Grün unter der U-Boot-Latüchte
Ich habe nichts gegen die Jahreszeiten, ich sieze sie alle und übe mich in Sympathie-Verhältnissen, auch wenn sie manchmal schwer erträgliche Phasen haben. Aber als Drucker habe ich seit Wochen überhaupt kein vernünftiges Licht mehr. Heute habe ich grün gedruckt, ein dunkles grün, das nicht mehr gelblich qietschen sollte wie ein Rasen und auch nicht ins Schwarze modern, sondern satt und eigenständig grünen. Im Herbst konnte ich vormittags noch ganz gut Farben mischen, aber wenn nun die Sonne dauerhaft verhangen wird selbst in den wenigen Stunden ihrer Bemühungen um höhere Aussichtspunkte, dann ist es schwer.
Nun habe ich mir eine “True-Light”-Lampe gekauft, mit deren Licht sich angeblich auch die Matrosen der amerikanischen Polaris-U-Boote (Polaris klingt in der Tat besser als nur U-Boot, lampenreklamemäßig) seelisch über Wasser halten, wenn sie sehr lange unter Wasser aushalten müssen. Das Licht dieser Lampe soll sich wie kein zweites dem des natürlichen Tageslichtes annähern, wobei man gerne näheres wüßte über Ort und Tageszeit. Denn Tageslicht sieht vormittags schon an einem Ort ganz anders aus als nachmittags, an verschiedenen Orten noch verschiedener. Ich bin wirklich recht angetan von dieser Lampe, aber sie ist keine Hilfe bei der Bewertung von Papierfarbe, und auch beim Mischen von grüner Druckfarbe war sie heute nur so mittelhilfreich. Mit drei verschiedenen Lampenlichtfarben in zwei Räumen und auch mal einem Schritt auf die Straße ins Restlicht, das uns hier im Nordosten noch gelassen wird, habe ich es hinbekommen, glaube ich. Im März kann ich es ja mal prüfen.
Presse Morgen erscheint die 100ste Ausgabe des Magazins brand eins, das ich seit einigen Jahren jeden Monat als erfreuliche Drucksache in meinem Briefkasten finde.
Erfrischend muß man die Sichtweise nennen, mit der in diesem Magazin das Wirtschaften an sich betrachtet wird. Der Unternehmer ist aus der Perspektive dieses Magazins einer, der etwas unternimmt nicht um das Proletariat zu unterdrücken, wie es in vielen anderen Drucksachen gebetsmühlenartig dargestellt wird, sondern um seine geistige und soziale Kapazität zu vielerlei Nutzen auszuschöpfen. Es gibt wunderbare Rubriken wie jene über die kleinste wirtschaftliche Einheit, in welcher Menschen aus aller Welt in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht vorgestellt werden, mit Kennzahlen (Einkommen, Brotpreis etc.), Foto und Originaläußerungen. Das Design dieser Zeitschrift ist übrigens eine Pracht für Leser: animationsfrei, aber animierend, dem Leser weder Faulheit noch Dummheit unterstellend, also lesefreundlich und sogar schön. Mike Meiré macht eine Zeitschrift, die zugänglich wirkt und so gut gemacht ist, daß man ihr Design nicht wahrnimmt. Es erfüllt seine dienende Funktion also vorbildlich.
In Heft 1/2009 wird die Druckerey vorgestellt “als schönes Beispiel dafür, dass ein altes Handwerk, von den Zeitläufen per Computer erledigt, munter überleben kann, wenn jemand dazu Lust hat und mit Intelligenz, Fantasie und sanfter Sturheit einen Markt aufmacht, wo es keinen gibt.” Holger Schnitgerhans hat den Text verfaßt und Heji Shin Ansichten fotografiert, die mir meine Werkstatt etwas anders zeigen, als ich sie täglich sehe, ziemlich romantisch und still, was mir sehr gefällt.
(Nein, die Romana-Kritik ist nicht vergessen, aber vor Januar komme ich nicht dazu. Noch ist Weihnachten nicht durchgedruckt, und dann muß erst einmal aufgeräumt werden, in der Werkstatt und im Kopfe.)
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Ausgleichen
Nicht nur Versalien müssen ausgeglichen werden. In den größeren Graden ab 2 Cicero (24p) zeigen auch die Minuskeln (Kleinbuchstaben, Gemeine) Unregelmäßigkeiten in der Zurichtung. In dem vorliegenden Fall einer 4 Cicero großen kursiven Garamond ist der Raum zwischen r und s so groß, daß man das ganze Wort hätte etwas erweitern müssen.
Ein wenig Lebendigkeit durch Unregelmäßigkeit ist aber auch nicht gänzlich falsch, also hab ich mich nur zu einer leichten Korrektur entschlossen. Das zweite Foto zeigt zwei Messingspatien, die ich etwas angehoben habe, damit man sie besser sehen kann. Ein Messingspatium ist einen halben typografischen Punkt stark, also etwa 0,19 mm.
Die Werkstatt läuft noch immer auf Hochtouren, und wir haben auch mit dem Versand des Atlas alle Hände voll zu tun, so daß in den kommenden Tagen das Blog weiterhin etwas kurz kommen wird. Es ist eben Druck-Saison.
tags: ausgleichen, garamondRhombus aus Nadeln
Die Druckerey befindet sich wieder einmal im Ausnahmezustand: Es wird kein Satz mehr abgelegt, d.h. die Druckformen werden nicht mehr auseinandergenommen und die Lettern nicht mehr in die Setzkästen zurückgelegt, es wird nicht aufgeräumt, weder entstaubt noch entrümpelt, es wird nur noch skizziert, beraten, gesetzt, gedruckt — also produziert, denn: Weihnachten und der Jahreswechsel stehen an. Man sollte eines der Ereignisse in den Sommer schubsen.
Die alten Ornamente für Weihnachtsdrucksachen finden viele Typografen ein wenig gruselig. Der Setzer hat sie immer wieder vor Augen, wenn er auf der Suche nach einem Ornament die Schubladen mit den Schmakazien durchsucht — und sieht dann reihenweise dieses Tannengrün, das erstens nur einmal im Jahr gebraucht wird und zweitens keinen großen Reiz ausstrahlt. Hier gibt es keinen kalligrafischen Zug, keinen schönen Schwung, keine hübsche Zierleiste, nichts von dem, was den Setzer sonst an seinen Ornamenten erfreut. Nur Nadeln in stilisierter Zweigform. Gestrichel. Ameisenhaufen. In der Beratung für den Kunden nahm ich bislang gern einen Bogen um Tannengrün.
Nun hat mich das Schicksal in Form von sehr freundlichen Kunden mit dem hartnäckigen Wunsch nach Tannengrün mit Sternen für Grußkarten ereilt. Ich habe erst überlegt, wie ich das Tannengrün umgehen kann, wie ich es imitieren kann, aber mir fehlte die Zeit für komplizierte Umwege. Und man muß als Setzer aus allem etwas machen, das zur Verfügung steht, auch aus
stilisierten Nadeln, die man nicht mag. Oft werden sie als einfache Gruppe oder, was mir sehr fad erscheint, als Rahmen zusammengebaut. Ich möchte auch keine grünen Kränze drucken. Aber warum nicht die Form ändern, warum nicht das stilisierte Grünzeug in eine noch stilisiertere weil strenge Form bringen? Das erste Foto zeigt den Bleisatz mit mehreren
Größen des Tannengrüns. Das zweite Bild meine Skizzen. Auf dem Abzug rechts unten stehen die Zweige noch als etwas ungeschickte waagerechte Linien, daraufhin habe ich dann Eckstücke verbaut, wie sie für die öden Rahmen benutzt werden. Dann war mir die Sache aber wieder zu streng — hier mußte eine Achsenverschiebung her, ein zweites Parallelogramm. Dafür habe ich die Sterne eingesetzt und in dem grünen Karo auch noch ein bißchen was verwirbelt, genau zu sehen im ersten Foto, das die grüne Druckform zeigt. Die vier Teile des Karos sind nicht identisch.
Das dritte Bild zeigt die Umarbeitung der Druckform von grün zu rot: Alle grünen Elemente wurden entfernt und durch nichtdruckendes sog. Blindmaterial ersetzt, die Sterne wurden dafür eingefügt. Zum Schluß habe ich die Karte gerillt und damit eine Klappkarte daraus gemacht.
Innen gab es noch einen Text, den ich hier leider nicht zeigen kann, der Diskretion wegen: Aus Garamond in dunkelgrün, auf die Mittelachse gestellt. Ich hab mich durch diesen Druckauftrag mit dem Tannengrün versöhnt. Und hätte es nicht ungern in rötlichem Blau gedruckt, aber das war nicht gewünscht. Also ist es nun zwar noch traditionell, aber als innen nicht ganz exakte Raute mit einer Achsenverschiebung doch eine das Auge nicht ermüdende Form. Oder?
Die Romana-Analyse ist nicht vergessen, aber erst einmal muß ich noch Weihnachtsgeschenke fertigen …
tags: ornament, tannengrün, weihnachten, weihnachtsschmuckKommentare [5]
