Englische Schreibschrift
Heute habe ich eine Einladung zur Trauung gedruckt. Meine Kunden kamen zum Andruck, weil ihnen die Farbe wichtig war, die ich manchmal von Hand mische. Für den heute benötigten Sepia-Ton verwendete ich ein bläuliches, also kaltes Rot, auch als Weinrot geläufig, das ich mit Hellbraun anwärmte und mit Dunkelbraun abtönte.
Für den Satz habe ich die Excelsior verwendet, eine Englische Schreibschrift, die ich in der Bauerschen Gießerei in Barcelona gekauft habe. D.h. ursprünglich habe ich die mal in den 1990er Jahren von der Gießerei Wagner in Ingolstadt gekauft, die sich die Matrizen aus Barcelona ausgeliehen hatte. Jahre später gab es die Gießerei nicht mehr.
2006 habe ich Kontakt nach Barcelona geknüpft, wo die Bauersche Gießerei schon früher eine von zwei spanischen Filialen hatte, die jetzt als einzige europäische Gießerei außer der Firma Stempel übriggeblieben ist. Gießerei für Handsatzschriften wohlgemerkt, es gibt noch Spezialbetriebe für andere Arten von Satzmaterial, aber das würde hier wieder zu sehr ins Detail führen.
Englische Schreibschrift ist eine spaßige Angelegenheit, dafür braucht man ein bißchen Erfahrung. Diverse Buchstaben gibt es in zwei Varianten, einmal innerhalb eines Wortes einzusetzen, einmal am Ende: r und Schluß-r, t und Schluß-t, auch zwei e, zwei s, dazu Ligaturen (Buchstabenverbindungen) von ch, ck, ff, fi, fl sowie beispielsweise in der Excelsior zwei verschiedene Versalien T.
Der Setzer muß das alles während des Setzens bedenken, er muß das Druckbild vor Augen haben und wissen, daß er ein Schluß-r zwar gewöhnlich ans Wortende setzt, aber nicht vor ein Satzzeichen wie den Punkt oder das Komma, weil sonst ein unschönes Loch entstünde. Er muß auch wissen, daß es zwei z gibt: eines mit Unterlänge, eines ohne; und planvoll ist das jeweilige für ein schönes Gesamtbild zu verwenden. Außerdem wird er mit der Zeit Erfahrungen sammeln, welchen Wortzwischenraum er einsetzt, weil manche Buchstaben einen solche Anstrich haben, daß vor ihnen ein weiter Raum sich bildet, der mit gewöhnlichem Wortzwischenraum ein Loch würde.
Englische Schreibschrift imitiert Handschrift, den kalligraphischen Zug der Spitzfeder, die einen breiteren Strich zieht, wenn man sie durch Aufdrücken ein wenig spreizt. Wie so etwas original wirkt, ist in meinem Schaufenster unter Kalligraphie zu sehen.
Die ersten Fotos zeigen einen vergrößerten und deshalb die Unregelmäßigkeit des Buchdrucks etwas gemein herausstellend einen Abzug “in der Stiftskirche”, darunter einmal im Bleisatz wie ihn der Schriftsetzer sieht, also kopfstehend gespiegelt, darunter für den Laien zur besseren Sicht gespiegelt auf den Fuß gestellt (eine Ansicht von der einem Schriftsetzer schwindelig wird, für meine Augen ist das richtig gemein). Zwischen “in” und “der” liegt ein 3 Didot-Punkte breites Spatium, zwischen “der” und “Stiftskirche” liegt nichts, weil das S so schwungvoll anhebt, daß es keinen Raum mehr braucht.
Die zweite Bildserie (Abzug, Bleisatz, Bleisatz gespiegelt) zeigt die beiden T in Tag und Trauung. Das eine erinnert an ein C, ich setze es nur dort ein, wo der Kontext die Bedeutung des Zeichens als T selbstverständlich wirken läßt.
Schöne Verschlingungen, was? Eine herrliche Arbeit, die einem solche Bilder vor Augen stellt. Welche Handwerkskunst steckt in diesen bleiernen Typen! Einige Verantwortung hat der Typograf, der Schriftsetzer, der Drucker, auf je seinem Gebiet vernünftig zu hantieren, also die Typen ihrem Duktus entsprechend zu verwenden, sie mit Vorsicht zu setzen, damit sie nicht brechen und schließlich sie mit Zartgefühl zu drucken und zu waschen.
Eine Nachfrage wird vorab beantwortet: Was sind das für Einschußlöcher in den flachen Teilen? Das sind Einstiche von der Ahle. Erstens prüft man so, ob die Zeile in der Form nicht wackelt, zweitens kann man so angepiekt die dicken Teile (Quadrate, Gevierte, Halbgevierte) gut herausheben. Ich mache das selten, aber wenn ich muß, dann handfest. Diese Stellen des Blindmaterials darf man so behandeln, es hat keine weiteren Auswirkungen.
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Scharfsichtigkeit
Die Visitenkarten, die ich gestern im Schöndruck gefertigt habe, waren doch heute schon trocken genug, um die Rückseite zu bedrucken. Die Offizin wird gut beheizt, da trocknet alles schneller als im Sommer, wo es schön kühl ist in der Werkstatt im Souterrain. Ein Foto zeigt drei Abzüge, den zweiten habe ich zuerst gedruckt. Die Postleitzahl hatte ich schon im Winkelhaken ausgeglichen. Wenn man lange mit Schriften arbeitet,
kennt man ihre Eigenheiten. Die Ziffern der Futura muß man immer ein wenig spationieren (sperren/erweitern), denn die sind ohne viel Fleisch (Raum um die druckenden Teile einer Type) auf Halbgeviert (die Hälfte der Kegelhöhe, aber was ein Schriftkegel ist, erkläre ich später mal, das führt jetzt zu weit), also: die Ziffern sind eben sehr knapp gebaut. Bestimmte Kombinationen wie 74 oder 76 oder 96 oder 11 ergeben größere Zwischenräume, als etwa 80. Auf dem Bleisatzfoto oben ist es genau zu sehen.
Der dritte Abzug ist nach Korrektur gemacht worden, so wurde dann gedruckt: In der ersten Lücke liegt ein Dreiviertelpunkt, zusammengesetzt aus einem Messing- und einem Neusilberspatium. Die nächsten beiden sind 1 Punkt weit, und zwischen den letzten beiden Ziffern liegt gar nichts. Das Foto mit den aufgefächerten Typen zeigt die Spatien genauer. Ein Viertelpunkt-Spatium hat übrigens eine Stärke von 0,094 mm.
In der ersten Zeile des Fotos von den Abzügen ist die Zahl
ohne jeden Ausgleich zu sehen: So geht es nicht! Absolut gleichmäßig muß es nicht sein in so einem kleinen Schriftgrad, eine leichte Unregelmäßigkeit kann charmant sein, aber ohne Harmonisierung sollten Versalziffern in keiner Schrift stehen. (Versalziffern sind so hoch wie Versalien [Großbuchstaben], Minuskelziffern sind gearbeitet wie diese: 012 sind so hoch wie ein n, 34579 haben eine Unterlänge und 68 eine Oberlänge.
Unger-Fraktur analog und digital
Der obere Schriftzug im Foto kommt aus dem Tintenstrahldrucker, der untere aus dem Tiegel. Unten Bleischrift, oben die digitale Version von Delbanco. Es handelt sich um eine 8p-Schrift (Petit), die hier also sehr stark vergrößert gezeigt wird. Deswegen auch die Fransen am Tintenausdruck.
Die Unterschiede gehen nicht auf eine Abnutzung der Blei-Type zurück, die kleinen Grade der Unger-Fraktur waren tatsächlich ein eigener Schnitt, also weiter in den Punzen (Binnenräumen), auch weniger kantig, im g wurden Brüche getilgt.
Das zweite Bild zeigt drei Bleilettern. Ab Korpus (10p) ist die Fraktur im g wieder zu sehen, die aus dem Petit-Grad für Lesbarkeit rausgebügelt wurde. Aber auch einige andere Dinge wurden in der digitalen Version verändert, ein paar sind im oberen Foto rot markiert. Die Schrift läuft in Petit digital deutlich enger, ist aber auch weniger gut zugerichtet als die in Blei: “digi” steht enger als “ital”. (Alle Fotos lassen sich durch Klick vergrößern.)
(Den Schmitz an der Unterlänge vom g habe ich erst später beseitigt, das ist ein Foto vom Andruck.)
tags: bleischrift, petit, punzen, schmitz, unger-frakturKommentare [4]
