Eine freundliche Erinnerung an das Jahr 1984
Ich wurde von jemandem an meine Lehrzeit erinnert. Ich lernte Schriftsetzer im Bleisatz. Unter dem Setzersaal war der Druckersaal, also ein Saal mit lauter Druckmaschinen, kleinen und großen. An einer ganz großen arbeitete ein als knurrig geltender Herr, aus der Sicht des 17jährigen Lehrlings ein Greis, also irgendwas zwischen 40 und Mumie. Möglicherweise war ich zu dieser Zeit der einzige Lehrling, den der Ehrgeiz trieb, strengen Meistern durch gute Arbeit zu gefallen, und ich riß mich mit leichtem Erfolg darum, mit diesem knurrigen Drucker an einem Buch von Th. Th. Heine zu arbeiten. Ich mußte die Revision machen, das war die letzte Korrektur vor dem Auflagendruck. Dafür mußte man erst vom Oberkorrektor die Korrekturbogen holen, sich mit Werkzeug (Ahle und Winkelhaken) bewaffnen und in die Maschine hineinkriechen und in der Form Maschinensatzzeilen auswechseln oder verrücken oder Überschriften aus Handsatz korrigieren. Man ließ die Zeile vom Maschinensetzer neu gießen und beschaffte Ersatzlettern und krabbelte dann in die Maschine. Der Drucker ließ einen anfangs sehr spüren, daß er einen für einen Ahnungslosen hielt und knurrte reichlich herum oder guckte zumindest so, als würde er knurren, das weiß ich nicht mehr. Diese Arbeit zog sich über Tage. Nie sagte der Drucker was. Er guckte grimmig, denn der Lehrling war eine Gefahr für die Maschine und für den Gemütsfrieden des Druckers, ein Terrorist. Als die ganze Arbeit fertig war, wurde ich zu diesem grimmigen Herrn bestellt und hatte weiche Knie, denn ich fürchtete, einen enormen Fehler gemacht zu haben, auch wenn ich keine Ahnung hatte, was es gewesen sein könnte. Als ich zu ihm kam, drückte er mir eine Rolle Papier in die Hand und haute mir seine Pranke auf die Schulter. Das war alles. Die Rolle enthielt ein komplettes Exemplar des Buches in Druckbogen.
Ich habe freilich Zensuren bekommen, weniger gute in Tabellensatz und sehr gute auf anderen Gebieten. Aber ich kann mich an keine größere Freude erinnern als an diese Rolle mit Pranke. Von dem Tage an war ich Schriftsetzer, das Gehilfenzeugnis (in der Schwarzen Kunst heißen die Gesellen Gehilfen) war nur noch Formsache.
Das Buch ließ ich Jahre später, als ich das Geld dafür leichter aufbringen konnte, in rotes Leinen binden.
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Zu Gast bei Fedrigoni Berlin
Vergangenen Donnerstag hielt ich auf Einladung des Feinpapierherstellers Fedrigoni einen kleinen Vortrag mit Fotos in den Räumen des Berliner Showrooms von Fedrigoni am Hackeschen Markt, um geladenen Gästen den immer häufiger nur noch unter dem englischen Namen Letterpress bekannten Buchdruck nach der Manier Gutenbergs und die heutigen Möglichkeiten zu erklären.
Hier eine Auswahl von den Bildern. Ich erklärte kurz das traditionelle Bleisatzverfahren, zeigte den Winkelhaken und …
Und ich zeigte ein paar Bilder von den speziellen Kästen mit Schmuck und Linien.
Wenn die Druckform fertig ist, gleich ob aus Blei oder aus geätzten Platten, wird die Druckform geschlossen.
Zwei Keilschlösser halten die Form fest.
Hier sind Holzlettern zu sehen.
Und hier ein Klischee mit kyrillischer Schrift. (Die Druckerey lieferte kürzlich zum ersten Mal nach Moskau.)
Geprägt in einen weichen und dicken Karton.
Im Bleisatz ist so feiner Schmuck kaum noch gut erhalten zu bekommen.
Da kann man froh sein über das digitale Angebot.
Das mit dem Drucktiegel in herkömmlicher Weise verarbeitet wird.
Zu denen auf dieser Skizze mit Handabdrücken eine passende Bleiletter gesucht wurde.
Dieser Karton wurde mit einem dunklen auf der Rückseite kaschiert. Dieselbe Farbe kann durch unterschiedliche Farbmenge in der Druckmaschine unterschiedlich wirken.
Nach dem Bildervortrag wurde eine Mappe mit Druckmustern aus der Druckerey verteilt, und ich habe zu allen ein paar Erklärungen gegeben.
Hier beispielsweise ist ein dunkelbrauner Karton aus der Fedrigoni-Kollektion Sirio zu sehen, rechts mit einem gründlichen Weiß bedruckt, links mit einem silbernen Überdruck.
Farben werden in der Werkstatt herkömmlich gemischt, ich halte nicht viel von einem Lager mit Hunderten von Dosen. Man kann fast alles mischen.
Hier noch einmal der Heidelberger Tiegel in ganzer Schönheit.
Gerillt werden Auflagen bis 500 Stück von Hand und Fuß an dieser kleinen und einfachen und sehr alten Maschine.
Und mit dem Schiebedeckel-Etui aus Kirschbaumholz ausgeliefert, das auch im Online-Shop der Druckerey erhältlich ist.
Vintage Stencil US No.4 von Andreas Seidel
Die Drucke dieser Schablonenschrift zeigte ich ja gestern schon. Der Entwerfer dieser Schrift hat mir noch einige Informationen zukommen lassen. Zuerst weise ich auf diese schöne Broschüre als PDF hin, in dem einige Hinweise schön und bebildert gezeigt werden. Zu den drei dort bebilderten Schnitten kommen demnächst noch zwei hinzu.
Zu den Varianten erklärt Andreas Seidel:
Regular
Hat keine Varianten, dafür saubere Linien und einen vollständigen Type1-Zeichensatz und einige Ornamente.
Paint, Paint Low
Die Schnitte haben vier Varianten der Großbuchstaben und Ziffern. Da diese Vorlagen für diese Buchstaben direkt mit der physischen Schablone erzeugt wurden, gibt es auch nur die Zeichen, die ich mit der Schablone tatsächlich erzeugen kann. Also kein @ oder % Zeichen wie beim Regular Schnitt.
Die Alternativen werden in InDesign automatisch im Text variiert, aber man kann sie auch über OpenType Features oder die Glyphenpalette anwählen.
Die Paint-Low-Variation enthält keine versprengten Objekte innerhalb und außerhalb der Buchstabenformen. Der Font hat daher weniger Pfade und baut sich schneller auf. Wenn die Buchstaben eher in kleinen Graden genutzt werden sollen, ist dieser Font der Paint Version vorzuziehen.
Auch die Holzbuchstabenschrift wird vier Varianten jedes Buchstabens enthalten. Und mehr hat so manche Holzschrift nicht.
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