Barmbeker Bleilettern
Meinem Schriftsetzerkollegen Helmut Bohlmann aus Hamburg, der mich neulich in meiner Offizin besuchte, danke ich für eine sehr nette Sendung von Lettern aus dem Handgießgerät. In der grafischen Abteilung des Museums der Arbeit wird mit Besuchern und für Besucher Schrift gegossen, gesetzt und gedruckt. So wie diese Typen sahen vermutlich die
Lettern Gutenbergs aus, der das Handgießgerät erfunden hat. Sie müssen Type für Type tüchtig bearbeitet werden, damit man damit drucken kann. Und das Gießen mit diesem Gerät braucht viel Geschick. Mit dem richtigen Schwung muß die Form ausgegossen werden, weil Blei sehr schnell erstarrt. Wenn zu große Hohlräume in der Letter entstehen, hält sie dem Druck der Presse nicht stand.
Helmut Bohlmann hat mir noch einige Fotos übersandt, die den Einsatz des Handgießgerätes zeigen. Ich kann leider keine Erklärungen geben, die über das hinausgehen, was jeder auf den Bildern sieht, also
das Gerät mit der eingesetzten Matritze,
die Schöpfkelle mit dem flüssigen Blei
und die gegossene Letter. Das letzte Foto zeigt den Schatz, den jede Gießerei hütet: die Matrizen, die das Blei zu Lettern machen. Mir fehlen die Fachbegriffe, und so beschränke ich mich heute auf die Veröffentlichung der Illustration. Noch ein Hinweis in eigener Sache: Meine Offizin ist heute von 15 bis 18 Uhr zwar regulär geöffnet, aber ohne mich, weil ich morgen
einen Kunsttiefdrucker in seiner Werkstatt in Kopenhagen besuche und heute die Kopenhagener Ny Carlsberg Glyptotek anschauen möchte. Frau Spiess wird in der Werkstatt sein, gibt Mustermappen heraus und verkauft auf Wunsch auch Etuis für Visitenkarten oder unsere Kirschbaumschatulle für Briefpapier.
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Johannistag
Seit dem Jahr 1900 wird der Johannistag als der Geburtstag von Johannes Gutenberg begangen. Möglicherweise ist Gutenberg am 24. Juni getauft worden, nur in welchem Jahr, das ist nicht bekannt. Nach den vorhandenen Urkunden muß es um 1400 gewesen sein, und damit man in Mainz den 500. Geburtstag feiern konnte, legte man das Datum kurzerhand fest.
Von einem Ritual, das die Gutenberg-Jünger an diesem Tag begehen, ist mir nichts bekannt. Erwähnen möchte ich den Erfinder meines Handwerks aber schon.
Dazu liefere ich Material zum Geburtstag eines anderen Mannes, meines früheren Chefs. Am 18. August 2000 feierte Buchdruckmeister Günter Rapputan seinen 60sten Geburtstag. Er bat mich, eine Rede zu halten: die Festansprache. Das war eine Ehre, denn es gab viele Menschen, die eine Laudatio auf diesen Mann hätten halten können, die etwas zu sagen gehabt hätten. Er hatte sich für seinen jüngsten Mitarbeiter entschieden. Es gab natürlich eine Reihe weiterer Grußworte und Ansprachen und Trinksprüche an diesem Tag, der direkt neben dem Brandenburger Tor gefeiert wurde. Man konnte auf eine große Terrasse gehen und auf den Reichstag schauen.
Wir trafen uns einige Zeit vorher am Pariser Platz in einem Restaurant, und mein Chef sagte mir, worauf es bei der Rede ankommt: wer sich unter den Gästen befindet, welche Daten genannt werden müssen, welche Anekdoten ich erwähnen darf. Wichtige Gäste kommen zu solchen Anlässen, ein 60ster Geburtstag eines Handwerksmeisters des Rapputanschen Kalibers ist ein halbes Politikum.
Die Rede sollte in einer Textfassung außerdem gedruckt bereitliegen, damit die Gäste ein Exemplar mitnehmen konnten. Mir fiel der Text vor ein paar Tagen zufällig in die Hände, und weil ich sie bis heute für recht anständig gelungen halte, stelle ich sie aus Anlaß des Johannistages meinen verehrten Lesern als PDF zur Lektüre bereit: Geburtstagsrede für Buchdruckmeister Rapputan.pdf
tags: geburtstagsrede, rapputan, redenKommentare [2]
Ein Werpudel
Am Freitag hatte ich wieder erfreulichen Besuch der vier Druckerlehrlinge aus der Freien Grundschule. Der große Pedal-Boston begeistert sie jedes Mal. Robert war hingerissen, als er die laufende Presse von hinten sah, wo die Mechanik mit Wellen und Zahnrädern offenliegt. Ich bin freilich immer in routinierter Sorge: Solange keine Druckform in der Maschine hängt, kann man sich die Finger nicht einquetschen. Außerdem müßten sich die jungen Leute wegen der Kürze ihrer Arme enorm anstrengen, einen derartigen Unfall herbeizuführen. Ich wache trotzdem mit Argusaugen und erinnere gelegentlich an die Regeln über das Bewegen in einer Druckerei. Kinder können sehr schnell sein.
Wir haben am Freitag den zweiten Druckgang für unser Büchlein erledigt, Stella hat Briefmarken perforiert mit der im vorhergehenden Beitrag gezeigten Rillmaschine, die man auch umwandeln kann in eine Perforiermaschine, Moritz hat Papier geschnitten, Jonas den ersten Abzug seiner Briefmarke gedruckt, und gedruckt haben alle. Da wir vierzig Exemplare machen, druckt jeder zehn.
Passiert ist trotz meiner Sicherheitshinweise etwas. Aber erst als die Kinder weg waren. Da hab ich nämlich Lust bekommen auf
einen Linolschnitt und ist mir prompt ein Messer in den Finger geglitten. Aber nicht schlimm, nicht mal ein Pflaster war nötig. Und typisch. Man belehrt die anderen, und sobald man alleine ist, passiert Unsinn. Ich hab überlegt, wie ein Werwolf aussieht, aber martialisch zu zeichnen, hatte ich keine Lust. Wenn sich zahme Menschen verwandeln, dann vielleicht auch in einen Werpudel. Insofern ist das möglicherweise ein Selbstporträt. Die Krone des Wauwaus habe ich noch etwas gekürzt. Mal sehen, ob die Lehrlinge bereit sind, ihn in unser Büchlein aufzunehmen.
Die Schneidemaschine erfreut sich ebenso großer Beliebtheit wie der große Drucktiegel. Hier bleibe ich allerdings immer daneben stehen. Die Maschine ist zwar sicher durch Lichtschranke und erzwungene Zweihandbedienung, aber die Programmierung zu unterrichten, wäre zu langwierig, ist auch nicht Kern der Unterrichtung, man kann
Fehler machen, es kann etwas anderes als Papier unters Messer kommen, ein Lineal beispielsweise, und das würde mindestens das Messer killen, wenn nicht sogar einen Sicherheitsbolzen in der Schneideanlage, den ich nicht alleine auswechseln kann. Und das Messer ist scharf wie eine Rasierklinge. Junge Menschen vergessen manchmal Warnungen, also bleibe ich immer dabei. Auf dem Foto ist Moritz zu sehen, der seine Briefmarken schneidet, und Robert freut sich schon auf nächsten Freitag, wenn er schneiden wird. Einen Schnittrest des selbstklebenden Papiers hat er sich heute als Bauchbinde beschriftet, denn es gab in der Schule eine Ausstellungseröffnung. Tolle Idee, die lebende Litfaßsäule.
Moritz trug ein T-Shirt mit Aufdruck in Fraktur, ich sehe das jetzt erst auf den Fotos. Nächstes Mal muß ich den Gästen etwas von den Schriften erzählen!
tags: kinder