Sieht aus wie vom Holz
Ersatz ist unbeliebt, wenn man ihn nicht braucht. Falsche Zähne, falsche Perlen, falsche Titel. Während Perlen und Titel bloß Eitelkeit befriedigen, sind falsche Zähne hilfreicher als keine. Alles Drucken ist Reproduktion, ist Abklatsch, ist nicht original — und deshalb vielleicht auch irgendwie “falsch”. Trotzdem werden auch zwischen Reproduktionen manchmal Unterschiede gemacht, die gar nichts mit dem Aussehen der Drucksache zu tun haben. Ist es Bleisatz oder ist es nach einer Vorlage geätzt oder graviert? Ob vom Bleisatz oder von der Platte gedruckt wurde, ist nicht zu unterscheiden, wenn die Zurichtung perfekt und der Bleisatz nagelneu ist und wenn der Druck nicht geprägt wurde. Der Charme des Bleisatzes entsteht durch Unregelmäßigkeit, also weil Buchstaben ungleichmäßig abgenutzt sind, manchmal auch angebrochen. Solche Drucke wirken lebendiger. Auch Holzlettern haben ihren Reiz, wie man hier schon oft sehen konnte.
Holzlettern und Schablonenschrift sind hier imitiert worden, und wäre der Druck nicht geprägt, dürfte sogar der Experte Mühe haben, wenn es ihm überhaupt möglich ist, Holzletter von digitalem Nachbau zu unterscheiden. Beim digitalen Satz dieser Schrift werden nämlich Varianten der Buchstaben eingesetzt, es gibt also von jedem Buchstaben mehrere, fast wie im Setzkasten, die unterschiedlich abgenutzt und manchmal auch schadhaft aussehen. Wenn man mit sehr wenig Farbe druckt, zeigen Holzlettern allerdings eine sehr feine Maserung, das können die geätzten nicht, wenn man nicht die Platte noch entsprechend behandelt, also Schleifspuren hineinbringt.
Hier sieht man an den beiden t und den beiden o die Unterschiede. Ein Drucker würde sich bei diesem vergrößerten Bild über die Scharfkantigkeit wundern, denn Holz kann durchaus auch Halbtöne zeigen. Holz würde auch nicht so scharfkantig prägen. Und kein Drucker, der noch alle Ratten im Kronleuchter hat, würde mit Holz zu prägen versuchen. Aber mit dem Imitat ist das möglich, und damit hat der Laie was zu streicheln und der Kenner was zu gucken.
Auch die Beschädigungen wirken in der Vergrößerung zu scharf — man muß aber auch erst einmal auf die Idee kommen, daß es keine Holzlettern sind, um einen Druck solchen Prüfungen zu unterziehen. Die Entwurfsidee läßt sich jedenfalls bestens umsetzen.
Schöpfer aller auf diesem Etikett gedruckten Schriften und Zeichen ist der Berliner Schriftentwerfer und Designer Andreas Seidel. Die Schablonenschrift, in der alle Buchstaben in mehreren Varianten vorhanden sind, heißt Vintage Stencil US No.4 und ist im Fontshop erhältlich.
Die Brotschrift ist die Secca Art Std., und die Ornamente sind unter dem Namen Astype Ornaments Accolades C im Handel bei MyFonts.com und Fontshop.com sowie direkt beim Hersteller astype.de zu bekommen. Noch nicht fertig ist der Holzlettern-Font, den Andreas Seidel in dieser Drucksache eingesetzt hat, die ich als Ansichtssache für einen Papierhersteller angefertigt habe. Darüber demnächst mehr.
An den Schuh
Vor wenigen Tagen habe ich Bilder von den Arbeiten an dieser Karte gezeigt, heute sind die fertigen Karten zu sehen. Es gibt zwei Sorten. Die erste zeigt einen sich im Fortgehen umdrehenden Bären.
Zu welchem Anlaß man diese Karte wohl verwenden soll? Für alle dramatischen natürlich. Man wird verstoßen, geht fort und zeigt noch einmal seine Zuwendung. Oder man ist ein zottiger Typ, kann sich keine extravagante Eleganz leisten und will seine inneren, nicht gleich sichtbaren Vorzüge herausstreichen und dabei Mitgefühl erregen.
Die Karte ist mit einem erheblichen technischen Aufwand hergestellt worden, für den Vorhang gab es vier oder fünf oder sechs Druckgänge, ich hab es vergessen.
Die zweite Sorte ist für den Erstürmer gedacht. Hier steht der beste Freund wach und kampfbereit — wofür, ist dem Korrespondenten überlassen.
Freilich nötigt auch dieses Bild dem Schreiber der Karte einige Anstrengung ab. Man kann aber jedem Text Wendungen geben, die das Motoiv erklären, und wenn einem gar nichts einfällt und nur das Bild gefällt, dann schreibe man eben einen Gruß hinein.
Diese Tier hat freilich auch zwei Enden, so wie die Wurst und das Leben. Und ja, man kann die beiden Karten kaufen. Sowohl den Bären als auch den Hund. Zu kaufen hier im Internetladen. Und ich habe auch noch Karten ohne die beiden.
Zum Ostergruß
In seinen ersten Osterferien wurde der Knabe von seinem Vater, einem Drucker und Freund meines Hauses, in die Druckerey mitgenommen, um ihm die Schrift im Setzkasten zu zeigen und gemeinsam eine Osterkarte zu drucken. Im Gespräch über Buchstaben ergab sich dieses Bilderrätsel, das dann an zwei Nachmittagen fabriziert wurde. Der Rahmen ist von der Messingform gedruckt, das Plus aus Messinglinien zusammengesetzt, der Stern aus Holz, ebenso der Hase.
Bleisatz gibt es im Innern der Klappkarte, das Kind hat sich seinen eigenen Reim auf Ostern gemacht, und mir gefällt er sehr. Der Osterhase selbst könnte ihn gesagt haben. Möglicherweise hat das Kind ihn dem Tier abgelauscht, die Einbildungskraft ist ja eine der lebendigsten in den jungen Jahren. Merkwürdig, daß sie bei Erwachsenen umso dümmlicher scheint, je stärker sie ist. Aber davon ab, ich wünsche frohe Ostern!
