Seltene Typen · 7. November 2007

Heute besprach ich mit einer Kundin einen Auftrag für ein Etikett, auf das neben der Anschrift ein Initial gedruckt werden soll. Wenn man viel Freiheit erhält und auch zu ahnen meint, was dem Auftraggeber Freude bereiten könnte, in welche Richtung man den Entwurf treiben sollte, dann läßt es sich ausgezeichnet skizzieren. Das kann ich freilich hier nicht zeigen, denn der Text auf dem Etikett besteht ja aus Name und Adresse, also den sensiblen Daten. Für das Initial wurde “mal etwas ganz anderes” gewünscht als wir bislang hatten. Bislang setzten wir eine große Minuskel (Kleinbuchstabe), die in den Schriften Garamond und Walbaum kursiv ausnehmend nette Schleifen auf zwei Etagen bietet. Diesmal etwas ganz anderes also, und da erstaunlich viele Schriften nicht digital vorliegen, muß ich dann doch von Hand skizzieren, was ich in meinen Regalen aufgestöbert habe, und mir die Buchstaben erst einmal näher anschauen. Hier die seltenen Typen in Blei.

— Martin Z. Schröder

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Walbaum analog und digital · 22. Oktober 2007

Gestern hat jemand, der sich Amateur nennt, einen interessanten Kommentar geschrieben, der Einfachheit halber hier zitiert:

Sehr geehrter Herr Schröder, wahre Worte schreiben Sie da. Der Walbaum wurde viel Leid bei der Digitalisierung angetan. Ich musste schmunzeln, als ich den Dateinamen ihres digitalen Schriftschnippsels sah: “[…] typischdtp […]”. So einfach ist es aber nicht. Denn von der Walbaum existieren einige Digitalisierungen, die von sehr unterschiedlicher Qualität sind. Ihr Beispiel wird vermutlich eine Adobe Walbaum sein, digitalisiert 1988-1991. Nicht nur die Zurichtung unterscheidet sich enorm, auch die optische Achse unterscheidet sich zum gezeigten Bleisatzbeispiel und erst die Anstriche. Kurzum: Viel Leid, sehr viel Leid.

Ich will Ihnen ein anderes Beispiel zeigen (die untere Zeile): Die Digitalisierung von Agfa Monotype aus dem Jahre 1995: Ja, auch hier ist die Zurichtung “glatter” (wobei ich, mit Verlaub, diese fast als angenehmer empfinde, dies liegt wohl am gewohnten Seh- und Leseverhalten, das Alter, Herr Schröder, das Alter ;-)). Aber es kommt näher an das “Original” heran, wirkt zwar gedrungener aber geht auch mehr in Länge.

Eine Frage hätte ich da noch: Existieren Unterschiede zwischen den einzelnen Schriftgraden der Walbaum in ihrer Bleiform? Ich habe noch nie eine Walbaum in Blei gesehen, daher rührt mein Interesse.

Aber mit Wehmut muss ich schließen: Sie haben recht.

Ihr Amateur

Vielen Dank für diesen schönen Brief!

In der Tat kommen wir der Bleisatz-Walbaum so, also mit dem unteren Schriftzug, näher; diese Digitalisierung kannte ich bislang nicht und danke für die Aufklärung. Nein, ich jaule nicht wegen der vergangenen Zeiten, dazu lese ich doch zu viele Bücher über dieselben. Und ich habe auch nichts gegen die neue Technik, es gibt ja heute ganz ausgezeichnete Arbeiten und mehr gute Typografen als je zuvor. Daß Digitalisierungen erneuert werden, spricht für die Zeitgenossen.

Zur Frage von, hüstel, Amateur: Ja, die Bleisatz-Schnitte unterscheiden sich, sogar kräftig. Mein Lieblingsschnitt ist der in Borgis (9p), da fällt die Walbaum viel weicher als in der Nonpareille (6p), wenn man der Schrift mal mit einem textur-nahen Begriff näher kommen möchte. Borgis bis Cicero (12p) sind deutlich lesefreundlicher geschnitten, die kleinen Grade wurden in den meisten Schriften etwas weiter geschnitten, damit die Punzen, also die innenliegenden nicht druckenden Teile des Buchstabens, also vor allem etwa der Kopf vom e oder die untere Schleife des g, nicht mit Druckfarbe zuliefen und als Fläche im Druckbild erschienen. Vielleicht ist die Zurichtung auch etwas weiter, das habe ich mir noch nicht angesehen. Der kleine Grad, den ich da fotografiert habe, läuft recht holperig und wäre als Leseschrift vielleicht zu munter, das ist keine Altersfrage. Die ganz großen Grade, also ab Mittel (14p) mag ich in meinem eigenen Bleisatz weniger, weil meine Schrift so stark abgenutzt ist, hier sind viele Serifen platt gequetscht oder gar angebrochen, es dauert lange, bis ich eine vernünftige Zeile gesetzt habe. Ich übernahm die Schrift in diesem Zustand. Bei nächster Gelegenheit werde ich ein paar Bilder zeigen von anderen Graden der Walbaum kursiv, auch mit etwas Text.

Bei Digitalisierungen muß man sich vermutlich heute auch fragen, wie es der erfindende Schriftkünstler denn heute machen würde. Und so sind sicherlich Verbesserungen der Zurichtung zu rechtfertigen, wobei ich kein Freund von der Angewohnheit bin, kleine Typen unter das T zu schieben (wie das y in Typografie), als gehöre der Weißraum im T nicht zum Buchstaben. Man sieht das leider häufig, wie Buchstaben dem T unters Dach gestellt werden.

— Martin Z. Schröder

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Der feine Unterschied · 21. Oktober 2007

Buchdruck (der Druck mit bleiernen Lettern) oder Offset, gibt’s da einen Unterschied, den man sieht? Oder ist das wie bei silbernen Kragenstäbchen: Nur der Benutzer weiß, was in seinen Hemdkragenspitzen steckt.

Woran erkennt man den Einsatz des Buchdruckverfahrens?

Vielleicht an der Prägung?

Man kann den Unterschied sehen und manchmal fühlen, aber an einer kräftigen Prägung erkennt man meistens nur den unsachgemäßen Druck. Wir Drucker sagen, wenn wir so etwas in die Hand bekommen: “Das ist nicht gedruckt, das ist gequetscht.” Und wir wissen, daß dieser Kollege gleichgültig ist gegen die Schrift, denn diese ist ja aus Blei, und solches ist weich. Ohnehin leidet die Schrift immer ein wenig, nutzt sich beim Drucken ab, aber man muß streng achten, daß sie nicht stärker beansprucht wird als wirklich notwendig ist für ein gutes Druckbild. Der feinste Druck ist der, den man an der Schattierung kaum sieht. Die Schattierung sollte man nur auf der Rückseite erkennen, wenn Licht in einem möglichst spitzen Winkel auf das Papier fällt. Dann wird sich bei dünnem Papier eine Schattierung, also eine Spur des mechanischen Drucks, nicht vermeiden lassen. Selbst bei Karton, wenn er eine unglatte Oberfläche hat und die Bleilettern tiefer eingedrückt werden müssen für ein sattes Schriftbild.

Auch andere Merkmale sind so fein, daß sie erst unter der Lupe kenntlich werden. Auf dem Foto ist eine 6p-Schrift zu sehen (Schriftsetzer sagen zu dieser Größe Nonpareille), die Walbaum in kursiv und gewöhnlich. Das große T hat eine Höhe von knapp 2 mm.

Derart stark vergrößert sieht man am Druckbild den leichten Schmitz (die Farbe war recht flüssig, aber nicht so flüssig, daß ich sie mit Bologneser Kreide verdicken wollte), der entsteht, wenn die Walzen einen Teil der Farbe am Rand der Letter abstreifen. Man sieht auch die Unregelmäßigkeit der Typen, die in Jahrzehnten verschieden abgenutzt wurden. Außerdem erkennt man den Bleisatz an der Form der Buchstaben. Die Walbaum von heute, aus dem Computer, sieht anders aus. Sie hat deutlich von ihrem ursprünglichen Charakter eingebüßt. Die originalen Matrizen wurden um 1800 geschaffen. Die Versalien sind breiter und kräftiger gehalten als die Gemeinen (Kleinbuchstaben, Minuskeln) und wirken fast halbfett. Die Schrift weist in der Zurichtung eine gewisse Munterkeit auf, d.h. die Buchstaben stehen nicht alle gleich eng nebeneinander, sondern es entstehen Lücken. Das kleine r beispielsweise ist auf einen so breiten Kegel gesetzt, daß man den Wortzwischenraum etwas mindern kann, wenn es am Schluß eines Wortes steht. Nun, und das kleine f in der Kursiven hat zwar einen Überhang, also die Type
ragt etwas über den Kegel hinaus, aber es trägt Sorge für eine gewisse Luftigkeit, während in der digitalen Variante alle Räume so stark harmonisiert wurden, daß die Schrift weniger lebendig wirkt. Im Bleisatz-Foto ist übrigens eine fi-Ligatur zum Einsatz gekommen, aber anders als in anderen Schriften sind der obere Tropfen des f und der i-Punkt nicht miteinander verschmolzen. Die kursive Bleisatz-Walbaum hat enorme charakterliche Kraft, die digitale zeigt bislang kaum etwas davon, aber vielleicht wird sie einmal ergänzt durch eine Type, die näher am Vorbild steht.

Es sind solche Details, an denen sich die Qualität einer Drucksache vom Bleisatz zeigt, ihr lebendigeres Bild, die leichten, munteren Unregelmäßigkeiten, die dem Bleisatz eigen sind. Es sind nicht die unsaubere Farbe und der schwere Druck. Wer dafür einen Blick entwickelt, zeigt sich als Connaisseur.

— Martin Z. Schröder

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