Das Design der Gestalten entwerfen
In Schillers „Eleusischem Fest“, auch als „Bürgerlied“ bekannt, durchschreitet die Agrar-Göttin Ceres (bzw. Demeter), „die Bezähmerin wilder Sitten“ und „beglückende Mutter der Welt“, eine heruntergekommene Landschaft und klagt:
„Find ich so den Menschen wieder,
Dem wir unser Bild geliehn,
Dessen schöngestalte Glieder
Droben im Olympus blühn?“
Nachdem sie den Wilden von Eleusis einen grünenden Acker erschaffen hat, finden sich auch alle anderen Götter ein, um das menschliche Leben zu erheben, darunter Vulcanus (Hephaistos):
„Und es kommt der Gott der Esse,
Zeus’ erfindungsreicher Sohn,
Bildner künstlicher Gefäße,
Hochgelehrt in Erzt und Ton.
Und er lehrt die Kunst der Zange
Und der Blasebälge Zug,
Unter seines Hammers Zwange
Bildet sich zuerst der Pflug.“
Es ist heute für manchen schwierig, seine Arbeit genau zu bezeichnen. Früher schon gab es viele Berufsbezeichnungen im typografischen Gebiet. Nach den Schreibern die Buchdrucker, die auch Stempelschneider waren und Schriftsetzer, dazu die Illuminatoren, welche die Bücher durch ihre Malerei erleuchteten, dann die Rubrikatoren, die mit roter Tusche die Bücher auszeichneten. Holzschneider und Holz- und Kupferstecher, Graveure, Illustratoren, Grafiker, Gebrauchsgrafiker, Schriftmaler gab es und gibt es noch heute. Nur der Beruf des Typografen ist recht neu. Und nach dem Wegfall des Schriftsetzer-Berufs hat der Typograf neue Aufgaben zu übernehmen, er setzt selbst die Schrift mit dem Computer. Unklarheit besteht über die Bezeichnung dessen, was einer heute tut, der Büchern ihre Gestalt gibt. Ist er ein Gestalter oder ein Designer? Buchgestalter? Graphikdesigner? Oder Mediengestalter, wenn er sich noch mit anderen Objekten neben Büchern befaßt, was sich heute gewöhnlich eben so verhält? „Mediengestalter“ bezeichnet wiederum einen Beruf, der in der Ausbildungshierarchie dem früheren Gehilfen (fachsprachlich für Geselle, Facharbeiter) aus der Setzerei gleichgestellt wird. Kommunikationsdesigner? Hochschulen verleihen ihren Absolventen diese Bezeichnung. Bilden, formen, gestalten, entwerfen, designen werden die Tätigkeiten genannt, denen im grafischen Bereich nachgegangen wird.
So unklar diese Begriffe durch fehlende Definitionen werden, so vage schwirren Meinungen durch die Berufswelt. Stolze Meinungen sind es nicht selten, die den einen Begriff einem andern vorziehen und manchen sogar verachten. Begründet werden diese Meinungen kaum. Ist es nicht wichtig, sich über das eigene Schaffen durch Begriffe, die unser Denken und unser Tun beeinflussen, Klarheit zu verschaffen? Zumal Typografen mit geschriebener Sprache arbeiten, sollte ihr Streben auch dem Durchdenken ihres eigenen Tuns gelten.
Die göttlichen Verwandten von Schillers Ceres haben den Menschen gestaltet. Der Gott der Esse bildet künstliche Gefäße und den Pflug. In Stifters „Nachsommer“ werden stets erst Zeichnungen oder Pläne entworfen und danach Gemälde ausgeführt und Werke vollführt. Ludwig Tieck spricht in „Franz Sternbalds Wanderungen“ ebenso: „Er fühlte es lebhaft wieder, wie es ganz etwas anders sei, in einer glücklichen Minute ein kühnes und edles Kunstwerk zu entwerfen, und es nachher mit unermüdeter Emsigkeit und dem nie ermattenden Reiz der Neuheit durchzuführen.“ In Goethes „Künstlerlied“ heißt es:
„Der Gedanke, das Entwerfen,
Die Gestalten, ihr Bezug,
Eines wird das andre schärfen,
Und am Ende sei’s genug!
Wohl erfunden, klug ersonnen,
Schön gebildet, zart vollbracht,
So von jeher hat gewonnen
Künstler kunstreich seine Macht.“
Wie in diesen Zeilen oder von den berühmten nahenden schwankenden in Goethes Faust haben unsre Klassiker vorzugsweise substantivisch von Gestalten gesprochen oder das Verb mitunter verwendet, wenn etwa das Schicksal sich gestaltet. Als bewußte Handlung, als aus dem Durchdenken hervorgehende Tätigkeit erscheint das Verb gestalten fast gar nicht. Die Gestalt beschreibt eine äußere Form, die meist ohne menschliches Zutun von der Natur gegeben wird. Wellen gestalten Küsten, Winde gestalten Wüsten, Wetter gestaltet Felsen; Götter geben auch dem Menschen eine Gestalt – nach ihrem eigenen Bild. Einen eigenen Entwurf haben sie für uns nicht benötigt, denn ihre Gestalt ist vollkommen.
Der Unterschied zwischen gestalten und entwerfen besteht hinsichtlich der durchdenkenden Planung, der schöpferischen Arbeit. Im Produktionsablauf einer Drucksache gestaltet in diesem Sinne nicht der Planer. Sondern der Typograf gibt den Entwurf vor, und der Drucker an der Maschine formt die Gestalt durch Farbe auf Papier. Es läßt sich sogar ohne Entwurf eine Gestalt geben: Spritze ich Tinte auf Papier, so habe ich das Blatt zwar gestalterisch beeinflußt. Seine Gestalt ist jetzt anders als zuvor. Aber einen Entwurf brauchte ich dazu nicht. Die fixe Idee genügte völlig, und sogar wenn ich nicht im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte wäre, könnte ich die Tinte zu spritzen mich entschließen. Auch ein Affe könnte das. Entwerfen und gestalten sind zwei verschiedene Tätigkeiten. Gestalten heißt formgeben, mehr nicht. Entwerfen bedeutet planen, projektieren, skizzieren, umrißhaft festlegen. Freilich wird der Begriff gestalten durch Ergänzungen verändert: Ein Formgestalter oder ein Buchgestalter entwirft, bevor er die Form festlegt, das sagt uns die eigene Spracherfahrung. Wir werden dem Formgestalter kein planloses Handeln vorwerfen. Aber der Akzent ist vom Entwurf weg zur Formgebung selbst hin verschoben. Dabei liegt das Hauptwerk dieser Berufe aber nicht in dieser Formgebung, sondern im vorausgehenden Entwerfen. Eher war also ein Schriftsetzer früher ein Gestalter im eigentlichen Sinne, weil er dem Text die Gestalt gibt, die vorher in der Regel jemand anders entworfen hat. Ein Entwerfer oder gar ein Designer?
Der englische Begriff Design, als französisch „Dessin“ Ende des 17. Jahrhunderts ins Deutsche gekommen, beschreibt die Arbeit etwa des Typografen genau. In der italienischen Wurzel „disegno“ stecken: Zeichnung, Zeichnen, Plan, Vorhaben, Zweck; dem voraus geht das lateinische Verb „designare“ für: bezeichnen, bestimmen, im Umriß darstellen, nachbilden. Das englische Verb „to design“ leiten wir übersetzend her von: ausdenken, planen, beabsichtigen, entwerfen, aufzeichnen, ausführen. Das Adverb designedly zeigt den Gedanken der bewußten Handlung eines Entwurfs besonders deutlich, wir übersetzen es mit nur einem deutschen Wort: absichtlich.
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Führerscheine drucken
Heute waren die beiden Jungen aus der Nachbarschaft in der Werkstatt. Kaum hatten sie mich gestern, am ersten Arbeitstag nach den Ferientagen entdeckt, kamen sie herein: „Können wir jetzt?“ Aber ich war gerade dabei, die Gletscherlandschaft auf meinem Schreibtisch abzuschmelzen. Heute nahm ich mir zwei Stunden Zeit. Kinder auf die Zukunft zu vertrösten – das schmeckt immer etwas schal.
Ursprünglich wollten sie Visitenkarten drucken, weil das eine meiner Hauptbeschäftigungen ist. Aber eine Druckerei kann ja mehr. Ich schlug ihnen Geheimdienstausweise vor, was sie erheiterte, und Führerscheine, was ihnen höchst geeignet erschien.
Die beiden sind zehn und elf Jahre alt (und nicht acht, wie ich irrig geschätzt hatte) und gehen in die Grundschule eine Straße weiter. Einer der beiden wurde dorthin strafversetzt. Das Strafrechtssystem der Pädagogik wirkt auf mich befremdlich: Der Knabe wurde beschuldigt, eine Sache verunstaltet zu haben; soviel ich verstanden habe, war ein gewisser Sachschaden entstanden und eine gewisse Peinlichkeit. Er sei es nicht gewesen, berichtete er mir, er habe aber zugeschaut. Da er früher manchmal die Unwahrheit gesagt habe, habe man ihm nun nicht geglaubt und ihn für schuldig erklärt. An der neuen Schule gefalle es ihm nun besser. Ist es das, was man ausgleichende Gerechtigkeit nennt? Das Schicksal waltete gütig. Ist aber die Vorstellung, man könne Probleme lösen, indem man vermeintliche oder wirkliche Verursacher aus einer Gemeinschaft entfernt, mit unserer Kultur, unseren Wertvorstellungen vereinbar? Hier handelten Pädagogen wie Strafrichter, allerdings ohne die Grundsätze unserer Rechtsordnung einzuhalten: bewiesener Sachverhalt, definierter Tatbestand, Würdigung der Umstände, Mitspracherecht, gesetzliche Rechtsfolge. Ich wünsche jedem Kind, das in der Schule dermaßen dumm und gemein behandelt wird, daß es genug Leute kennt, die sein Gerechtigkeitsgefühl im Lot halten. Schule zeigt sich nicht selten als Parallelgesellschaft, fern unserer Rechtsordnung.
Den Führerschein haben wir aus lichter Futura (das Versal D), Futura Buch (Titel), Schreibmaschinenschrift (Ort, Datum) und magerer Futura (Gültigkeitshinweis) gesetzt. Einer der beiden zeigt mir in einer schnellen Skizze die Serifen an einem E und erklärte, daß eine solche Schrift auf meinem Führerschein, den ich gezückt hatte, keine Verwendung gefunden habe und daher auch für ihren nicht eingesetzt werden solle. Die Namen haben wir in Schreibmaschinenschrift-Versalien gesetzt, auf den Fotos sind Druck und Bleisatz der
Blanko-Ausweise zu sehen, die wir noch zusätzlich gedruckt haben. So gründet man eine Führerscheinbehörde. Für eine andere Drucksache hatte ich ein Olivgrün gemischt aus lasierendem Oliv, Drucköl, Gelb, Hellbraun und gelblichem Grün. Das mußte dann auch für die Karten genügen; der Karton dazu kommt aus dem Restebestand: Pop’Set Five Cyber Grey 250g/m² von Arjowiggins.
In den zwei Stunden haben wir gesetzt, Papier geschnitten und gedruckt, wurden die Führerscheine von ihren Eigentümern unterschrieben und waren meine Besucher einmal auf dem Hof und einmal auf der Straße, weil sie Bewegung brauchten. Hinterher boten sie mir, weil ihnen die Arbeit soviel Spaß gemacht hatte, einen Ausbildungsvertrag an, fanden die von mir grob veranschlagten Kosten für zwei Jahre aber deutlich zu hoch, um sie ihren Eltern zumuten zu können. Worauf ich vorschlug, erst einmal die Schullaufbahn weiter zu verfolgen und die Verhandlungen in einigen Jahren erneut aufzunehmen. Sie sagten mir, daß sie es nett von mir fänden, daß ich mir die Zeit genommen hatte, ich überließ ihnen noch zwei aufwendige Papiermusterhefte, sie dankten für alles, verabschiedeten sich und gingen, und ich nehme an, sie werden künftig wieder mal hereinschauen. Daß wir eigentlich zwei Unterrichtsstunden abgehalten haben, daß sie ein bißchen rechneten, etwas über Schrift erfuhren, Einblick in die Preiskalkulation nahmen, also einen Beruf in groben Zügen kennenlernten, haben sie vermutlich nicht als „Beschulung“ erfahren. Ich auch nicht, denn ich habe mich nicht vorbereiten müssen und keinen Plan verfolgt. Und ich habe ein wenig über das heutige Kinderleben in meinem Kiez gelernt. Es waren zwei vergnügliche Stunden.
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Silvestergruß
Liebe Leserinnen und Leser! Heute nutze ich die Gunst der Stunde. Mein Name ist Ursula Spiess. Ich versende die Mustermappen, führe die Bücher, tippe Briefe. Außerdem sorge ich für (fast) alles, was nicht mit Buchstaben zu tun hat.
Prinzipal Schröder hat mir gleich nach Weihnachten die Schlüssel- und Blumentopfgewalt übergeben und ist in die Ferien zu Freunden abgedampft. Ländlicher Kinderlärm sei ihm lieber als städtisches Silvestergeböller. Wie immer habe ich mir ganz brav angehört, was ich alles darf und was ich auf keinen Fall darf. Mein Chef macht sich gerne Sorgen. Aufräumen darf ich nicht. Hab ich aber trotzdem. Wie immer. Er wird dann wiederkommen, angeblich nichts mehr finden und brubbeln. – Und sich eigentlich freuen und mir zwei Tage später eine Flasche Portwein bringen. Wenn er dann vor mir im Staub liegt, werde ich ihn zum Fensterputzen überreden, denn das darf ich auch nicht, was ich für eine kluge Einsicht halte.
Dieses Journal hier hat er nicht erwähnt, also darf ich darin schreiben. Ich werde aber auf dem Jungen (ich darf ihn so nennen, denn ich könnte seine Mutter sein) nicht herumhacken, sondern ihn loben und preisen. Anläßlich einer Feierlichkeit wurde ihm von einer jungen Dame ein Sonett gedichtet und vorgetragen. Er hat sich gefreut wie ein Schneekönig, wollte es später setzen und drucken, traute sich dann aber nicht, ein Loblied auf ihn selbst hervorzubringen. Ich habe ihm gesagt, daß es gar nicht schlimm ist, wenn einer was kann und sich dafür loben läßt, vor allem wenn das Lob so ein Kunstwerk ist. Aber er meinte: „Mein zweiter Name ist Zweifel.“
Silvester ist doch ein schöner Anlaß, denke ich bei mir und habe das mit der Goldfeder kalligrafierte Sonett von Frau Dr. Christiane Tewinkel abgetippt:
für mzs
Des Landes bester Drucker wohnt im Norden
Der grauen Hauptstadt, heimelig versteckt
Im Souterrain, worin auf Seitenborden
Gleichwohl die schärfsten Waffen ausgestreckt:
Ein Zeughaus ist’s der Züchtung per Papier,
Ein bleierner Regierungsapparat,
Ein ZK „Schrift“, des milde Macht sich hier,
Beim Werkstattherrscher, gleich verdoppelt hat.
Gepflegt geschoren, royalblau beschürzt
Sieht er ins Gegenlicht der Außenwelt –
Den zagen Kunden hat er schnell bezirzt,
Dem forschen steckt er, wie’s die Regel hält.
So wünscht man sich des Handwerks gold’ne Mitte:
Gestreng. Und schön. Und reich an alter Sitte.
Royalblau beschürzt, ist das nicht schön? Die junge Frau Tewinkel ist keine Dichterin, was man glatt denken könnte, sondern eine bekannte Musikwissenschaftlerin. Sie hat schon zwei Bücher geschrieben. Das erste heißt: „Bin ich normal, wenn ich mich im Konzert langweile? Eine musikalische Betriebsanleitung“ und das zweite, das erst dieses Jahr erschienen ist, trägt den Titel: „Eine kurze Geschichte der Musik“.
Unser Webmaster Herr Herzig hat mir noch erklärt, wie man ein Bild zu dem Text bringen kann. Er kann übrigens auch einer älteren Dame alles sehr gut erklären. Ich hatte mir das schwieriger vorgestellt. Dieses Bild, das Herr Schröder gezeichnet hat (so etwas macht er, um sich zu entspannen) paßt eigentlich nicht zu dem Text, aber ich habe es hier gefunden und mir gefiel es so gut und Herr Herzig hat es für mich für das Internet zurechtgemacht. Vielleicht mögen Sie es auch? Wenn Sie denken, das Bild zeigt das Verhältnis zwischen meinem Chef und mir, dann sind Sie aber völlig auf dem Holzweg!!! ;-) Wie man Kommentare veröffentlicht, weiß ich nun aber nicht und bitte ggf. um Geduld, bis Herr Schröder wieder hier ist. Aber ich muß den Chef übermorgen, wenn er wieder arbeitet, erst einmal überzeugen, daß er meinen Eintrag nicht auslöscht. (Verlegenheitsröte steht ihm doch so gut.)
Ich wünsche unseren Kunden und Ihnen, liebe Leser, ein schönes Silvester und alles, alles Gute für das neue Jahr.
Herzlich Grüße!
Ihre Ursula Spiess
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