Farbenlehre

16. Oktober 2007

Freilich hilft die theoretische Farbenlehre ungemein und soll man sich damit befassen, aber Sehen muß man selbst lernen. In der Berufsausbildung für Schriftsetzer, die mit zwei Jahren in der DDR viel zu kurz war (der Sozialistischen Einheitspartei ging es nicht um Bildung, sondern um Produktivität), kam der Besuch von Kunstausstellungen erst im zweiten Lehrjahr vor.

Suchen Mediendesigner heute mit ihren Lehrern Kunstgalerien auf und Ausstellungen von Kunsthandwerk und Design? Ich würde es ihnen wünschen, zumal die Arbeit am Computer keinen leichten Umgang mit Farbe erlaubt, weil jede Farbe nur auf einem farbunsicheren Bildschirm gezeigt wird. Aber selbst schwarze Farbe sieht auf verschiedenen Papieren anders aus. Man setzt blau und braun hinzu, um bestimmte Effekte zu erzielen, die der Laie nur unbewußt wahrnimmt. Der Betrachter soll auch gar nicht erkennen, warum ihm etwas gefällt. Erst recht beim Mischen farbiger Farben kommt niemand um die Praxis mit dem Material herum.

Ich verwende für meine Arbeit eine Farbenlehre von Paul Renner, die 1947 erschien. Im Textpapier steckt zwar schon der Gilb (das macht das Lignin), aber die Farbtafeln (gedruckt von der Graphischen Kunstanstalt Willy Köstlin in Stuttgart) wirken frisch und sind bis heute unverfälscht, was man im Vergleich aller Farben gut sehen kann, da sie nicht gleichmäßig ihr Aussehen verändern würden (am empfindlichsten ist rot). Da ich alte Technik einsetze, lese ich alte Lehrbücher.

Für eine Karte aus elfenbein getöntem Echt Bütten hatte ich zwei Farben zu kombinieren, die beide nicht rein sein sollten und einen ähnlichen Helligkeitswert zeigen, aber deren Richtung einen deutlichen Gegensatz zeigen sollte. Eine Farbenlehre kann ich hier nicht wiedergeben, aber ein Zitat von Paul Renner verdeutlicht einen Teil der Aufgabe: “Die Veränderung des Aussehens gleichzeitig gesehener Farben unterliegt einem sehr einfachen Gesetz; wie sich zwei lebhafte Menschen im Gespräch dazu hinreißen lassen, Ansichten zu vertreten, die sie gar nicht haben, indem ein jeder der Ansicht des Anderen widerspricht, so nimmt die Farbe in der Nachbarschaft einer anderen etwas von deren Gegenfarbe an; das verändert ihr Aussehen um so mehr, je farbloser sie selbst und je entschiedener die Nachbarfarbe ist.” Na, nun mische mal braun gegen blau!

Renner empfiehlt übrigens, immer eine Sammlung von Naturgegenständen um sich zu haben und sich gelegentlich dahinein zu versenken, Steine, Vogelfedern, getrocknete Gräser usw., um die Farbgebung aus der Natur zu verinnerlichen. Auch in den Himmel zu schauen, ist eine sinnvolle Übung für den Drucker. Städteansichten bilden keine Hilfe, weil sie mit ungeschlachten und rohen Zumutungen vollgestellt sind: Grelle Fassaden (abgesehen von den echten Backsteinbauten, die schöne bewegte Flächen zeigen), schlimme Reklame, Schilder, vor allem aber Autos, die als quietschbunte Ansammlung der Ausstaffierung eines Kinderzimmers gleichen, das ungebildete Eltern eingerichtet haben.

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Kommt ein Paket mit Bleilettern

14. Oktober 2007

Kommt ein Paket aus dem Bleisatz-Magazin in fremde Hände, die es freundlicherweise für mich entgegengenommen haben, werden die Arme lang und die Augen groß. “Ist da Blei drin?” Wenn ich das bestätige, glaubt man mir erst nach kurzer Erklärung. Hier nun ein Paket, das mich am Freitag erreichte. Es enthielt einen Satz der Schrift “Elegance”, von Karlgeorg Hoefer nach seiner eigenen Handschrift entworfen und 1968 von der Schriftgießerei Ludwig & Mayer in Offenbach (später Frankfurt am Main) gegossen. Ich habe tatsächlich eine gußfrische Schrift aus Ratingen vor mir. Für einen Schriftsetzer und Drucker in Personalunion (auch Schweizerdegen genannt) bedeutet eine gußfrische Schrift doppelte Freude: Der Setzer bekommt weniger schnell schmutzige Hände wie von älteren Schriften, an denen die Druckfarbe nie ganz abgewaschen werden kann; der Drucker wird wenig Probleme haben mit der Zurichtung der Druckform, weil alle Buchstaben gleichmäßig unbenutzt sind, nicht unregelmäßig abgenutzt wie bei älteren Schriften. Nach dem Auspacken wird die Schrift in einem Steckschriftkasten aufgestellt, sie ist zu groß für den gewöhnlichen Setzkasten, wie er für die kleineren Grade Verwendung findet. Von manchen Buchstaben würden nicht alle Lettern in einen Kasten passen, und außerdem bietet die breitere Oberfläche der Lettern eine Angriffsfläche. Sie sollte aber keine Kratzer bekommen. Im Steckschriftkasten steht die Schrift sicher vor allen Zumutungen. Wie schön das ist, dieses Auspacken und Einsortieren: bitte sehen Sie selbst. Die Fotos lassen sich durch Klick vergrößern.

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Frische Messingspatien

12. Oktober 2007

Raum, Weite; Spaziergang, Spazierweg; Bahn, Rennbahn; übertr. Spielraum; Zeit, Zeitraum, Frist; Dauer, Länge

So schwärmt das Lateinwörterbuch, wenn es um das Spatium geht. Diese abgebildeten Schächtelchen (Zündholzboxmaße) kaufte ich vor drei Tagen im Preußischen Bleisatz-Magazin bei Georg Kraus. Ungeöffnet, müssen Jahrzehnte irgendwo gelegen haben. Und gewartet, daß einer wie ich sie in die Finger bekommt. Freaky! Inzwischen habe ich so oft Dinge ausgepackt, die Jahrzehnte irgendwo gelegen haben, (mindestens zwei, denn seit 1989 wurde auch in Ostdeutschland nichts mehr in dieses Handwerk investiert und schlossen die Schriftenhändler ihre Läden), daß ich nur noch kurz gerührt bin. Vor allem freue ich mich über unbenutztes Material, das sich seinerseits freuen dürfte, zwischen meinen Fingern doch noch seiner Bestimmung zugeführt zu werden.

Was ist die Bestimmung von Spatien? Sie werden nicht auf Spaziergängen als Spur ausgelegt, sie dienen dem Schriftsetzer zum Setzen feiner Abstände. Das nächste Foto zeigt den Inhalt der Schachteln, schon einsortiert. Neben Messingspatien gibt es solche aus Neusilber. Die kleinsten Blei-Spatien sind 1 Punkt stark (typografische Maßeinheit, 1 Punkt = 0,376 mm), die Messingspatien sind einen halben Punkt dick, und die Neusilber-Spatien einen Viertelpunkt (= 0,094 mm).

Damit gleicht man zum Beispiel Versalien aus, d.h. wenn man eine Versalzeile (Zeile aus Großbuchstaben) ausgleichen bzw. neutralisieren bzw. harmonisieren (das sind die gebräuchlichen Fachwörter) möchte, um die Weite der Räume zwischen NN (eng) und LA (bilden ein Loch) oder auch DOC (bilden Binnenräume) so nett zu setzen, wie es die Römer vor 2000 Jahren vorgemacht haben, braucht man im Bleisatz erstens ein sehendes Auge und zweitens entweder Seidenpapier oder aber (luxuriöser handhabbar) Spatien aus Messing und Neusilber.

Jede Versalzeile wird bei mir so behandelt, das entspricht den Regeln der Kunst, und ich warte noch drauf, daß ich von dieser Regel einmal abweiche und Versalien quetsche aus typografisch sinnvollen Gründen. Sieht man manchmal, hat in großen fetten Schriften seinen Reiz, wenn eine Zeile ganz unregelmäßige Lichtflecken hat. Kam nur in meiner Praxis noch nicht vor. Mache ja keine Werbe-Typografie.

Was bedeutet eigentlich Stereohöhe = 19,05 mm? (Steht unten auf der Spatien-Packung.)

Stereotypie wird das Verfahren genannt, mit dem Bleisatz oder Ätzungen von Bildern mechanisch abgeformt werden; die Abformung, also eine Duplikat-Druckplatte, heißt Stereo. Bloß was haben Messingspatien damit zu tun?

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