Papier für Max Goldt
Ich bereite die Produktion des neuen Büchleins von Max Goldt vor. Einen Text habe ich reklamiert beim Autor, weil er schon anderweitig verwendet wurde. Er ist aber gut, ich trauere ihm nach.
Auf der Seite von Katz & Goldt finde ich eben einen ausgezeichneten Comic für Typografen, Thema: Divis. So sagt man, um diesen Strich gegen andere, längere begrifflich abzusetzen, aber nur das Divis fungiert als Bindestrich.
Immer dieses Abschweifen. Also den einen Text, den ich fürs Buch von Max Goldt bekommen habe, hat Katz bereits für ein T-Shirt verwendet. Für mein Büchlein ist er damit verbrannt, wie man unter uns auf einmalige Texte erpichten Bleisatz-Buchdruck-Büchlein-Machern sagt. Heute kam der Ersatz, ein Gedicht, in dem ein neues Wort vorkommt, das ich jetzt schon gerne habe.
Bevor ich mit den Entwürfen für das Büchlein beginne (jeder Text bekommt eine eigene Typografie), kümmere ich mich um die Ausstattung: das Papier. Das Büchlein wird wie das erste als flexible Broschur erscheinen, diesmal allerdings von Hand mit dem Faden geheftet.
Das Objekt erhält also einen Buchblock aus Buchseiten, da wird der Text drauf gedruckt. Darum wird ein Umschlag geheftet, wahrscheinlich unbedruckt, wenn ich nicht innen noch eine Zierleiste/Borte aufdrucke, und um diesen kommt ein Schutzumschlag mit Klappen und aus Karton, welcher dann den Titel tragen wird.
Wie das Büchlein heißt, weiß ich noch nicht. Das wird der Autor mir noch mitteilen. Das erste Buch hatte einen silbergrauen Umschlag außen, einen orangeroten innen und war auf perlgraues Papier gedruckt.
Ich habe einige Tage lang Papierkataloge durchgesehen, aber ich werde bei perlgrau für den Inhalt bleiben. Es ist eine helle, warme und strapazierbare (d.h. ich kann gut andere bunte Farben darauf drucken) Farbe mit einer hohen Opazität. Das heißt Lichtundurchlässigkeit. Wieviel Licht das Papier hindurchläßt, ist eher zweitrangig; wichtiger ist die
Sichtbarriere zur Rückseite. Bei Romanen muß man nicht so stark auf die Opazität achten wie bei einem solchen Typografik-Werk, denn Zeile ist auf Zeile gedruckt (man nennt das „Register halten“). Aber ich möchte ja nicht, daß mir von der Rückseite die typografischen Elemente auf die Vorderseite so stark hindurchscheinen, daß sie den Anblick der Seite beeinträchtigen, die gerade betrachtet wird.
Die Umschläge dazu sollen farblich anders aussehen als beim ersten Buch, denn die Verwandtschaft zum Erstling stelle ich durch das Format und die Bindung her. Von einigen Papieren fordere ich nun Muster an, denn ich möchte testen, wie sie sich im Buchdruckverfahren verhalten, ob sie gut mit Bleisatz bedruckbar sind und wie sie aussehen, nachdem Rillen eingeprägt wurden für die Stellen, an denen ich sie zu falzen habe.
Das Foto, auf welchem man meine
Hand blättern sieht, zeigt die Preisliste eines Papierhändlers. Das ist ein recht umfangreiches Buch und deutet an, wie viele Papiersorten auf dem Markt zu haben sind.Ich habe die entsprechenden Musterbücher von vier Händlern und zwei Herstellern durchgesehen. Nicht die Musterbücher mit den Werkdruck- und Korrespondenzpapieren, sondern die „Kreativen Papiere“, wo es um Farben und Oberflächen geht.
Wie man sich in einer solchen Menge orientiert? Waren Sie schon einmal Stoff kaufen für ein Möbelstück oder für Kleidung? Als Laie droht man in der schieren Menge zu ertrinken, wenn einem nicht geholfen wird. Hinsichtlich Papier bin ich kein Laie. Woran halte ich mich also fest?
Immer wenn ich merke, wie mich bestimmte Oberflächeneffekte und intensive Farben zu stark zu fesseln drohen, besinne
ich mich: Das Inhaltspapier steht fest, also perlgrau, also welche Farbe harmonisiert, und vor allem: Was empfinde ich dabei? Was befiehlt mir die Institution, die man guten Geschmack nennt? Etwas also, das sich lernen läßt, das man auch immerzu schulen muß durch stete Wiederholung des Betrachtens guter Arbeiten. Man kann Farben auch logisch aussuchen, mit Hilfe einer Farbenlehre, aber darin verliert man sich ebenso leicht, zumal die Farben, welche die Farbenlehre zu kombinieren empfiehlt, wahrscheinlich nicht als Papier erhältlich sind. Also verläßt man sich auf das geschulte Auge, auf das ausgebildete Gefühl.
Ich habe heute keine Entscheidungen getroffen, erst an den Musterbogen werde ich auch die Flächenwirkung der Materialien beurteilen können. Mir schwebt zur Zeit ein metallisch glänzendes Dunkelgrün als Außenhaut vor. Innen könnte man mit einem grellen Violett dagegen anknallen oder eine Harmonie mit einem warmen Rotton finden. Ich neige zu letzterem, werde aber die Kontrastfarben auch ein paar Tage lang beobachten.
Im nächsten Schritt werde ich die Kalkulation des Papiers angehen. 
Im Verlagswesen macht das oft der Hersteller, in sehr großen Verlagen gibt es Kalkulatoren. Ich war einst Verlagsersteller, und kann sagen: für so eine Broschüre hält sich der Aufwand in Grenzen. Wie ich Papier kalkuliere, erkläre ich demnächst in diesem Theater. Hier zeige ich auf einem Foto schon mal den Ausschnitt der Preisliste für das dunkelgrün Glänzende: „gardeners green“ – schöner Name.
Setzer gegen Drucker
Aus vergangener Zeit:
Als ich ein Bursche war, gab es noch die gute alte Überheblichkeit der Schriftsetzer gegenüber den Druckern. Setzer und Drucker waren Kollegen und arbeiteten in einem Haus. Die einen hielten sich für gescheiter als die anderen. Was die Drucker von uns Setzern dachten, weiß ich nicht. Ich bin zu jung, um viel Erfahrung in einem solchen Betrieb gesammelt zu haben.
In der Berliner Betriebsberufsschule der Druckerei “Neues Deutschland”, welche auch das gleichnamige “Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands” druckte, ließen die ausbildenden Betriebe Nordostdeutschlands ihren Lehrlingen den größten Teil der Berufsausbildung zukommen. Das ging auch gar nicht anders, denn wie sollte man die für unsere Landesverteidigung wichtige vormilitärische Ausbildung ohne Zentralisierung abwickeln? Es gab in der DDR also nur zwei oder drei Berufsschulen, wo man Setzer oder Drucker wurde. Die in Berlin befand sich in Mitte, Michaelkirchstraße.
(Als Militär [-polygraph] habe ich übrigens versagt. Die vormilitärische Früherziehung hat nicht verhindern können, daß ich später als Soldat ein bißchen eingesperrt und degradiert werden mußte.)
Ganz oben waren die Setzersäle. Im größeren, wo ich arbeitete, gab’s eine kleine Bude für den Obermeister und einige Gassen, die man so nennt, weil man Setzereiregale entsprechend anordnet. Also mehrere hintereinander und einander gegenüber. Bleischriften über Bleischriften. Zwei Dutzend Lehrlinge wurden von zwei Lehrmeistern pro Saal ausgebildet. Die Schreibtische der Meister standen direkt an den Gassen. Es gab noch einen Raum mit Stühlen, wo Theorie unterrichtet wurde. Und es gab einen weiteren Flügel des Hauses (rote Backsteinfabrik), wo der Fachunterricht in Klassenzimmern gehalten wurde. In dieser Schule wurden diverse polygrafische Berufe ausgebildet, beispielsweise Chemigrafen. Fast eine künstlerische Ausbildung.
Neben dem Setzersaal waren die Abteilung Maschinensatz mit einigen Setzmaschinen und das Büro des Herrn Oberkorrektor Bober. Er kam mir damals vor wie ein Greis. Es stank in seinem Büro so nach Zigarrenqualm, daß sogar die gelesenen Korrekturabzüge (auf langen Papierbahnen, weshalb sie Fahnen genannt wurden) verraucht waren, wenn sie aus seinem Büro wieder zu uns gelangten.
Unter dem Setzersaal war der Saal mit den Druckmaschinen: sowohl Schnellpressen als auch Tiegel. Dorthin ging der Setzer, wenn eine Maschinenrevision vorzunehmen war, d.h. die letzte Korrektur vor dem Druck der Auflage. Der Setzer bewaffnete sich mit einer Ahle und einer Pinzette und dem für die Korrektur voraussichtlich benötigten Setzmaterial aus Blei oder Messing. Auf die Ahle wurde ein Korken gesteckt, bevor sie in der Kitteltasche versenkt ward. Setzer trugen graublaue Baumwoll-Kittel. (Manche trugen glänzendes Dederon anstatt Baumwolle.) Nun verließ man den ruhigen Saal, wo die Mitlehrlinge setzten und leise gesprochen wurde. Man gab sich intellektuell. Viele Künstler brachten ihre Kinder in der Schriftsetzerlehre unter. Man wußte von Berühmtheiten, die Schriftsetzer waren. Ich nenne exemplarisch nur Mark Twain.
Eisentür, treppab, Eisentür – und man stand im Lärm. Der Setzerlehrling erkundigte sich beim Buchdruckmeister, wo die Korrektur auszuführen war und ging zwischen den Maschinen hindurch zur Schließplatte seines Kollegen, des Druckerlehrlings. Dieser hatte die Druckform für den Setzer aus der Maschine auf die Platte gehoben, die Farbe abgewaschen und die Schließzeuge geöffnet und stand nun daneben. Da fühlte der dumme Setzerlehrling: Ah, alles vorbereitet und auf mich gewartet. Nun werde ich Setzer mal mein feines Handwerk vorführen. Allerdings konnte man sich auch vom Buchdruckmeister tadelnde Worte anhören, wenn man selbst oder ein anderer Setzer (meist korrigierte man doch die Arbeiten anderer) unsauber gesetzt und dem Drucker dadurch Probleme bereitet hatte. Selbst war man freilich der gute Setzer, dem das nicht passiert wäre, wie man dem Meister klarzumachen versuchte. Also korrigierte man die Form, wartete gnädig darauf, daß der Drucker sie wieder schloß und in die Maschine hob und andruckte und ging dann mit dem Druckbogen wieder treppauf ins stinkende Büro des paffenden Oberkorrektors.
So sahen die Setzer die Drucker. Man hätte uns damals mal zeigen sollen, wie eine Druckmaschine eingerichtet wird, wieviel Arbeit es kostet, bis der erste gute Druck aus der Maschine kommt.
1994 kaufte ich mir eine Boston-Presse. Das ist ein kleines Ding mit zwei bis vier Walzen und einem Hebel, um 1860 entwickelt von William Golding in Boston. In meiner Werkstatt steht ein Original aus dem Werk in Boston, gebaut im 19. Jahrhundert. Ich arbeite allerdings an einem Hogenforst aus der Zeit um 1920 und in Leipzig gebaut. Früher wurden Druckerlehrlinge lange an diesen Pressen ausgebildet, etwa ein Jahr lang. Hat mir mal ein älterer Kollege erzählt. Denn alles, was man an großen Pressen tun muß, muß man auch an den kleinen, also Druck, Walzen und Farbe einstellen:
Welche Druckform wird mit welcher Farbe auf welches Material gedruckt. Farbe kann flüssig sein und zäh, sie kann weich sein und lange Fäden ziehen, sie kann lasieren, sie kann ölig sein, das Fett kann aus der Schrift ins Papier laufen (das sieht man erst Stunden nach dem Druck), sie kann rupfen, d.h. klebrig sein. Sie sieht bei jedem Licht anders aus. Man hilft ihr nach: mit Bologneser Kreide, mit Druckpaste, mit Drucköl, je nachdem.
Die Walzen und das Papier und die Farbe verhalten sich zu Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit. Mysterien des Klimas!
Drucken erfordert mehr Gefühl als Setzen. Der Drucker wird von Naturerscheinungen eingekesselt, Drucken ist eine Kunst.
Das Setzen von Schrift selbst ist meistens eine recht einfache Tätigkeit. Man benötigt dafür erlernbares Wissen, für einfache Texte braucht es nicht viel Erfahrung. Ich habe es selbst oft unterrichtet und weiß daher, wie schnell halbwegs geschickte Menschen gut damit zurechtkommen.
Die Kunst des Setzers ist die Typografie, hier zeigt er seine Bildung, seinen Blick für das Detail wie für die Gesamterscheinung. Je mehr der Setzer von Typografie versteht, desto mehr freut sich der Typograf, weil er sich verstanden fühlt und seine Angaben verständig umgesetzt findet. Wenn der Typograf seine Arbeit nicht gut macht, muß der Setzer der bessere Typograf sein. Ich habe beides erlebt: Typografen, deren genauen Bleistiftskizzen ich voller Bewunderung gegenüberstand, vor allem in der Buchtypografie, und solche, die ich verachtete, weil sie nicht rechnen konnten und ich ihre Umbrüche korrigieren mußte, das kam im Zeitungsdruck vor, wo ich kurze Zeit als Metteur tätig war, also als einer, der Seiten zusammenbaut aus Textkolumnen, Fotos und Überschriften.
Daß heute Typograf und Setzer oft in einer Person stecken, zeitigt, wie damals, sowohl gute als auch schlechte Arbeiten.
Drucken aber erfordert ungleich mehr Erfahrung. Ich drucke seit 1994, und noch heute gibt es gelegentlich Tage, da muß ich die Maschine stehen lassen, weil ich kein befriedigendes Ergebnis zustande bringe: weil das Klima mich nicht läßt. In dieser Hinsicht sind Drucken und Typografie verwandt, man benötigt für beide Muße, Erfahrung, auch Phantasie. Es passierte mir jahrelang immer einmal wieder, daß ich keinen sauberen Druck zustande bekam, und nachdem ich vermeintlich alle Parameter eine Stunde lang überprüft und nachjustiert hatte, fielen mir die Worte meines Kollegen ein: der Tropfen Öl an der richtigen Stelle.
Heute scheitere ich nur noch selten. Ich brauche manchmal viel Zeit, aber mit dem Drucken von Schrift und Strichzeichnungen bin ich vertraut. Als Bilderdrucker von großen gerasterten Flächen wäre ich ein blutiger Anfänger.
Ein guter Drucker zu werden dauert ebenso lange wie die Ausbildung zu einem guten Setzer, der auch typografisch selbständig arbeiten kann. Wo Arroganz in beiden Berufen gegeneinander gepflegt wurde, beruhte sie auf Unverständnis für die andere Seite. In kleinen Betrieben, wo Setzer und Drucker unter einem guten Meister zusammenarbeiteten, gab es solche Eitelkeiten nicht. In der letzten Werkstatt, in der ich als Setzer angestellt war, habe ich meinen Kollegen bewundert. Manchmal saßen wir in der Pause unweit der laufenden Maschinen, da kam es vor, daß er, eben wollte er von der Stulle abbeißen, aufsprang und zur Presse rannte. „Eine Störung!“ rief er. Es war ein Geräusch, das ich freilich nicht herausgehört habe. Seine Drucke waren excellent sauber, die Schrift kam prima gereinigt zurück zu mir zum Ablegen. Und was er meinte, wenn er rief: „Martin, bring mir mal ne Achtel auf fünf!“, das erzähle ich ein anderes Mal.
tags: ahle, bologneser kreide, boston-presse, drucker, karl dall, leipzig, mark twain, maschinenrevision, pinzette, rupfen, schriftsetzer, setzer, setzersaal, stulle, typografie, walzen, wolfgang thierseEine Frage der Ehe?
Recht häufig drucke ich Akzidenzen für zwei Menschen, nämlich Paare. Einladungen, Anzeigen, Danksagungen – es gibt eine Reihe von Drucksachen, die von zwei Menschen verwendet werden. Wer steht an erster Stelle? Bei Eheleuten mit einem gemeinsamen Familiennamen erscheint es mir angebracht, wenn der namengebende Teil an erster Stelle steht, damit die Eingeweihten wissen, daß der Namensempfänger sozusagen standesamtlich umarmt wurde. Also angenommen Anastasia Hotzenplotz heiratet Günter Rose und nähme dessen Name an, dann hielte ich für angebracht zu setzen: Günter und Anastasia Rose. Wenn es hieße Anastasia und Günter Rose, wirkt es auf die Familienangehörigen und Jugendfreunde von Anastasia möglicherweise, als habe Günter Anastasia ihren Familiennamen abgenommen, ihr aber seinen eigenen nicht gegeben, so könnte dort also auch stehen Bella und Günter Rose. (Bella ist der süße kleine Hund von Anastasia, für den sie auf Gütertrennung in der Ehe bestanden hat, denn Günter mag Bella auch sehr. Sagt er.) Außerdem ließe sich an der ersten, von mir sinnvoll gefundenen Folge auch anbringen: geb. Hotzenplotz. Dann ist klar, daß Anastasia vormals Hotzenplotz hieß.
Umgekehrter Fall: Amadeus Quark heiratet Ilse Rochefort und nimmt (gegen den Rat typographisch dem Qu nahestehender Freunde) ihren Namen an: Ilse und Amadeus Rochefort, geb. Quark.
Wenn aber beide ihre jeweiligen Namen behalten? Hermine Blink und Sigbert Blank oder umgekehrt?
Früher war es üblich, daß Herren treppab voraus gehen und treppauf den Damen folgen, damit die Dame weich fällt oder sogar aufgefangen wird, sollte sie stolpern. Manierliche Herren gehen auf der Straße auch heute an der Fahrdammseite, damit die Dame nicht von vorbeirasenden Kutschen mit Dreck bespritzt wird. Wenn solche Verhaltensregeln also einen Sinn haben, liegt die Vermutung, daß auch die Reihenfolge der Namensnennung einen Sinn hatte, keinen Steinwurf weit.
Auf ungefähr der Hälfte der Drucksachen, die ich heute anfertige, wird inzwischen der Name der Dame zuerst genannt. Ich frage meistens nicht nach, aber wenn ich es manchmal im Entwurf vorwitzig ändere, werde ich korrigiert. Eine Begründung wird dazu nicht gegeben, woraus ich messerscharf folgere, daß es als Folge der Gleichberechtigung gesehen wird, die traditionelle Reihung umzukehren, als zeige man damit, daß dem traditionellen Geschlechterverhältnis nicht mehr gefolgt werde. Wenn es nur das ist, wirkt es auf mich wie eine Demonstration ehepolitischer Entscheidungen, worauf man dann meinen könnte: Wie sieht es mit der Souveränität dieser Rollenpolitik aus, wenn sie öffentlich angezeigt werden muß?
Alles nur Vermutungen, über die man in meinem Beruf nachdenkt.
Wann denn?
Während des Setzens. Klaubt man jeden Buchstaben einzeln aus dem Setzkasten, so ergibt sich Denkzeit. Deshalb waren Schriftsetzer früher auch wirkliche Zaungäste der Wissenschaft. Handgesetzte Bücher mußten durch ihren Kopf, die ersten akademischen Setzer für Universitäten und höhere Kircheneinrichtungen waren selbst Akademiker. Auf diese Zeit geht der später entstandene Begriff vom Stehkragenproletariat zurück. Schriftsetzer wurden später zu Arbeitern, mußten aber besser lesen und schreiben können als andere und behielten auch bis zum Schluß eigene Bekleidungssitten. Sie trugen, anders als Drucker, keine Overalls, sondern Kittel oder Schürzen. Wenn Ehefrauen diese bügeln mußten und auch sonst nur zu Hause die Wollmäuse jagen durften, war es freilich sinnlos, über die Reihenfolge der Namen nachzudenken: Der Göttergatte stand vorn, das Puttelchen an zweiter Stelle. Doch das Spießbürgertum hat die Regeln nicht erfunden, es muß da einen Grund gegeben haben, der etwas sinnvoller ist als das Verhältnis von Hausherrscher zu Hausfrauchen. Wer weiß etwas?
tags: akzidenzen, anzeigen, danksagung, einladungen, familiennamen, stehkragenproletariatKommentare [2]
