz außerordentlich, weil ich mich ja nur auf das Gefühl verlassen hatte in meiner Ratlosigkeit. Die Solemnis paßt ja, wenn man Schriften nach den Werkzeugen mischt, mit denen sie gemacht wurden, also beispielsweise eine Renaissance-Type mit einer Breitfeder-Schreibschrift, absolut nicht zur Walbaum. Die Unziale wurde mit der Rohrfeder geschrieben. Die Walbaum zeigt den Werkzeugcharakter des Stichels, dazwischen liegen rund 1000 Jahre Schriftgeschichte. Aber vielleicht vertragen sich die beiden, wenn man sie nicht kalligraphisch betrachtet, sondern naiv historisierend, denn beide Schriften wirken auf uns heute vor allem: alt. Es ist wirklich naiv, eine Schriftmischung derart zu erklären, aber wenn der Größenkontrast stimmt und die beiden Typen also proportional harmonieren, dann könnte das verbindend wirken. Denn die älteren Schriften, die Garamond etwa, die zeitlich und werkzeugtechnisch näher an der Unziale liegen, wirken vollkommen zeitlos; wir lesen Mediäval-Schriften jeden Tag in Zeitungen und Büchern.

Eine Arbeit zeige ich noch, weil ich Freude darin fand: Gestern habe ich eine Hochzeitseinladung gedruckt auf Echt Bütten. Eine quadratische Klappkarte. Auf der geschlossenen Karte steht ganz allein das et-Zeichen der kursiven Garamond von Herbert Thannhaeuser in 4 Cicero (48p). Zum Formenwandel der &-Zeichen hat Jan Tschichold übrigens einen Aufsatz geschrieben, in dem er 288 Zeichen zeigt und kommentiert. Den Prototyp des von mir hier gedruckten fand Tschichold von Frederick W. Goudy (1937) notiert; 1506 in Lyon geschrieben oder gedruckt, und schreibt dazu: „Die entzückende Figur 111, von Goudy notiert, mag einer Bâtarde, der französischen Schwesterform unserer Schwabacher, entnommen sein. Trotz ihrem spätgotischen Charakter vertritt sie in unserer Übersicht zugleich den Prototyp des et-Zeichens in seiner Kursivform, das sich vom Antiqua-& erheblich unterscheidet. Die linke Hälfte der typischen Kursiv-& ist entweder ein Minuskel-e oder dessen aus zwei Bogen gebildete Versal-Variante; die rechte Hälfte ist in der Regel ein viel deutlicheres T als in der Antiquaform &.“

Die Innenseite der Einladung kann ich wegen des privaten Textes freilich nicht zeigen, sie wurde aus der kursiven Garamond in zwei Größen gesetzt. Ich bin Kunden dankbar, die sich auf meine Vorschläge einlassen. Meine Auftraggeberin war heute auch sehr zufrieden, als sie die Arbeit abholte. Es gilt zwar für den deutschen Schriftsatz die Regel, das &-Zeichen sei nur in Firmennamen zu verwenden, aber das kursive wirkt so wenig geschäftsmäßig und zeigt eine so heiter geschwungene Linie, daß ich es gern als Ornament einsetze. Vorzugsweise in Hochzeitsdrucksachen.

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Kommentare

  1. Florian am 8. März 2008 # :

    Zur Symphonie/Stradivarius weiß ich leider nichts beizutragen. Aber die Solemnis wurde vor kurzem vom Cottbusser Gestalter Andreas Seidel überarbeitet und erweitert. Unter dem Namen Simeon versammelt diese neue digitale Version mehr als 650 Einzelzeichen [PDF]; u.a. inkl. alternativer und historischer Formen, osteuropäischer Akzentbuchstaben, Ornamente und Tierkreiszeichen.

  2. MZS am 8. März 2008 # :

    Vielen Dank für den Hinweis! “Überarbeitet” ist eine Formulierung für starke Veränderungen, die mir nicht ganz treffgenau zu sein scheint.

    Das T und das I der Simeon sind Neuschöpfungen, die für mein Empfinden der Solemnis recht deutlich entgegenlaufen. Das Antiqua-T ist auch innerhalb der Simeon mit seinem stabilen Serifen-Fuß, den die Solemnis nicht hat, ein Sonderfall. Der I-Punkt der Solemnis ist rund und deswegen auch originell, der I-Punkt der Simeon wie auch die Trema auf den Umlauten sind im Breitfederduktus gehalten. Zu Zeiten der Unziale gab es keine Umlaute, deswegen ist die Historisierung der Pünktchen falsch, genauer: läuft der Idee der Schrift von Lange entgegen. Und das Simeon-I hat oben eine recht gleichmäßige Serife, während die Solemnis oben und unten grundsätzlich keine durchgehenden Serifen wie eine Antiqua hat.

    Nachvollziehen kann ich diese Änderungen nicht.

    Auch die Satzzeichen wurden neu und anders gemacht, das Komma ist in der Solemnis viel hübscher, das &-Zeichen wurde in der Simeon vermeintlich historisiert, also auch eher an den Unzialcharakter angepaßt. Was ich so hübsch finde an der Solemnis, ist ihre leicht schräge, je genauer man hinschaut schon übermütige Modernität. Was es in den Unzial-Originalen nicht gab, hat GGL neu gemacht, aber eben nicht unzialartig, sondern à la 50er Jahre Aufbruchsstimmung. Davon hat die Simeon deutlich weniger und wirkt deshalb auch nicht so frisch wie die Vorlage.

    Es ist also keine neue Version, sondern eine Nachahmung mit deutlichen Änderungen. Die Solemnis ist auch digital lieferbar, also als originale Solemnis.

  3. MZS am 8. März 2008 # :

    Noch ein Nachtrag: Würde ich heute als Designer/Typograf/Gebrauchsgrafiker mit digitalen Werkzeugen arbeiten, würde ich auch die Simeon kaufen. Beide Schriften, Solemnis und Simeon sind für 39 Euro zu haben, wenn ich es richtig gesehen habe. Es gibt sicherlich Fälle, wo man eine Schrift wie die Simeon der Solemnis vorzieht. Andreas Seidel ist ein ausgewiesener Type-Designer, und es ist unbedingt notwendig, daß jede Zeit ihre eigenen Schriften hervorbringt, weil jede Zeit ihre eigene Formsprache spricht. Da gibt es solche für den Fließtext, deren Neuerungen kaum zu sehen sind, und andere, die dekorative Rollen übernehmen und einen Zeitgeschmack formulieren. Die Fähigkeit, Druckschriften zu formen, darf nicht verloren gehen, auch deshalb ist jeder neue Versuch im Grundsatz zu begrüßen. Das wollte ich doch nachgetragen wissen, damit meine Einwände nicht garstig klingen.

  4. MZS am 9. März 2008 # :

    Zweiter Nachtrag: Um auch Fotos zeigen zu können, wurde der klärende Hinweis eines freundlichen Kollegen zur Symphonie als Update in den Haupteintrag eingefügt.

  5. Georg Kraus am 10. März 2008 # :

    Guten Abend Meister Schröder, der „Seemann“, das ist die Bibel aller Liebhaber alter Bleisatz-Schriften. Der vollständige Name des Werkes: Seemann, Handbuch der Schriftarten, Schriftgießerei-übergreifende Sammlung von Schriften. Albrecht Seemann Verlag, Leipzig, Erstausgabe 1926.

    In unregelmäßigen Abständen wurden bis, ich glaube, 1936, Nachträge erstellt.

    Im Seemann wird die Symphonie gezeigt: Symphonie, Bauersche Gießerei, Erstguß 1938, Imre Reiner

    Dem kann man glauben.

    Was mich übrigens bei der Symphonie bis heute irritiert: Auf den ersten Blick und ohne sie zu kennen, hätte ich sie den 1950er Jahren zugeordnet. Ich finde, sie paßt gar nicht zu den 1930ern, oder? Anders formuliert: Sie war ihrer Zeit voraus.

    Vor etwa einem Jahr hat ein Schriften-Freund ein kostenpflichtiges Angebot einer digitalen Version der Symphonie gefunden. Aber ich kann mich nicht erinnern, unter welchem Namen dieser digitale Font angeboten wurde. Er beriet sich mit mir und hat sich dann entschlossen, diese Urheberrechtsverletzung an Herrn Hartmann von bauer types in Barcelona zu berichten. Diese sind die Rechte-Inhaber aller Schriften der ehemaligen Bauerschen Gießerei.

    Wie die Angelegenheit ausging, ist mir nicht bekannt. Aber ich weiß, wie Sie auch: Recht haben und Recht bekommen, sind zwei Paar Schuhe.

    Gott grüß die Kunst

    Georg Kraus

  6. MZS am 10. März 2008 # :

    Lieber Herr Kraus, vielen Dank für diesen Hinweis.

    Das Erstgußjahr 1938 erscheint mir nun wiederum plausibler als 1945. Bis in die 30er Jahre hinein gehörte Deutschland zu den Ländern, in denen die Moderne des Designs eine Heimat hatte. Die Namen klingen bis heute: Herbert Bayer, Moholy-Nagy, Tiemann, Schneidler, deren berühmte Schüler, darunter eben auch Imre Reiner, der bei Schneidler in Stuttgart studierte. In den 30er Jahren wurden diese großen Leute um ihren Einfluß gebracht, wenn nicht um ihr Leben und ihre Heimat, ich erwähne noch Renner und Tschichold. Die deutsche Typografie des 3. Reiches ist eine Katastrophe und spiegelt das verkommende und dann verkommene Geistesleben des Landes in dieser Zeit. In den 50er Jahren keimten die Pflänzchen wieder, und so ist auch Ihre Assoziation zu erklären. In den 50ern wurde der Anschluß gesucht, in der DDR wurde er oft nicht mehr gefunden, weil sich Leute wie etwa Walter Tiemann vor der neuen Diktatur erneut zurückzogen ins Private. Aber wenn man Erinnerungen liest von Akademikern der 20er/30er Jahre (zum Beispiel die von Georg Witkowski, Literaturwissenschaftler jüdischer Herkunft, 1933 in den Ruhestand gezwungen, 1939 im holländischen Exil gestorben, der in Leipzig die Gesellschaft der Bibliophilen und den Leipziger Bibliophilen-Abend mitbegründete) und ein bißchen in den Dunstkreis zu schauen versucht etwa der Buchkunstakademie in Leipzig, dann wird einem mit Grausen klar, wie gründlich im 3. Reich ausgeputzt wurde. Wie Buchkunst und Typografie in der Weimarer Republik diskutiert wurden, wie feuilletonistisch die Typografie in dieser Zeit wurde und zugleich eine Geisteswissenschaft, wie eng verbunden Design, Malerei und Literatur waren (gerade in Leipzig), dieser Stand der Diskussion wurde meines Wissens nicht mehr erreicht. Heute wird formal diskutiert, wenn auch auf hohem Niveau. Immerhin. Aber satt wird man davon nicht.

  7. MZS am 11. März 2008 # :

    Nachzutragen wäre noch, daß die Symphonie in der Tat eine ganz außergewöhnliche Type ist. Imre Reiner war auch ein herausragender Holzstecher, das erklärt vielleicht ein wenig die auf den zweiten Blick ganz unkalligraphische Wirkung (Kullern, Anschwellen der “Federzüge” an ungewöhnlichen Stellen) der auf den ersten Blick kalligrafischen (schwungvoll wie mit der Spitzfeder geschrieben) Versalien und dazu die steilen Minuskeln eher nach Art des Breitfederzuges. Eine irre Type, köstlich!

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