Gib Gummi?
Manchmal besuchen mich ehemalige Buchdrucker. Ich freue mich, wenn ich Tips bekomme, denn ich bin ausgebildeter Setzer, das Drucken habe ich mir selbst beigebracht. Ich habe früher gerne zugeguckt, durfte manchmal auch selbst Hand anlegen und habe Fachbücher gelesen. Der Rest ist Versuch und Irrtum. Also freue ich mich über Tips.
Da kommt einer rein, man redet ein bißchen, der Kollege tritt an die Maschine. “Der Aufzug ist zu hart, mach ihn etwas weicher, schonst du die Schrift.”
Aufzug wird genannt, was hinter dem zu druckenden Material liegt. Also eine Visitenkarte kommt nicht auf den blanken eisernen Tiegel, sondern auf den Aufzug, der aus mehreren Schichten besteht, aus Pappe, Papier und vielleicht auch einem Gummituch.
Wenn einer an die Maschine kommt und mir gleich sagt, was der Aufzug alles angeblich ist, zu hart, zu dünn oder zu weich, ohne daß er die Druckform kennt, winke ich innerlich schon ab und ziehe nur noch ein freundliches Gesicht. Und ich frage mich, was da wieder für ein Experte vor mir steht und ob der seinen Gesellenbrief wohl aus einem Knobelbecher geklaubt hat. Denn der Aufzug muß immer an die Druckform, ihre Größe und Beschaffenheit angepaßt werden.
Ein weicher Aufzug enthält ein Drucktuch, eine Art Gewebe oder ein Gummituch oder ein Tuch, das aus Gewebe und Gummi besteht. Der harte Aufzug besteht nur aus Glanzpappe oder Karton und Papier. Man kann aber auch in einen harten Aufzug derart viel Papier stopfen, daß er “schwammiger” wird als ein weicher. Eine Weile dachte ich, daß es sich um eine Glaubensfrage handeln muß, weil mir Buchdrucker alles mögliche erzählten und sich widersprachen und ich nicht wußte, wer nun recht hat.
Dann aber habe ich meine Nase noch einmal ins Lehrbuch für Buchdrucker gesteckt und mir die ganze Sache zum x-ten Male genau angesehen. Der Haken ist der: Wenn man eine kleine Fläche auf eine größere drückt, wird sich der Rand der kleinen Fläche desto mehr einprägen, je weicher die große Fläche ist. Hat man zum Beispiel einen kreisrunden, ausgefüllten Stempel mit Farbe versehen und drückt ihn auf eine weiche Lage Papier, so wird der Kreis außen scharf ausdrucken und innen vielleicht gar keine Farbe übertragen. Man muß also den Druck so lange erhöhen, bis der Kreis auch innen voll ausgedruckt ist, wobei man aber den Druck auf die Außenkanten enorm verstärkt.
Wenn man eine Fläche aus Buchstaben druckt, eine Kolumne, sorgt der weiche Aufzug mit hohem Druck dafür, daß alles gut zu lesen ist. Nimmt man einen harten Aufzug, werden jene Buchstaben, die stärker abgenutzt sind als andere, nicht drucken. Der weiche Aufzug reguliert diese Unregelmäßigkeiten. Aber die Außenkanten der Fläche nützen sich dabei sehr stark ab. Der harte Aufzug macht mehr Arbeit: Die schlecht druckenden Stellen müssen auf dem Aufzug und hinter der Druckform zugerichtet werden. Schichtenweise wird feines Seidenpapier hinter Aufzug oder Schrift oder beides geklebt, um den Druck an bestimmten Stellen zu erhöhen und insgesamt den Druck der Flächen aufeinander zu egalisieren. Das kostet Zeit — und Nerven.
Neulich brachte mir ein sehr sympathischer Buchdrucker im Ruhestand Gummitücher mit und erklärte mir, wie er sie einsetzte. Er hat erst ein Gewebe in den Aufzug gelegt, das Gummi enthält, dann ein Gummituch mit einem Gewebekern und darüber eine harte Folie, damit der Aufzug elastisch ist, aber zugleich an der Oberfläche hart bleibt zur Schonung der Schrift. Das hörte sich großartig an, und ich stellte den Aufzug so her.
Man merkt einer Schrift nicht gleich an, wie stark sie abgenutzt wird und sich die Serifen (Füßchen an den Buchstaben) abrunden bis sie verschwinden. Dazu braucht es mehr als ein paar hundert Drucke. Wie der Aufzug auf die Schrift wirkt, sieht man aber an der Schattierung. So wird das Relief genannt, das sich auf der Rückseite des Druckbogens durch die leichte Prägung der Buchstaben abzeichnet. Die Schattierung auf einem 300g/m² starken und mit hohem Volumen versehenen Karton darf praktisch nicht zu sehen sein. Man prüft sie, indem man die Karte in einem spitzen Winkel ins Licht hält, so daß die Erhebungen theoretisch lange Schatten werfen müßten. Schatten wären freilich katastrophal, man darf nur Andeutungen von Erhebungen erkennen. Nun hatte ich mit meinem harten Aufzug aus Karton und Papier nicht einmal Andeutungen von Schattierung auf der Rückseite der Karte, wohl aber mit dem weichen Aufzug aus zwei Tüchern und der Folie. Die Erfindung ist also für Schriftdruck untauglich, weil man trotz der harten Folie mehr Druck geben muß, damit die Schrift scharf und komplett ausdruckt.
Im Bilderdruck kommt man ohne Gummituch kaum aus, aber für Schrift werde ich sie tunlichst meiden. Ich kenne die Schriften aus solchen Druckereien, wo man auf die Schattierung nicht achtet. Man richtet den Bestand binnen weniger Jahre zugrunde. Die Schriften sehen auf den ersten Blick gut aus, haben wenig Farbe gesehen und wurden keine tausendmal gedruckt. Erst unter der Lupe erkennt man den Schaden: die Serifen sind wie abgeschliffen. Meine Schriften verwende ich zum Teil seit fünfzehn Jahren und kann damit immer noch excellenten Ausdruck herstellen.
Ich frage mich nur: Warum gab es früher so wenige wirklich gute Drucker? Ich habe, als ich angestellter Setzer war, einen Kollegen gehabt, der ausgezeichnet druckte und mir manchen Trick zeigte, und ich hatte auch schon Drucksachen von Kollegen aus anderen Druckereien in der Hand, auf denen die Schattierung nur als Hauch zu finden war. Aber oft bekommt man Akzidenzen in die Finger, die schon fast als Prägung durchgehen können. Und dann denke ich mir: So, Kollege, richtest also deinen Schriftenbestand und damit immerhin auch heute unersetzbares Kulturgut zugrunde und bist auch noch stolz drauf. Und dann möchte ich nur noch das Weite suchen.
Übrigens kann man eine deutliche Prägung erreichen, ohne die Schrift zu quälen. Man nimmt ein sehr weiches Papier, am besten Echt Bütten, und macht es naß. In der Presse schmiegt es sich fast von allein um die druckenden Elemente. Man muß den Druckbogen hinterher allerdings unter Preßdruck trocknen, so wie Tiefdrucker das mit Kupferstich oder Heliogravüre und dergleichen machen. Der Aufwand wäre für Akzidenzen zu hoch, und das Ergebnis ist in meinen Augen auch fragwürdig. Berufsbedingt betrachte ich geprägte Akzidenzen als Kitsch, da bin ich bis in den Geschmack hinein meinem Beruf und seiner Historie verpflichtet: In Gutenbergs Werkstatt wurden die nassen Druckbogen geglättet, später verwendte man dazu Wäschemangeln, weil man ja noch die Rückseite bedrucken mußte. Um Namen von Menschen dreidimensional wiederzugeben, gibt es Steinmetze. Zu Lebzeiten wirkt der geprägte Name so lächerlich wie ein goldener Anzug.
Der freundliche Kollege mit den Gummitüchern, die ich für Bilderdruck einsetzen werde, hat mir auch noch einen Trick beim Bronzieren verraten. Über das “Vergolden” dann beim nächsten Mal mehr.
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Lektüren
Dieses Blog erfüllt diverse Aufgaben, eine davon besteht darin, die Werkstatt eines Handwerkers zu öffnen, der sich darüber klar ist, daß er mit seiner Technik nicht nur produziert, sondern auch Anachronismus inszeniert.
In der Zeit, aus der meine Technik stammt, entsprach sie der Alltagsnorm. Jede gewöhnliche Akzidenzdruckerei war vor hundert Jahren so ausgestattet wie meine Werkstatt. Man hielt sich viel weniger mit Entwürfen auf, es wurde hintereinander weg produziert, wahrscheinlich mit einer Presse mehr und insgesamt mindestens drei Personen. Es gab ein ständiges Kommen und Gehen wie heute im Copy-Shop. Die Kundschaft kam aus den umliegenden Straßen, die Produkte waren für jedermann erschwinglich und hatten keine Besonderheit an sich.
Die Maschinen, die damals einen solchen Betrieb bewältigten, dienen heute zur Herstellung besonderer Drucksachen. Das fiel mir neulich erst wieder auf, als ein Kunde vom Offsetdruck als der konventionellen Drucktechnik sprach. Bleisatz und Buchdruck sind heute eben nicht mehr konventionell. Auch der Mensch in dieser Technik hat einen künstlichen, einen historisierenden Raum geschaffen. In diesem Blog soll man anschauen können, wie so etwas vor sich geht. Wie produziert wird und dazu auch, auf welchem geistigen Fahrwerk sich so ein Betrieb bewegt.
In einer umfassenden soziologischen Beschreibung würde auch das private Leben des Druckers dargestellt werden, aber so weit möchte ich nicht gehen. Sinnvoll erscheint mir, gelegentlich die Lektüren zu notieren, aus denen der Drucker seine Haltungen reproduziert. Also schreib ich mal auf, was ich derzeit lese.
Ich gehöre zu den Leuten, die ihre Nasen meistens in mehrere Bücher zugleich stecken. Es gibt auch Phasen, vor allem wenn es sich um umfangreiche Werke handelt, da lese ich nur ein Buch oder nur einen Autor. Ich habe in den letzten Jahren Lektüremonate gehabt, in denen las ich alles von Truman Capote, alles von Patricia Highsmith, alles von Emmanuel Bove, alles von Adalbert Stifter, vieles von Jeremias Gotthelf. Im Frühjahr war ich ein paar Wochen damit befaßt, den „Stillen Don“ von Michail Scholochow zu lesen.
Derzeit liegen drei Bücher auf Leseplätzen:
Walter Klier: „Leutnant Pepi zieht in den Krieg“. In Scholochows Kriegsroman tauchen die Österreicher nur als Feinde auf, vor denen man wegläuft oder die man jagt. Walter Klier hat die Korrespondenz seines Großvaters aufgearbeitet und durch zeitgeschichtliche Darstellungen und Zeitungsartikel ergänzt. Der zivilisatorische Abstand zwischen der Lebensweise eines Donkosaken und einem Innsbrucker Studenten und Bergsteiger, der als junger Offizier in den Krieg zieht, haut einen glatt um. Das Buch von Klier erinnert sehr an Kempowski, solche vollständig rekonstruierten Biographien in Briefen sind beeindruckend.
Tom Wolfe: „Mit dem Bauhaus leben“. Eine kritische Schrift über das Bauhaus hatte ich zuvor nicht in den Händen. Inzwischen ist mir die ganze Angelegenheit höchst suspekt geworden, jetzt sehe ich es auch als ersten Schritt in die Ghettoisierung sozialer Schichten. Man kann sozialen Wohnungsbau verstehen als: wir bauen billig für arme Leute – so entstehen abgeschlossene Armutsgebiete. Und man kann sozialen Wohnungsbau als Schichtendurchmischung in Stadtteilen begreifen, hier bekommt das Wort „sozial“ einen vernünftigen Sinn. Auf Abbildungen zeigt Wolfe überdies Bauhaus-Häuser von erschreckender Häßlichkeit; seine Kritik ist ein furioses Donnerwetter. Schöne Villen für reiche Leute, entsetzliche Gefängnis-Blocks für Underdogs. Aber es geht noch schlimmer — wenn das Bürgertum sich das Rückgrat brechen läßt. Tom Wolfe: „Jede große Anwaltskanzlei in New York zieht ohne einen Mucks des Protests in eine Glas-Schachtel von Bürogebäude mit Fußböden aus Betonplatten und 2,35 Meter hohen Decken aus Betonplatten und Verputz-Wänden und Pygmäen-Korridoren – und verpflichtet dann einen Innenarchitekten und gibt ihm einen Etat von Hunderttausenden von Dollars, damit er das gemeine Würfel- und Gitterwerk in die horizontale Vision eines Stadtpalais der Restaurationszeit verwandelt. Ich habe gesehen, wie die Zimmerleute und Kunsttischler und Ansorgerinnen mehr Gesimse heranschleppten und Beschläge und Pilaster, geschnitzte Kokillen und Pendentifkuppeln, mehr gefältelte Täfelungen, mehr Kamine mit mahagonigeschnitzten Obstgirlanden über dem (feuerlosen) Feuerloch, mehr Kandelaber, Lichthalter, Armleuchter, Sofas aus Kastanie und Leder, mehr Standuhren, als sich Wren, Inigo Jones, die Brüder Adam, Lord Burlington und die Dilettanti zusammengenommen je hätten träumen lassen. Sie ziehen ein, ohne ‚piep’ zu sagen –, obwohl die Glas-Schachtel sie alle entsetzt.“ So lustig ist das ganze Buch, subjektiv gehässig und vollgestopft mit Beispielen und Fakten.
Gustav Seibt: „Deutsche Erhebungen. Das Klassische und das Kranke“. Eine Sammlung von vierzehn Essay des Feuilletonisten und Historikers, wie sie sich schöner kaum denken lassen. Er erzählt die Geschichte des Brandenburger Tors, die des Wörlitzer Gartenreiches und über Goethes Teilnahme am Feldzug in der Champagne. Wie Michelangelo gesehen wurde, Humboldts Universität zugrunde geht, warum er Rudolf Borchardt verehrt. Warum der Münchener Leitartikler Erwein von Aretin, der keine Angst hatte, noch 1933 gegen Hitler zu schreiben und dafür ins KZ gesteckt wurde, nicht vergessen werden sollte, er berichtet über den Briefschreiber Golo Mann und über den Historiker und Feuilletonisten Joachim Fest, unter dem Seibt Literatur-Redakteur der FAZ war, über seinen Professor Arno Borst, der wunderbare Bücher über das Leben im Mittelalter geschrieben hat usw. usf. Bezaubernd ist dieses Buch und als Genie bewundere ich seinen Autor, weil er dem Leser das Betätigungsfeld eines Intellektuellen erschließt wie einen Garten. Für einen wie mich ist es ein Urwald, aber Seibt nimmt seinen Leser an die Hand und öffnet hier ein Gatter und dort ein schmiedeeisernes rostiges Tor und zeigt einem verborgene Blumenbeete und Plantagen mit sonnengereiften Früchten. Und darunter liegt dann noch ein Weinkeller! Und das alles für schlappe 16 Euro im festgebundenen Taschenformat — ich hab keine Ausrufezeichen mehr.
Soweit der Lektüre-Ausflug, im nächsten Eintrag geht es wieder um eine handfeste Drucksache – im Wortsinne: um den physikalischen Druck in der Presse.
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Zitate und Brüche
Mir fehlt zwar jetzt die Zeit für einen längeren Text über die Typografie des Goldt’schen Atlas’, aber ein paar „Lesehilfen“ möchte ich stichpunktartig geben. Dieser Blog-Eintrag ist für die Leser des Büchleins geschrieben, wenn man es nicht vor sich hat, bleibt er unverständlich. Ist leider nicht anders zu machen — ich bitte um Verständnis.
Der Haupttitel und das Frontispiz (frontispicium = Vorderansicht; aus frons [lat. Front] und spicere [sehen]): Der Haupttitel ist typografisch durch die Schrift Walbaum und die Stellung der Zeilen auf horizontale Mittelachse klassizistisch, die Farbstellung schwarz rot findet man bereits in handgeschriebenen Büchern, rot ist die klassische Zweitfarbe der Buchkunst. Weil die Titelei kein reines Zitat sein soll, wurde dem Haupttitel ein Spezialkringel im Frontispiz vis-à-vis gestellt. Der Kringel bricht durch seinen Strich (Kugelschreiber, kontrastlos) mit dem Duktus der Schrift (Fett-fein-Kontrast). Der Künstler, der diese Zeichnung eigens anfertigte, ja sogar eine ganze Auswahl verschiedenster Spezialkringel, aus denen ich mir in einem zwei Stunden währenden Schau- und Denkprozeß den gedruckten aussuchte, wird im Impressum genannt.
Seite 5: Lichte Futura zur Unger-Fraktur; Figur aus Schrift- und Setzkastenelementen. Die Dadaisten waren die ersten, die sich solche Frechheiten trauten und neue typografische Bilder auch durch Stilmischung schufen. Die Fraktur ist die Schrift der deutschen Leser seit dem frühen 16. Jahrhundert, die es in ihren Büchern auch gemütlich und romantisch haben möchten. Ich kann Adalbert Stifter nur in Fraktur genießen. Die Serifenlose ist die Schrift des Industriezeitalters, der Sachlichkeit und des Konsums. Eine lichte Serifenlose mit ornamentalem Charakter wird vor allem für Reklame eingesetzt, also für Verbrauch, für den gierigen materialistischen Menschen der Revolutionen und des Fortschritts.
Seiten 6/7: Solemnis in rot, Walbaum schwarz. Unziale mit Klassizistischer, hier werden von links nach rechts 1500 Jahre Schriftgeschichte übersprungen, grob gerechnet. Wobei die Unziale eine modernisierte Form hat, sie ist keine Originaltype des 6. Jahrhunderts. Im Text geht es darum, daß manches nicht altert. Die Schönheit des (eigenen) menschlichen Fußes überwindet alles mediale Rauschen.
Seite 8: Renaissancehafter Rahmen aus Linien, Renaissance-Type (Garamond), dazu Telefone und @-Zeichen als Schmuck in den Ecken. Es klingelt und fiept in den Ecken wie das Privatfernsehen im Text.
Seite 9: Rahmen aus renaissancehaftem Schmuck, dazu passende Schrift, dann im Text ein Umschlagen ins Dekorative, weil Phonetik der Sprache in der Schrift ein Ornament abbildet, betont durch die lichte Largo: ein O besteht in der lichten Type aus zwei Kullern. Und visuell rhythmisiert durch Abweichen von der Mittelachse. Da geht auch gleich ein Element des Rahmens aus der Angel.
Seite 10: Typografische Malerei gewissermaßen. Eine Fläche entsteht durch Begrenzungen, ein florales Zier-Stück wird zur Speise. Das ist eine ganz regellose Seite, auch aus der Dada-Tradition, nur eben im Satzspiegel der Gutenberg-Bibel.
Seite 11: ein Dialog, dessen zweite Stimme erst im Kopf des Lesers entsteht, dargestellt durch kleine Wellenelemente. Zu der Seite gibt es nicht viel zu sagen. Amorphe Satzgestalt, fast alle Zeilen haben einen eigenen Anfangspunkt, nur die linke Satzkante wird stabilisiert durch dreieinhalb Anfänge auf einer Höhe.
Seite 12: Das Oval im Spitzfeder-Duktus ist natürlich der Rahmen des Textes im Badezimmer. Wer in der Seite ein Gesicht erkennt, in dem ein Auge zugekniffen wird, liest die Intention des Gestalters.
Seite 13: So ein wilder Text von so kreischenden Gegensätzen brauchte eine typografische Entsprechung: klassizistisch-strenge Fraktur mit holpernder Schreibschrift. Hier wird versucht, unsere geistige Verfassung zu untergraben, den moralischen und bürgerlichen Boden des Deutschlands unserer Zeit aufzuwühlen, und wer ein Beispiel für die Erklärung von Ironie braucht, ist mit Text und typografischer Umsetzung wohl nicht schlecht bedient. Ich habe alle Texte des Büchleins sehr, sehr oft gelesen, sicherlich mehr als hundertmal. Bei diesem hier brach ich noch beim Drucken immer wieder in Gelächter aus. Und nach dem Drucken taten mir nicht nur die Beine weh, sondern auch das Gesicht vom langen Grinsen. Gut, daß mir dabei keiner zusehen mußte.
Seiten 14/15: Dramensatz in klassischer Vollendung bis in alle mikrotypografischen Details. Zwei Schriftschnitte (gerade und kursiv), Versalien ausgeglichen und leicht gesperrt, einen Grad kleiner als die Textschrift, enger Blocksatz in mustergültiger Satzweise mit Randausgleich (Bindestriche und Kommas stehen über die Satzkante hinaus). Optimale Schriftmischung: Anglaise mit Walbaum, klassizistisch, Spitzfeder-/Kupferstichduktus. Ich würde gern die Überschrift in der Mitte über den Bundsteg näher aneinanderstellen, aber nun ist es zu spät dafür. Meine erste Lieblingsdoppelseite.
Seiten 16/17: Echte Doppelseite wird die Seite genannt, bei der auf einem Druckbogen zwei nebeneinanderliegende Buchseiten ebenfalls nebeneinander stehen und nicht erst durch die Bindung zueinander kommen. Dreifarbig: grüne Schrift, violette „Knöpfe“, brauner Faden. Schriften: Pinselschrift Reporter mit Futura. Akzentuierung und leichte Verwirbelung durch Mischung der Schriftschnitte rechts. Figürliche Textfläche, vor dem Satz digital skizziert. Die Skizze wurde mit senkrechten Linien versehen, um sie im Bleisatz exakt nachbauen zu können. Früher hätte man den Text erst glatt abgesetzt, dann eine Skizze geklebt, darauf den Satz neu zusammengebaut, enormer Aufwand. Meine zweite Lieblingsdoppelseite.
Seite 18: Schlüpfrige Lyrik, deren Subtext typografisch eine dritte Strophe bekommen hat. Unten eine auf den Kopf gestellte Ziffer als ornamentales Gegengewicht zur verschnörkelten Überschrift.
Seite 19: Typografische Komik gibt es. Der „O-Ton“ einer Mitarbeiterin einer „sozialen Brennpunkteinrichtung“ in einer arg verschnörkelten Ziergotisch.
Seite 20: Schrift als Ornament. Ein Gedicht in Form eines umsinkenden Kreuzes auf einem Grabhügel. Ob das außer mir noch jemand sieht? An dem Entwurf zweifle ich etwas. Ich finde ihn ja schön, aber ob meine Idee den Leser erreicht? Der Entwurf hat aber einen gravierenden Mangel, den ich nicht rechtzeitig erkannt habe. Kommt jemand drauf?
Seite 21: Rundfunkmanuskript mit hereingereichten Zetteln. Daß manche Texte wirken, als seien sie für den Satzspiegel auf die Zeile genau geschrieben worden, liegt an der Schriftwahl, also der typografischen Bearbeitung.
Seiten 22/23: Typografische Aufteilung eines Textes in seine Bestandteile, Hervorhebungen, typografisches Zitat, also eine zitierte Zeitungs-Überschrift mit dem Gesicht einer Zeitungsüberschrift, akzentuiert durch ein Initial, das sie zum Text macht, weil sie als Text zu lesen ist. Wirr? Na ja, typografisches Denken geht mitunter auch um Ecken. Rechts ein Textblock in Kleinschreibung mit Randausgleich und eingebautem Initial. Weil das Q der kursiven Garamond so einen schönen Schweif hat. Als ich das setzte, wußte ich schon, daß man sich von so etwas eigentlich nicht leiten lassen darf, aber wenn ich doch nun einmal das kursive Q der Garamond setzen kann!
Seiten 24/25: Die achtziger Jahre sind schon so staubig, daß man eine Fraktur einsetzen kann, wenn man ein Punk-Gedicht zitiert, oder?
Seite 26: Sogar eine dreiviertelfette Futura ist durchrüttelbar. Wie zu beweisen war.
Seite 27: Selbst eine gewöhnliche Plattheit wird komisch, wenn man sie ins rechte Licht setzt und sich Zeit nimmt, sie zu lesen. Viel Zeit, denn man muß das ganze Büchlein dafür mehrmals drehen. Aber es lohnt sich.
Seiten 28/29: Zentenar-Fraktur und schmalmagere Futura sind ähnlich hochaufgeschossen, also eng und schmal. Die beiden Zeit-Vorstellungen im Text, also in der Gegenwart erinnerte Vergangenheit, werden in den harmonisch beieinander stehenden und dabei stilistisch so verschiedenen Schriften gespiegelt.
Seite 30: Ein Text als Rahmen für ein Ornament aus Schrift. Und wie bringt man Spannung in eine Fläche? Dafür gibt es Regeln.
Seite 31: Zu so einem Text paßt die WANTED-Assoziation aus Wildwest.
Seite 32: Impressum, brav und nach allen Regeln der Kunst gesetzt.
Den Atlas van de nieuwe Nederlandse vleermuizen von Max Goldt kann man jetzt im Buchhandel, bei Amazon, im Verlag oder gleich hier bestellen.
tags: atlas van de nieuwe nederlandse vleermuizen, max goldtKommentare [17]
