Eine in Holz gestochne Druckermarke

21. Juni 2009

Vor einigen Jahren bat ich den Gebrauchsgrafiker Axel Bertram um den Entwurf einer Druckermarke im mittelalterlichen Stil, aus jener Zeit also, als diese Marken der Frühdrucker entstanden. Die bekannteste Druckermarke ist sicherlich die von Aldus Manutius: ein Delphin, der sich um einen Anker windet, eine Verbindung von Symbolen in der Bedeutung von “Eile mit Weile”. Ich wollte auch ein sprechendes Zeichen haben, aber ein persönlicheres: einen Bären für meine Heimatstadt Berlin (und weil ich als Kind sehr an einem Teddybären hing mit einem ernsten und gutmütigen Gesichtsausdruck, welchen ich Axel Bertram genauer beschrieb), welcher mit einem Degen gegürtet ist, um meinen Beruf als Schweizerdegen (Schriftsetzer und Buchdrucker in einer Person) zu zeigen. Außerdem sollten meine Initialen auf die Marke.

Leider kann ich die Entwurfszeichnungen gerade nicht finden. Axel Bertram schlug mir vor, ein Zeichen von Hans-Joachim Behrendt nach seinen Ideen in Holz stechen zu lassen. Die Illustrationen und Vignetten Behrendts bilden einen der Höhepunkte ostdeutscher Buchkunst — und ich war von Bertrams Idee begeistert. Der Grafiker schlug mir überdies vor, dem Bären ein Buch in die Hand zu geben, weil ich sowohl als Autor tätig bin als auch Bücher mache. Er sandte mir drei Zeichungen, die Behrendt in Absprache mit Bertram angefertigt hatte, und die sich vor allem in der Statur des Bären (schlank bis korpulent) und in seinem Gesichtsausdruck unterschieden. Mit Bedacht wählte ich eine aus, welche sodann von Hans-Joachim Behrendt in den Holzstich umgesetzt wurde.

Der namhafte Holzstecher, der heute vor allem Medaillen sticht und sich ins Holz erst wieder einarbeiten mußte, sandte Bertram und mir nach einigen Monaten einen ersten Abzug des Stichs mit dem Vermerk, er werde an Details noch arbeiten. Axel Bertram zeichnete Korrekturen an den Buchstaben ein, ich hatte keine weiteren Bedenken und freute mich nur riesig. Der Bär hatte schon die von Weisheit und Humor milde gemachten Züge meines ernsthaften Plüschtiers. Und gefiel mir auch ansonsten ausnehmend gut. Das Zeichen ist übrigens nur 28 mm hoch.

Behrendt schnitt den Bären fertig, und eines Tages, nachdem wohl ein Jahr dahingegangen waren, bekam ich das Päckchen mit dem hölzernen Druckstock. Oh Freude! Welch ein Meisterstück! Axel Bertram gratulierte, nachdem er die Abzüge gesehen hatte, es war noch besser als wir es uns gewünscht hatten. Man beachte die Zeichnung des Fells, die Wirbel der Locken, die sehr menschlichen, fabelhaften Augen, die Seiten des Büchleins in des Bären rechter Tatze, auf denen sogar Zeilen angedeutet sind, den gedrehten Griff des Degens, die Hohlkehle in der Klinge, die Linienführung der Umrandung, die renaissancetypischen Buchstaben, und bei all dem vor allem die Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit eines ernsten und freundlichen Bären mit stattlicher Statur, wie sie nur ein Meister dieser selten gewordenen Kunst darstellen kann.

Hans-Joachim Behrendt sagte mir, daß dieses Hartholz 5000 Druck mühelos aushalte, aber ich bin so besorgt um den Erhalt des Stiches, daß ich meinen Gebrauchsgrafiker-Kollegen Frank Ortmann gebeten habe, das gedruckte Zeichen zu scannen, zu retuschieren und als Datei anzufertigen, um eine Ätzung davon machen zu lassen.

Zu früheren Zeiten konnte man Holzstöcke in Wachs drücken und den Abdruck galvanisieren. Die sich auf dem Wachs gebildete galvanische Kupferhaut wurde mit Typometall, also einer Bleilegierung, ausgegossen, fertig war das Duplikat. Diese Technik gibt es für die Herstellung von Druckstöcken nicht mehr. Ich werde berichten, was wir mit gegenwärtiger Technik auszurichten vermögen.

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Typografie und Bild

14. Juni 2009

Aufträge, Exlibris zu drucken, nehme ich sehr gern an. Exlibris sind Schmuckstücke für die Bibliothek. Man wird an ihnen gewissermaßen zum Juwelier der materiellen Geisteswelt. Für diesen Auftrag kam meine Auftraggeberin in die Werkstatt und suchte sich aus dem Fundus alter Druckstöcke eine Abbildung aus. Ich skizziere meistens digital. Weil es schneller geht, als wenn ich den Bleistift ansetze oder gar Klebeskizzen vom Bleisatzzeilen mache, und weil es genauer ist, als meine Bleistiftzeichnung. Die Abbildung lag freilich nicht digital vor. Ich hatte nur einen Abdruck von Hand gestempelt, damit wir das Motiv besser sehen konnten. Wie der scharfe Ausdruck aussah, wußte ich bis zum Andruck auch nicht. Für die digitale Skizze hatte ich deshalb nur einen Platzhalter eingesetzt, um die äußere Form der ganzen typografischen Gestalt skizzieren zu können.

Das gedruckte Bild hat aber durch seine Abweichung von der Skizze, welche die inneren Linien des Bildes nicht berücksichtigt hatte, den ganzen Entwurf beeinflußt. Ich habe die Schritte von der Umsetzung des digitalen bis zum Andruck des geänderten Entwurfs im Bild festgehalten.

Die feinen Linien fallen durch. Sie sind dem viel schwerer erscheinenden Bild nicht gewachsen. Man erkennt die rote Farbe kaum.

Nimmt man die Linien nur fetter, gewinnt der Entwurf zwar an Ausgewogenheit, die Rhythmisierung wirkt nicht mehr so falsch, aber der Duktus der Linie sehr wohl.

Die einfache halbfette Linie würde zu einer Buchfutura passen, einer kräftigen serifenlosen Schrift. Die hier gesetzte Walbaum als klassizistische Antiqua mit dem starken Kontrast zwischen fetten und Haarlinien verlangt ein anderes Linienbild. Auch in der gezeichneten Abbildung finden sich Doppellinien in zwei Stärken.

Allerdings war die feine Linie zu fein, eine stumpffeine wird dafür eingesetzt. Auf den verkleinerten und komprimierten Bildern schwer zu erkennen.

Im die Abbildung umlaufenden Linienrahmen steht die starke Linie außen, die feine innen. Dies wiederholt sich hier in den roten Doppellinien. Aber das funktioniert nicht, denn die roten Linien rahmen nicht das Bild, sondern unterteilen den gesamten Satz, dessen Leserichtung nach unten führt. Die roten Linien müssen sich einfügen.

Auch ihr Durchschuß, also der Zwischenraum zwischen den beiden Linien, wird verringert. Er muß entweder genau gleich dem im Rahmen der Abbildung sein oder deutlich anders. Richtig ist hier der deutliche Kontrast.

Was man hier nun wirklich nicht erkennt: In diesem Abzug wurde die obere fett-feine Linie einen halben Punkt nach oben gerückt.

Zwischen den Linien liegt ein halber Punkt Durchschuß. Das Setzmaterial dafür ist aus Messing, denn so feine Spatien kann man nicht aus Blei machen. Sie sind 0,188 mm stark.

Das fertige Exlibris im richtigen Rhythmus von Text, Bild und Linienornament. Einwenden ließe sich, daß das Bild recht schwer ist für das kleine Format, also zu dunkel und zu groß. Es würde sich als Vignette auf einer Buchseite gut machen, zwischen Zeilen, die breiter sind als das Bild. Typografie besteht oft aus Kompromissen, gerade im Bleisatz. Es gilt, aus den zur Verfügung stehenden Mitteln den besten Entwurf zu machen. Wenn historische Originale aus dem Werkstatt-Fundus zum Einsatz kommen, läßt sich deren Größe ja nicht ändern.

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Autorität

12. Juni 2009

Vor einiger Zeit fand ich diese beiden Zettel in einer Schriftmustersammlung zwischen Karteikarten. Leider steht keine Jahreszahl dran. Der Empfänger war Chefgrafiker einer Illustrierten, der so einiges konnte, nicht nur Skizzen für Kreissatz. Vielleicht hat er diesen Zettel in seiner Jugend bekommen.

Die Skizze gibt einen kleinen Einblick in die Zeit, als auch Zeitungen für Reprovorlagen erst in Blei gesetzt wurden, um dann im Offset- oder Tiefdruck produziert zu werden. Und der barsche Hinweis des Absenders kann als Beleg für die grundehrlichen feudalsozialistischen Kollegenverhältnisse genommen werden — nur nach oben nahm man ein Blatt vor den Mund.

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