Führerscheine drucken · 3. Januar 2008

Heute waren die beiden Jungen aus der Nachbarschaft in der Werkstatt. Kaum hatten sie mich gestern, am ersten Arbeitstag nach den Ferientagen entdeckt, kamen sie herein: „Können wir jetzt?“ Aber ich war gerade dabei, die Gletscherlandschaft auf meinem Schreibtisch abzuschmelzen. Heute nahm ich mir zwei Stunden Zeit. Kinder auf die Zukunft zu vertrösten – das schmeckt immer etwas schal.

Ursprünglich wollten sie Visitenkarten drucken, weil das eine meiner Hauptbeschäftigungen ist. Aber eine Druckerei kann ja mehr. Ich schlug ihnen Geheimdienstausweise vor, was sie erheiterte, und Führerscheine, was ihnen höchst geeignet erschien.

Die beiden sind zehn und elf Jahre alt (und nicht acht, wie ich irrig geschätzt hatte) und gehen in die Grundschule eine Straße weiter. Einer der beiden wurde dorthin strafversetzt. Das Strafrechtssystem der Pädagogik wirkt auf mich befremdlich: Der Knabe wurde beschuldigt, eine Sache verunstaltet zu haben; soviel ich verstanden habe, war ein gewisser Sachschaden entstanden und eine gewisse Peinlichkeit. Er sei es nicht gewesen, berichtete er mir, er habe aber zugeschaut. Da er früher manchmal die Unwahrheit gesagt habe, habe man ihm nun nicht geglaubt und ihn für schuldig erklärt. An der neuen Schule gefalle es ihm nun besser. Ist es das, was man ausgleichende Gerechtigkeit nennt? Das Schicksal waltete gütig. Ist aber die Vorstellung, man könne Probleme lösen, indem man vermeintliche oder wirkliche Verursacher aus einer Gemeinschaft entfernt, mit unserer Kultur, unseren Wertvorstellungen vereinbar? Hier handelten Pädagogen wie Strafrichter, allerdings ohne die Grundsätze unserer Rechtsordnung einzuhalten: bewiesener Sachverhalt, definierter Tatbestand, Würdigung der Umstände, Mitspracherecht, gesetzliche Rechtsfolge. Ich wünsche jedem Kind, das in der Schule dermaßen dumm und gemein behandelt wird, daß es genug Leute kennt, die sein Gerechtigkeitsgefühl im Lot halten. Schule zeigt sich nicht selten als Parallelgesellschaft, fern unserer Rechtsordnung.

Den Führerschein haben wir aus lichter Futura (das Versal D), Futura Buch (Titel), Schreibmaschinenschrift (Ort, Datum) und magerer Futura (Gültigkeitshinweis) gesetzt. Einer der beiden zeigt mir in einer schnellen Skizze die Serifen an einem E und erklärte, daß eine solche Schrift auf meinem Führerschein, den ich gezückt hatte, keine Verwendung gefunden habe und daher auch für ihren nicht eingesetzt werden solle. Die Namen haben wir in Schreibmaschinenschrift-Versalien gesetzt, auf den Fotos sind Druck und Bleisatz der Blanko-Ausweise zu sehen, die wir noch zusätzlich gedruckt haben. So gründet man eine Führerscheinbehörde. Für eine andere Drucksache hatte ich ein Olivgrün gemischt aus lasierendem Oliv, Drucköl, Gelb, Hellbraun und gelblichem Grün. Das mußte dann auch für die Karten genügen; der Karton dazu kommt aus dem Restebestand: Pop’Set Five Cyber Grey 250g/m² von Arjowiggins.

In den zwei Stunden haben wir gesetzt, Papier geschnitten und gedruckt, wurden die Führerscheine von ihren Eigentümern unterschrieben und waren meine Besucher einmal auf dem Hof und einmal auf der Straße, weil sie Bewegung brauchten. Hinterher boten sie mir, weil ihnen die Arbeit soviel Spaß gemacht hatte, einen Ausbildungsvertrag an, fanden die von mir grob veranschlagten Kosten für zwei Jahre aber deutlich zu hoch, um sie ihren Eltern zumuten zu können. Worauf ich vorschlug, erst einmal die Schullaufbahn weiter zu verfolgen und die Verhandlungen in einigen Jahren erneut aufzunehmen. Sie sagten mir, daß sie es nett von mir fänden, daß ich mir die Zeit genommen hatte, ich überließ ihnen noch zwei aufwendige Papiermusterhefte, sie dankten für alles, verabschiedeten sich und gingen, und ich nehme an, sie werden künftig wieder mal hereinschauen. Daß wir eigentlich zwei Unterrichtsstunden abgehalten haben, daß sie ein bißchen rechneten, etwas über Schrift erfuhren, Einblick in die Preiskalkulation nahmen, also einen Beruf in groben Zügen kennenlernten, haben sie vermutlich nicht als „Beschulung“ erfahren. Ich auch nicht, denn ich habe mich nicht vorbereiten müssen und keinen Plan verfolgt. Und ich habe ein wenig über das heutige Kinderleben in meinem Kiez gelernt. Es waren zwei vergnügliche Stunden.

— Martin Z. Schröder

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Aus meiner Lehrzeit · 21. November 2007

Ich habe als 14jähriger erstmals einen Winkelhaken, das Instrument, in dem der Setzer die Typen sammelt, in die Hand genommen. Ich war als Junge kein Freund von Baugeschehen. Ich habe zwar begeistert Matchbox-Städte gebaut, aber zugleich ein Faible für Verwaltung entwickelt: für Papiere, vorzugsweise Dokumente und Zeitungen: Meiner Großmutter stellte ich einen Personalsauweis aus und mir einen als Kriminalpolizist. Der Stabilbaukasten mit Schienen und Schrauben zog mich nur kurzzeitig an.

Als ich, 14jährig, die Musikschule (Klassisches Akkordeon) nach fünf Jahren, in denen ich recht weit gekommen war und nun ein Jahr lang für eine große Prüfung ein 45minütiges Konzert auswendig lernen sollte, hinwarf, überlegte meine Mutter, wie meine Freizeit sinnvoller ausgestaltet werden könnte als durch die ungesunden Dinge, die 14jährige sonst gern tun. Zuerst wurde ich zum Tischtennisverein geschickt, aber die Turnhalle stank mir zu sehr, war mir zu groß und zu laut. Dann machte meine Mutter mir einen Besuch in der Arbeitsgemeinschaft „Junge Schriftsetzer“ schmackhaft, und die fand ich schon nicht übel, als ich zum ersten Mal die Druckerei im „Pionierpalast Ernst Thälmann“ in der Berliner Wuhlheide betrat. Der Meister Wolfgang Holtz drückte mir einen Winkelhaken in die Hand und ein Manuskript: ein Gedicht von Rudi Benzien. Auf dem Foto ist der von Buchdruckmeister Wolfgang Holtz korrigierte erste Abzug zu sehen. Die Schrift heißt Super-Grotesk kursiv.

Ich habe es später, wenn ich Kinder oder als Lehrbeauftragter Design-Studenten in den Bleisatz einführte, genauso gehalten, denn das Gedicht hat gegenüber allen anderen Texten mehrere Vorteile: Es ist typografisch und somit auch satztechnisch die einfachste Form. Es ist zudem die älteste literarische Form (als Lied). Es lenkt vom Ich ab, weil der Setzer eben nicht seinen eigenen Namen setzt, sondern einen fremden Text, es steht somit auch für die ureigenste Arbeit des Schriftsetzers: der sich in den Dienst eines Textes stellt.

Ich habe später immer wieder bemerkt, daß sich beim Setzen eines Textes im Bleisatz der Text dem Setzer so intensiv darstellt wie in sonst keiner Rezeptionsform, auch nicht im Abschreiben. Beim ersten Gedicht hat man noch nichts davon, aber wenn man später das Setzen automatisiert hat, die Lettern im Setzkasten nicht mehr sucht, sondern auf den sprachlichen Rhythmus kommt und sozusagen „in Blei schreibt“, stellt sich eine eigene Beziehung zum Text her. Das räumliche „Begreifen“ erweitert das gedankliche. Ein Vorzug, von dem nicht nur der Setzer etwas hat. Indem der Schriftsetzer einen Text so intensiv aufnimmt, wird er sich seiner Verantwortung gegen Autor und Leser bewußt.

Jedenfalls wurde mir bei Wolfgang Holtz die Setzerei so recht wunderbar. Sie ist ein riesiger Stabilbaukasten. Es gibt nichts, das man nicht durch Betrachten dem Unklaren entziehen könnte. Alles ist sichtbar, alles ist verständlich, alles paßt zueinander, und wo etwas nicht paßt, kann es durch Umbau passend gemacht werden.

Dieser Stabilbaukasten bietet mehr als ein bißchen perforiertes Blech: Die größten Teile sind aus Gußeisen, man könnte sie als Schlagwaffen mißbrauchen. Die Hauptsache entstammt der Kohlenstoffgruppe: das Schwermetall sechster Periode: Blei. Das Lettern-Metall Blei wird ergänzt mit einem knappen Drittel Antimon, das für die erforderliche Härte verantwortlich ist, sowie 5 bis 6 Prozent Zinn, das die Metalle in der Legierung verbindet und die Abriebfestigkeit erhöht. In manchen Schriftmetallen steckt auch härtendes Kupfer und sind Spuren zu finden von Zink, Arsen, Aluminium, Nickel und Eisen im Promille-Bereich. Die einzelnen Metall-Anteile sind für verschiedene Schriften sowie anderes Setzmaterial verschieden groß. Neben Aluminium, Kupfer und Messing finden wir in der Druckerey auch Neusilber: eine silberweiß glänzende Legierung aus Kupfer, Nickel und Zink. Der Nickelgehalt gibt dieser Legierung ihre besondere Härte. Daraus werden die feinsten Spatien gemacht, sie sind ein Viertel eines typografischen Punktes stark, also 0,094 Millimeter.

Ich habe bis zu meiner Lehre viel Zeit in der Werkstatt von Wolfgang Holtz verbracht. Dort habe ich mühelos gearbeitet, sogar gerechnet, und entwickelte großen Ehrgeiz, während ich der Schule zehn Jahre lang nichts abgewinnen konnte. Die graue, entsetzlich fade und dumme Schulzeit war vorbei, die Lehre begann, und schlagartig, also tatsächlich von einer Woche zu andern, wandelten sich meine Zeugnisse. In der Lehrzeit gab es Berge von Zwischenzeugnissen, alle paar Monate wurde ein Lehrbrief ausgefüllt. Nicht daß meine Eltern arg an mir gezweifelt hatten, aber nun kam ich mit besten Zeugnissen nach Hause, statt als „reserviert“ wurde ich als „freundlich und interessiert“ von meinen Lehrmeistern beschrieben, aus schlechten Schulnoten wurden sehr gute Lehrnoten.

Hier einige Fotos von Arbeiten, die ich noch gefunden habe: Die Einladung zum ND-Gaststättenwettbewerb würde typografisch in meiner Werkstatt nicht bestehen. Die Versalien sind nicht ausgeglichen, aber der Bindestrich wurde umgedreht und somit höher gestellt, ich hab diesen typografischen Kniff neulich hier beschrieben. Die „Strumpfboutique/Espresso“ fällt ebenfalls durch. Ich muß dazu erklären, daß wir oft Aufträge gesetzt haben, die unserem typografischen Einfluß entzogen waren. Die Manuskripte wurden ausgezeichnet, d.h. es wurde rangeschrieben, was aus welcher Schrift wohin zu setzen war, manchmal gab es eine Skizze, und wir setzten das dann nach. Also ob die Boutique nun Espresso hieß oder man beim Strümpfeprobieren einen Kaffee bekam, das erschließt sich nicht. Auch die halbfette Renaissance-Antiqua paßt nicht und sieht an sich schon klobig aus. Die Räume um die auf Mitte stehenden Punkte sind zu groß. Zwischen KH am Anfang der Zeile fehlt Raum. Die Doppelunterstreichung des Wortes Rechnung ist häßlich und falsch.

Auf dem Bild mit den Versalzeilen ist eine Übung im Ausgleichen von Versalien zu sehen: Stoßen NN zusammen, ist zwischen ihnen kein Raum. Treffen LA aufeinander, entsteht ein Loch. In NONNE reißt das O mit seinem Binnenraum ein Loch. Solche Unregelmäßigkeiten zu einer, wie es der Typograph Jan Tschichold formuliert hat, „leicht perlenden Zeile“ zu harmonisieren, nennt man Versalienausgleich. Oder auch Neutralisierung. Erst wird ausgeglichen, danach wird leicht gesperrt. Datum auf dem Abzug: 10. November 1983. Tempus fugit.

Der Erziehungs- und Bildungsplan für Kinderkrippen liegt mir leider nicht mehr vor, ich habe offenbar nur das Titelblatt gesetzt. Unsere Schule war eine sogenannte Betriebsberufsschule. Sie hieß „Rudi Arndt“ nach einem Berliner Kommunisten und gehörte zur Druckerei „Neues Deutschland“. Hier wurden Schriftsetzer, Buchdrucker, Offsetdrucker, Buchbinder, Chemigrafen ausgebildet und vielleicht auch Tiefdrucker, das weiß ich nicht mehr. Den Auftrag dazu erteilten Stammbetriebe, die die Lehrlinge später übernahmen und mit denen der Lehrvertrag geschlossen war. Mein Lehrherr war “transpress VEB Verlag für Verkehrswesen”, wo ich später als Hersteller arbeitete. Die Schule war ein großes Haus in Berlin-Mitte unweit der Jannowitzbrücke, ein herrliches altes rotes Backstein-Fabrikgebäude, im Sommer angenehm temperiert, im Winter streikten wir sogar einige Male wegen der Kälte in der Setzerei. Nun ja, und da wurde jedenfalls auch einiges staatliche Zeug gedruckt. Das Foto darunter zeigt eine Tabelle. Tabellensatz brachte manchen zum verzweifeln, man muß nämlich erst ausrechnen, welche Teile man wie verbaut, und wenn man falsch gerechnet hat und die Tabelle 6p zu breit geworden ist, fängt man von vorne an. Das nächste Foto zeigt ein Stück vom Kopf des „Neuenhagener Echo“. Man kann daran sehen, daß selbst die lokalen Wurstblätter gleichgeschaltet waren und auf dem Titel sozialistische Propaganda publizierten. Aber Metteur war ich sehr gerne, um diese Arbeiten habe ich mich gerissen. Zeitungbauen macht Freude, zumal wenn der Typograf nicht rechnen kann und man dann selbst mit der nötigen Entschlußkraft den Umbruch mal flugs umwirft und erneuert. In Blei! Und unter Zeitdruck, versteht sich.

Das letzte Bild zeigt ein Stück russischen Text, wir hatten natürlich auch Fremdsprachensatz in der Ausbildung. Das ist ein Korrekturabzug, und was steht darunter? Neulich angekündigt: Meine persönliche Druckgenehmigungsnummer, die den Verfolgungswahn der Diktatoren in der östlichen Hälfte Deutschlands demonstriert. Die (87) war die Betriebsnummer, RA steht für Rudi Arndt, Nr. 042 war ich, 84 bezeichnet das Jahr 1984, und danach noch einmal der Klarname. Dazu muß ich nichts mehr sagen. Aber zum Satz: Der Text gehörte zu einer archäologischen Fachzeitschrift und war wohl ein Abstract, ich verstehe kein Russisch mehr. Schriftgrad Petit (8 Punkt) und vor allem, jetzt werden alle Schriftsetzer sich lustvoll gruseln: kompreß gesetzt auf eine Breite von 7 Konkordanz, 22 Zeilen hoch. Kompreß heißt ohne Zeilenzwischenraum (im Gegensatz zu splendid). Gewöhnlich sind Zeilen durch Bleischienen, die wir Regletten nennen, voneinander geschieden. Und so habe ich den Text auch gesetzt, aber dann mußten die Regletten ja raus, und wenn dann eine Korrektur auszuführen war …

Es gibt den Begriff der Hochzeit für ein doppelt gesetztes Wort. Ein fehlendes Wort heißt Leiche. Aus einem kompreß gesetzten Text in kyrillischer Schrift in Petit eine Hochzeit zu entfernen, ist eine Strafe. Man braucht dafür ruhige Hände und Nerven. Damals versuchte auch ich, mich um diesen Auftrag zu drücken, er kam periodisch und ereilte uns leider alle mal.

— Martin Z. Schröder

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