Pudelschrift für Rinderhirten
Die Arbeit am Innenteil des “Atlas van de nieuwe Nederlandse Vleermuizen” von Max Goldt nähert sich allmählich dem Ende. Gedruckt wurde gestern der Bogen mit den Seiten 2 und 31. Die Seite 2 zeigt das Frontispiz, so wird die dem Haupttitel gegenüberliegende Titelseite genannt, wenn sie eine Illustration oder andere Zierde trägt. Für das Frontispiz
des Atlas habe ich von einem namhaften deutschen Kringelkünstler, der nur im Impressum des Büchleins genannt werden möchte, mehrere abstrakte Spezialkringel zeichnen lassen, einen dieser fürs Frontispiz ausgesucht und ein Klischee davon anfertigen lassen. Es erscheint mir sinnvoll, diese Illustration erst zu erläutern, wenn der klassizistisch und in zwei Farben angelegte Haupttitel gedruckt ist und daneben gestellt werden kann. Dauert noch ein bißchen.
Der Text auf der rechten Seite wurde aus der 1961 als Hausschnitt der Schriftgießerei Johannes Wagner in Ingolstadt erstmals gegossenen Schrift Figaro gesetzt. Diese Art einer Egyptienne (oder auch serifenbetonten Linear-Antiqua) mit den enormen Serifen wird Italienne genannt, in der heutigen englisch geprägten Designer-Sprache auch Ultra Slab Serif.
Mich erinnert diese Type an einen Pudel, dem man nicht auf die “Krone” fassen darf, wenn er gerade vom Friseur kommt und ihm dieser bei der Ganzkörperrasur nur über den Pfoten noch Puschel gelassen hat. Man sieht solche Tiere heute in Berlin nur noch selten, in meiner Kindheit war der Pudel ein beliebter Stadthund. Die Italienne wird auch mit dem Wilden Westen assoziiert, weshalb sie mir zu diesem Text die am besten passende zu sein schien.
Es war gar nicht einfach, die Versalien auszugleichen wegen dieser überprortionierten Stiefel und Kosakenmützen der Buchstaben, auf dem Foto vom Bleisatz sieht man, wieviel mehr Material zwischen A und S als zwischen W und A liegt. Um das Wort auf die optische Mitte zu stellen, wurde die rechnerische Mittelachse vernachlässigt. Das W hat links unten so viel freien Raum, daß man tricksen muß. Die zeigenden Hände sind schon viel benutzt worden, gerade deshalb habe ich sie solchen in einem besseren Zustand vorgezogen.
Am Ende des Textes steht ein Fragezeichen, das ich wie das Fragewort vom Text abgegrenzt und außerdem zum Ornament aus drei Schriftgraden verarbeitet habe. Wenn es so allein steht, wirkt es recht merkwürdig; als ob ihm der Schwanz amputiert worden sei. Aber wie man auf dem Foto des Bleisatzes sehen kann, ist es unversehrt. Über den Ursprung seiner Form gibt es meines Wissens
nur Vermutungen. Stünde das Zeichen direkt hinter dem letzten Wort, würde man seine auffällige Form vielleicht kaum bemerken.
Kommentare [4]
1E9E

Hier bin ich einsam, keiner hört die Klage. – Klage!
Niemand vertrau’ ich mein verzagtes Stöhnen. – Tönen.
Soll ich stets ungeliebt der Spröden fröhnen? – höhnen.
Wie lang harr’ ich umsonst, daß es mir tage? – Tage.
¶
Mich findet Gunst zu leicht auf ihrer Wage. – wage!
Wem liegt wohl dran, mein Leben zu verschönen? – Schönen.
So wird das holde Glück mich endlich krönen? – Krönen.
Wer gibt mir frohe Kund’ auf jede Frage? – frage!
¶
Was ist dein Thun dort in den Felsenhallen? – hallen.
Und was ist Schuld, daß du nur Laut geblieben? – lieben.
So fühlst du etwas bei Verliebter Schmerzen? – schmerzen.
¶
Glaubst du, dein Spiel könnt’ irgend wem gefallen? – allen.
Wem wird es denn zu lieb mit uns getrieben? – Trieben.
Wer sehnt sich leeren Widerhall zu herzen? – Herzen.
¶
August Wilhelm Schlegel
¶
Kommentare [4]
Initial: Steile kursiv
Auf dem Leipzig-Paunsdorfer Emil-Kahle-Tiegel, den ich nebenstehend noch einmal in voller schwungradhaften Schönheit zeige, habe ich in einen Druckbogen des Goldtschen „Atlas van de nieuwe Nederlandse vleermuizen“ eine zweite Farbe gedruckt: bläulichrot. Die zweite Seite des Druckbogens war eigentlich fertig, aber mir fiel ein, wie ich doch einen
passenden Akzent setzen könnte. Auf der schwarz gedruckten Doppelseite wird nur dieser kleine Kringel am Ende eines Textes farbig sein. Es gibt einige Seiten in diesem Buch, die allein wenig attraktiv wirken und die erst mit der Doppelseite im fertigen Buch vernünftig aussehen werden. Fotos sind eben etwas unvollkommen, wenn man ein Buch darstellen möchte.
Die Arafat-Seite bildet als ein Zitat den Vorspann zu einem Text, der rechts auf einer weiteren Seite daneben steht. Gesetzt aus der Steilen Futura im Schriftgrad Text (20 Punkt) mit einem Initial-A aus der kursiven Steilen Futura in 3 Cicero (36p), das nach links aus der Satzkante gezogen wurde, damit oben durch den schrägen Anstrich des A kein Loch entsteht.
Die rechte Seite des kursiven A geht nicht gerade abwärts, so entsteht zwischen A und dem folgenden geradestehenden r ein etwas seltsam anmutender spitzer Winkel. Der dem Charakter dieser Schrift nicht gerecht wird, könnte man meinen. Das Initial sieht “schief” aus, es sind zwei grundsätzliche Neigungswinkel zweier Schriftschnitte, die hier aufeinanderprallen.
Hätte das Initial eine runde Form und wäre aus einer anderen Schrift, würde dieser Eindruck gar nicht entstehen können: auf der gegenüberliegenden Seite ist ein kursives Q aus Garamond in eine gewöhnliche Garamond eingefügt. Ich bin mir nicht sicher, was ich von diesem Initial halten soll. Ob es richtig war, es so zu drucken. Manchmal dauert es ein bißchen, bis ich mir eine Meinung bilde.
Kommentare [2]
