Ein Buch muß lüften | Retrodesignbuch I
Bislang habe ich Bücher nur für Zeitungen rezensiert. Nun schlug mir der Verlag Hermann Schmidt Mainz vor, es einmal im Blog zu versuchen. Und sandte mir das Buch Retrodesign von Achim Böhmer und Sara Hausmann (Retrodesign stylelab. 318 Seiten mit über 800 farbigen Abbildungen Format 25,5 × 29 cm. geprägter Kunstledereinband, Buchblock im Tampondruck allseitig bedruckt. ISBN 978-3-87439-726-1) zur Besprechung.
Eine Zeitungsrezension für das Feuilleton folgt Vorgaben. Man gibt etwas über den Inhalt bekannt und kommentiert ihn, man begründet eine Meinung, und je nach Bedeutung von Buch und Rezension und natürlich nach Ansicht der Redaktion wird bebildert. Auf Details kann man nur wenig eingehen, eine Diskussion ist fast unmöglich. Vielleicht gibt es eine Leserbrief-Veröffentlichung, aber eine Auseinandersetzung über ein so spezielles Thema wie Typografie ist in einer Tageszeitung nicht vorgesehen. Kann man hier, im Blog, ganz anders machen. Probiere ich mal aus:
Das Paket kam an. Viele Bücher von Schmidt sind gewichtig. Ich trug es in die Werkstatt und packte aus. Ah, ein Farbschnitt. Damit habe ich ja selbst gerade experimentiert. Das größte Problem war, die Farbe fest auf die Schnittkante zu bringen, ich habe mit Pinseln und Schwämmen experimentiert, mit verschiedenen Farben, mit Wachs und mit Lack, und es hat eine Weile gedauert, einen hochwertigen Farbschnitt zu erzeugen.
Fürs Experimentieren an dem vorliegenden Buch scheint die Zeit nicht gereicht zu haben. Nicht nur die weiße Farbe läßt sich abstreichen, auch der schwarze Untergrund ist nicht fest mit dem Papier verbunden. Ich rate also zuerst sehr davon ab, sich diesem Buch in heller Kleidung zu nähern und es auf den Schoß zu nehmen.
Ich schlug das Buch auf. Soso, das ist also die Retro-Zukunft. Ich kann aber über den Inhalt heute noch gar nichts sagen.
Als ich feststellte, daß die erste Lage in meinem Exemplar nicht vollständig mit dem Faden verbunden ist (sicherlich nur eine Ausnahme), stieg mir ein so beißender Geruch in die Nase, daß ich das Buch von mir halten mußte und mich veranlaßt sah, …
es erst einmal auszulüften. Natürlich wird Chemie eingesetzt, wenn man Bücher macht. Kunstleder, farbige Prägung, Bilderdruck, Tampondruck für den Farbschnitt (vielleicht nicht das ideale Verfahren dafür?). Und wenn man nach der Produktion gleich Plastikfolie drum herum schweißt, bleiben die Duftmarken der Chemikalien frisch.
Heute kann ich also noch gar nichts über den Inhalt sagen, weil die olfaktorische Begrüßung mich umgehauen hat. Da fällt mir ein: gerade ist die Zertifizierung von Papierlieferanten und Druckereien im Gange. Als ich gestern Papier bestellte, habe ich mich mit meinem Lieferanten kurz darüber unterhalten. Zertifizierte Artikel des zertifizierten Händlers bekommen nämlich neue Artikelnummern. Händler haben aber viele Artikelnummern im Kopf, jetzt dürfen sie sich neue merken. Und mein Händler sagte, es werde dafür furchtbar viel Geld verbraten. Wie das kommt, kann man bei einem anderen Händler nachlesen, siehe Punkt 18. Einmalige Kosten sollten 2000 Euro nicht überschreiten, steht da, und jährlich kommen neue hinzu. Wieviel Papier dafür wohl verbraucht wird? Als Buchdrucker bin ich da gut dran, ich produziere ohen Strom (abgesehen von Beleuchtung), die Erstellung der Druckform mit Bleilettern benötigt nicht eine Chemikalie außer der Luft, die ich atme, und das Feinpapier, das ich bedrucke, ist zu einem wesentlichen Anteil aus Hadern, also Baumwolle.
Wenn die Luft in der Werkstatt wieder rein ist, werde ich mich dem Retrodesignbuch wieder nähern und weiter berichten, was ich daran finde. Und wie ich das finde. Ich bin gespannt. Das letzte Buch aus dem Verlag, das ich besprochen habe, hat mir ausnehmend gut gefallen.
tags: buchkritik retrodesignKommentare [2]
Digitaler Quark
Vor ein paar Tagen wurde in diesem Blog in einem Kommentar moniert, daß Schriften mit identischen Namen meistens nichts mit den
Ursprungsschöpfungen zu tun haben. Schon zu Bleisatz-Zeiten gab es etliche Garamonds, denn auf einen klingenden Namen als Verkaufshilfe verzichtete man auch früher nicht. Schriften sind Medien, die gekauft und eingesetzt werden sollen. Und in der Reklame für Gebrauchsgüter ist man nie zimperlich gewesen. Es weiß auch jeder, daß er keine Originalschrift bekommt, wenn er heute eine digitale Garamond kauft. Oder eine Walbaum, hier im Bild: oben digital, unten vom Bleisatz gedruckt in der Fassung von Günter Gerhard Lange.
Das ist nicht gut, weil es unklar ist. Man mußte früher, und muß auch heute, immer den Hersteller dazu nennen und auch die Version, denn viele Schriften werden immer wieder überarbeitet und verbessert, heißen dann etwa nicht nur Minion, sondern Minion Pro. Was heißt eigentlich das Pro? Progressively?
Es handelt sich um die gewöhnliche (magere) Walbaum in 4 Cicero (48 Didot-Punkt). Es sind zwei verschiedene Schriften, zuerst fallen einem wahrscheinlich die Proportionen auf. Das p der Bleisatz-Walbaum hat eine größere Unterlänge als das digitale. Dann auch die Breite, die Bleisatzschrift ist weiter, die Punzen (geschlossenen Innenräume der Buchstaben) sind breiter. Auch die Serifen sind anders.
Links in der digitalen Fassung (mit dem Tintenstrahldrucker gedruckt) sind die Serifen dicker und gerade, rechts im Bleisatz sind sie feiner und etwas durchgebogen. Auch erkennt man hier, daß die Grundstriche etwas durchgebogen sind und die oberen Serifen Bewegung zeigen. Nicht allein durch den mechanischen Druck der gefärbten Lettern ins Papier — die Buchstaben sind anders gemacht.
Und man wird zugeben: Sie sind besser gemacht. Die Serifen dieser digitalen Schrift vergößern sich mit dem Schriftgrad. Im Bleisatz sind sie in jedem Schriftgrad fein. Sie werden zwar dicker, es sind keine Haarstriche in den großen Graden, es ist ja auch keine Bodoni, sondern eine Walbaum, die den Kontrast diffiziler, weniger schroff herstellt, aber die Serifen sind eben doch so fein, wie sie das klassizistische Bild verlangt. Es soll eine digitale klassizistische Schrift geben, die nicht nur zwei oder drei Varianten, sondern etliche für jede Größe anbieten, um das rechte Bild zu geben. Weiß gerade nicht, wie die heißt, ist mir entfallen, vielleicht weiß es ein Leser?
Kommentare [8]
Don't miss Master Smith
Wie schön, wenn mir ein Auftraggeber gestattet, eine Arbeit zu zeigen. Master Smith ist eine junge deutsch-amerikanische Firma, die Bekleidung herstellt. Auf der Berliner Modemesse Bread and Butter tritt sie erstmals auf, und eine kleine Auflage von Einladungen wurde in meiner Werkstatt produziert.
Das Design der Einladungen stand in den Grundzügen fest, die Auswahl von Papier und Ausstattung wurde in der Druckerey festgelegt.
Ein Bär für Berlin, der einen Anker aus San Francisco mitbringt, wurde als digitale Reinzeichnung mitgebracht. Weil der Bär sehr viel Farbe im Druck braucht, die Schrift aber deutlich weniger, mußte er gesondert gedruckt werden.
Ich schlug vor, einen weichen Baumwollkarton einzusetzen und den Bär als Prägung zu verstärken.
Der große Tiegel bringt die für eine Prägung nötige Druckkraft mühelos auf.
Die im Entwurf verwendeten Schriften wurden ausgetauscht gegen Bleisatz, um das Handgemachte zu betonen. Zum Einsatz kamen dafür die halbfette Walbaum für die Schlagzeile …
… darunter die sehr bewegte kursive, die halbfette und magere Walbaum.
In der Internetadresse mußte etwas ausgeglichen werden, hier im Bleisatz ist zu sehen, wo zusätzliche Räume für eine gleichmäßig und gut lesbare Zeile eingebracht wurden.
Gerade die Punkte sieht man zu oft zu dicht am Text stehen, wo sie als satzschließende Punkte auch stehen dürfen, als Orientierung und wichtige Zeichen in Webadressen können sie etwas sichtbarer gemacht werden. Außerdem benötigte der nicht veränderbare Raum hinter dem letzten w von www eine Angleichung an anderer Stelle.
Die bewegte kursive Walbaum — sie ist schon recht alt und abgenutzt, aber …
… sie gibt immer noch ein schönes Bild.
Vor den beiden Druckgängen wurde die Karte …
… mit einem zweiseitigen Farbschnitt an den langen Seiten versehen. Rechtzeitig vor der Messe gab es im gleichen Design Visitenkarten mit Prägung und Farbschnitt. Und ich wünsche meinem Kunden eine erfolgreiche Messe.
