Lieber Ferien als Urlaub / Das typographische Quadrat
Am besten arbeitet es sich, wenn die anderen frei haben. Das Telefon bleibt still, und man hat gar nicht das Gefühl zu arbeiten, weil man nicht muß. Um so schöner ist es dann, mitten in der Woche einen Ausflug zu machen, wenn die anderen arbeiten müssen. Es ist viel schöner als Schuleschwänzen, weil man legal das Terrain verläßt.
Ein homme de lettres hat mir einmal, als ich ihm von meinem Urlaub erzählte, die Belehrung zuteil werden lassen, daß ich nicht Urlaub machte, sondern Ferien, eben weil mich niemand beurlaubt.
Ferien klingt zudem besser, auch wenn man nicht viel davon braucht, weil man sich von einer selbstbestimmten guten Arbeit kaum ausruhen muß.
Gestern war ein Etikett in Quadratform zu drucken. 50 mal 50 Millimeter. Theoretisch. Optisch. Zeichnet man eine senkrechte und eine waagerechte Linie nebeneinander, beide gleich lang, so scheint die senkrechte länger zu sein. Ein Etikett in Quadratform darf nicht rechnerisch quadratisch sein. In der Typographie entscheidet nicht das rechnerische Maß über die Wirkung. Um das Etikett quadratisch scheinen zu lassen, wurde die breite Seite bei 50 mm belassen, die hohe auf 49 mm gekürzt, weil die Perspektive die hohe Seite zu verlängern scheint. Bei 48 mm mal 50 mm wirkt es ebenso unquadratisch wie bei genau gleich langen Seiten. Man muß es ausprobieren und das Gefühl entscheiden lassen. In die Entscheidung einbezogen wird auch die Gestalt des Entwurfs. Ein Quadrat aus waagerechten Linien wirkt schmaler und höher als eines aus senkrechten Linien. Auf das zu druckende Etikett wurden allerdings nur drei kurze Textzeilen in die untere Hälfte gebracht, welche den visuellen Eindruck der geometrischen Form des Papierformats nicht beeinflußten.
tags: quadratHacken und feilen
Heute morgen entdeckte ich dieses Tier mit acht Beinen an der Wand. Gewöhnlich sieht man meine Haustiere tagsüber nicht herumlaufen, schon aus Rücksicht auf schreckhafte Kundschaft. Dieser Zeitgenosse hier sah ziemlich verdreckt aus, als habe er sich hinter den Schränken herumgetrieben. Ich zupfte einen großen Fussel von seinem rechten Hinterbein; als ich später
noch einmal schaute, war das possierliche Tierchen fortgegangen. Kummer und Sorgen würde ich nicht nennen, was er mir gebracht hat, aber geärgert habe ich mich doch. Zuerst war heute ein Hochzeitseinladung aus der Excelsior, einer Anglaise zu setzen. Einige Wortzwischenräume mußte ich mit dem Zeilenhacker kürzen, wie hier im Detail gezeigt. Die
Überhänge der Schrift würden manchmal mit dem Wortzwischenraum zusammenstoßen, schlösse man die Form, bräche das weiche Schriftblei weg. Im dritten Bild sieht man eine Satzzeile von der Seite und das abgehackte Blindmaterial dazwischen, das man blind heißt, weil es nicht druckt. Druckt es doch, weil es aufgestiegen ist, wird es zum Spieß, wie im letzten Eintrag zu sehen.
Als ich das Abführungszeichen setzte, das im nächsten Bild im Andruck zu sehen ist, ahnte ich schon, daß es falsch gegossen ist. Nämlich für Wörter, die mit einer stark nach rechts sich neigenden Oberlänge enden. Es gibt aber deutlich mehr Wörter, die ohne Oberlänge auslaufen, und wie man im Abzug sieht, steht dann die Abführung eher als falsche Anführung
am folgenden Wort. Das kann man freilich nicht durchgehen lassen. Ich frage mich, was man sich in der Schriftgießerei dabei gedacht hat, dem Setzer solchen Müll zu liefern, diese Letter ist für den Satz untauglich. Wenn man wirklich den Raum brauchen sollte, kann man ihn ja jederzeit mit Blindmaterial einbringen und dieses wie oben dargestellt unter den Überhang zurechtschneiden.
Das folgende Bild zeigt meine persönliche Äußerung einer Emotion; haut man seine Faust jedoch auf eine Eisenplatte, ertönt akustisch nur ein Hauch, wenn man sich nicht die Knochen brechen will, und so weit hatte ich meinen Ärger unter Kontrolle. Ich konnte nun schlecht in der Gießerei anrufen und eine neue Letter gießen lassen, der Auftrag mußte heute gedruckt werden.
Mir blieb also nichts übrig, als die Feile zu nehmen und von zwei unglückseligen Abführungen im Schriftgrad Tertia (das sind 16 Punkt) etwa 4 Punkt abzufeilen. Das ist eine ganze Menge, und man muß sehr genau feilen, damit die Type nicht schief wird und im Satz verkantet. Erst mit der groben Feile, dann mit der feinen, am Schluß werden die Grate entfernt.
Auch der Überhang der Abführungsletter ist völlig überflüssig. Wenn man die Abführung beispielsweise nach einem satzschließenden Punkt oder nach einem Komma setzt, wird man sie noch schmaler machen müssen. Ich habe mich während der Feilerei auch gefragt, wie denn die Setzer früher damit fertig geworden sind, denn offenbar ist die Matrize schon so blödsinnig angelegt
worden für den Überhang und das überflüssige Fleisch (so nennt man nichtdruckende Teile des Kegels der Letter um das Schriftbild herum). Aber schlampig zu arbeiten, ist ja keine Erfindung des 21. Jahrhunderts, ich wette, es gab genug Setzer, die sich um das typografische Bild ihrer Arbeit nicht geschert haben. Das Foto vom nächsten Abzug zeigt, wie die Reparatur gelungen ist. Es ist ein Foto von einem weiteren Andruck, die Druckform ist noch nicht zugerichtet, daher die druckerischen Mängel.
Zugerichtet habe ich aber heute die im letzten Eintrag gezeigte Titelseite des Goldtschen Vleermuizen-Atlas. Und mit dem Auflagendruck begonnen hab ich auch. Was im Titel fehlt, wird in einem zweiten Druckgang mit roter Farbe ergänzt. Das wird ein feiner altertümlicher Haupttitel, an dem ich mich so recht ergötze, das muß ich sagen.
Andruck des Haupttitels
Diese Bilder zeigen den ersten Andruck des Haupttitels: “Atlas van de nieuwe Nederlandse vleermuizen”. Als ich den gestern aus der Maschine gezogen, die Druckform herausgenommen und gereinigt hatte, hab ich die Korrekturen für den nächsten Tag angezeichnet, das Licht ausgemacht und bin gegangen. Wenn man müde wird, arbeitet sich sowieso nicht gut. So mies sieht das also aus, was ohne jede Einstellung und unkorrigiert aus der Presse kommt. Jetzt beginnen erst die Satzkorrekturen, dann die Zurichtung der Druckform und die
Einstellung der Farbe. Der eiserne Rahmen mit dem Schriftblei und den Eisen- und Bleistegen wiegt an die zehn Kilo und muß etliche Male rein in die Maschine und wieder raus aus der Maschine. Etliche Male wird die Form mit dem eisernen Schlüssel geöffnet und wieder geschlossen, wird gebürstet und werden mit dem Klopfholz alle druckenden Elemente auf eine Höhe geklopft. Etliche Male wird das Schwungrad angezogen und stellt sich der Drucker auf das Pedal. Allein das Einrichten der Form für zwei Buchseiten kann sich mit so alter Technik stundenlang hinziehen und die Arme lang machen, wenn es sich um eine komplizierte Druckform handelt.
Hier muß erst einmal der Setzer noch einiges tun. Der Titel
ist zweifarbig angelegt, schwarz und rot, in der Form sind aber noch alle Elemente enthalten. Was später rot gedruckt wird, entferne ich aus der Druckform, wenn typografisch alles steht, wo es stehen soll. Die Typographie des Titels erkläre ich, wenn er zweifarbig gedruckt vorliegt. Das zweite Bild zeigt die auszuführenden Korrekturen auf dem Haupttitel: Der Raum zwischen Rahmen und erster Zeile wird um 2 Punkt (= 2 × 0,376 mm) verringert, dieser Raum wird wie angegeben im Text verteilt. Die zweite (kursive) Zeile des aus der Walbaum gesetzten Titels
muß noch fertig ausgeglichen werden. Auf dem dritten Foto ist die Buchstabenfügung LA zu sehen und welch große Lücke diese Letternfolge in die Zeile reißt. Das Foto danach zeigt das Wort VAN; hier ist der Raum zwischen V und A der natürliche im Bleisatz, kein Spatium liegt dazwischen. Und zwischen A und N liegen 2 Punkt. Geringer als mit 2 Punkt zwischen zwei Lettern mit geringem Weißraum kann ich also nicht ausgleichen; das wollte ich erst prüfen, um sicherzugehen, daß die Zeile nicht zu breit wird und mein Entwurf hinfällig.
Auf dem Foto BERLIN | MMVIII ist ein druckerischer Mangel zu sehen im Bild der Linie. Der Linienrahmen ist aus Teilen zusammengesetzt, die freilich bei geringsten Verkantungen
nicht gut ausdrucken. Die erste Maßnahme wird sein, die Linien noch einmal gründlich auf Höhe zu klopfen, wobei oben erwähntes Klopfholz aufgelegt und mit einem Hämmerchen leicht beklopft wird. Bedeutende Gefühlssache, der Spaß, denn Klopfen kann auch in der Form an anderer Stelle Buchstaben hoch- und Zeilen auseinandertreiben. Die Form muß leicht geschlossen werden, also seitlich unter Druck gesetzt, damit das nicht passiert. Wird schon zu kräftig geschlossen, erbringt das Klopfen nichts. Auch wird der Drucker die geschlossene Form anheben und auf der Unterseite nachschauen, ob kein Krümel ein druckendes Element unzulässig anhebt.
Dieses Foto zeigt einen sogenannten Spieß. So nennt man das Druckbild von Spatien, also den kleinen Teilen zwischen den
Wörtern, die eigentlich nicht mitdrucken sollen, das aber doch tun. Da muß der Drucker hergehen und das Teil herunterdrücken, möglichst mit dem Fingernagel; wenn die stählerne Ahlenspitze eingesetzt wird, dann mit Feingefühl. An diesem Spieß ist zu sehen, daß zwischen den Wörtern mehr als nur ein Spatium liegen muß. Die Wortzwischenräume der Zeile wurden erweitert, um genau die typografische Form zu erhalten, die nun auf dem Abzug steht. Auch die linke Seite, im Büchlein wird es die Seite 30, bekommt eine rote Ergänzung.
Jetzt fehlen noch vier Druckgänge, davon zwei in rot, dann wird der Inhalt des Büchleins fertig gedruckt vorliegen, die Arbeit an den beiden Umschlägen wird dann beginnen.
Eingetroffen sind die neulich angekündigten Anstecker in dunkelblau und orangerot mit dem großen Eszett und dessen Code im digitalen Setzkasten. Sie stecken in Tütchen, damit die Oberfläche vor Kratzern bewahrt wird. Eines ist für 4 Euro inkl. Briefversand (innerhalb Deutschlands) zu haben. Solange Vorrat reicht.
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