In Erinnerung bleiben
Vor anderthalb Jahren, am 22. Juli 2010, ist der Schriftsetzer Georg Kraus gestorben. (Nachruf) Ein Kollege und ich haben damals ein kleines Gedenkblatt gedruckt, das dann aber nicht richtig unter die Leute kam, weil wir mit der Entrümpelung des Bleisatzmagazins und dem Neuaufbau sehr viel Zeit und Mühe zu verbringen hatten. Es war ein enormes Durcheinander, auch weil es sehr schnell gehen mußte.
Heute fielen mir die Blätter wieder in die Hände, und nun will ich sie doch endlich hier anbieten.
Der Text besteht aus den ersten Zeilen der letzten Geschichte, die Georg Kraus damals in seinem Blog veröffentlicht hatte. Mein Kollege hat den Text auf der Linotype gesetzt, ich habe ihn auf dem Heidelberger Tiegel gedruckt.
Die Druckform habe ich auch noch hier zu stehen. Was fange ich damit an? Zurück ins Blei?
Die Blätter gebe ich kostenlos ab, wenn ich einen frankierten Rückumschlag (Langhülle) erhalte. Meine Adresse ist hier zu finden.
Wer das Blatt ungefalzt im Kuvert mit Kartonrückwand erhalten möchte, möge mir für Verpackung und Versand 4 Euro überweisen, die Bankverbindung steht hier.
Das Angebot gilt, solange der Vorrat reicht.
Schriftlinie halten!
Manche Bleischriften sind rar, umso glücklicher ist der Besitzer einer seltenen Type. Die feinen Linien der Walbaum sind besonders empfindlich gegen Abnutzung, und deshalb bin ich froh, daß mir ein Kollege seinen nicht mehr benötigten Bestand anbietet. Bevor man aber die Schrift aus einer Druckerei in den Kasten mit der eigenen legt, also zwei Lieferungen mischt, muß die Schriftlinie geprüft werden. Die Schriftlinie ist die untere Begrenzung der Buchstaben ohne Unterlänge, und ob diese Linie identisch ist, kann man nur am Druckbild prüfen, denn die Abweichungen können sehr gering sein. Warum die Schriftgießereien keine einheitliche Schriftlinie halten konnten, weiß ich nicht, vielleicht kann diese Frage ein Kollege unter den Lesern beantworten?
Der zum Verkauf seiner Typen bereite Kollege sandte mir eine Probe. Man verwendet für diese Prüfung gern das m oder n, weil diese Buchstaben sicher auf zwei und auf drei Füßen stehen, die Schriftlinie in der Zeile also überdeutlich sichtbar machen.
Die Probe meines Kollegen und eine Probe aus den eigenen Kästen habe ich nebeneinander in eine Druckform geschlossen. Man muß dabei höllisch aufpassen, daß nichts durcheinander gerät.
Im Abzug zeigt sich dann, in welchem Zustand die Schriften sind und ob beide vermischt werden dürfen. In diesem Abzug sieht man im Wechsel die gewöhnliche und die kursive in Cicero, Mittel und Tertia, also 12, 14 und 16 Punkt. Die gewöhnliche Type im Schriftgrad Mittel ist nicht identisch. Nicht nur steht die Schriftlinie rechts tiefer, die Buchstaben sind auch kleiner. Das ist rätselhaft. Beide Schriften sind auf 14p-Kegel gegossen, aber sie sind nicht gleich groß.
Die rote Markierung zeigt die Trennlinie. Links meine Lettern, rechts die des Kollegen. Die gewöhnlichen “n” des Kollegen sind auch kleiner als seine kursiven. Da ist etwas schiefgelaufen.
Auch von der Seite kann man einen Kontrollblick werfen. Alle anderen Zeilen sehen gut aus, und ich werde nun mit dem Kollegen über den Preis sprechen und hoffe, einige Schriften zu erlangen, die gewöhnliche Walbaum in Mittel kann ich leider nicht übernehmen.
Kurzmeldungen
1. Das kürzlich angekündigte Puzzle ist zwar fertig, konnte aber noch nicht in den Online-Shop, weil dieser gerade umzieht. Man wird ihm den Umzug aber nicht anmerken, wenn er in Kürze wieder da ist, einstweilen funktioniert er schon hier, ich warte aber mit neuen Drucksachen, bis der Umzug abgeschlossen ist.
2. Die Modemesse haben wir überstanden, der Umzug mit Maschine und Setzkästen ist mit Aufräumarbeiten abgeschlossen. Ob die zahlreich vergebenen Visitenkarten und die erfreut in Empfang genommenen Komplimente auch geschäftliche Wirkung zeitigen, bleibt nun abzuwarten. Meine Oberhemden haben sich bewährt, und in der Werkstatt trage ich nun ein seidenes Schleifchen an der Schürze, das mir eine freundliche Dame vom uns vis-à-vis befindlich gewesenen Messestand der Berliner Manufaktur Edsor Kronen genäht hat.
3. Die Arbeiten am vierten (noch nicht vorbestellbaren) Buch von Max Goldt in meiner Werkstatt haben mit der Textauswahl begonnen. Vorgesehen ist die Fertigstellung zum Ende des Jahres.
tags: bleisatz, bleischrift, handsatz, handsatzlettern, schriftlinie, walbaumPuzzle »Heads & Hats«
Graupappe ist für den Feinpapierhändler eine so minderwertige Angelegenheit, daß er sie nicht bogenweise abgezählt und in Packpapier gehüllt abgibt, sondern in 25-Kilo-Portionen in Banderolen. Und das an feinstes Material gewöhnte Messer der Schneidemaschine wird in Kürze stumpf, wenn es Graupappe unter die Schneide gelegt bekommt. In den letzten Monaten habe ich mehrere Visitenkarten auf Graupappe drucken dürfen, und nun wollte ich das Material auch einmal anders verwenden. Je glatter und leuchtender die Taschentelefone werden, je mehr sie trällern und strahlen, desto sehnsüchtiger wird der Mensch nach den einfachen Dingen, deren Sinn unmittelbar einleuchtet.
Solch ein Ding zu erfinden, damit ich es aus Graupappe in der Druckpresse herstellen kann, habe ich die Spiele-Erfinderin Anja Wrede gebeten. Sie hatte die schöne Idee, ein Puzzle anzufertigen. Und damit es rechtzeitig zur heute eröffnenden Messe “Bread & Butter Berlin” fertig wird, haben wir uns sehr beeilt. Anja Wrede mit der Zeichnung, während ich schon die Rückseiten (digital) setzte und druckte.
Dies hier ist es also. Es besteht aus vier Teilen, die so groß sind wie klassische Memory-Karten, nämlich 60 × 60 Millimeter.
Und man kann damit einiges anstellen, nämlich es in diversen Varianten zusammensetzen. Also so.
Es sind insgesamt acht Teilköpfe und dazu mehr oder weniger passende acht Kopfoberteile, die aus Ohren, Fellen, Hörnern, Hüten, Mützen und Haaren bestehen. Wem das in der gedruckten Form nicht farbig genug ist, der kann die Karten bunt ausmalen. So wie ich das hier, bestens unterhalten, tat.
Wenn man die Karten koloriert hat, wirken die willkürlichen Zusammensetzungen noch besser.
Ich nehme den ersten Schwung der Spiele auf die Messe mit, und wenn diese wilde Aktion vorbei ist (ich werde berichten, ob meine alten Oberhemden dem Anspruch der weltgrößten Messe für Streetwear standhalten können), biete ich das Spiel auch im Online-Shop der Werkstatt an, was ich dann auch hier mitteilen werde.
tags: anja wrede, letterpress, puzzle, spielKommentare [3]





