Der feine Unterschied
Buchdruck (der Druck mit bleiernen Lettern) oder Offset, gibt’s da einen Unterschied, den man sieht? Oder ist das wie bei silbernen Kragenstäbchen: Nur der Benutzer weiß, was in seinen Hemdkragenspitzen steckt.
Woran erkennt man den Einsatz des Buchdruckverfahrens?
Vielleicht an der Prägung?
Man kann den Unterschied sehen und manchmal fühlen, aber an einer kräftigen Prägung erkennt man meistens nur den unsachgemäßen Druck. Wir Drucker sagen, wenn wir so etwas in die Hand bekommen: “Das ist nicht gedruckt, das ist gequetscht.” Und wir wissen, daß dieser Kollege gleichgültig ist gegen die Schrift, denn diese ist ja aus Blei, und solches ist weich. Ohnehin leidet die Schrift immer ein wenig, nutzt sich beim Drucken ab, aber man muß streng achten, daß sie nicht stärker beansprucht wird als wirklich notwendig ist für ein gutes Druckbild. Der feinste Druck ist der, den man an der Schattierung kaum sieht. Die Schattierung sollte man nur auf der Rückseite erkennen, wenn Licht in einem möglichst spitzen Winkel auf das Papier fällt. Dann wird sich bei dünnem Papier eine Schattierung, also eine Spur des mechanischen Drucks, nicht vermeiden lassen. Selbst bei Karton, wenn er eine unglatte Oberfläche hat und die Bleilettern tiefer eingedrückt werden müssen für ein sattes Schriftbild.
Auch andere Merkmale sind so fein, daß sie erst unter der Lupe kenntlich werden. Auf dem Foto ist eine 6p-Schrift zu sehen (Schriftsetzer sagen zu dieser Größe Nonpareille), die Walbaum in kursiv und gewöhnlich. Das große T hat eine Höhe von knapp 2 mm.
Derart stark vergrößert sieht man am Druckbild den leichten Schmitz (die Farbe war recht flüssig, aber nicht so flüssig, daß ich sie mit Bologneser Kreide verdicken wollte), der entsteht, wenn die Walzen einen Teil der Farbe am Rand der Letter abstreifen. Man sieht auch die Unregelmäßigkeit der Typen, die in Jahrzehnten verschieden abgenutzt wurden. Außerdem erkennt man den Bleisatz an der Form der Buchstaben. Die Walbaum von heute, aus dem Computer, sieht anders aus. Sie hat deutlich von ihrem ursprünglichen Charakter eingebüßt. Die originalen Matrizen wurden um 1800 geschaffen. Die Versalien sind breiter und kräftiger gehalten als die Gemeinen (Kleinbuchstaben, Minuskeln) und wirken fast halbfett.
Die Schrift weist in der Zurichtung eine gewisse Munterkeit auf, d.h. die Buchstaben stehen nicht alle gleich eng nebeneinander, sondern es entstehen Lücken. Das kleine r beispielsweise ist auf einen so breiten Kegel gesetzt, daß man den Wortzwischenraum etwas mindern kann, wenn es am Schluß eines Wortes steht. Nun, und das kleine f in der Kursiven hat zwar einen Überhang, also die Type
ragt etwas über den Kegel hinaus, aber es trägt Sorge für eine gewisse Luftigkeit, während in der digitalen Variante alle Räume so stark harmonisiert wurden, daß die Schrift weniger lebendig wirkt. Im Bleisatz-Foto ist übrigens eine fi-Ligatur zum Einsatz gekommen, aber anders als in anderen Schriften sind der obere Tropfen des f und der i-Punkt nicht miteinander verschmolzen. Die kursive Bleisatz-Walbaum hat enorme charakterliche Kraft, die digitale zeigt bislang kaum etwas davon, aber vielleicht wird sie einmal ergänzt durch eine Type, die näher am Vorbild steht.
Es sind solche Details, an denen sich die Qualität einer Drucksache vom Bleisatz zeigt, ihr lebendigeres Bild, die leichten, munteren Unregelmäßigkeiten, die dem Bleisatz eigen sind. Es sind nicht die unsaubere Farbe und der schwere Druck. Wer dafür einen Blick entwickelt, zeigt sich als Connaisseur.
tags: bleisatz, bologneser kreide, buchdruck, digitalisierung, prägung, schattierung, walbaumKommentare [1]
Max Goldt im Bleisatz
Im Jahr 1998 erschien “Ein gelbes Plastikthermometer in Form eines roten Plastikfisches”, das ich entworfen, ausgestattet und von Hand gesetzt habe. Es wurde auf motorgetriebenen Pressen gedruckt und industriell als Drahtrückstichbroschur gebunden.
Das Buch ist noch lieferbar, (hier und auf den Folgeseiten wird seine Geschichte erzählt) sowohl in der Druckerey als auch via Amazon. Nun soll zehn Jahre nach dem ersten ein weiteres erscheinen, diesmal aber handgedruckt und handgebunden und deshalb in einer viel kleineren Auflage (nur 500).
Die neuen Texte von Max Goldt liegen vor, jetzt wurden Papiermuster bestellt, demnächst werden die ersten Entwürfe skizziert. Es wird wieder jede Textseite einen eigenen typografischen Entwurf bekommen, und wir werden viele unserer Bleisatzschriften zeigen. Und lassen wir die Leser über die Produktion im Dunkeln? Nein. Jeder Schritt hin zum fertigen Büchlein wird im Blog dokumentiert werden. Aber es dauert noch. Solange das Papier noch nicht bestimmt ist, kann nichts gedruckt werden, kann nichts gesetzt werden, kommt keine Inspiration über mich, halten die Musen sich mit Einflüsterungen zurück. Wenn es losgeht – hier wird man es erfahren.
Das Lehrbuch für Schriftsetzer
Das Buchdruck-Handwerk war zwar entscheidend für Reformation und Wissenschaft, aber mit seinen noch nicht einmal 600 Jahren (erfunden um 1440) noch nicht alt. Jedem fallen sofort Handwerksberufe ein, die es sehr viel länger gibt. Und dann haben sich Bleisatz und Buchdruck auch immer sehr schnell gewandelt. Wie früh die Industrialisierung es den kleinen Betrieben schwer machte, kann man in Balzacs “Verlorenen Illusionen”
nachlesen, wo schon Anfang des 19. Jahrhunderts die kleinen Druckereien unter Preisdruck gesetzt wurden von größeren. Die Ein-Mann-Druckerei hat im Grunde gar keine Geschichte. Schon mit Gutenbergs Bibel waren etliche Setzer und Drucker befaßt. Kleine Werkstätten wie die meine verwalten nun das Erbe und stemmen sich gegen Verfall und Vergessen. Vielleicht aber hat Handarbeit eine längere Zukunft als uns heute vor Augen steht.
Wenn ein Drucker nicht nur produziert, sondern auch aufsammelt und archiviert, was an technischer
Literatur zu vergehen droht, fallen ihm gelegentlich Stücke in die Hände, welche die Zeit schrumpfen lassen. Auf diesen Fotos sind zwei Bücher von Friedrich Bauer zu sehen, nämlich ein ausgezeichnetes Lehrbuch für Schriftsetzer in der Erstauflage von 1904 mit marmoriertem Kopf- und Vorderschnitt, der Halbleinen-Einband mit einem marmorierten Buntpapier bezogen, daneben die
8. Auflage aus dem Jahr 1934, inhaltlich überarbeitet, deutlich umfangreicher, im nüchtern blauen Halbleinen, typografisch modernisiert, als Handwerksstück weniger liebreizend. Dafür ausgestattet mit dem Exlibris eines gewissen Emil Kilgast, dem ich mein eigenes beigesellte. Das Exemplar von 1904 gehörte einem gewissen Carl Birnbaum, der es nur mit einem Stempel versah.
Lernen kann ich aus diesen Büchern nur wenig, es ist das zusammengefaßte Wissen des Schriftsetzers, aber da ich diesem Beruf vor mehr als einem Vierteljahrhundert, im Alter von 14 Jahren, nähertreten durfte, fehlt es mir zwar noch an vielem, vor allem der typografische Erfahrungshunger ist kaum zu stillen, aber kaum an technischen Kenntnissen
und Fertigkeiten, wie sie in Büchern stehen. Viel interessanter sind freilich immer die praktischen Fragen, deren Lösungen nicht aus Büchern zu lesen sind, sondern auf die man die Antworten im Tun selbst erfinden muß. Zum Beispiel: Wie schließt man eine im Druck sichtbare Nahtstelle zwischen zwei Linien? Oder wie verlängert man eine Englische Linie, ohne daß es im Druckbild auffällt? Herrliche Probleme!
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