Haupttitel, zweiter Druckgang · 15. September 2010
Baustelle Märchenschloß: Nach dem gestern gezeigten ersten Gang mit schwarzer Farbe folgt hier ein Bild vom kompletten Haupttitel. Die Versalien sind nicht ausgeglichen, sondern stehen eng. Bis auf den Abstand zwischen E und M in EINEM, der war zu auffällig eng, da steckt ein halber Punkt drin (0,188 mm). Ich beziehe ich mich mit meiner Entscheidung gegen den sonst üblichen und notwendigen Versalausgleich auf den Kalligrafen Rudolf Larisch, der in seinem Schreiblehrbuch ausführt, daß engstehende Versalien zur Betonung einer eigentümlichen ornamentalen Wirkung zulässig sind. Von Larisch habe ich bislang nie etwas erzählt, sehe ich mit Blick ins Register. Muß ich bei Gelegenheit nachholen.
— Martin Z. Schröder
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Haupttitel, erster Druckgang · 14. September 2010
Liegenlassen lohnt sich. Eine Entwurfsidee beurteilt man nach ein paar Tagen kritischer. Ich hatte neulich schon erste Abzüge vom Haupttitel gemacht. Nun habe ich die Lichte Futura für den Namen des Autors durch die Lichte Largo ersetzt.
Der Entwurf soll gewissermaßen gegen den Text gebürstet sein. Jedenfalls innen. Keine riesigen Pinsel-Lettern für das Wort “Nackt” und keine Schnörkel für das “Märchenschloß”. Stattdessen Orange, die Farbe der Berliner Müllabfuhr, gestreifte Schranken, ungeordnet fließende, breiige Außenform, ein amorphes Gebilde mit spröden Balken. Der Hinweis auf den Typografen als Regisseur einer schrägen Inszenierung in Englisch. Ein Gegensatz zu dem sehr deutsch klingenden Wort Märchenschloß mit Umlaut ä und versalem Eszett. (Max Goldt bevorzugt, wie auch ich, die unreformierte Rechtschreibung.)
Aber ob sich die erwünschte Wirkung einstellt, wird man erst im zweifarbigen Druck sehen. Mit dem Wort Märchenschloß habe ich noch etwas vor …
— Martin Z. Schröder
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Obstgenußanregung mit großem Eszett (groß ?) · 21. August 2009
Die Nachauflage der Danksagungen ist fertig, und dazu habe ich zwei weitere Karten gedruckt. Nämlich diese, die man etwa Schutzbefohlenen übersenden kann, auch Kranken, denen gesundes Obst zu bringen man wünschte, sich stattdessen aber mit einer postalischem Fürsorggruß behelfen muß. Die Freunde der Druckschrift werden sich denken, daß ich diese Karte auch wegen einer bestimmten Letter gedruckt habe.
Im Jahre 1916 ist diese Schrift, es handelt sich um die Lichten Koralle-Versalien, bei der Schriftgießerei Schelter & Giesecke in Leipzig erschienen, und sie war, wie schon andere Schriften aus dieser Gießerei, beispielsweise die 1906 erschienene Schelter-Kursiv, mit einem versalen Eszett ausgestattet worden, welches es vor ein paar Monaten wegen seiner Wiederentdeckung zu einiger Bekanntheit brachte.
Die Karten wurden mit einem roten Farbschnitt versehen, werden mit einem farbig gefütterten Kuvert geliefert, und es gilt für sie ebenso wie für die folgend abgebildete Einladung zu einer Tasse Tee dies: Lieferung und Preis: 3,50 Euro brutto (also inkl. 19% MWSt.) per Stück inklusive farbig gefüttertes Kuvert, 3,20 Euro ohne Kuvert. Keine Mindestabnahme. Verpackung und Versand: 4,00 Euro.
Neulich also wurde ich gefragt, ob ich eine Einladung zum Tee im Kartenangebot hätte. Ich werde später eine anfertigen, vielleicht mit einer Federzeichnung einer Teetasse. Oder -kanne. Einstweilen kann auf dieser Karte zum Tee gebeten werden.
Der Text wurde aus der kursiven Garamond von Typoart in Korpus (das ist der Schriftgrad 10 Punkt) gesetzt. Und stammt somit aus der Hand des Mannes, der auch den Schmuck (namens Meister-Ornamente) gezeichnet hat, und dessen Werke ich schon mehrfach erwähnte: Herbert Thannhaeuser.
Von den Karten zu verschiedenen Anlässen, also “Ätsch” (schwer lesbare, aber sehr hübsche Fraktur-Versalien), “Autsch”, “Pardon!” usw. sind noch (wenige) Exemplare vorhanden.
Auf dem Nebengrundstück, direkt hinter meinen Setzregalen, wird eine Grube gegraben.
Damit das Haus, in welchem ich mich befinde, in diese Grube nicht rutscht, wird an die Ränder Zement gegossen. Ich hoffe, daß das hält.
Unentwegt holen riesige und laute Kipper den märkischen Sand ab. Meine Tür zur Straße ist deshalb meist geschlossen. Vom Hof, von dem aus auch die Bilder entstanden, klingt es etwas gedämpfter. Aber wenn draußen 35° warme Wärme wallt, bleiben alle Türen zu. Denn im Souterrain ist es dann angenehm unheiß.
— Martin Z. Schröder
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Andruck des Haupttitels · 4. Mai 2008
Diese Bilder zeigen den ersten Andruck des Haupttitels: “Atlas van de nieuwe Nederlandse vleermuizen”. Als ich den gestern aus der Maschine gezogen, die Druckform herausgenommen und gereinigt hatte, hab ich die Korrekturen für den nächsten Tag angezeichnet, das Licht ausgemacht und bin gegangen. Wenn man müde wird, arbeitet sich sowieso nicht gut. So mies sieht das also aus, was ohne jede Einstellung und unkorrigiert aus der Presse kommt. Jetzt beginnen erst die Satzkorrekturen, dann die Zurichtung der Druckform und die
Einstellung der Farbe. Der eiserne Rahmen mit dem Schriftblei und den Eisen- und Bleistegen wiegt an die zehn Kilo und muß etliche Male rein in die Maschine und wieder raus aus der Maschine. Etliche Male wird die Form mit dem eisernen Schlüssel geöffnet und wieder geschlossen, wird gebürstet und werden mit dem Klopfholz alle druckenden Elemente auf eine Höhe geklopft. Etliche Male wird das Schwungrad angezogen und stellt sich der Drucker auf das Pedal. Allein das Einrichten der Form für zwei Buchseiten kann sich mit so alter Technik stundenlang hinziehen und die Arme lang machen, wenn es sich um eine komplizierte Druckform handelt.
Hier muß erst einmal der Setzer noch einiges tun. Der Titel
ist zweifarbig angelegt, schwarz und rot, in der Form sind aber noch alle Elemente enthalten. Was später rot gedruckt wird, entferne ich aus der Druckform, wenn typografisch alles steht, wo es stehen soll. Die Typographie des Titels erkläre ich, wenn er zweifarbig gedruckt vorliegt. Das zweite Bild zeigt die auszuführenden Korrekturen auf dem Haupttitel: Der Raum zwischen Rahmen und erster Zeile wird um 2 Punkt (= 2 × 0,376 mm) verringert, dieser Raum wird wie angegeben im Text verteilt. Die zweite (kursive) Zeile des aus der Walbaum gesetzten Titels
muß noch fertig ausgeglichen werden. Auf dem dritten Foto ist die Buchstabenfügung LA zu sehen und welch große Lücke diese Letternfolge in die Zeile reißt. Das Foto danach zeigt das Wort VAN; hier ist der Raum zwischen V und A der natürliche im Bleisatz, kein Spatium liegt dazwischen. Und zwischen A und N liegen 2 Punkt. Geringer als mit 2 Punkt zwischen zwei Lettern mit geringem Weißraum kann ich also nicht ausgleichen; das wollte ich erst prüfen, um sicherzugehen, daß die Zeile nicht zu breit wird und mein Entwurf hinfällig.
Auf dem Foto BERLIN | MMVIII ist ein druckerischer Mangel zu sehen im Bild der Linie. Der Linienrahmen ist aus Teilen zusammengesetzt, die freilich bei geringsten Verkantungen
nicht gut ausdrucken. Die erste Maßnahme wird sein, die Linien noch einmal gründlich auf Höhe zu klopfen, wobei oben erwähntes Klopfholz aufgelegt und mit einem Hämmerchen leicht beklopft wird. Bedeutende Gefühlssache, der Spaß, denn Klopfen kann auch in der Form an anderer Stelle Buchstaben hoch- und Zeilen auseinandertreiben. Die Form muß leicht geschlossen werden, also seitlich unter Druck gesetzt, damit das nicht passiert. Wird schon zu kräftig geschlossen, erbringt das Klopfen nichts. Auch wird der Drucker die geschlossene Form anheben und auf der Unterseite nachschauen, ob kein Krümel ein druckendes Element unzulässig anhebt.
Dieses Foto zeigt einen sogenannten Spieß. So nennt man das Druckbild von Spatien, also den kleinen Teilen zwischen den
Wörtern, die eigentlich nicht mitdrucken sollen, das aber doch tun. Da muß der Drucker hergehen und das Teil herunterdrücken, möglichst mit dem Fingernagel; wenn die stählerne Ahlenspitze eingesetzt wird, dann mit Feingefühl. An diesem Spieß ist zu sehen, daß zwischen den Wörtern mehr als nur ein Spatium liegen muß. Die Wortzwischenräume der Zeile wurden erweitert, um genau die typografische Form zu erhalten, die nun auf dem Abzug steht. Auch die linke Seite, im Büchlein wird es die Seite 30, bekommt eine rote Ergänzung.
Jetzt fehlen noch vier Druckgänge, davon zwei in rot, dann wird der Inhalt des Büchleins fertig gedruckt vorliegen, die Arbeit an den beiden Umschlägen wird dann beginnen.
Eingetroffen sind die neulich angekündigten Anstecker in dunkelblau und orangerot mit dem großen Eszett und dessen Code im digitalen Setzkasten. Sie stecken in Tütchen, damit die Oberfläche vor Kratzern bewahrt wird. Eines ist für 4 Euro inkl. Briefversand (innerhalb Deutschlands) zu haben. Solange Vorrat reicht.
— Martin Z. Schröder
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1E9E · 27. April 2008

Hier bin ich einsam, keiner hört die Klage. – Klage!
Niemand vertrau’ ich mein verzagtes Stöhnen. – Tönen.
Soll ich stets ungeliebt der Spröden fröhnen? – höhnen.
Wie lang harr’ ich umsonst, daß es mir tage? – Tage.
¶
Mich findet Gunst zu leicht auf ihrer Wage. – wage!
Wem liegt wohl dran, mein Leben zu verschönen? – Schönen.
So wird das holde Glück mich endlich krönen? – Krönen.
Wer gibt mir frohe Kund’ auf jede Frage? – frage!
¶
Was ist dein Thun dort in den Felsenhallen? – hallen.
Und was ist Schuld, daß du nur Laut geblieben? – lieben.
So fühlst du etwas bei Verliebter Schmerzen? – schmerzen.
¶
Glaubst du, dein Spiel könnt’ irgend wem gefallen? – allen.
Wem wird es denn zu lieb mit uns getrieben? – Trieben.
Wer sehnt sich leeren Widerhall zu herzen? – Herzen.
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August Wilhelm Schlegel
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— Martin Z. Schröder
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Max Goldt erhält versales ß · 18. April 2008
Max Goldt werden dieses Jahr nicht nur der Kleist-Preis und der Hugo-Ball-Preis verliehen – sein neues Hörbuch zeichnet sich selbst aus, nämlich durch ein versales Eszett. Mein Kollege und Mitarbeiter Frank Ortmann, von dem ich hier schon eine Vignette und einen Schutzumschlag gezeigt habe, hat nach der Dresdner Form, namentlich durch
die Vorlagen von Mellhuth von 1955 angeregt, einen eigenen Entwurf für den kalligraphierten Titel gezeichnet; ich freue mich sehr, diesen Titel hier präsentieren zu können. Das Hörbuch „Nichts als Punk und Pils und Staatsverdruß“ (geplant unter dem Titel “Jedem immer alles”) von Max Goldt kommt am 23. April 2008 in den Handel. Es erscheint im Verlag HörbuchHamburg, enthält 2 CD mit Texten von 1994 bis 2007 und kostet 19,95 Euro.
Erst Anfang April hatte das Unciode-Konsortium die Aufnahme des “Latin capital sharp s for German”, also des versalen Eszett (ß), in den Unicode mitgeteilt. Damit hat das deutsche Alphabet nunmehr 27 vollwertige Buchstaben. Das Konsortium ist eine gemeinnützige internationale Vereinigung, die für Darstellung von Text in Computer-Software allgemeine Standards entwickelt. Computer arbeiten nur mit Zahlen, also müssen Textzeichen aller auf der Welt geschriebenen Sprachen kodiert werden. Damit nicht auf verschiedenen Computersystemen verschiedene Zeichen gleich kodiert werden, gibt es den Unicode, dessen sich alle Internetbrowser und die meisten Betriebssysteme bedienen.
Vor einem Jahr hatte das Deutsche Institut für Normung die Aufnahme dieses Zeichens in den internationalen Zeichensatz ISO/IEC 10646 beantragt.
Federführend war der Gestalter und Autor Andreas Stötzner beteiligt, der auf der Internetseite seines Signographischen Instituts praktische Hinweise und Tastaturtreiber anbietet, um das versale ß mit einer gewöhnlichen Tastatur tippen zu können und nicht mehr auf die gelegentlich mißverständlichen Ersetzungen SS oder SZ ausweichen zu müssen. Der Buchstabe muß dafür Bestandteil des Fonts, also der digitalen Schrift sein. Auf der Website von Uta und Andreas Stötzner finden sich viele Informationen zum ß, auch Heft 9 der Zeitschrift SIGNA kann man dort bestellen.
Ergänzung 20. April 2008
Ich füge mal noch ein Foto ein von der Reinzeichnung, damit man die Proportionen richtig wahrnehmen kann. Ob ein Buchstabe zu groß, zu schräg oder genau richtig steht, kann man nur beurteilen, wenn man eine vernünftige Sicht hat. Die Fotos vom Cover haben eigene Winkel und verzerren die Wahrnehmung etwas.
Frank Ortmann hat vermutlich das erste große Eszett auf einem CD-Cover überhaupt gezeichnet. Er hat sich für eine kühne Form entschieden, denn dieser Buchstabe ist mit seinen nicht einmal 130 Jahren ein Kind im lateinischen Alphabet; ä, ö und ü sind allerding nur wenig älter, auch wenn wir uns an die kleinen Pünktchen auf a, o und u laengst gewoehnt haben und keine kleinen e mehr darueber kritzeln sondern eben Trema.
Interpretationshilfe: Zeilen aus Versalien sind keine Lesetexte, sondern haben immer ornamentalen Charakter. Deswegen zeigen N, K und R auf dem Cover ihre Schweife, und deswegen antwortet das Eszett am Ende des Titels auf den Anfang, es läuft in einem Tropfen aus, wie sich das N aus einem entwickelt. Und deshalb hat es auch den geschweiften Übergang in die rechte Schulter. Das versale Eszett ist heute und für uns eine ungewöhnliche Type, die hoffentlich auch künftig in mehr als einer Spielart ausprobiert wird, bis sie in weiteren 130 Jahren nicht mehr als Absonderlichkeit auffallen wird. Die Letter von Frank Ortmann zeichnet sich durch Lesbarkeit trotz Auffälligkeit aus. Das Cover ist durchgängig von Hand geschrieben und gezeichnet, es gelten ohnehin andere Maßstäbe als für Satzschriften.
— Martin Z. Schröder
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Aus der „digitalen Plauderecke“ (Zitat Frank Müller) · 24. Februar 2008
Manchmal passieren dem Drucker seltsame Dinge, ich berichte aus der Welt der Geistesschaffenden:
Am 15. Mai 2007 druckte die Süddeutsche Zeitung im Feuilleton einen Text von mir über das große Eszett. Neulich erreichte mich aus der Presse-Abteilung des Eichborn-Verlages die Mitteilung, der Frankfurter Journalist und Werbetexter Frank Müller habe ein Buch über das ß geschrieben mit dem freundlichen Angebot, mir ein Rezensionsexemplar zu übersenden. Neugierig und erfreut begehrte ich dieses.
Gestern kam es, versehen mit dem Hinweis „Sperrfrist 3. März 2008“. Bücher sollen nicht besprochen werden, bevor sie im Handel erhältlich sind. Ich habe aber gar nicht mehr die Absicht, dieses Buch zu rezensieren. Mir kamen bei der Durchsicht ein paar Absätze bekannt vor, und daß ich die heute schon „zitiere“, berührt die Sperrfrist wunderbarerweise nicht. Wie das geht?
In der SZ vom 16. Mai steht: „Noch in den Frakturschriften, aus denen im 20. Jahrhundert Bücher gesetzt wurden, findet sich kein Unterschied zwischen I und J. Das U ist sichtbar spät hinzugekommen und war danach immer stiefväterlich behandelt worden, wenn Schnörkel zugeteilt wurden. Das ursprüngliche lateinische Alphabet hatte weder G noch J, es kam ohne U und W aus, die Typen K, Y und Z entlehnte es dem griechischen, eben weil die Benutzer mit den vorhandenen Buchstaben nicht auskamen.“
Bei Frank Müller lese ich auf Seite 152 im Fließtext, ohne Hervorhebung oder Kenntlichmachung der Quelle: “Noch in den Frakturschriften, aus denen im 20. Jahrhundert Bücher gesetzt wurden, findet sich kein Unterschied zwischen i und j. Das u ist sichtbar spät hinzugekommen und war danach immer stiefväterlich behandelt worden, wenn Schnörkel zugeteilt wurden. Das ursprüngliche lateinische Alphabet hatte weder g noch j, es kam ohne u und w aus, die Typen k, y und z entlehnte es aus dem Griechischen.”
Man muß aber schon richtig abschreiben, denn wenn es auch lange keinen Unterschied gab in der Fraktur zwischen I und J, den Majuskeln, so gab es doch wohl einen zwischen i und j, den Minuskeln. Und in einem guten Fraktursetzkasten wird für I und J die Type mit Unterlänge zu finden sein, ähnlich der Unterlänge des gebrochenen Versal F, und nicht das gekürzte Ding: ein J, das den Schwanz einzieht. Dieses I ist in diesem Fall der spätere Buchstabe gewesen, er tauchte im 19. Jahrhundert auf und setzte sich im 20. Jahrhundert immer stärker durch. In meiner Setzerei verwende ich kein gebrochenes I ohne Unterlänge. Und natürlich bezog sich mein Hinweis auf die Schnörkel des U auf das Versal, Minuskeln werden ja kaum verschnörkelt. Schließlich: “ursprüngliches lateinisches Alphabet” – wenn es kein G gehabt hat, muß es sich um das von vor 230 v.Chr. handeln; die Trajanssäule in Rom aus dem Jahr 114 n.Chr. zeigt ja das G. An Minuskeln wurde aber erst 1000 Jahre später gedacht, sie entstanden langsam aus der Halbunziale und wurden als karolingische Minuskeln etabliert. Hätte im Lektorat auffallen müssen, daß die Behauptung, eine Minuskel g sei erst später ins Alphabet gekommen, nicht stimmen kann, oder ist das eine so spezielle Angelegenheit?
In der SZ steht: „Nicht zuletzt kämpfen Designer mit dem Fehlen des versalen Scharf-S, wenn sie FUßCREME, MAßHEMDEN und SOßE in GROßBUCHSTABEN beschriften wollen.“
Frank Müller: “Designer kämpfen mit dem fehlenden Versal-ß, wenn sie FUßCREME, MAßHEMDEN und SOßE in Großbuchstaben beschriften müssen.” (Seite 150)
In der SZ heißt es: „Die ersten versalen Eszett im Jahr 1879 sahen entweder wie Schlüssellöcher (der Kopf vom S und der Fuß vom Z) oder wie aufgeblasene Minuskel-ß aus. Später kamen verstümmelte Dollarzeichen dazu, dann Diakritika, kleine Punkte oder Häkchen unter dem S, es wurde mit Ligaturen, also Buchstabenverbindungen gespielt. Vor allem in den 1950er Jahren haben die Schriftentwerfer mit großer Lust neue Formen gesucht. […] Heute muß das große Eszett andere Aufgaben erfüllen: Es muß sich vom kleinen unterscheiden, ihm aber verwandt bleiben. Es darf nicht mit dem B verwechselt werden, es muss sich unauffällig in eine Versalzeile einfügen lassen und dazu handschriftlich leicht zu formen sein.“
Und wieder aus der Hand (auch dem Kopf?) von Frank Müller: “Die ersten versalen ß im Jahr 1879 sahen entweder wie Schlüssellöcher (der Kopf vom S und der Fuß vom Z) oder wie aufgeblasene Minuskel-ß aus. Später kamen verstümmelte Dollarzeichen dazu, dann Diakritika, kleine Punkte oder Häkchen unter dem S, oder es wurde mit neuen Ligaturen gespielt. Vor allem in den 1950er Jahren haben die Schriftentwerfer mit großer Lust neue Formen gesucht […] Heute müsste das große ß andere Aufgaben erfüllen. Es müsste sich vom kleinen unterscheiden, ihm aber verwandt bleiben. Es dürfte nicht mit einem B verwechselt werden, sich unauffällig in eine Versalzeile einfügen lassen und sich dazu handschriftlich leicht formen lassen.” (S. 155)
Der Eichborn-Presseabteilung wird es wohl recht lieb sein, wenn ich Frank Müllers Buch „ß – Ein Buchstabe wird vermisst“ (160 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 14,95 Euro, Eichborn, Frankfurt am Main, 2008) nicht bespreche. Jedenfalls nicht in einer Zeitung. Was sollten denn die aufmerksamen Leser denken, wenn ich aus dem Buch zitierte und zufällig einen Satz erwischte, der in dieser Zeitung vor einem dreiviertel Jahr schon einmal stand? Und womöglich würde ich dann auch die Zitiermethode des Germanisten Frank Müller darstellen, ein Zitat aus der Zeitschrift „Signa“, das einem Fachartikel aus dem Jahre 1955 entnommen ist, als eigene Formulierung auszugeben, auch wenn es nur aus zwei Worten besteht. Sogar das Vorwort der „Signa“ hat ihm gefallen. Das Thema des versalen ß, so heißt es dort, im Editorial der Zeitschrift SIGNA, „konfrontiert uns auch mit allen Aßmanns, Bößles, Faßbinders, Geißlers, Großes, Häußlers, Ißlingers, Kießlings, Meißners, Nußbaums, Oßmanns, Rößlers, Weißmanns &ca und ihrer persönlichen GROßSCHREIBUNGSMISERE.“ Und jetzt Frank Müller: „Die Problematik des großen ß konfrontiert uns mit der Heerschar der Toten, mit allen Aßmanns, Bößler[!]s, Faßbinders, Geißlers, Großes, Häußlers, Ißlingers, Kießlings, Meißners, Nußbaums, Rößlers, Weißmanns und ihrer persönlichen Großschreibmisere.“ Na wenn die Heerscharen tot sind, wieso haben sie dann eine persönliche Großschreibmisere? Eine Religionsfrage? Oder eine persönliche Abschreibmisere?
Was ich über das versale ß weiß, habe ich aus SIGNA Nr. 9, 2006 erfahren. Aber für einen Zeitungsartikel, den ich namentlich zeichne, war mir stets wichtig, das Gelernte zu verstehen und selbst zu formulieren und seine Quelle zu nennen. Befaßt man sich viel mit einem Gegenstand, so werden fremde Gedanken zu eigenen, man muß sich gelegentlich streng prüfen. Es gibt allerdings Buchverlage, denen reicht wörtliches Abtippen ganzer Absätze oder sogar das Einbringen sachlicher Fehler in die Abschrift. Oder sie beschäftigen keinen Lektor, der sich in die Materie einarbeitet. Und es gibt Autoren, die verinnerlichen mit (fast) fotografischem Gedächtnis.
Besonders gut geschmeckt hat mir ein Satz von Frank Müller, den ich niemals derart gescheit und elegant hätte formulieren können: „Die Verwertungskompetenzen der Verlage, das Nadelöhr des Lektorats, das alles spielt im Buchstaben-Gestöber der Blogs, der Homepages und digitalen Plauderecken keine Rolle.“
Durch manches Nadelöhr stolziert ein Kamel.
— Martin Z. Schröder
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