Englisch danken
Ein Dankeskärtchen in deutscher Sprache zu drucken, steht noch aus. Der Satz ist fertig, aber ihn in Farbsätzen zu drucken, fehlt mir die Zeit. Nun erreichte mich aber eine Anfrage aus England, ob ich wohl ein ähnliches Kärtchen als Note of thanks in einer kleinen Auflage drucken könnte. Ganz kleine Auflagen werden recht teuer, deshalb werde ich eine größere drucken und die Thank-you notes hier anbieten.
Noch bastele ich am Entwurf. Zum Einsatz kommen wieder die Meister-Ornamente. Herbert Thannhaeuser (1898–1963) hatte um 1940 die Entwürfe zu seiner Meister-Antiqua fertiggestellt, erst 1953 wurde sie von der Schriftgießerei Typoart gegossen. Ich nehme an, daß die Meister-Ornamente auch von H.Th. sind und zu dieser Schrift gehören, sie kommen aus derselben Gießerei. Aber genau weiß ich’s nicht und wäre dankbar für kenntnisreiche Verbesserung.
Im Jahr 1953 erschienen ebenfalls bei Typoart die Erler-Versalien, die hier für die Worte zum Einsatz kommen. Im Entwurf sind sie noch nicht genau ausgeglichen, auch die Ornamente stehen noch nicht genau. Und die Ornament-Reihe unter dem Text sollte ich wohl so ordnen wie die darüber. Eine digitale Neuinterpretation der Erler-Versalien bietet der Schriftentwerfer Andreas Seidel an, sie heißt Missale Incana und enthält ein versales Eszett.
Auf der Seite typografie.info im Typo-Wiki ist zu lesen, die Schrift sei nach dem Stempelschneider-Meister Otto Erler benannt. Leider wird keine Quelle für diese Information genannt. Es gab auch einen Dramatiker Otto Erler.
Zweifarbig soll das Kärtchen gedruckt werden, dafür habe ich ausprobiert, in welche Richtung es gehen könnte mit der Farbigkeit. Von Anfang an schwebte mir für den Text ein rötlich leuchtendes Blau vor und für das Ornament ein ins rötliche gehende Braun. Mit Buntstiften versuche ich, mir Klarheit zu verschaffen, denn wenn die zweite Farbe gedruckt wird, ist es für einen Wechsel schon zu spät. Im alten Handwerk ist man stärker auf Skizzen und Erfahrungen angewiesen, man kann nicht fix einen Ausdruck machen und Wirkungen testen. Aber das ist ja auch mit neuer Technik schwierig, weil beispielsweise Offsetdruck auf Originalpapier anders aussieht als ein Ausdruck vom Rechner.
Da sich diese Akzidenz noch im Entwurf befindet, würde ich kritischen Anregungen meiner geschmackssicheren und fachkundigen verehrten Leserschaft keinesfall mit gerunzelter Stirne begegnen.
Der Preis für so ein Thannhaeuser-Kleinod auf Echt Bütten im Format 65 × 100 mm (Visitenkarte in Übergröße) wird bei 2,20 Euro inklusive gesetzl. MWSt. und zuzügl. Versand liegen (kann aber auch in der Berliner Werkstatt direkt erworben werden). Erreichten mich in den kommenden Tagen weitere Bestellungen, erhöhte ich die Auflage und sänke infolgedessen der Preis (von dem in England mancher jetzt schon meinen würde, er sei in Asien kalkuliert worden).
tags: danksagung, erler-versalien, thank you notesKommentare [7]
Och, Kugeln
Wieder ein neuer Druckbogen vom Atlas van de nieuwe Nederlandse vleermuizen von Max Goldt. Übrigens wird das Fleerrrmoisen ausgesprochen, mit rollendem rrr. Und wenn das so rollt, dann hört man fast ein deutsches „Fleder“ darin. Hört sich sowieso sehr gut an; wer einen Niederländer oder Belgier oder eine Niederländerin oder eine Belgierin oder einen Arubaner oder eine Arubanerin oder einen Surinamer oder eine Surinamerin oder jemanden von den Niederländischen Antillen oder sonstwoher kennt, der diese Sprache spricht, sollte sich von diesem oder dieser oder jenem mal Nederlandse vleermuizen aufsagen lassen.
Der Druckbogen wirkt wie fast immer unspektakulär und seltsam zugleich, denn es sind ja keine echten Doppelseiten, die gedruckt werden. Doppelseiten werden es erst beim Binden. Das erste Foto also zeigt den Druckbogen von gestern, ein dunkles Grün habe ich dafür gemischt. Auf dem zweiten Foto ist die Druckform zu sehen mit den beiden schräg laufenden Zeilen. Das ist ja immer etwas fummelig, man muß den Schließrahmen genau verkantet füllen, so daß die Form hält, aber
nur das schräg bleibt, was schräg gedruckt werden soll. Früher haben Setzer und Drucker in solchen Fällen die Form gemeinsam geschlossen. Schließform heißt dieser Rahmen mit Inhalt, weil die Form mit Keilschlössern befestigt wird, auf dem Foto hier abgeschnitten. Ein andermal mehr dazu. Das dritte Foto zeigt eine wirkliche Doppelseite, wie sie später im Buche steht. Hier läßt sich der Satzspiegel ahnen. Er gleicht haargenau dem des ersten Buches, die Konstruktion wurde via Tschichold aus der Gutenberg-Bibel geklaut. Also: der Typograf Jan Tschichold hat, wie viele vor ihm, gemerkt, wie sich die Proportionen in den
mittelalterlichen Büchern, die Seitenverhältnisse, die Verhältnisse der Buchseite, die der Kolumne und die zwischen Seite und Kolumne, also bedruckter Fläche, ähneln und hat ein Konstruktionsprinzip dahinter vermutet. Er hat etliche Handschriften nachgemessen, an denen sich die Inkunabeldrucker orientiert haben. (Inkunabel – Wiege, Windel; aus der Wiege des Buchdruckes; alle Drucke von 1440 bis 1500 werden Inkunabeln genannt.) 1953 gelang es Tschichold, den „Goldenen Kanon der spätgotischen Buchseiteneinteilung“ zu rekonstruieren. Er hat das in seinem berühmten Aufsatz „Willkürfreie Maßverhältnisse der Buchseite und des Satzspiegels“, dem die schöne Formulierung entnommen ist, ausführlich dargestellt (J. Tschichold: Schriften 1925 – 1974, Brinkmann & Bose, Berlin 1992). Seither fehlt diese Unterrichtung in keiner vernünftigen Schrift über Buchtypographie. Die Neunteilung der Buchseite in Höhe und Breite hat Tschichold in der nach dem französischen Baumeister Villard de Honnecourt genannten „Villardschen Figur“ wiederentdeckt: „Die letzte und schönste Bestätigung für die Richtigkeit meines (…) Ergebnisses gewährt mir (…) die (…)
Villardsche Figur. Dieser noch wenig bekannte, wahrhaft erregende gotische Kanon bewirkt harmonikale Teilungen und kann in jedem beliebigen Rechteck errichtet werden.“ (ebd.) Ich hab das vor zehn Jahren in meinem ersten (und dafür recht meinungsstarken) Zeitungsartikel über Typografie etwas genauer dargestellt und begnüge mich daher hier nur noch mit einem Hinweis auf den Text in der Manuskriptfassung: Anmut – Berliner Zeitung 1989.pdf
Der zweiten Doppelseite sieht man den Satzspiegel nicht an, die rechte Seite geht oben sogar darüber hinaus. Ich nehme mir in diesem Buch etwas mehr Freiheit für die typografisch spielerischen Abteilungen. Das folgende Bild zeigt die drei Schriften, die auf dieser Doppelseite zusammenfinden. Links eine 1980er-Jahre-Parole aus den Schriften Neon (Erstguß 1935) und Forum (1948) mit der Futura, rechts ein
längeres Gedicht dazu aus der Zentenar-Fraktur. Das Foto darauf zeigt ein Detail der Satzform der linken Seite. Die Neon ist schon etwas abgenudelt, wurde offenbar gern eingesetzt, vermutlich für Reklame. Da die Schrift wegen der fetten Form ohnehin etwas mehr Druck braucht und nicht besonders empfindlich ist, kann ich damit aber noch ausreichend gut drucken. Sogar das kleine Loch im Schaft des B verschwand im Druckbild.
Nächstes Bild: Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, fünfmal ein OCH untereinander zu setzen: Kugeln, Halbkugeln und eine Leiter. Die Schrift heißt Largo und wurde 1950 erstmals gegossen. Durch die Umrisse verdoppeln sich die Kugeln. Weil durch diese Abweichung von der Mittelachse die traditionelle Form ohnehin gestört war, habe ich den Schmuckrahmen aus den Meister-Ornamenten geöffnet.
Die Schriftsetzer werden hier sehen, daß mich eine Handwerksregel wenig interessiert: das kleinste Blindmaterial innerhalb einer Zeile wird immer nach innen gesetzt, an die Schrift. Durch dieses System ist es immer einfach auszurechnen, wieviel Blindmaterial in einer Zeile liegt. Außen muß immer großes Material liegen, damit es nicht umfällt, wenn die Zeile einmal seitlich frei steht und nicht durch Steg oder Kolumnenschnur gehalten wird und damit es nicht verrutscht in der
Schließform. Meistens halte ich mich an diese Regel, aber diese Zeilen habe ich nachträglich korrigiert und dabei das Blindmaterial nicht an die Schrift gesteckt, um die späteren Korrekturen zu erleichtern. Wenn man die dünnen Spatien mit der spitzen Ahle greift und dabei abrutscht, kann der weiter entfernt stehenden kostbaren Letter kein Unglück geschehen. Das Loch in der Form hätte ich ausfüllen können, genau ein Geviert von Nonpareille (6 Punkt) paßt hinein, aber es hätte hier keine Funktion zu erfüllen, auch ohne dieses Geviert kann kein Teil verrutschen.
Über der Largo steht der Text in der hier schon ausführlich besprochenen Schrift Delphin, die ich hier noch einmal im Bleisatz zeige; drumherum der Rahmen aus Meister-Ornamenten, so ist alles im Duktus der Breitfederzüge gehalten, eine Seite in Renaissance-Charakter also.
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Dialekte der Handschriften
Gestern wurde in der Buchkunststadt Leipzig der Walter-Tiemann-Preis an den Berliner Typografen Florian Hardwig verliehen, der hier von Anfang an gelegentlich kommentiert, ohne daß ich von seiner Arbeit wußte, die er verfaßte über die Dialekte unserer Handschriften, aus denen die Spuren des
Schulunterrichtes nicht verschwinden. Ich bekam Gelegenheit, mit Herrn Hardwig zu sprechen und die Arbeit, von der es bislang nur fünf Exemplare gibt, einige Tage anzuschauen und auf Bitte der Redaktion für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung darüber zu schreiben. Einerseits ist eine solche Arbeit höchst interessant, andererseits lese ich aber meist Sekundärlitertur dazu und schnüffele ein wenig in den Quellen herum, die in dem zu besprechenden Werk genannt werden, was mich dann vom Drucken abhält.
Florian Hardwig meint zwar, man könne Graphologie überhaupt nicht ernst nehmen, aber diese Bücher liefern ja nicht nur Anweisungen darüber, welche Züge der Persönlichkeit man aus denen der Schrift lesen könne, auch hier findet der Schulunterricht breite Erwähnung. Dazu habe ich wieder einmal und mit ungebrochenem, etwas grimmigem Vergnügen den Vortrag “Das Kind und die Schrift” von Gerrit Noordzij gelesen, der im Netz hier als PDF vorliegt, sowie die höchst sympathische Anleitung für eine großartige neue Schulschrift von dem Schriftentwerfer Hans Eduard Meier, der mit der Schrift Syntax sehr bekannt wurde, im Netz an dieser Stelle als PDF greifbar.
Einen Vortrag gibt es auch von Florian Hardwig über seine Arbeit, er hat ihn vergangenen Herbst auf einer Konferenz gehalten, dieser Vortrag ist, ebenfalls als PDF, hier zu finden. Das Magazin PAGE hatte schon ein paar Monate zuvor darüber berichtet, diesen Artikel verlinke ich auch, dazu kann man sich Fotos anschauen, die der Autor von seiner Arbeit gemacht hat, die liegen an dieser Stelle.
Und wer jetzt der Links und Lektüren nicht überdrüssig ist, kann noch meinen gestern in der Süddeutschen Zeitung erschienenen Text lesen, den ich meiner Online-Auswahl beigesellt habe.
Das erste Foto hiesigen Beitrages hat Florian Hardwig gemacht, die zweite Aufnahme mit den Minuskeln e ist von mir. Öffentlich sind beide.
Am Wochenende werde ich wieder am Goldt-Büchlein weiterdrucken, also davon bald mehr.
tags: florian hardwig, gerrit noordzij, handschrift, hans eduard meier, schulausgangsschriftKommentare [2]
