Für meinen Kollegen
Mein Kollege Georg Kraus in Ratingen, Händler für Bleisatz und Setzereieinrichtungen, schrieb kürzlich im privateren seiner Blogs, daß ihn sein Arzt mit einer üblen Diagnose überraschte.
Ich habe heute einen Altar als Gruß an Georg Kraus gebaut. Da ich jetzt die Bilder sehe, kommt mir der Gedanke, daß ein Außenstehender diese Installation für Kitsch halten könnte. Für einen Schriftsetzer besteht sie aber aus Werkzeugen, zu denen er eine tiefe Zuneigung hegt. Werkzeuge, die unseren Beruf seit Jahrhunderten symbolisieren. Der Winkelhaken in der Hand eines Setzers ist mehr als eine Metallschiene.
Winkelhaken, Ahle, Kolumnenschnur und Schrift, dazu Ornamente und Blindmaterial — daraus machen wir Bücher, Zeitungen und Akzidenzen.
Die Schriftsprache ist für uns Setzer und Drucker eine dreidimensionale Welt. Wir erbauen Texte, wir halten die Sprache in den Händen, wir bewegen Wörter, Sätze und Kolumnen aus Blei. Und wir lesen sie spiegelverkehrt auf dem Kopf stehend.
In diesem Altar sind unsere Werkzeuge versammelt. (Das Typometer habe ich vergessen, aber zum Setzen braucht man es auch nicht.)
Auf dem GEORG aus der Lichten Futura wacht der Druckergreif, unser Wappentier. Diese Installation ist ein Zeichen für meine Gedanken, die bei meinem Kollegen sind, für meine guten Wünsche. Und wenn es Kitsch ist, so kommt er von Herzen und wird dadurch hoffentlich verzeihlich.
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Bleilatz
Die Wodka-Empfehlung mit dem Mundschenk ist gedruckt. Wenn sie trocken ist, wird die Karte zur Klappkarte gerillt und ist fertig.
Eine merkwürdige Type, die Wiener Grotesk. Eine Zierschrift, die durch sonderbare Verzerrung der richtigen Buchstabenproportion Eindruck schindet. Längere Texte möchte man damit nicht lesen. Für so kurze finde ich sie doch recht hübsch als Dekorationsschrift. Das V hat keinen Überhang im Guß, und weil die Schrift so selten ist und einen musealen Wert hat, nahm ich Abstand vom Gedanken, die Lettern mit der Feile zu unterschneiden und derart das V näher ans o zu rücken.
Das Impressum ist aus der 1939 von der Schriftgießerei Ludwig Wagner in Leipzig erstmals gegossenen Schrift Fundamental-Grotesk in halbfett kursiv, Schriftgrad Petit (8 Punkt) von Arno Drescher gesetzt.
Ich fand ein langes ? im Setzkasten und eine tz-Ligatur. Dieses Fundamental-? liest sich aber wie ein l, deshalb habe ich es gegen das runde ausgewechselt. Die tz-Ligatur ist auch nicht gelungen, es steht zu eng gegenüber den andern Buchstaben, ohne daß es etwa durch Unterlänge des z an Deutlichkeit gewinnt. Ich habe es im Satz belassen, gewissermaßen als Bleisatz-Souvenir. Diese Schrift wurde zu einer Zeit entworfen, als man noch die Fraktur alltäglich benutzte. Die Anwendung der Regeln für Fraktursatz macht eine serifenlose Schrift nicht besser lesbar, scheint mir. Jedenfalls nicht aus unserer Perspektive. Als Fraktur und Sütterlin Alltagsschriften waren, mag man auch die Grotesk mit langem ? leicht gelesen haben.
Aber hier liest man doch nur “Bleilatz aus Wiener Grotelk”, und wem wollte ich das zumuten? Mit der Fundamental habe ich vor bald zwanzig Jahren als Schriftsetzer der Druckerei Rapputan gearbeitet. Wir nannten sie “Funda”.
Link zu einer Albernheit: Ein Autohersteller läßt eine Schrift fahren, zu sehen bei Public School.
tags: fundamental, langes s, wiener groteskSchnapsempfehlung in Wiener Grotesk
Aus der Berliner Papeterie R.S.V.P. erreichte mich der Wunsch, eine englische Empfehlungskarte für Wodka mit Bleisatz zu entwerfen und zu drucken. In meiner Werkstatt gibt es einige Bleischriften, die für Akzidenzen wie Visitenkarten und Briefpapier selten zum Einsatz kommen. Die Entwürfe machen auch mehr Arbeit, weil diese Schriften digital nicht vorliegen, ich also keine Skizzen mit dem Computer machen kann, sondern so wie früher arbeite: setzen, abziehen, kleben.
Nebenstehendes Bild zeigt die Wiener Grotesk von Rudolf Geyer, in der Schriftgießerei H.G. Berthold AG anno 1912 erstmals gegossen. Darunter die Schrift Flott aus der Bauerschen Gießerei in Frankfurt am Main,
Erstguß 1934, Entwurf William S. Gillies. Die dritte auf dem Foto ist die Compliment aus der Gießerei Ludwig & Mayer, Frankfurt am Main, Erstguß 1965, Entwurf von Helmut Matheis. Alle drei sind aus dem Preußischen Bleisatz-Magazin von Georg Kraus in die Druckerey gekommen.
Diese Schrift habe ich auch aus Ratingen bekommen, es ist die Lucina. Deren magerer Schnitt wurde 1926 von Ludwig & Mayer in Frankfurt gegossen; Jakob Erbar hat sie gezeichnet. Wann der hier gezeigte Schnitt, halbfett oder fett, gemacht wurde, weiß ich nicht. Wenn jemand mir hülfe, freute mich das.
Nachdem sich R.S.V.P. für die Wiener Grotesk entschieden hatte, machte ich mir Gedanken über die Präsentation. Man kann die Schrift freilich auch allein stehen lassen, zumal eine so dekorative mit albernen Oberlängen, Kringeln und Schleifen, man kann aber auch die Albernheit noch ein wenig weiterdrehen.
Mir gefallen sowohl dieser zarte Schmuck zwischen den beiden Fahnenstangen der Oberlängen der Buchstaben …
… als auch dieser junge Mundschenk, für den die Schrift wie gemacht wirkt. Ich bin gespannt, welcher Variante R.S.V.P. den Vorzug gibt. Auch Druck- und Papierfarbe stehen noch nicht fest. Zuerst schwebte mir schwarzblau auf Creme vor, jetzt kam mir der Gedanke, daß auch ein zartes Grün auf Altweiß gut stünde.
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