Erste Seite des Goldt-Büchleins
Am Wochenende habe ich die erste Doppelseite zweifarbig gedruckt. Es ist doch eine Heidenarbeit. Ich hatte es geahnt, aber wenn man dann den ersten Text wirklich Letter für Letter aus dem Setzkasten zusammenfügt, eröffnet sich die Perspektive auf die Arbeit, die ein Buch im Handsatz macht. Dann das Papierschneiden, Regale umräumen, um die Stapel für
die nächsten Monate halbwegs klimatisch gesichert unterzubringen. Das Einrichten der Presse hat am meisten Spaß gemacht. Wenn man den ersten guten Abzug von der zweiten Farbe aus der Presse zieht und die Seite so aussieht, wie es geplant war, dann verschafft einem das ein recht angenehmes Wohlgefühl. Das Drucken bedarf dann körperlichen Einsatzes, denn das Buch entsteht auf einer durch Pedal anzutreibenden Tiegelpresse mit Schwungrad. Gebaut um 1900. Einem Museum, das Platz benötigte, abgekauft und restauriert mit zwei Schlossereien und einem Tischlermeister im Jahre 2004 in meiner Werkstatt, seither wieder in der Produktion. Ich werde bei Gelegenheit die Maschine vorstellen. Und wenn man alles gedruckt hat, denkt man mit leichtem Grausen wieder an das Ablegen, das heißt das Zurücksortieren der Lettern in die Setzkästen. Aber wenn ich erst beim Ablegen bin, ist das auch keine üble Arbeit. Ablegen beruhigt.
Ich habe zur Futura im Text (wobei die Schnitte mager, schmalmager und dreiviertelfett zum Einsatz kamen, ganz zurückhaltend gemischt) die Pinselschrift Reporter gesetzt. Diese Schrift war zum Teil noch verpackt und mußte erst einmal in Setzkästen untergebracht werden. Allein das dauerte Stunden, weil vier Schriftgrade umzusetzen waren. Die Reporter hat so viele Ligaturen (Buchstabenverbindungen) wie kaum eine andere. Nicht nur wie üblich ch und ck und ff, fi, fl, ft, dazu auch ei, en, er, heit, keit, nn, qu, sch, ss, st, th, tt, ung sowie Schlußbuchstaben, also zwei Varianten n, zwei Varianten t. Die Lebendigkeit einer wirklich mit dem Pinsel geschriebenen Schrift soll zum Ausdruck kommen. Der Setzer muß die Varianten kennen und berücksichtigen. Wenn ich einmal Zeit finde, stelle ich die Schrift hier vor.
Der Text hat, wie man auf dem Foto sieht, eine eigentümliche Form. Technisch wird diese Form wie Blocksatz produziert, also durch Verringern und Erweitern der Wortzwischenräume erhält jede Zeile die ihr typografisch zugedachte Länge. Das geht aber nur gut, wenn man fehlerfrei setzt.
Dazu wird Korrektur nicht erst auf dem Abzug gelesen, sondern schon im Winkelhaken. Der Schriftsetzer liest fließend Spiegelschrift, die er auf dem Kopf hält, damit die Leserichtung beibehalten werden kann. Gesetzt und gelesen wird also auch von links nach rechts. Am Ende hatte ich nur zwei Fehler im Satz, die typografisch keine Rolle spielten: einen Buchstabendreher und ein e statt eines n. Das n der Futura Petit (8p) ist einen Viertelpunkt schmaler als ein e. Außerdem habe ich nach der Korrektur auf dem Abzug noch ein paar Wortzwischenräume harmonisiert. Und nebenbei mußte ich wieder einmal feststellen, daß meine digitale Futura für genaue Vorlagen wenig taugt. Die Zurichtung, also die Abstände der Lettern zueinander, die der Schriftentwerfer festlegt und die dann im Guß durch minimale Zusätze in der Breite der Bleitype übernommen wird, sieht digital heute anders aus. Ich bin allerdings nicht dazu aufgelegt, das im Detail zu prüfen, wozu sollte man das tun, wenn man selbst keine digitale Schrift entwerfen will?
Die erste Seite des Büchleins ist also die Doppelseite innen. Nun wird es schwieriger, weil ich schon im voraus festlegen muß, wie Doppelseiten aussehen, die ich erst in ein paar Wochen drucken kann. Also werde ich mich in den nächsten Tagen erst noch einmal mit Entwürfen befassen. Das braucht Zeit und Ruhe. Und morgen stehen Auftragsarbeiten auf dem Programm.
In kleinen Stapeln liegen jetzt 600 Seiten in der Werkstatt, damit in den Stapeln der Druck auf die untersten Bogen nicht zu groß wird und Farbe eines Bogens nicht auf die Rückseite eines darüberliegenden abzieht. Am Dienstag dürfte alles trocken genug sein, um den ersten Stapel zu verpacken, damit er gut liegt bis eines Tages seine Rückseite gedruckt wird.
Die Nachbarskinder konnten nicht am Wochenende, sie haben sich mit Bedauern entschuldigt. Deswegen gibt’s über weitere Drucksachen aus Kinderhand erst einmal nichts zu berichten.
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Zugeknöpfte Seiten
Jetzt kann ich mit der Arbeit an dem neuen Büchlein von Max Goldt beginnen. Nach einer letzten Besprechung mit dem Autor wurde ein Text ausgetauscht und kamen zwei neue hinzu. Wie das Büchlein heißen wird, ist noch nicht beschlossen. Wenigstens muß der Titel keine kommerziellen Rücksichten nehmen und kann unverständlich oder überlang oder obendrein überaus kompliziert sein.
Kompliziert ist der Anfang für mich. Die Produktion des ersten Büchleins liegt zehn Jahre zurück. Und eine solche Aufgabe hat nichts mit meinem Alltag als Typograf zu tun, der Visitenkarten, Briefpapier, Einladungen, Hochzeitsdrucksachen und dergleichen produziert. Solche Arbeiten sollen klar beschriebene Aufgaben erfüllen. Eine Visitenkarte verhilft einem Menschen und ggf. seiner Profession zu Aufmerksamkeit usw. Dieses Büchlein nun wird auf jeder Seite oder Doppelseite einen abgeschlossenen Text von Max Goldt tragen, soll ihn gut lesbar machen und seine Idee aufnehmen. Die Form ist mit dem Inhalt in einen angemessenen Akkord zu bringen. Die Texte von Max Goldt lassen sich mit interessanter Musik vergleichen: liest man sie mehrmals, findet man Schattierungen, Nuancen, Stimmungen, Anspielungen. Ihr Humor erscheint mir filigran. Vor allem ist es eine Herausforderung der Geistes, diese eleganten Texte angemessen in Druckschrift zu formen. Ich gehe vorsichtig zu Werke, weil ich nicht ertappt werden möchte, etwas übersehen und plump gedacht zu haben. Wenn jede Seite zum typografischen Bild wird, offenbart sich der Typograf.
Ich werde das Büchlein von innen nach außen drucken, also mit der echten Doppelseite innen beginnen. Echt heißt diese, weil sie nicht aus zwei durch die Bindung zueinander gestellten Seiten besteht, sondern linke und rechte Seite auf einem Bogen stehen. Auf den Falz ist Rücksicht zu nehmen, denn wenn kleine Schrift im Falz stünde, litte die Lesbarkeit durch die mechanische Falzbelastung an dieser Stelle. Außerdem läuft der Faden der Heftung über die Seite und werden drei Löcher ins Papier gestochen.
Als ich mir das überlegte und mir den Text, der auf dieser Seite stehen wird (die Einteilung der Texte gehörte zur Vorbereitung), zum x-ten Male zu Gemüte geführt hatte, schnappten einige Synapsen einander am Schwanz: In diesem Text geht es um einen Klaustrophobiker, der unter anderem über Bekleidung innerlich monologisiert. In dem Text kommen Knöpfe vor.
Über die Buchseite in der Mitte wird ein Faden aus Buchbindergarn durch handgestochene Löcher laufen. Nun habe ich aus dem Schatzkästlein einige Elemente gegriffen und für die drei Löcher drei Knöpfe gebastelt, um die Bindung in die Typografie einzuarbeiten. Diese Knöpfe werde ich in den nächsten Tagen in einer grauen Farbe drucken, vielleicht ein violettes Grau. Denn zu dem Text, in welchem Strickwaren vorkommen, erscheint mir ein Grün passend. Ein saftiges Grün, das allerdings für gute Lesbarkeit dunkel genug sein muß. Dazu violettes Grau, das stelle ich mir apart vor. Den Text werde ich aus der Futura in Petit (8 Punkt) in einer freien und geschlossenen Form setzen, eine Art aufwehendes Tuch, ein Stück vom Kragen einer Strickjacke, denn diesem inneren Monolog ist Leichtigkeit im Ton eigen.
Ich habe den Entwurf mit elektronischer Hilfe angefertigt. Im Bleisatz hätte ich früher, ohne Computer, den Text erst gesetzt, einen Abzug gemacht, dann zu Zeilen zerschnitten und zusammengeklebt. Sehr lange hätte das gedauert. Und nach dieser Klebeskizze hätte ich den Text dann im Bleisatz neu fügen müssen. Jetzt habe ich ihn in digitale Form gebracht mit einem Grafikprogramm, ihn einem Bezugsrahmen zugeordnet und sortiert. Dann habe ich senkrechte Linien darübergelegt, damit ich genau sehe, auf welcher Höhe Zeilen enden und beginnen müssen. Ein Foto zeigt, wie das aussieht. Danach kann ich nun sehr bequem den Bleisatz druckfertig setzen. Das werde ich in den nächsten Tagen tun. Zur Zeit liegen noch eilige Druckaufträge vor, und für heute haben sich wieder die Kinder aus der Nachbarschaft angesagt.
„Eigentlich“ habe ich einerseits wenig Zeit, andererseits bilden Kinder eine lustige und lehrreiche Gesellschaft, die den Vorzug mit sich bringt, alles mögliche in Frage zu stellen, das man aus Gewohnheit für sichere Wahrheit hält. Und nebenbei scheint mir, es gelte eine bürgerliche Verantwortung wahrzunehmen: Wenn ich dafür bin, daß Kinder nicht abgesondert nur unter staatlicher Aufsicht von Berufskinderführern leben in Schulen, womöglich auch noch ganztags, dann sollte ich doch schon auch meine Tür öffnen, wenn die Kinder aus den Nachbarhäusern anklopfen. Mal sehen, was daraus wird, neugierig bin ich auch.
tags: max goldtSchutzumschlag und Einband
Gelegentlich wenden sich meine Kunden auch an mich, wenn es um andere Drucksachen als edle Visitenkarten und feines Briefpapier geht. In diesem Fall war ein
Reihenentwurf für das 16bändige historische Quellenwerk “Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 bis 1945” anzufertigen, das in den nächsten zehn Jahren Band für Band erscheinen wird, herausgegeben im Auftrag des Bundesarchivs, des Instituts für Zeitgeschichte und des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg von Götz Aly, Wolf Gruner, Susanne Heim, Ulrich Herbert, Hans-Dieter Kreikamp, Horst Möller, Dieter Pohl und Hartmut Weber im Oldenbourg-Wissenschaftsverlag München. Band 1 ist soeben erschienen.
Solche Werke bleiben lange in den Regalen stehen, werden lange benutzt und sollen auch in Jahrzehnten noch vernünftig aussehen und sich in wissenschaftliche Bibliotheken würdig einfügen, müssen also in gewissem Maße zeitlos wirken. Umschlag und Einband solcher Werke dürfen nicht modisch sein, der Geschmack der Buchkäufer von heute ist nicht zu berücksichtigen, Gesichtspunkte des Marketings durch den Umschlag als werbendes Plakat sind zu vernachlässigen. Mein Mitarbeiter, der Gebrauchsgrafiker und Kalligraf Frank Ortmann, und ich hatten deshalb nur zwei klassische Entwürfe vorgelegt: einen auf Mittelachse, der verworfen wurde, und den abgebildeten. Der Einband ist in einem kühlen Dunkelgrün gehalten, der Umschlag wurde in einer Sonderfarbe in einem zarten kühlen Graugrün gedruckt und matt cellophaniert, so daß auch im Gebrauch nicht jeder Fingerabdruck gleich zu sehen ist, wo der Schutzumschlag nicht entfernt wird.
Während meine digitale Technik sich auf das nötigste beschränkt, weil ich eher im Bleisatz zu Hause bin, ist mein Kollege bestens ausgestattet und hat die digitalen Druckvorlagen für den Offsetdruck angefertigt.
tags: bucheinband, buchgestaltung, frank ortmann, reihenentwurf, schutzumschlag