Charme des Alterns · 7. Oktober 2011

Der Computer mit seinem scharfen Bild auf einem guten Bildschirm und der digitale Schriftsatz und die moderne Drucktechnik haben die Ansprüche an die Qualität von Schriftsatz im Detail so verändert, daß ich mir mitunter in Erinnerung rufen muß, wie selten eine Visitenkarte mit der Lupe betrachtet wird. Natürlich benutzen wir in Buchdruckereien bei der Arbeit mit Bleisatz schon lange Lupen, namentlich Fadenzähler, weil bei diesen Vergrößerungsgeräten der Abstand der Linse zum Anschauungsobjekt fixiert ist und die Durchsicht immer ein scharfes Bild gibt.

Ich habe auf die Rückseite einer Geschäftskarte mehrere Zeilen in der Garamond mager Nonpareille, also 6 Punkt, gesetzt. Nun fallen mir natürlich unter der Lupe die unterschiedlich abgenutzten Lettern auf, aber was da im Einzelnen bröckelt und kleckst, ergibt ohne Lupe ein leicht bewegtes Schriftbild, das sich gut lesen läßt. Als ich allerdings nun dieses Wort “Kunststiftung” vor Augen hatte, war mir der Anblick der ft-Ligatur erstens unbehaglich und erinnerte mich zweitens an die Kritik dieser Ligatur durch Jan Tschichold, der von ihrem Einsatz abriet, weil das “t” gewalttätig zum Kopf des “f” hinaufgezerrt werde.

Außerdem aber bemerkte ich, daß die Zurichtung der Zeile nicht optimal ist. In größeren Graden habe ich dieses Problem bei der Garamond selten bemerkt, sie läuft alles in allem genommen sehr anständig. Man kann eine Bleischrift nicht bis ins Letzte gut zurichten, also die Buchstabenabstände aller möglichen Kombinationen gut angleichen, so daß die Buchseite ein ruhiges Gewebe aus gleichmäßigen Bändern (Zeilen) ergibt. Aber so deutliche Mängel wie in diesem kleinsten Schriftgrad — Halt! Deutliche Mängel? Sie werden doch erst unter der Lupe sichtbar! Und sie werden schon durch fotografische Wiedergabe gemildert! Niemand liest eine Visitenkarte mit dem Fadenzähler! Das mußte ich mir klarmachen. Aber bevor ich mir das verdeutlichte, habe ich die beiden “st” durch ein Viertelpunkt-Spatium getrennt. Ein Viertelpunkt sind 0,093 Millimeter. Darum sind diese Spatien aus Neusilber, weil man nicht einmal Messing so fein herstellen kann.

Und im Ergebnis war ich wieder unzufrieden, weil es plötzlich aussah wie “Kunst stiftung”. Hier im Foto wieder weniger auffällig als im Original unter der Lupe. Ich hätte nun zwischen “s” und “t” Seidenpapier legen können. Das ist noch feiner als das weniger als ein Zehntelmillimeter starke Neusilberspatium. Aber da hielt ich nun doch inne. Wir haben uns Jahrhunderte nicht um solche Dinge gekümmert, dachte ich mir, und nur, weil ich eben auch an einem großen Bildschirm mit scharfer Darstellung und viertausendfacher Vergrößerung digitale Schriften bearbeite (in kleinen Schriftgraden werden beispielsweise die Trema auf den Umlauten verdickt, wenn von der digitalen Vorlage ein Klischee geätzt werden soll, damit sie nicht wegbrechen), nur weil ich also meine Sehgewohnheiten erweitert habe, werde ich nicht den Bleisatz den Gegebenheiten der Elektronik zu unterwerfen suchen.

Der Bleisatz gibt keine perfekten Bilder, sondern er zeigt Spuren der Abnutzung. Vielbenutzten Lettern schmelzen im Laufe der Jahrzehnte die Serifen weg, die Punzen laufen ein wenig zu, die Kanten werden weich, aber eben dieses nicht berechenbare Bild macht den Charme der Handsatzschrift aus. Sie gleicht uns, wenn sie Spuren zeigt, so wie wir Falten kriegen und uns die Zähne ausfallen und das Haar dünner wird. Deshalb kommt uns Bleisatz warm vor wie alles, in dem sich Vergänglichkeit zeigt. Digitale Schriften altern nicht. Sie wirken immer etwas steif, da kann sich der Zeichner noch so viel Mühe geben. Selbst wenn er Abnutzungserscheinungen im Schriftenprogramm installiert, wird die Schrift den Charme des Handgemachten nicht erreichen.

So habe ich also die Zeile ohne Ausgleich gedruckt, und die ft-Ligatur entfernt.

Ich gebe noch zu bedenken, daß für jede winzige Korrektur die eiserne Schließform mit dem Bleisatz aus der Maschine gehoben und zur Schließplatte getragen wird. Kurze Reinigung von der Druckfarbe, dann wird die Form an zwei Schließzeugen mit dem Schlüssel geöffnet, die Korrektur ausgeführt, die Form leicht geschlossen, mit dem Klopfholz werden die Typen auf eine Höhe gebracht, die Form wird ganz geschlossen, wieder in die Maschine gehoben, und dann erfolgt ein neuer Andruck. Diese Arbeit des Einrichtens dauert ohnehin ein Weilchen, aber wer dann noch Minuskeln einer Nonpareille-Zeile ausgleichen will, muß mit dem Klammerbeutel gepudert sein.

— Martin Z. Schröder

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Die Agitatorligaturen · 3. November 2008

Neulich wurde hier über Ligaturen und deren Übernahme in Digitalisierungen von Handsatzschriften im Bleisatz für den Einsatz im Computersatz gesprochen. Da hatte ich angekündigt, die Schriftmusterkarteikarte der Schrift Agitator (Erstguß 1960 von Typoart) herauszusuchen. Nämlich als Beispiel für eine Schrift, die so wenig schön ist, daß sich die Mühe der Digitalisierung nicht lohnt.

Ich weiß gar nicht, wie aufwendig so eine Digitalisierung eigentlich ist. Ich stelle mir aber vor, daß man die Buchstaben doch wohl wird nachzeichnen müssen, weil man eine vektorbasierte Form benötigt, um sie in verschiedenen Größen darstellen zu können. Eine Meinung, ob die Agitator eine häßliche Schrift ist, überlasse ich dem Betrachter. Sie wurde von Patrick Griffin als Merc digitalisiert. Mir steht nicht der Sinn danach, Drucksachen herzustellen, in welchen diese Schrift eine ernsthafte Botschaft überbringen soll. Für einen ironischen Zweck ist sie durchaus brauchbar.

Auf dem ersten Foto stehen in der zweiten Zeile des Schriftmusters ausschließlich Ligaturen, hier hat Wolfgang Eickhoff, der Schriftkünstler, wohl für alle Fälle vorgesorgt. Selten für eine Versalschrift. Eine komplette Darstellung aller Zeichen der digitalisierten Schrift habe ich nicht gefunden. Auf dem oben verlinkten Muster der Merc sehe ich nur das TH als Ligatur. Diese gab es im Bleisatz laut Karteikarte nicht.

— Martin Z. Schröder

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