Da druckt der Schuh · 2. April 2012
Der Fundus bietet immer wieder Gelegenheit zum Spielen. Mir fiel ein Schuh auf, eine recht hübsche, zwar simple, aber nicht plumpe Arbeit, ein hölzerner Druckstock. Nur einer. Er stak in einem Siegel eines Schusters oder Schuhhändlers, ich weiß nicht mehr, das vor Jahrzehnten zuletzt gedruckt wurde. Und da ich gerade Materialproben für eine Veranstaltung eines Papierherstellers bedrucke (ich werde Ende April berichten), also freie Arbeiten herstelle, habe ich angefangen zu spielen. Motiv: Schuh hinter einem Vorhang.
Der Vorhang ist aus Messinglinien schnell gemacht. Nebenbei: Ist das nicht ein schöner Anblick? Ich schätze es sehr an meinem Beruf, daß die Dinge so schön sind, die man zusammenbaut.
Und dazu Farbe. Die Übung mit der Farbe begleitet den Drucker den ganzen Tag. Das geht schon morgens los bei der Auswahl der Krawatte oder Schleife zum Hemd. Und dann: welche Farbe verhält sich wie auf welchem Papier zu welcher anderen Farbe. Wenn man eine Farbe zur andern hinzufügt, verändern sich beide in die Richtung der jeweils anderen, das ist alles sehr interessant.
Da steht der Drucker auf dem Spielplatz und mischt Farben und macht Handabzüge.
So sieht der Spielplatz aus. Nicht, daß Spielen nicht anstrengend wäre, auch das Vergnügen verbraucht Kraft. Und bald kann man keine Farben mehr sehen und wird blind und freut sich über eine Drucksache, die Schwarz auf Weiß gedruckt werden soll. Die Schwarze Kunst verlangt weniger Überlegung als die Farbige.
Handabzüge. Und am Ende habe ich das alles verworfen bis auf den roten Schuh, und der Vorhang wurde eher hell und bekam feine blaue und breite silberne Streifen. Aber die hab ich noch nicht fotografiert.
Für solche Spiele gilt es wie für alle andern auch, die Spielregeln zu beachten, sonst bekommt man den Vorhang nicht so genau zustande.
Nach dem vergeblichen Suchen nach den richtigen Farben für den Schuh wandte ich mich der neuen Großaufgabe zu.
Auf den Zetteln auf dem Setzkasten auf dem Foto stehen die Texte von Max Goldt für unser nächstes Buch. Typografie für Goldt Nr. 4. Nach dem Aussuchen, Besprechen, Korrigieren und ein wenig Lektorieren habe ich nun die Reihenfolge festgelegt. Als nächstes beginnt die Entwurfsarbeit, der Papierbedarf muß berechnet werden, das Papier muß gekauft werden und so fort. Ob ich das Buch noch dieses Jahr fertigbekomme, weiß ich noch nicht. (Bestellen kann man es erst, wenn es fertig ist.) Aber der Anfang ist gemacht, und ich fürchte einerseits die Papierberge in der Werkstatt, freue mich aber andererseits sehr auf die Arbeit.
— Martin Z. Schröder
Ablassen von der Augenhöhe · 25. November 2011
Derzeit ist viel zu tun, Weihnachtskarten werden angefertigt, Geschenke auch, zum Mitteilen von Nachrichten bleibt wenig Zeit. Hier sind neue:
Vierfarbig sollte diese Karte werden, denn einen schönen montaignehaften Text von Max Goldt aus seinem “Buch namens Zimbo“wollte ich mit bunten Holzstichen bebildern (bunte Farben, ähnlich gemacht in Reinheit und Helligkeit). Wie sich Gans und Hund durch den Text hindurch auf Augenhöhe anvisieren — ich mußte beim Drucken immerzu lachen, wenn ich mal absehen konnte von den Dingen, auf die der Drucker zu achten hat.
Die kleinen Druckstöcke sind nicht ganz gerade, im Laufe ihres Daseins schon etwas verzogen, manche haben gar keine Schrifthöhe, sie stammen noch aus den Zeiten, als sich die Drucker noch nicht an Normen hielten und eigene Schrifthöhen führten. Das Bienchen mußte um dreieinhalb Punkt erhöht werden, dazu war es schief. Außerdem sind die Dinger recht klein. Der Hund ist nur 21,5 mm breit. Um die Schiefheiten auszutreiben, klebt man winzige Seidenpapierfusseln an die Seiten und unter den Stock, und nach jedem Kleben muß die Druckform wieder geschlossen und ein neuer Abzug gemacht werden.
Und man muß sie ganz vorsichtig drucken, die kleinen hölzernen Werke, also ohne den kräftigen Preßdruck, der heute so oft verlangt wird, aber eben von Blei und Holz nicht ohne Schaden zu machen ist, sondern nur von geätzten oder gravierten Klischees.
Hier ist die ganze Karte zu sehen.
Und zur Lektüre hier der Text von Max Goldt. Gesetzt aus der mageren Futura in Petit (8 Punkt).
Und das sind also die Bilder, zuerst das Bienchen, oder ist es eine Drohne?
Diesen gefiederten Freund würde ich für eine Gans halten.
Und das muß doch wohl ein Hund sein. Die Karte muß noch gerillt werden, weil es eine Klappkarte ist, und dann wird sie auf der Seite LetterpressBerlin.com erhältlich sein.
— Martin Z. Schröder
Grüßen mit geschmückter Feder · 28. Februar 2011
Von einem Holzstich aus dem Fundus habe ich in kleiner Auflage diese Karten im sogenannten Diplomatenformat gedruckt, als Klappkarte, geschlossen 172 × 112 mm groß. Die Geschichte des Holzschnitts und Holzstichs wird von Klaus Kramer auf dessen Website erzählt.
Und ich nehme nur an, daß es sich um einen Holzstich handelt, ich habe mir das Holz nicht genauer angesehen. Die Fläche, von der gedruckt wird, läßt durch die Druckfarbe, die sich ins Holz gesetzt hat, keine Einblicke mehr zu. Aber an der Rückseite des Stockes und an den Seiten kann man die Faserlaufrichtung erkennen.
Wenn man sich die Kratzer in den Blüten anschaut, könnte man meinen, daß es sich doch um einen Holzschnitt handelt, oder? Ich kenne mich nicht aus. Ich werde bei Gelegenheit eine Seite anschleifen und nachschauen. Wenn ich vom Holzstich drucke, bin ich jedesmal fasziniert von der filigranen Handarbeit, die in jedem alten Holzstich, den man heute noch findet, ihren Schöpfer überdauert hat.
Und die Schöpfer solcher gebrauchsgrafischen Arbeiten sind nicht einmal namentlich bekannt. So etwas war früher eine Handarbeit wie ein Möbelstück.
In der Feder sind zwei kleine Fehlstellen zu sehen, …
… die sich auch im Druckbild zeigen.
Die Karte habe ich mit einem Farbschnitt in orange ausgestattet. Sie wird mit einem weiß gefütterten Kuvert geliefert und kann im Online-Shop der Druckerey bestellt werden, hier ist der direkte Link zur Karte bei letterpressberlin.com.
— Martin Z. Schröder
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Zeichenwechsel · 14. Oktober 2009
Nachdem ich fünfzehn Jahre lang unter dem Zeichen des Drucker-Greifen gearbeitet habe, welches das Wappen aller Buchdrucker ist, werde ich nach und nach das neue Zeichen einführen, meine eigene Druckermarke: den Berliner Bären mit einem Schweizer Degen im Gurt und einem Buch in der Tatze. Bis auch meine Drucksachen, die Visitenkarten, Briefbogen und Etiketten, ausschließlich die neue Druckermarke zeigen, solange kommen auch im Internet beide Signete zur Anwendung. Auf der Seite Druckerey.de der Greif, und hier im Blog in den nächsten Tagen der Bär, vielleicht schon morgen.
Das Zeichen gibt im Bilde drei Informationen: der Drucker ist ein Berliner. Dies zu zeigen, wurde der Bär bestimmt. Der Drucker ist auch ein Schriftsetzer, also jemand der beide Berufe ausübt: ein Schweizerdegen. Der Schweizer Degen, die Waffe, ist eine Entwicklung aus dem Dolch und deshalb zweiseitig geschliffen. Daraus leitete sich anfangs eine Bezeichnung ab für jemanden, der mehrere Dinge gut konnte, in der Schwarzen Kunst wurde der Schweizerdegen zur Berufsbezeichnung. Der Drucker ist auch ein Mann des Buches. Er schreibt gelegentlich eines (zum nächsten erscheint demnächst ein Vorabdruck, Nachrichten dazu folgen), und er richtet gelegentlich eines typografisch ein. Oder setzt und druckt eines. Dies zeigt der Berliner Bär mit dem Buch in der rechten Tatze.
Als vierte Information wurden dem Bären meine Initialen beigegeben.
Der Entwurf ist an mittelalterlichen Druckermarken orientiert. Von Axel Bertram kam die Idee, Hans-Joachim Behrendt hat die Marke gezeichnet und in Holz gestochen. Ich habe das alles ja schon in zwei Beiträgen dargestellt, nur heute, zur Einführung, wollte ich es noch einmal erwähnen.
Ein Datum für den Kalender wird daraus nicht. Diese Marke wird nun beginnen zu wirken, aber ihr Geburtstag ist schon eine ganze Weile her. Diese Druckermarke ist ein Qualitätssiegel meiner Werkstatt, das ich nun gemächlich einführe. Man fängt mit einem solchen Siegel die Arbeit nicht an, man kommt irgendwann einmal dazu. Ich setze und drucke seit fast dreißig Jahren (früh angefangen), und es ist erst jetzt die Zeit gekommen, die eigenen Ansprüche bildlich zu befestigen.
Der Aufwand für die Einführung dieses Zeichens ist groß, nämlich die Übersetzung aus dem Holz in eine digitale Ansicht, die Herstellung eines Druckstockes aus Metall, die Entwicklung einer zweiten Marke für Brandprägungen in Holz — das alles nimmt so viel Zeit und Kraft in Anspruch, daß ich das Unternehmen sicherlich nicht mehr wiederholen werde. Ich habe über die Installation dieses Bären fast vier Jahre lang nachgedacht. Ich habe ihn lange nur privat eingesetzt, weil ich unsicher war, wie er sich im Dienste meiner Werkstatt machen würde. Inzwischen bin ich von seinem Leistungsvermögen überzeugt.
Im Frühjahr 2004 habe ich erstmals meine Wünsche an Bertram und Behrendt formuliert:
“Ich hätte gern ein stehendes Oval mit dem bewaffneten (Schweizerdegen) Bären, also auf allen vieren kann er nicht gehen. Eine Krone soll er übrigens auch nicht haben, das Berliner Wappentier soll nicht sofort zu erkennen sein. Der Berliner Bär marschiert auch meistens so albern. Mein Bär darf einfach so dastehen und den Degen vielleicht aus dem Oval raus-pieken. Auf einen Degen stützt man sich, glaube ich, nicht, denn er ist, glaube ich, eine leichtere Waffe als ein Schwert. Der Gute kann aber auch von der Seite zu sehen sein, gehend, nur eben nicht marschierend. (…) Nur sollte er nicht eine Hand auf die Hüfte stemmen, dann denkt man womöglich, der macht gleich große Wäsche. Die Anmutung sollte mittelalterlich sein, damals gab es so schöne Druckermarken. (…) Die Schrift sollte diese damals übliche „Stichlebendigkeit“ haben, wie es H.-J. B. so trefflich formulierte, das kommt beim Holzstich sicherlich von alleine. Wo meine Initialen stehen, ist mir gleich. Sie können auch seitlich im Oval untereinander stehen. Grundschrift all meiner eigenen Drucksachen ist die Garamond, aber für einen Holzstich sind kräftige Buchstaben mit gerundeten Serifen vermutlich sowieso obligatorisch, nicht wahr?”
Im Herbst 2004 später lagen mir erste Entwürfe von Behrendt vor. Irgendwann werde ich sie finden. Damals schrieb ich dazu: “Die Bären sind alle wunderbar, ich mochte sie auf den ersten Blick, und je länger ich mich vertiefe, so lieber werden sie mir. Es sind ja recht verschiedene Persönlichkeiten, und ich überlege, welche meinem Ideal am nächsten kommt. Ich meine auch, die Nummer 3 paßt am besten. Der Typ 5 wirkt etwas zurückhaltend, Typ 1 etwas selbstzufrieden, Typ 2 schulmeisterlich (bezogen auf mein Ideal; lieb sind sie alle auf ihre eigene Art, gegen Schulmeister ist nichts zu sagen, aber ich versuche meine schulmeisterlichen Allüren zu zügeln, so sollte auch mein Petz tun), Typ 6 könnte schwatzhaft sein, wenn er die Schnauze öffnet, mir kommt es jedenfalls so vor, Typ 7 hat etwas Verhangen-pathetisches, Typ 4 kommt sehr jugendlich aus dem Mittelalter gesprungen, Typ 3 endlich hat etwas sehr Gutmütig-herzliches an sich, auch eine heitere Neugier und Frische zeichnet sein Wesen aus. Den mag ich. Wenn es der wird, werden wir eine innige Beziehung eingehen.”
Er wurde es. Er wurde in Holz gestochen. Nun steht er da. Ich wünsche ihm ein Eigenleben, ein dauerndes, ein langes auch als mein Begleiter und guter Geist der kleinen Berliner Druckerey.
— Martin Z. Schröder
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Eine in Holz gestochne Druckermarke · 21. Juni 2009
Vor einigen Jahren bat ich den Gebrauchsgrafiker Axel Bertram um den Entwurf einer Druckermarke im mittelalterlichen Stil, aus jener Zeit also, als diese Marken der Frühdrucker entstanden. Die bekannteste Druckermarke ist sicherlich die von Aldus Manutius: ein Delphin, der sich um einen Anker windet, eine Verbindung von Symbolen in der Bedeutung von “Eile mit Weile”. Ich wollte auch ein sprechendes Zeichen haben, aber ein persönlicheres: einen Bären für meine Heimatstadt Berlin (und weil ich als Kind sehr an einem Teddybären hing mit einem ernsten und gutmütigen Gesichtsausdruck, welchen ich Axel Bertram genauer beschrieb), welcher mit einem Degen gegürtet ist, um meinen Beruf als Schweizerdegen (Schriftsetzer und Buchdrucker in einer Person) zu zeigen. Außerdem sollten meine Initialen auf die Marke.
Leider kann ich die Entwurfszeichnungen gerade nicht finden. Axel Bertram schlug mir vor, ein Zeichen von Hans-Joachim Behrendt nach seinen Ideen in Holz stechen zu lassen. Die Illustrationen und Vignetten Behrendts bilden einen der Höhepunkte ostdeutscher Buchkunst — und ich war von Bertrams Idee begeistert. Der Grafiker schlug mir überdies vor, dem Bären ein Buch in die Hand zu geben, weil ich sowohl als Autor tätig bin als auch Bücher mache. Er sandte mir drei Zeichungen, die Behrendt in Absprache mit Bertram angefertigt hatte, und die sich vor allem in der Statur des Bären (schlank bis korpulent) und in seinem Gesichtsausdruck unterschieden. Mit Bedacht wählte ich eine aus, welche sodann von Hans-Joachim Behrendt in den Holzstich umgesetzt wurde.
Der namhafte Holzstecher, der heute vor allem Medaillen sticht und sich ins Holz erst wieder einarbeiten mußte, sandte Bertram und mir nach einigen Monaten einen ersten Abzug des Stichs mit dem Vermerk, er werde an Details noch arbeiten. Axel Bertram zeichnete Korrekturen an den Buchstaben ein, ich hatte keine weiteren Bedenken und freute mich nur riesig. Der Bär hatte schon die von Weisheit und Humor milde gemachten Züge meines ernsthaften Plüschtiers. Und gefiel mir auch ansonsten ausnehmend gut. Das Zeichen ist übrigens nur 28 mm hoch.
Behrendt schnitt den Bären fertig, und eines Tages, nachdem wohl ein Jahr dahingegangen waren, bekam ich das Päckchen mit dem hölzernen Druckstock. Oh Freude! Welch ein Meisterstück! Axel Bertram gratulierte, nachdem er die Abzüge gesehen hatte, es war noch besser als wir es uns gewünscht hatten. Man beachte die Zeichnung des Fells, die Wirbel der Locken, die sehr menschlichen, fabelhaften Augen, die Seiten des Büchleins in des Bären rechter Tatze, auf denen sogar Zeilen angedeutet sind, den gedrehten Griff des Degens, die Hohlkehle in der Klinge, die Linienführung der Umrandung, die renaissancetypischen Buchstaben, und bei all dem vor allem die Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit eines ernsten und freundlichen Bären mit stattlicher Statur, wie sie nur ein Meister dieser selten gewordenen Kunst darstellen kann.
Hans-Joachim Behrendt sagte mir, daß dieses Hartholz 5000 Druck mühelos aushalte, aber ich bin so besorgt um den Erhalt des Stiches, daß ich meinen Gebrauchsgrafiker-Kollegen Frank Ortmann gebeten habe, das gedruckte Zeichen zu scannen, zu retuschieren und als Datei anzufertigen, um eine Ätzung davon machen zu lassen.
Zu früheren Zeiten konnte man Holzstöcke in Wachs drücken und den Abdruck galvanisieren. Die sich auf dem Wachs gebildete galvanische Kupferhaut wurde mit Typometall, also einer Bleilegierung, ausgegossen, fertig war das Duplikat. Diese Technik gibt es für die Herstellung von Druckstöcken nicht mehr. Ich werde berichten, was wir mit gegenwärtiger Technik auszurichten vermögen.
— Martin Z. Schröder
